Zwischen Antike und Amerika

Zur Neuausgabe von Aby Warburgs Reisebericht vom „Schlangenritual“

Von Stefanie LeibetsederRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefanie Leibetseder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Aby Warburgs Bericht vom Schlangenritual der Hopi-Indianer gehört zu den kanonischen Texten der Kunstgeschichtsschreibung und es ist alles Andere als ein Zufall, dass er zusammen mit den dazugehörigen Fotos jetzt wieder aufgelegt wird. Gerade Warburg wird nämlich als Gründungsvater für das sich nach dem Vorbild der amerikanischen Visual Studies an deutschen Universitäten entwickelnde Fach Bildwissenschaften herangezogen. Hierbei wird besonders auf seinen Mnemosyne-Atlas Bezug genommen, aber auch sein Beitrag zur Entwicklung der Ikonologie und Ikonografie gewürdigt.

Für das Verständnis des Schlangenritual-Aufsatzes liefern die dem Buch beigegebenen Nachworte von Ulrich Raulff und Claudia Wedepohl wesentliche Informationen. Diese betreffen die Biografie Warburgs aber auch die komplizierte Editionsgeschichte des Essays. Warburg hatte den später in enger Zusammenarbeit mit Fritz Saxl erarbeiteten Text das erste Mal im Kreuzlinger Sanatorium Bellevue im Jahr 1923 vorgetragen. Der leitende Chefarzt des Hauses, Ludwig Binswanger, stand über Kontakte zu Carl Gustav Jung dem Kreis um Siegmund Freud nahe, er war kulturell hochinteressiert und pflegte viele Künstlerbekanntschaften. Ernst Ludwig Kirchner schuf 1918 ein bekanntes Porträt von ihm.

Warburg war um 1895 erst zur Hochzeit seines Bruders nach New York gereist und von dort nach New Mexiko, um angeregt von der damals in Blüte stehenden ethnografischen Forschungen mehrere Wochen die Kulte der Hopi-Indianern zu studieren. Dort beobachtete er bei Stammesritualen besonders die Bedeutung der Schlange als Blitzsymbol des indianischen Wetterzaubers.

Diese Eindrücke verband er als Schüler des Religionswissenschaftlers Hermann Usener zunächst mit der Frage nach der Bedeutung der Schlange in der biblischen und in der griechischen Mythologie. Er gelangte zu der Feststellung, dass die verbindenden Elemente der alteuropäischen zur indianischen Mythologie unter anderem darin bestehen, dass die Schlange den Kreislauf vom Tod bis zum Leben sichtbar durchläuft, sich häutet und verändert, aber doch dasselbe Tier bleibt, ungeheure Schnelligkeit und Gefährlichkeit durch ihre Giftzahn besitzt und sich in ihrem Aussehen stets ihrer Umgebung anpassen kann. Hinzu kommt ihre Bedeutung als Phallussymbol.

Warburg stellte in seiner vergleichenden Studie die strukturalen Übereinstimmungen im Prozess der Symbolbildung um die Schlange heraus. Die ritualisierten Abläufe, in welche die Schlange eingebunden wird, dienen für ihn der Angstbewältigung. Die Angst als psychische Energie stellt für Warburg jedoch den Urgrund dar, aus dem sich die Kultur entwickelt hat. Daher befürchtet er, dass die moderne Technik das Ende des Symbolbildungsprozesses darstellt. Dies ist für Warburg gleichlautend mit dem Ende der Kultur überhaupt.

Zu fragen ist allerdings, warum Warburg mit einer zeitlichen Verzögerung von einem Vierteljahrhundert seine Forschungen zunächst einem Publikum aus Mitpatienten und Ärzten vorstellte? Vieles spricht dafür, dass er sich in diesem Vortrag, welcher das Schlangenritual als symbolischen und rituellen Kultus zur Bewältigung menschlicher Urängste behandelte, selbst einem Initiationsritus unterzog. Hiermit wird bei den Urvölkern ein psychischer Reifeprozess beschrieben, der durch die Begegnung mit dem Tod und die Wiederkehr daraus gekennzeichnet ist, wie es auch die Symboltheorie C. G. Jungs beschreibt. Dies kann auch auf Warburgs Bewältigung seiner Psychose durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema des Schlangenrituals bezogen werden.

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Aby Warburg: Schlangenritual. Ein Reisebericht.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2011.
141 Seiten, 10,90 EUR.
ISBN-13: 9783803126726

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