Kontrollierte Echolalie

Über Bücher zum Werk von Wolf Haas, Wilhelm Raabe und Arthur Schopenhauer – und was sie miteinander zu tun haben

Von Axel DunkerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Axel Dunker

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

„Wie ihm die Klara damals im Gymnasium das Lied aufgenommen hat, hat es ihm sogar gefallen. Obwohl sein persönlicher Geschmack damals: nur Jimi Hendrix. Und du wirst lachen, Bach und Hendrix gar nicht so verschieden. Jimi Hendrix immer die Wiederholungen und Bach auch immer die Wiederholungen.“

So steht es zu lesen in Wolf Haas’ 1999 mit dem Deutschen Krimi-Preis ausgezeichneten Kriminalroman „Komm, süßer Tod“ (1998) um den Ex-Polizisten Brenner. 2007 erhielt Haas für seinen Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“, 2006 bei Hoffmann & Campe erschienen, den Wilhelm Raabe-Preis. Es fiel dem Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels nicht schwer – du wirst lachen – eine „Haas-Raabe-Achse“ auszumachen, Gemeinsamkeiten zwischen den auf den ersten Blick so unterschiedlichen Autoren zu konstatieren: es ist ihre „Prä-Postmodernität“: „In einem solchen Maße ist alles schon gesagt, getan, geschehen, dass Aufschreiben zur kontrollierten Echolalie wird, eine Nacharbeit, eine Post-Rationalisierung im ausgewiesenen Verfahren“. Beide, so Winkels, befleißigen sich selbstreflexiver Darstellungsverfahren, verschieben permanent die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit (was Haas in seiner Dankesrede „Schlaflos in Las Vegas“, in der ihm Ernst Jandls Geist erscheint und ihn am Schreiben hindert, sehr schön deutlich macht).

Michael Wetzel, Karin Hillgruber und Christof Hamann zeigen in drei Abhandlungen, dass es zumindest beim späteren Raabe „weniger um das Erzählte als vielmehr um das Erzählen selbst“ geht. Nicht die Wirklichkeit, sondern die Konstruktion der Wirklichkeit durch den Diskurs und die Demonstration dieses Faktums stehen im Zentrum des Schreibens beider Autoren, Raabes und Haas’. Der Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“ besteht aus einem fiktiven Interview zwischen einer „Literaturbeilage“ und einem „Wolf Haas“ über einen (nicht-existenten) Roman dieses Autors. Der Roman konstituiert sich aus dem Reden über ihn. Wo bleibt dabei die Wirklichkeit? „Lass weg, Haas!“, sagt der Geist Ernst Jandls jedes Mal zu Wolf Haas, wenn sich dieser von „vulgärer Beschreibungslust ergriffen“ fühlt.

Mit dem Übersetzer und Herausgeber der dänischen Schopenhauer-Ausgabe Søren R. Fauth legt ein eminenter Schopenhauer-Kenner eine Untersuchung über die Rezeption dieses Philosophen im Spätwerk Wilhelm Raabes vor. Das Buch beeindruckt durch die stupende Kenntnis des umfangreichen Werks dieser beiden Autoren – Fauth ist stets in der Lage, Zitate aus den Schriften Schopenhauers und Raabes miteinander in Beziehung zu setzen. Akribische Arbeit im Raabe-Nachlass im Stadtarchiv Braunschweig ermöglicht es, stets anzugeben, ob Raabe die entsprechende Schopenhauer-Stelle in seinen Handexemplaren angestrichen hat (meistens hat er). Über die Anschaffungsdaten der Werke Schopenhauers und Angaben in Raabes Tagebüchern kann Fauth plausibel machen, dass Raabe sich seit Juli 1863 „und schließlich systematisch von Herbst 1868 bis zu seinem Tod […] in einem kontinuierlichen Dialog mit Schopenhauers Denken“ befindet. Die Anwendung dieser Erkenntnis auf Raabes literarisches Spätwerk fällt freilich nicht ganz so überzeugend aus, und das hat gerade damit etwas zu tun, dass Fauth Raabes „Prä-Postmodernität“, seine „kontrollierte Echolalie“ nicht recht in den Blick bekommt, seine selbstreflexive Auseinandersetzung mit dem Phänomen der immer schon Vorfabriziertheit von ‚Wirklichkeit‘ durch den Diskurs, wozu auch der implizite Schopenhauer-Diskurs in vielen Werken Raabes gehört.

Fauth kommt bei der Untersuchung von sechs Erzählungen aus dem Spätwerk Raabes („Zum wilden Mann“, „Höxter und Corvey“, „Die Innerste“, „Das Odfeld“, „Hastenbeck“, „Altershausen“) stets zum gleichen Ergebnis: der Text läuft in seiner Interpretation, für die er ausführliche, im Einzelnen durchaus lesenswerte close readings betreibt, jeweils auf eine Darstellung von Schopenhauers Thesen zur Willensmetaphysik hinaus. Die meisten Figuren dieser Texte sind der „(egoistische[n]) Bejahung des Willens zum Leben“ unterworfen und nur einzelnen gelingt es, den „Schleier der Maja“ zu erkennen und somit zu einer „Verneinung dieses Willens“ zu gelangen. Diese werden von Fauth als „Begnadete“ oder auch „Heilige“ bezeichnet, weil sie durch diese Verneinung zu einem ethischen Handeln gelangen, das Schopenhauers Mitleids-Ethik entspreche. Ein solcher Weiser ist dann der Apotheker Kristeller, der in der Erzählung „Zum wilden Mann“ von der dem Willen zum Leben unterworfenen Figur des in brasilianische Dienste getretenen ehemaligen Henkers Dom Agostin Agonista bis aufs Hemd ausgeplündert wird, ohne dass er das kritisieren würde, was für Fauth „Symptom der Durchschauung des ‚principium individuationis‘“ ist, „die am Ende der Erzählung in der freiwilligen Entledigung von seinem Eigentum einen Höhepunkt erreicht“.

Wie das mit der mit anderen Arbeiten der Raabe-Forschung kompatiblen Erkenntnis zusammen geht, diese Erzählung enthalte eine „subtile Kolonialismuskritik“ („In Raabes Erzählung entpuppt sich der ‚zivilisierte‘ Europäer als der eigentliche ‚wilde Mann‘, der die exotische brasilianische Welt ebenso skrupellos und egoistisch ausbeutet wie seinen ehemaligen Jugendfreund“), wird nicht weiter diskutiert. „Für den im ‚principium individuationis’ befangenen Leser sieht es aus, als würde das Böse zerstörerisch in eine Welt der Ordnung und der Güte einbrechen, um dann am Ende der Erzählung als Sieger aufzutreten“ – mit Schopenhauer gelesen, so behauptet es Fauth, wird aber der ausgeplünderte Apotheker „zum eigentlichen und einzigen Sieger der Erzählung“. Die scheinbare Gesellschafts- (oder Kolonialismus-) Kritik der Erzählung mündet auf diese Weise in Metaphysik, Agonista „verdichtet sich immer mehr zu einem Universalsymbol“, dessen „Welteroberung“ dann die metaphysisch zu verstehende „willensentsagende Weltüberwindung“ entgegen gestellt wird.

Fauth geht davon aus, Raabes Erzählungen enthielten jeweils eine „allegorisierende Ebene“, die dann auch entsprechend zu dechiffrieren sei. So kommt er immer wieder zu apodiktischen Aussagen wie: Der Fluss in der Erzählung „Die Innerste“ „sei das allegorisierte Wesen der Welt, Kants Ding an sich, Schopenhauers Wille zum Leben“, die weibliche Hauptfigur dieses Textes ist auf der „hypotextuellen Allegorieebene der Erzählung wie der Fluß dem Schopenhauerschen Willen gleichzusetzen“, der Rabe in der Erzählung „Das Odfeld“ ist der Wille. Die letzte metaphysische Begründung der Rabenschlacht […] ist der unheilbare Zwiespalt des Willens mit sich selbst“ et cetera.

Solche Gleichsetzungen können der Dynamik literarischer Texte, denen Fauth doch selbst „narrative Modernitätszüge wie Synchronizität, Inkohärenz, Intertextualität, Metatextualität“ zubilligt, nicht gerecht werden. In der Schopenhauerianischen Lesart der Texte werden sie zu bloßen „dichterischen Umsetzung[en] Schopenhauersche[r] Denkfigur[en]“, denen scheinbar jeglicher ästhetischer Mehrwert abgeht oder der so zumindest nie aufgezeigt wird. Der „Unterschied zwischen Raabes dichterischem Werk und Schopenhauers philosophischem System“ wird folgendermaßen auf den Begriff gebracht: „Während die Willensmetaphysik bei Raabe nur implizit/kuvriert erscheint, so entfaltet sie sich bei Schopenhauer explizit“ (S. 190). Mindestens wäre hier die Frage zu stellen, warum beinahe sämtliche von Fauth behaupteten Schopenhauer-Bezüge verkappt, kryptisch, getarnt oder kuvriert (so Fauths Kennzeichnungen) erscheinen, warum Raabe in den hier untersuchten literarischen Texten nie den Namen Schopenhauer nennt (in „Kloster Lugau“ wird er einmal erwähnt) oder ihn offen zitiert (ihn allerdings, wie Fauth in einem 2008 im Jahrbuch der Raabe-Gesellschaft erschienenen Aufsatz plausibel machen kann, in der Erzählung „Eulenpfingsten“ einmal persönlich auftreten lässt, wiederum ohne seinen Namen zu nennen).

Ohne einen Erklärungsversuch jedenfalls kommt die behauptete „kongeniale, parabolische Konfiguration der Schopenhauerschen Denkfigur des an sich selber zehrenden Willens, der gefräßig die Zähne ins eigene Fleisch schlägt“ in den Ruch des Epigonalen, der Raabes Spätwerk nun ganz sicher nicht gerecht wird. Hat die Schopenhauer-Rezeption Raabes etwas damit zu tun, dass dessen Werk in seiner zweiten Hälfte eine Wendung nimmt, weg von der Bedienung der Lesererwartungen der Familienzeitschriften, in denen die Texte größtenteils erstveröffentlicht wurden, hin zu den ambivalenten, selbstreflexiven und -referentiellen, in sich vielfach gebrochenen Erzählkonstruktionen des späteren Werks, in denen die Lesererwartungen gezielt als Spielmaterial benutzt werden, um sie ins Leere laufen zu lassen? Hier könnte die eigentliche Brisanz der Schopenhauer-Rezeption Raabes zu suchen sein.

Søren Fauth betreibt Geistesgeschichte. Es geht ihm um die „eigentliche geistesgeschichtliche Herkunft“ etwa des Raben im „Odfeld“ und nicht um eine Untersuchung dessen, was Raabes Erzählkunst daraus für Funken schlägt. Das ist legitim, begründet aber nicht zureichend, weshalb sämtliche Gegenpositionen der Raabe-Forschung seit den 1990er-Jahren wahlweise als postmodern, poststrukturalistisch oder dekonstruktivistisch und damit zwangsläufig ihren Gegenstand verfehlend eingestuft werden, nur weil sie sich jenseits von Geistesgeschichte und Allegorisierungen bewegen. Haben Schopenhauers ‚Aufheben des Schleiers der Maja‘ und Raabes Dekonstruktion von Illusionen darüber, wie ‚Wirklichkeit‘ sich konstituiert, nicht durchaus etwas miteinander zu tun?

Die eigentliche Auseinandersetzung mit der Frage, welchen Stellenwert Raabes Schopenhauer-Rezeption für die Poetik seiner Texte hat, steht somit noch aus. Es ist das unzweifelhafte Verdienst von Søren R. Fauths Studie, die Intensität dieser Rezeption vor Augen geführt zu haben. Einer Antwort wäre vielleicht näher zu kommen über einen Vergleich mit der fast noch zeitgleich mit Raabes Spätwerk massiv einsetzenden Nietzsche-Rezeption in der deutschen Literatur, die viel ostentativer als bei Raabe zu einer Sprengung der geschlossenen Form und einem Unterlaufen der Kausalität führt. Es gehört zum Wesen von Wilhelm Raabes Spätwerk, das sich auf der Schwelle zur emphatischen Moderne eines Gottfried Benn oder eines Carl Einstein befindet, dass bei ihm die Prozesse, die in diese Richtung weisen, noch kuvriert und verdeckt, im Subtext ablaufen, also eben dort, wo nach Fauth auch die Schopenhauer-Bezüge zu suchen sind. Das macht Raabes Texte gewiss nicht weniger spannend.

Titelbild

Søren R. Fauth: Der metaphysische Realist. Zur Schopenhauer-Rezeption in Wilhelm Raabes Spätwerk.
Wallstein Verlag, Göttingen 2007.
511 Seiten, 38,00 EUR.
ISBN-13: 9783835302143

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Hubert Winkels (Hg.): Wolf Haas trifft Wilhelm Raabe. Der Wilhelm Raabe-Literaturpreis Das Ereignis und die Folgen.
Wallstein Verlag, Göttingen 2007.
132 Seiten, 17,00 EUR.
ISBN-13: 9783835301955

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