Rotierender Intellektueller

Ein Sammelband würdigt Walter Höllerer, und der Bildband „S-Bahn nach Arkadien“ das Literarische Colloquium Berlin

Von Michael BraunRSS-Newsfeed neuer Artikel von Michael Braun

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

In seiner Dankrede zur Verleihung des Literaturpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung (2006) hat Daniel Kehlmann den Literaturbetrieb in Deutschland unter die Lupe genommen. Die rituelle „Abfolge von Begegnungen, Podiumssitzungen und Feierstunden“ koste den Autor, wenn man von Spaßfaktor und Einkommensgewinn einmal absehe, bei einer produktiven Spanne von 50 Jahren geschätzte drei Romane. Wer liest, schreibt nicht! Den Ursprung dieser Präsenzkultur verortet Kehlmann in der „Gruppe 47“. Mit ihr platzierte sich die deutsche Literatur zwischen Moderne, Medien- und Marktgesellschaft.

Das aber ist nur ein Kapitel aus einer noch zu schreibenden Literaturbetriebsgeschichte nach 1945. Ein anderes schlägt der von Achim Geisenhanslücke und Michael Peter Hehl herausgegebene, auf eine Tagung aus dem Jahr 2009 zurückgehende Sammelband über Walter Höllerer (1922-2003) auf. Höllerer wurde um 1960 ein Zentralgestirn am Literaturbetriebshimmel. Als Literaturwissenschaftler, Kritiker, Kulturmanager und auch als Autor baute er ein vielfach verzweigtes kulturelles Netzwerk auf, das die damalige literarische Landschaft veränderte. Nicht Machtkonzentration und Monopolisierung wie in der „Gruppe 47“, vielmehr Entfaltung von Einfluss, Gabe und Übung war sein Erfolgsgeheimnis. Ihm ging es um Intellektualisierung und Entpolitisierung der Literatur, um Orientierung an der multimedialen Neoavantgarde, nicht am Nachkriegsrealismus. Auf Rolf Parrs hübsche Formel gebracht: „Autor plus Wissenschaftler plus Medien minus Politik gleich Intellektueller im Literaturbetrieb“.

Gegenüber Hans Werner Richter war Walter Höllerer der modernere Feld-Herr. Er holte den Autorenbetrieb aus der Provinz in die Großstadt und machte aus der intimen Werkstattatmosphäre eine literarische Öffentlichkeit. Es ist kein Zufall, dass dieser Beschleunigungsschub in Berlin stattfand, wohin Höllerer im Oktober 1962 die „Gruppe 47“ lotste. Sie tagt in einer Villa am Wannsee, dem Ort des späteren Literarischen Colloquiums (LCB), das seinerseits 2013 das 50. Jubiläum feierte. Aus diesem Anlass hat der Matthes & Seitz Verlag ein von Judith Schalansky bildschön gestaltetes Geburtstagsbändchen herausgebracht: „S-Bahn nach Arkadien“ dokumentiert die Geschichte des LCB in einem launigen alphabetischen Rundlauf von „Ablehnung“ bis „Wasserglaslesung“ und in einer Suite von Schwarzweißbildern. Auf diesen Fotografien von Renate Mangoldt und Tobias Bohm sieht man den Meister Höllerer mit seinen Weggenossen, meist am Podium oder Tagungstisch, immer im Gespräch, später auch mit internationalen Gästen wie Umberto Eco. Im LCB wohnen bekanntlich auch Stipendiaten; einer, der ganz alleine dort übernachtete, wurde von der sich verabschiedenden Besucherin gefragt, ob er sich nächtens nicht fürchte. Worauf die Antwort kam: Eigentlich nur tagsüber.

Höllerer hat nicht nur das LCB begründet, eine der feinen Berliner Literaturadressen, und 1977 das Literaturarchiv Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz (wo sein Nachlass liegt). Er hat auch wirkmächtige Zeitschriften auf den Weg gebracht, deren Bedeutung Susanne Krones ermisst (ab 1954 die „Akzente“, 1961 die „Sprache im technischen Zeitalter“). Er hat 1962 beim Sender Freies Berlin eine 39-teilige Filmreihe „Berlin stellt vor“ initiiert und, mit enormer Resonanz, die moderierte Autorenlesung an die Universität geholt; Roland Berbig und Vanessa Brandes erinnern an die prototypischen Paarungen von Ilse Aichinger und Günter Eich, Ingeborg Bachmann und Max Frisch, die 1959 beziehungsweise 1960 lasen. Einen kräftigen Modernisierungsschub verdankt die deutsche Literatur vor allem Höllerers Anthologien. Neben „Transit“ (1956) ist „movens“ (1961) zu nennen. Diese Anthologie beschreibt Johanna Bohley als Gesamtkunstwerk, das nach Art eines universalen Parabolspiegels neben den Künsten auch Mathematik und Kinetik aufzunehmen sucht. Zudem hat er selbst Gedichte und einen Roman geschrieben, „Die Elephantenuhr“ (1973), den Sven Hanuschek als Roman des nicht unglücklichen, aber überforderten Bewusstseins entdeckt.

Nun war Berlin 1960 natürlich nicht Deutschland – und Walter Höllerer nicht der einzige Literaturbetriebsmanager, der funktionssystemübergreifend wirkte und „polykontextural ansprechbar“ war. Aber unter den „rotierenden Intellektuellen“, die das literarische Bild der Republik prägten, war er sicherlich einer der elegantesten und vielseitigsten. Die Eigenart seiner „flexibel-normalistischen Position“ kommt in der von Heribert Tommek untersuchten Debatte mit Peter Weiss zum Ausdruck, dem die Professionalisierung und Kapitalisierung des literarischen Feldes ein Dorn im Auge war.

Der Sammelband liefert wichtige Messmarken für das literarische Feld in den späten 1950er- und 1960er-Jahren und lädt nicht zuletzt dazu ein, aus pragmatischer Sicht den Modernisierungszeitpunkt der Gegenwartsliteratur früher als 1968 anzusetzen. Bedauerlich nur, dass hier kaum etwas über die Biografie Walter Höllerers vor der Berufung an die TU Berlin und dem Karrierebeginn zu lesen ist. Das hätte, um mit Kehlmann zu sprechen, der Vermessung seines Ruhms gewiss nicht geschadet.

Titelbild

Achim Geisenhanslüke / Achim Geisenhanslüke / Michael Peter Hehl / Michael Peter Hehl (Hg.): Poetik im technischen Zeitalter. Walter Höllerer und die Entstehung des modernen Literaturbetriebs.
Transcript Verlag, Bielefeld 2013.
239 Seiten, 28,80 EUR.
ISBN-13: 9783837615982

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Titelbild

Achim Geisenhanslüke / Achim Geisenhanslüke / Michael Peter Hehl / Michael Peter Hehl (Hg.): Poetik im technischen Zeitalter. Walter Höllerer und die Entstehung des modernen Literaturbetriebs.
Transcript Verlag, Bielefeld 2013.
239 Seiten, 28,80 EUR.
ISBN-13: 9783837615982

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