Das Haus mit den drei Pappeln am See

Das einstige Schriftstellerheim in Petzow – ein Haus mit Geschichte und Geschichten

Von Klaus HammerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Klaus Hammer

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Sie waren nicht nur einmal in diesem Haus mit den drei Pappeln am See – im einstigen am Schwielowsee bei Werder gelegenen Schriftstellerheim Petzow. Es bot von 1955 bis 1990 Schriftstellern aus der DDR, aber auch Berufskollegen aus der Bundesrepublik oder aus dem Ausland ein Domizil zum Arbeiten und zur Erholung. Hierher kamen Arnolt Bronnen, Arnold Zweig, Georg Maurer, Peter Hacks, Irmtraud Morgner, Günter de Bruyn, Christa und Gerhard Wolf, Brigitte Reimann und Siegfried Pitschmann, Fred und Maxie Wander, Sarah Kirsch, Rainer Kirsch, Wolfgang Kohlhaase, Volker Braun, Kerstin Hensel, aber auch Gäste wie Leonhard Frank, Irmgard Keun, Günter Grass, Wolfgang Schnell, Gert Ledig und viele andere. Die Pappeln gibt es heute nicht mehr, aber sie leben noch in den Gedichten und Geschichten der Gäste fort.

Vier Herausgeber – die Literaturwissenschaftlerinnen Margrid Bircken, Christel Hartinger und Marianne Schmidt, der Karikaturist, Grafiker und Feuilletonist Harald Kretzschmar, der Medienwissenschaftler Burkhard Raue – haben sich zusammen getan, um Erinnerungen, Tagebuchauszüge, Gedichte und Geschichten von 40 Autorinnen und Autoren mehrerer Generationen zusammenzutragen, die entweder in Petzow entstanden oder durch diesen Ort – „VEB Elfenbeinturm“ nannte ihn Brigitte Reimann liebevoll-ironisch – inspiriert worden sind. Sie werden ergänzt durch Fotos, Zeichnungen, Dokumente und Eintragungen aus dem Gästebuch. So ist ein Lesebuch entstanden, das diese Literatur-Stätte in der brandenburgischen Havellandschaft als „Metapher einer bestimmten vergangenen Zeit“ anschaulich zu machen sucht.

Es ist eine Legende, dass die Schauspielerin Marika Rökk einst Besitzerin dieser Villa gewesen sein soll. Der erste Eigentümer nach dem Ersten Weltkrieg gehörte allerdings der Filmbranche an, und es kann durchaus möglich gewesen sein, dass sich die Filmdiva hier einmal aufgehalten hat. 1938 war das inzwischen wieder in jüdischem Besitz befindliche Anwesen von den Nazis enteignet worden. 1945 zog hier die Rote Armee ein, nach deren Abzug es sich in einem desolaten Zustand befand. 1956 ging das Haus in Volkseigentum über und wurde an den Schriftstellerverband der DDR verpachtet, der hier bis 1990 das Schriftstellerheim „Friedrich Wolf“ unterhielt. “Die Kombination von Arbeiten und Erholen, die vielfältigen Formen von Seminaren, Werkstätten, Diskussionsforen bis hin zur Nachwuchsförderung“, schreibt Bernd Bock, machen die Besonderheit des Hauses aus. Es war ein Ort der geistigen Auseinandersetzung und Inspiration. Nach der Wende wurde es zunächst Hotel und nach der Rückerstattung an die Erbengemeinschaft Berglas in Privathand verkauft.

Marianne Schmidt, die als Dozentin am Literaturinstitut Leipzig seit 1969 Werkstattwochen in Petzow veranstaltete, nimmt in dem Buch eine „Erste Erkundung“ des Hauses vor: Wie kam der Schriftstellerverband zu diesem Haus, wie war es eingerichtet, welch entspannte Atmosphäre herrschte hier, bei den Gesprächen im Haus oder auf der Terrasse, bei den Spaziergängen, auf den Bootsfahrten. Gustav Just, damals Generalsekretär des Schriftstellerverbandes, ergänzt diese Angaben von der offiziellen Seite des Verbandes, während Lothar Kusche die Umgebung des Hauses am Schwielowsee erkundet.

Tagsüber klapperten in den Zimmern des Hauses die Schreibmaschinen, aber „an den Abenden wurden im Salon Geschichten erzählt oder es wurde über das Schreiben diskutiert“, berichtet Fred Wander, der hier mit seiner Frau Maxie eine Zeit lang wohnte. Er lebte noch ganz in der KZ-Vergangenheit, in der „Verkehrung des Menschentums“ – sein Buch „Der siebente Brunnen“ sollte er erst 23 Jahre nach dem Kriege schreiben – und doch mit Maxie „in einer ständigen Euphorie, wir genossen Freundschaft wie nie zuvor, […] die Freiheit und das Glück, in einem Haus am See zu wohnen und genügend Essen zu haben und Zeit, auf der Maschine zu tippen. Die Menschen um uns, die Spaziergänge, die langen Gespräche“. Maxie Wander berichtet aus Petzow nach Wien über ihre Arbeit an den Frauenprotokollen „Guten Morgen, du Schöne“: „Schwierigkeiten macht mir nur die Beschränkung, die wollen ein Bändchen und ich hab Stoff für eine Trilogie. Jede Frau, die ich aufgeben muss, wird von mir geschlachtet, und das ist gemein, denn ich liebe sie alle“.

Siegfried Pitschmann erzählt von seinem Arbeitsaufenthalt im Haus am See, hier lernt er Brigitte Reimann, die Verfasserin des Romanes „Die Frau am Pranger“ kennen – und hier heiraten auch beide. „Petzow war ja ein Scheidungs- und Heiratsinstitut für die Schriftsteller, weil dort tatsächlich manche Ehen gestiftet und manche zertrümmert wurden durch wilde Beziehungen untereinander“, so Pitschmann. Tagebuchaufzeichnungen von Brigitte Reimann aus Petzow behandeln diese Beziehung von ihrer Seite aus – „wir arbeiten viel, zäh und unter Schmerzen“ – und berichten bereits von einer neuen Beziehung: „Ich fühlte auf einmal, wie jung ich gegen ihn bin, wie aufregend mein Leben ist: immer neue Menschen, immer wieder neue Leidenschaften, immer Ehrgeiz, eine Arbeit, die mir Zufriedenheit nicht gestattet – ein herrliches Leben voller Entdeckungen“. Ein gutes Jahrzehnt später starb sie vierzigjährig an Krebs und hinterließ ein zäsursetzendes Romanfragment, „Franziska Linkerhand“, das mit Formen des assoziativen und subjektiven Erzählens experimentiert (es wurde 1974 mit „einigen vorsichtigen Kürzungen“, wie es im Nachsatz hieß, und erst 1998 in einer nach dem überlieferten Typoskript herausgegebenen vollständigen Ausgabe veröffentlicht). Jens Gerlach hat Brigitte Reimann sein Petzow-Gedicht „nachts im heim“ gewidmet: „da schwebt durchs schweigehaus ein hauch / ein seufzer / tod bedeutend oder liebe / /ich lieg und spüre / die verdammungshiebe / und die / erlösungsküsse / auch“. Auch für Katharina Kammer begann 1955 die Gemeinsamkeit mit Karl Veken, ihrem späteren Ehemann, in Petzow. Christa Kozik, die die ersten Kapitel ihres bekannten Kinderbuches „Moritz in der Litfassäule“ in Petzow schrieb, berichtet von ihren Begegnungen mit Maxie Wander und Georg Maurer im „schönen weißen Haus am See“. Und auch Sarah Kirsch erinnert sich an ihren Gedichtband „Landaufenthalt“, den sie hier verfasste.

„Wahrhaftige Klatschgeschichten“ erzählt Renate Holland-Moritz, und eine wunderschöne Verwechslungsgeschichte vom schwarzen Neufundländler Arko, der dem Verwalter Zeisberg gehört, weiß Manfred Richter zu berichten. „Heimweh und Erinnerung“ packt Gisela Steineckert, wenn sie an Petzow, jenen „Ort für nie erfüllte Sehnsüchte und Suche nach Verständnis“ zurückdenkt. „Wir sind als Künstler zwar fast alle ziemlich unerträglich auf uns selbst fixiert, aber auch durchaus fähig, sensibel und verschworen zu sein, wenn es eben grade hinpasst“. Dieses Haus war ja ein „Spielplatz der Literatur, der Literaten“, bekennt Klaus Walther: „Siegfried Pitschmann arbeitete hier seit Jahrhunderten an einem Roman, und Peter Edel sagte, dass er uns nur ein Kapitelchen aus seinem ‚Zeugen Schattmann‘ vorlesen werde. Das Kapitelchen währte vier oder fünf Stunden, und wenn Edel wiederum Zuhörer für seine nächtlichen Lesungen suchte, war die Halle im Haus leergefegt“.

Gerhard Wolf belegt den Satz, dass in Petzow Literaturgeschichte geschrieben wurde, an den unterschiedlichen Teilnehmern, die aus Ost und West hier zusammentrafen:

Reiner Kunze war einer der Lyriker, die ich dann im Mitteldeutschen Verlag als Außenlektor betreute und wie andere, die ich hier traf, mit ihren ersten Gedichten bekannt machte. Mit Georg Maurer war ich auch schon seit meiner Zeit als Literaturredakteur am Leipziger Sender im Austausch. Ich wurde der Lektor seiner Lyrikbände in den Siebzigerjahren. Maurer war als Professor am Literaturinstitut in Leipzig ‚Lehrer‘ der Dichter, die dann als ‚Sächsische Dichterschule‘ berühmt wurden: Volker Braun, Heinz Czechowski, Karl Mickel, Sarah und Rainer Kirsch, die er auch in Petzow traf, deren erste Bücher ich herausgab. Hier korrigierte Volker Braun seine Gedichte „Provokation für mich“, die wirklich zur literarischen Provokation wurden.

Gedichte von Adel Karasholi, Peter Gosse, Jens Gerlach und Rainer Kirsch, in Petzow entstanden oder Petzow thematisierend, sind Georg Maurer gewidmet, der einer der bedeutendsten Lyriker war und zu den prominentesten Gästen in Petzow gehörte – und hier in Petzow auch gestorben ist.

Günter de Bruyn berichtet über die Diskussionsrunde, die in Petzow über seinen Roman „Buridans Esel“ stattfand. In einem Dreierkonflikt wird sich hier der Held, bisher ein Meister der Rechtfertigung und Selbsttäuschung, seiner eigenen Mittelmäßigkeit, Feigheit, Angepasstheit und Passivität bewusst. Auch nachdem die Druckerlaubnis endlich gegeben wurde, dauerte es noch ein bis anderthalb Jahre, bevor der Roman in die Buchhandlungen kam. Ingeborg Arlt, die damals an ihrem Erstling, dem „Kleinen Leben“, schrieb, erlebte „Schultage in Petzow“: Sie haben sie „in jenem Hören geschult, das allem literarischen Schreiben vorausgehen muss“. Hans-Eckardt Wenzel ist durch eine „wiedergefundene Bleistiftskizze“ zu dem Gedicht „Petzow“ angeregt worden: „Wir tranken Schnaps und Mut und Ferne. / Wir schälten Worte aus den Schalen, / Hoch über uns die alten Sterne“. Christel Hartinger, damals noch eine junge Wissenschaftlerin, interviewte 1975 Maxie Wander in Petzow und musste dann überrascht feststellen, dass eigentlich sie von der Verfasserin von „Guten Morgen, du Schöne“ befragt worden war, denn diese hatte ihre Gespräche notiert und wollte sie als weiteres Frauenprotokoll ihrem noch unveröffentlichten Buch hinzufügen.

In die Gedanken eines Schriftsteller-Gastes in Petzow, die diesem so beim Schreiben durch den Kopf gehen, versetzt sich Bernd Rump: „Wir standen also da, nein, davon gibt es wirklich kein Protokoll, obwohl auch einer dabei war, der solche Protokolle schrieb, standen da und redeten über Geist und Macht und darüber, warum das, was wir doch wussten, so einflusslos war, als wären wir überhaupt nicht da“. Es geht um den Dichter Ossip Mandelstam, der ein Gedicht über Stalin verfasste, das ihm 1939 das Leben kostete, es geht um Bulgakows satirischen Roman „Meister und Margarita“, es geht um Stalin selbst, der sich als Traumgast in Petzow einstellt. Hartmut Zenker widmet sein Gedicht „Sommertag in P.“ Volker Braun, Rainer Kirsch hat zwei Petzow-Gedichte verfasst, Adel Karasholi betrachtet Petzow-Fotos und reflektiert über den „Verrat“ an den eigenen Gedichten, denn jede Übersetzung sei „in irgendeiner Weise ein Verrat am Original“. Matthias Biskupek nennt Petzow den „eigentlichen DDR-Literatur-Erinnerungs-Hort“: „Denn viele der am Schwielowsee gefertigten Texte mancher unserer Kollegen mochten das Bestehende immer weniger lobpreisen, da half kein fließendes Wasser, kein stiller See und kein Nachmittagskuchen“. Wiederum berichtet Bernd Schirmer in einer „Erzählung in der Erzählung“ über das Schicksal seiner Erzählung „Der Film“, die er Ende der Siebzigerjahre in Petzow geschrieben und die nie das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat.

Wer wusste schon, dass Heinar Kipphardt sein Dokumentarstück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ – in der Figur Oppenheimer steckt „so etwas wie eine heutige Dr. Faustus-Geschichte“, so Kipphardt – in Petzow geschrieben hat. Auch Christoph Meckel war mit Johannes Bobrowski einige Male dort, bis ihnen die Rede Alfred Kurellas und Hermann Kants von der Friedenspolitik der Sowjetunion und der Kriegstreiberei des Imperialismus den Aufenthalt dort verleidete. Christian Geissler äußerte nach seinem Petzow-Aufenthalt die Befürchtung: „es werden sich […] eines tages von hüben nach drüben und von drüben nach hüben die in den stiefeln der macht einander die hände reichen, und gemeinsam werden sie ihren tritt treten in das gesicht von denen, die noch immer fragen haben“. Hermann Kant berichtet von einem gemeinsamen Treffen des Präsidiums des Schriftstellerverbandes der DDR und der Leitung des VS der Bundesrepublik, zu der auch Günter Grass gehörte, im Juni 1988 in Petzow. Ein neben Grass und Braun herabstürzender Ast erschreckte beide Delegationen gewaltig und gab zu politischen Vermutungen und Reaktionen Anlass. Was Kant ironisch bagatellisierend kommentiert, bringt Grass in seinem Gegen-Bericht auf den Punkt: Es ging ja doch um eine Rehabilitierung des Schriftstellers Erich Loest, dem in den Siebzigerjahren in der DDR der Prozess gemacht wurde und der siebeneinhalb Jahre im Zuchthaus Bautzen verbrachte. Doch auch in der Periode von Glasnost und Perestroika wurde das von den Offiziellen des DDR-Verbandes verweigert. Braun aber dichtete damals: „Der mächtige Ast bei Windstille / Niederkrachend zu unseren Füßen / Wen sollte er treffen? Lieber / Grass, in den eigenen / Reihen wüten wir heftiger“.

Dem Schwielowsee – „Schöner See Wasseraug“ (Sarah Kirsch) – haben Jens Gerlach, Heinz Kahlau, Dieter Mucke, Karl Mickel, Sarah Kirsch und Hildegard Jahn-Reinke Gedichte gewidmet. „Mein letzter Sommer am See gehört mir. Er ist unverkäuflich“, stellt Wolfgang Eckert fest und will künftig mit Erich Kästners Gelassenheit leben. Über ihre letzten Aufenthalte in Petzow berichten Christel Hartinger („Ein merk-würdiger Zufall“), Wolfgang Knape („‚Flurbereinigung‘ oder Der helle Fleck auf dem Po unserer Tochter“), Thomas Rosenlöcher („Herbst 1989“), Elfriede Brüning („Aber Petzow war seit Jahren unsere Arbeitsstätte“), Burkhard Raue („Besuch in P. nachträglich“), John Stave („Petzow 2005“), Werner Liersch („La bolsche Vita oder Ein Haus am Schwielowsee. Ein persönliches Kapitel“) und Kerstin Hensel („Zeichen der Zeit“). Kerstin Hensel hat vor einem Jahr einen Blick durch das Gittertor auf das Anwesen geworfen: „Das Haus – es steht noch. Seine Geschichte, die vor fast einem Jahrhundert begann, röchelt durch die Mauern“. Und, sich an die Aufenthalte in diesem Haus erinnernd, resümiert sie: „Die Idylle meiner Rückkehr trügt nicht, weil wir in friedlich schönen Momenten auch das Verrottete des Staatssystems erkannt und im Geselligen den Streit gesucht haben“.

Ein besseres abschließendes Wort kann man über dieses bedeutungsträchtige Haus mit den – nicht mehr existierenden – drei Pappeln am See nicht finden.

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Margrid Bircken / Christel Hartinger (Hg.): Petzow – Villa der Worte. Das Schriftstellerheim in Erinnerungen und Gedichten.
vbb Verlag für Berlin-Brandenburg, Berlin 2016.
302 Seiten, 19,99 EUR.
ISBN-13: 9783945256336

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