Weltweisheit im Pixi-Format

Dietmar Dath hat mit „Eisenmäuse“ ein Buch über Kinder vorgelegt

Von Stefan HöppnerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefan Höppner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer von uns ist nicht von Pixi-Büchern miterzogen wurden? Seit 1954 erzählen die kleinen Heftchen uns in ihren Geschichten, wie man Freunde gewinnt, dass man beim Spielen teilen soll, wie Feuerwehrautos funktionieren, und wie man ein Laufrad benutzt. Wer in diesem Land aufgewachsen und unter 60 ist, wird sie mit größter Wahrscheinlichkeit in der Hand gehabt haben. Kaum größer und dicker sind die kleinen Bändchen der Reihe „Small Parts Isolated and Enjoyed“, die der Kleinstverlag von Markus Hablizel im hessischen Lohmar in die Welt wirft. Wie heißt es so schön im aktuellen Herbstkatalog? „Im publizistischen Digital der Tränen bietet die neue Reihe kleiner Bücher dem internationalen iPad ganz bewusst nicht die Stirn, sondern das Du an. Die kleinen gefibelten Freunde, die sich in den Gesäßtaschen von Blue Jeans ebenso gut wie auf tüll-kitschigen Hochzeiten, Geburtstagen und anderen Anlässen jeglicher Art machen, sind keine verbissen gepimpten Currywürste im Kunstdarm, nein: small parts isolated and enjoyed verhält sich zu Jonathan Franzen und Frank Schätzing wie Kastanienmännchen zu Christos Reichstagsrasereien.“

Hier erscheint nun auch, weit unterhalb des Buchmessenradars, ein neues Buch von Dietmar Dath, „Eisenmäuse“. Anders als die normalen Pixi-Bändchen ist es kein Buch für, sondern über Kinder, zu großen Teilen Hommage an sie, aber gerade an diejenigen Seiten, die in der Zeitschrift „Eltern“ und Erich Kästner-Büchern eher unter den Tisch fallen dürften. Das geht dann etwa so: „Neologistik. – Die kleine Schnuschka weiß einen tollen Ausdruck für ‚gestorben‘. Sie nennt das ‚endgültig vertotet‘. Schlingensief hätte sich bestimmt gefreut (kann man jetzt behaupten; ist unwiderlegbar).“ Daths Kinder sind schlau oder dumm, überbordend fantasievoll oder stupide, und wenn sie zu Soldaten werden, liegt das Problem darin, dass sie damit überfordert sind, ein Maschinengewehr vernünftig zu bedienen – Eisenmäuse eben, die Verweigerung landläufiger Stereotypen vom Kindsein.

Viele dieser Kürzesttexte sind vor allem Provokation („Glotz nicht so, Lektor. Ja, du. Germanistenficker.“). Andere verheddern sich erklärtermaßen in sich selbst, aber vieles sind brilliante, geschliffen scharfe Miniaturen. Dass Dath seine Texte Aphorismen nennen würde, ist eher unwahrscheinlich. Das ist zwar die Schule, aus der er kommt – man denkt an Lichtenberg, Chamfort, Karl Kraus – aber kein sehr attraktives Label in einem Land, in dem die verschnarchten Aperçus des ebenfalls „vertoteten“ Robert Lembke als besonders witzige Beispiele der Gattung gelten. Am ehesten erinnert die offene, lockere Form mit ihren heterogenen Spielarten an die „Aufzeichnungen“ Elias Canettis, der allerdings deutlich menschenfreundlicher schrieb als Dath. So bleiben pointierte, bitterböse Kleinsttexte, die sprachlich wie als Gedankenexperiment lesenswert sind, wenn auch nichts für Empfindliche. Oder sollte alles ganz anders gemeint sein in diesem „verschlüsselten Sittenspiegel“? Die Antwort weiß – vielleicht – ganz allein der Leser.

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Dietmar Dath: Eisenmäuse.
Mit Illustrationen von Christopher Tauber.
Hablizel, Lohmar 2010.
36 Seiten, 4,90 EUR.
ISBN-13: 9783941978041

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