Wer hat alle Bücher gelesen, die zu Hause im Regal stehen?

Ein von Claudia Stockinger und Matthias Freise herausgegebener Sammelband untersucht grundsätzliche Fragen der Wertung und Kanonisierung

Von Torsten MergenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Torsten Mergen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Begriffe wie „kulturelles“ oder „literarisches Gedächtnis“ sind im aktuellen Diskurs der Kulturwissenschaften en vogue. Da die Speicherkapazitäten jedes Gedächtnisses natürlichen Grenzen und Beschränkungen unterliegen, braucht es Selektions- und Wertungsmechanismen, um Wichtiges von weniger Wichtigem, ja sogar Vergesslichem zu trennen. Mittels vielfältiger Wertungskriterien werden daher aus der Fülle literarischer Überlieferungen diejenigen Texte ausgewählt und für erinnerungswert kategorisiert, welchen dann kanonischer Status zugesprochen wird. Allerdings ist dies ein permanent Relativierungen und Neubewertungen sowie Wiederentdeckungen ausgesetzter Prozess, wobei es Moden, Konflikte und differenzierte Meinungsbildungsprozesse gibt, die manchmal auch sachfremden Erwägungen folgen.

An der Göttinger Georg-August-Universität besteht seit einigen Jahren ein Forschungsschwerpunkt zum Themengebiet „Wertung und Kanon“. Daraus erwuchs der vorzustellende Sammelband, welcher – neben einem ausführlichen Vorwort – elf Beiträge enthält, die im Rahmen einer Vortragsreihe im Sommersemester 2009 entstanden sind. Wie die Herausgeber Matthias Freise und Claudia Stockinger in ihrem Vorwort betonen, sollen sich die Texte der „Steuerung von Wertungs- und Kanonisierungsprozessen durch ‚außerliterarische‘ Faktoren wie Macht und Ökonomie“ ebenso annehmen wie dem „Einfluß literaturimmanenter Faktoren auf die Wertung und Kanonisierung“.

Insofern zerfällt der Band in Beiträge, die einer der beiden Tendenzen der Kanonforschung zuzuordnen sind. Beispielsweise untersucht Stefan Neuhaus „Wie man Skandale macht“, indem er „Akteure, Profiteure und Verlierer im Literaturbetrieb“ aus der Perspektive wertungstheoretischer Forschung betrachtet. Dazu geht er zunächst auf die massenmedialen Wirkungsbedingungen und Schemata ein – Skandale werden oftmals portioniert, um die Auflage oder die Quote zu steigern. Ferner analysiert Neuhaus die Funktionen von Skandalen: Aufmerksamkeitslenkung, Interessenweckung, Information und Meinungsbildung. Ferner sei zu beobachten, dass es bei Literaturskandalen oftmals zu einer Durchbrechung der Fiktionalität komme, da auch außerliterarische Realitäten berücksichtigt würden. Am Beispiel von Frank Schirrmachers offenem Brief zu Martin Walsers Roman „Tod eines Kritikers“ zeigt er, wie man im Feuilleton Skandale inszeniert. Abschließend gelangt er zu einem vierdimensionalen Baukasten für gelungene Literaturskandale. Darin findet man unter anderem den Aspekt, dass sowohl der Autor als auch der Kritiker und das Massenmedium „möglichst hohes symbolisches Kapital besitzen“ müssen.

Dass Kanonisierungsprozesse auch in anderem Kontext ganz praktische Vorgänge darstellen, die beobachtbar sind und beachtliche Dimensionen annehmen, zeigt der Beitrag von Heinz Ludwig Arnold, welcher der „Arbeit am Mythos ‚Kindler‘“ nachgeht. Diese „moderne Bibliothek von Alexandria“ wirkt seit der ersten Auflage von 1965 nachhaltig an der Kanonisierung von Literatur mit. An der dritten Auflage mit 21.600 Artikeln waren 75 Fachberater und 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beteiligt, sodass eine Filterung der Weltliteratur vorgenommen wurde: „die Aufnahme eines Werkes in den Kindler allein hatte schon einen Kanonisierungseffekt“. Die Auswahlkriterien wurden dazu kriterial und diskursiv ermittelt.

Davon hebt sich wiederum der Beitrag von Horst-Jürgen Gerigks ab: „Literaturwissenschaft – was ist das?“ ist die Leitfrage des Aufsatzes. Darin entfaltet der Autor eine Definition von Literaturwissenschaft, die unter Rückgriff auf die Philosophen Immanuel Kant, Friedrich Schleiermacher und Hans-Georg Gadamer zeigt, dass es drei „Regionen“ respektive Perspektiven sind, die literaturwissenschaftlich analysefähig sind: Autor, Werk und Leser. Mit den Worten von Gerigk: „den Autor betreffend als Schaffenspsychologie, das Werk betreffend als Poetologie und den Leser betreffend als Rezeptionspsychologie“. In diesem Kontinuum laufen Kanonisierungsprozesse ab, die unter der Prämisse stehen, dass zumindest zwei der genannten Komponenten zeitlich und damit endlich sind.

Insgesamt bleibt ein sehr heterogenes Bild des Sammelbandes zurück. Wie bei dieser spezifischen Kommunikationsform der Wissenschaft üblich, vereinigt er viele verschiedene Darstellungsweisen und -perspektiven. Insofern vermisst man beispielsweise kurze bio-bibliografische Angaben zu den Autorinnen und Autoren, ferner ein Gesamtverzeichnis sämtlicher in den Aufsätzen genannter Literatur. Zudem erstaunt, dass in dem Band ein Hinweis auf die Website des Göttinger Promotionskollegs unterbleibt, obwohl dort fast alle Vorträge als sogenannte Streaming-Files online abrufbar sind.

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Claudia Stockinger / Matthias Freise (Hg.): Wertung und Kanon.
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2010.
198 Seiten, 35,00 EUR.
ISBN-13: 9783825357566

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