„Der Hippopotamus ist der Behemoth“

Johann Heinrich Mercks Übersetzungen aus dem Englischen in der Edition von Ulrike Leuschner

Von Dennis BorghardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dennis Borghardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Als eine der meisterwarteten Publikationen zur deutschen Spätaufklärung können die jüngst bei Wallstein erschienenen Übersetzungen aus dem Englischen Johann Heinrich Mercks gelten. Diese im Rahmen eines Drittmittelprojekts der TU Darmstadt entstandenen Ausgaben der frühen Translationsleistungen Mercks sind Teil eines umfassenden kritischen Editionsprogramms unter der Leitung von Ulrich Joost. In der hieraus seit 2012 hervorgehenden Werkausgabe Gesammelte Schriften (bisher erschienen: Band 1, 3 und 4) nehmen sie die Stellung der Teilbände 8.1 und 8.2 ein. Das Projekt verfolgt dabei eine Revitalisierung Mercks, die qualitativ und quantitativ über die bisherigen Auswahlausgaben (vorgelegt etwa von Henkel/Kraft 1968) hinausgeht. Hiermit werden – mit Blick auf Merck als historische Person – zugleich ein spezifisches wie auch ein allgemeines Desiderat erfüllt: So tritt Merck nicht nur aufgrund seiner Beziehung zu Goethe, für den er zeitweise Mentor und Förderer war, sondern vor allem als ebenso eigenständiger wie -williger Publizist, Herausgeber und Rezensent und somit als eine konstellationsgeschichtlich facettenreiche Figur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hervor. Seine synchrone Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Wissensbereichen, die unter anderem von empirischer Naturwissenschaft über Wirtschaftsgeschichte bis zum intensiven Studium der Mineralogie reicht, erscheint besonders geeignet, die epistemischen Neuordnungen im Horizont der Spätaufklärung nachzuvollziehen und dadurch die so charakteristische Dynamik zu erfassen, die zu dieser Zeit innerhalb der und zwischen den einzelnen Disziplinen herrscht. Darüber hinaus ist seine Rolle als ein Mitbegründer der Kunstgeschichte in Deutschland mittlerweile unumstritten. Im Zuge der sich spätestens ab der Mitte des 18. Jahrhunderts abzeichnenden Abkehr von den Idealen des französischen Klassizismus und der gleichzeitigen Hinwendung zu Theoremen der englischen Kunstauffassungen lässt sich der Vorrang moralphilosophischer Begründungsmuster als ein signifikantes Symptom der ästhetisch-poetologischen Theoriebildung erkennen. Gerade in diesem Zusammenhang stellen Mercks Übertragungen einen nicht zu unterschätzenden Faktor zur Popularisierung der englischen Philosophie in Deutschland dar. Die von Ulrike Leuschner besorgte neue Edition der englischen Übersetzungen lädt geradezu dazu ein, diese Zusammenhänge neu zu erschließen.

So finden sich im ersten Teilband mit Francis Hutchesons Inquiry into the Original of our Ideas of Beauty and Virtue (1725) und Joseph Addisons Drama Cato (1713) zwei Texte, die als grundlegend für die Diskurse und Kontroversen um den moral sense einzustufen sind und mithin großen Einfluss auf die Weiterentwicklung der Ästhetik und Geschmackstheorie nach ihrer Etablierung durch Christian Wolff, Alexander Gottlieb Baumgarten und Georg Friedrich Meier im deutschsprachigen Raum genommen haben. Gerade Hutchesons Abhandlung kommt – neben Shaftesburys Essay on the Freedom of Wit and Humour (1709) und Edmund Burkes Enquiry into the Origin of the Sublime and Beautiful (1757) – die zentrale Rolle zu, mit der empirischen Moralphilosophie die Vermögenslehre der Ästhetik auf ein neues Fundament zu stellen und dabei auch die Affektenlehre neu zu taxieren. Der für die Ausprägung der aufklärerischen Kunstauffassungen so zentrale Konnex von passion und moral sense findet sich hier in geradezu prototypischer Weise angelegt. Joseph Addisons seinerzeit euphorisch aufgenommenes Drama Cato wiederum lässt sich unter anderem als eine Neucodierung der römisch-republikanischen virtus in Form des englischen Tugend-Paradigmas virtue lesen; es entfaltet darin eine moralphilosophische Wirkkraft, die vom zeitgenössischen Publikum begeistert aufgenommen wurde und nicht nur Johann Christoph Gottsched in seiner Dramentheorie (und überschaubaren -produktion) beeinflusst hat. Merck verleiht Addison, ganz besonders jedoch Hutcheson durch die Subtilität der Übersetzungsleistung eine durchaus neue stilistische Prägung. Ihr kann ein eigener literarischer Wert zugesprochen werden. Beachtenswert ist zudem, dass diese Übersetzungen in die Zeit der ersten schriftstellerischen Arbeiten Mercks fallen, da sie wohl während seiner Studienzeit ab 1759 in Erlangen, Dresden und Leipzig angefertigt wurden und insofern auch biographisch eine intellektuelle Orientierungsphase markieren. Somit stellen sie auch für Historiker einen spezifischen Wert dar – selbst wenn die Ausrichtung der vorliegenden Edition erklärtermaßen eine philologische und weniger eine geschichtswissenschaftliche ist.

Bereits in diesem ersten Teilband wird deutlich, dass es sich um eine Veröffentlichung handelt, die typographisch und formal hohe Ansprüche stellt. So umfasst das Druckbild Marginalien, einen zweifachen Apparat – neben dem textkritischen, einer sparsamen Emendations- und Konjekturalkritik folgenden Apparat werden auch Mercks eigene Fußnoten angeführt – sowie verschiedene graphische Elemente – hierunter fallen auch die entsprechenden historischen Frontispize und Dedikationen. Als Druckvorlage hierzu fungiert stets die Erstausgabe von 1763. Auffällig ist, dass die vielgliedrige Gestaltung an keiner Stelle die Lesefreundlichkeit gefährdet. Im Gegenteil, die Formatierung bietet gerade durch die Übernahme der jeweiligen Marginalien Mercks eine zuverlässige und schnelle Lektüreorientierung; die durchgehenden Zeilenangaben erleichtern zudem die Möglichkeit einer präzisen Zitation. Einen ähnlichen Dienst erfüllen auch die angeführten Originalpaginierungen.

Vollends zur Geltung kommen all diese Vorzüge gleichwohl vor allem im zweiten Teilband. Dieser enthält die Travels, or Observations Relating to Several Parts of Barbary and the Levant (1738) des englischen Klerikers Thomas Shaw in Mercks Übersetzung von 1765. Die Druckvorlage bildet hier die bei Fleischer (Frankfurt am Main/Leipzig 1765) verlegte Erstausgabe. Hier wird der eigentliche Vektor des aus Thomas Shaws Nordafrika-Aufenthalt von 1720 bis 1733 hervorgegangenen Reiseberichtes ersichtlich: Er ist keineswegs auf seine deskriptiven Funktionen im Sinne einer Länderschau reduzierbar, sondern weist sich als eine ebenso traditionsreiche wie originelle Form der Geschichtsschreibung aus, die bis auf Herodot rückzuführen ist. Ein unverkennbares Charakteristikum der Travels stellt die polyhistorische Verquickung von Historio- und Ethnographie, Zoologie und Botanik dar. Die Erklärungs- und Deutungsangebote sind, wenn beispielsweise der biblische Behemoth mit dem Hippopotamus am Nil identifiziert wird, dabei stets in den Wechselverhältnissen von Naturwissenschaft, Literatur und Geschichte zu denken. Durch diese Mehrdimensionalität rückt die formale Gestaltung noch mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit, als dies bereits im ersten Teilband der Fall war: Die Vermittlung der auf der Reise gewonnenen Erkenntnisse wird stets vor der Folie der antiken Archivkontexte vollzogen – resultierend in einer immensen Zitation antiker Autoren (ganz besonders Herodot, Strabon, Livius, Plinius d. Ä., Plutarch und Diodorus Siculus) und Bibelstellen (besonders des Alten Testaments). Somit ergibt sich im Textbild ein Konglomerat lateinischer, hebräischer, arabischer und altgriechischer Zeichensätze, die stets in gut lesbarer Qualität geboten werden. Als einziger Kritikpunkt sind die diakritischen Zeichenfehler (Spiritus, Akzent, sub- und adskribiertes Iota) zu nennen, die hier nahezu durchgängig unterlaufen (vgl. Bd. 8.2, S. 203, Z. 38: „Ἁι“ recte „Αἱ“, S.  223, Z. 40: „Δένδρεῳ […] ὂπα λειρίόεσσαν“ recte „Δενδρέῳ […] ὄπα λειριόεσσαν“, S. 331, Z. 29: „ὅ“ recte „ὃ“, S. 369, Z. 42: „ἄιθρios“ recte „αἴθριος“ etc.). Auch wenn die Griechischzitate Mercks sicherlich bereits von derlei Flüchtigkeiten geprägt sind, so hätte dies wenigstens als Anlass zählen dürfen, die äußerst zurückhaltende Emendationsweise partikular aufzugeben. Dass dieses einzige Manko tendenziell in den Bereich penibler Akribie fällt, kann gleichwohl als ein weiterer Beleg für die hohe Qualität dieser Ausgabe gelten. Von besonderem Wert sind in diesem Zusammenhang auch die beigegebenen Nachdrucke der 32 Kupfertafeln der Erstausgabe. Sie illustrieren auf nachdrückliche Weise den vielschichtigen Ansatz des Reiseberichts und erschließen die Topographie, Flora und Fauna Nordafrikas entsprechend den graphischen und kartographischen Möglichkeiten des 18. Jahrhunderts.

Beide Bände erfahren mit dem umfangreichen Kommentarteil wichtige Ergänzungen, etwa durch die in die jeweiligen Texte und zeitgeschichtlichen Kontexte einführenden Bemerkungen Marie-Luise Spieckermanns, einen umfangreichen Zeilenkommentar sowie ein Namen- und Schriftenregister. Sie entsprechen dabei dem Forschungsstand zu den jeweiligen Diskurs- und Wissensformationen der Aufklärungszeit und enthalten teilweise auch neue Erkenntnisse, die aus der jahrelangen Arbeit an der Forschungsstelle „Johann Heinrich Merck“ der TU Darmstadt hervorgegangen sind. Die Aufnahme zeitgenössischer Rezensionen, die bereits kurz nach Veröffentlichung der Übersetzungen entstanden sind, erleichtert darüber hinaus den Einstieg in die Rezeptionsgeschichte.

Leuschner, Krebs und Spieckermann gelingt es mit dieser hochwertigen Ausgabe ein weiteres Mal, den aus den Gesammelten Schriften gewohnten Standard aufrechtzuerhalten und sogar noch weiterzuentwickeln und zu verfeinern. Die Grundsatzentscheidung, sich primär auf literatur- und nicht so sehr auf geschichtswissenschaftliche Fragen zu konzentrieren, zahlt sich vollends aus und hilft, die Beziehungen der hier vertretenen, historiographischen Teildisziplinen vor dem Hintergrund der literarischen Archivkontexte zu erschließen. Die Ausgabe verbindet auf imposante Weise durchweg Lesefreundlichkeit mit wissenschaftlicher Zuverlässigkeit.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Johann Heinrich Merck: Gesammelte Schriften. Übersetzungen aus dem Englischen 1762-1763/1765.
Band 8.1/8.2. Herausgegeben von Ulrike Leuschner unter Mitarbeit von Amélie Krebs.
Wallstein Verlag, Göttingen 2015.
1150 Seiten, 69,00 EUR.
ISBN-13: 9783835315198

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