Ins Reich der Freiheit

Neue Darstellungen zur Philosophie von Karl Marx

Von Detlev MaresRSS-Newsfeed neuer Artikel von Detlev Mares

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wird nach der Aktualität von Karl Marx gefragt, interessiert häufig in erster Linie der Ökonom – die Finanzkrise von 2008 hat diese Perspektive noch zusätzlich bekräftigt. Der 200. Geburtstag im Mai 2018 bietet aber auch Anlass, den Philosophen Marx neu in den Blick zu nehmen. Doch widerspricht dies nicht von vornherein dem Selbstbild des Denkers? Behauptete nicht gerade er in seiner berühmtesten Feuerbach-These, die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme aber auf deren Veränderung an? Folgte dieser Erkenntnis nicht die Abkehr von der Philosophie und die Hinwendung zur ökonomischen Forschung?

Dieser Eindruck täuscht. Mit Kurt Bayertz, Christian Schmidt, Michael Quante und Urs Marti-Brander sind sich gleich vier Autoren darin einig, dass Marx’ kritische Äußerungen über die Philosophie aus dem Kontext seiner Auseinandersetzung mit dem Erbe Georg Wilhelm Friedrich Hegels resultierten, aber keine grundlegende Abwendung von den Anliegen seiner frühen Jahre anzeigten.

In ihrer Anlage unterscheiden sich die vier Werke. Schmidt bietet in der bekannten Einführungsreihe des Junius Verlags einen lesenswerten Überblick über Marx’ Philosophie, den er nach den Kategorien Kritik, Ideologie, Geschichte, Ökonomie und Politik gliedert. In seiner – wenn auch knappen – Gesamtdarstellung berücksichtigt Schmidt Aspekte, die bei den anderen Autoren weniger thematisiert werden, so Marx’ Blick auf die außereuropäische Welt oder seine Tätigkeit in der Internationalen Arbeiterassoziation. Bayertz zeichnet mit Interpretieren, um zu verändern in einer meisterhaften Verschränkung der logischen und zeitlichen Entwicklungslinien des Marx’schen Denkens nach, wie dieses sich aus Religions-, Staats- und Philosophiekritik zum Ringen um eine nicht-idealistische Theorie von Gesellschaft entfaltete. Mit beeindruckendem Scharfsinn arbeitet er die unausgesprochenen Vorannahmen in den Schriften von Marx heraus und gewinnt daraus den Ansatzpunkt für eine Rekonstruktion des historischen Materialismus, wie ihn Marx selbst systematisch nie explizit bis zum Ende ausgeführt hat. Marti-Brander konzentriert sich in Die Freiheit des Karl Marx auf den politischen Philosophen und akzentuiert die Bedeutung des Freiheitsbegriffs. Quantes kurzer Band Der unversöhnte Marx schließlich präsentiert in der ersten Hälfte einen kurzen Abriss der Marx’schen Philosophie, während die zweite Hälfte Aufsätze versammelt, die in den letzten Jahren, insbesondere zur Auseinandersetzung mit dem Kapital, erschienen sind.

Bei allen Unterschieden in der äußeren Anlage stehen die vier Darstellungen auf dem Boden der derzeit dominierenden Marx-Deutung, die den Denker nicht mehr als – mehr oder weniger erfolgreichen – Schöpfer eines geschlossenen Gedankengebäudes versteht. Ganz im Gegenteil sahen Marx und sein Mitstreiter Friedrich Engels den von ihnen entwickelten Materialismus – in den Worten Bayertz’ – „eher als das […], was heute als ‚Forschungsprogramm‘ bezeichnet wird“. Dieses Programm einer materialistischen Theorie der Gesellschaft kreiste um Fragen, die in den frühen philosophischen Kritiken aufgekommen waren und Grundanliegen in Marx’ Denken blieben. Die aktuelle Deutung steht damit unter Prämissen, die Quante – vor einigen Jahren Mitherausgeber eines großen Marx-Handbuchs – griffig als „die Philosophie- und die Kontinuitätsthese“ bezeichnet.

Aus den vier Werken, die jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten die Grundlinien des philosophischen Denkens bei Karl Marx sehr differenziert erörtern, stechen einzelne Aspekte in besonderer Weise hervor. Einer davon betrifft das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft. Häufig wurde Marx’ Materialismus als eine Lehre gedeutet, die das Denken und Handeln der Menschen durch die gesellschaftlichen Strukturen determiniert sieht. Diese Sichtweise scheint gerechtfertigt durch Aussagen wie die berühmte Passage im Vorwort zur Kritik der politischen Ökonomie von 1859: „Die Produktionsweise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen Lebensprozess überhaupt. Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“

Dass dennoch ein purer Basis-Überbau-Schematismus keineswegs den Intentionen von Marx entsprach, ist an sich noch keine neue Erkenntnis. Doch die Frage ist, was genau Marx dann mit dieser architektonischen Metapher bezweckte. Bayertz argumentiert, Marx habe weniger ein klares materialistisches Konzept als eine Gegenposition zum von ihm als realitätsfern empfundenen Idealismus formuliert, mit allen Zuspitzungen, die seiner polemischen Feder eigen waren. Marx’ eigentliche Überlegungen müssen deshalb häufig aus diesen Schichten der Idealismus-Kritik herausgeschält werden. Bayertz sieht im Zentrum des Marx’schen Denkens eine „relationale Sozialontologie“, die die Produktionsaktivitäten der Individuen in ihren wechselseitigen Beziehungen als den materiellen Kern der Gesellschaftsstruktur begreife und damit auf einen entstofflichten Materiebegriff hinauslaufe. Diese Lesart als eines „nicht-naturalistischen Materialismus“ bricht das scheinbar starre Abhängigkeitsverhältnis von ökonomischer Basis und geistigem Überbau aus dem – so Bayertz – „unseligen Vorwort“ von 1859 auf. Stattdessen sind die Produktionsverhältnisse selbst auch Produkte menschlichen Handelns. Dieses ist damit nicht einseitig determiniert von unpersönlichen materiellen Faktoren, sondern gestaltet diese mit.

Wie auch Schmidt herausstellt, führt dieses Wechselspiel letztlich zu gesellschaftlichen und politischen Regeln, die einerseits von Menschen gemacht sind, die andererseits aber eine eigene Qualität annehmen, die sich gegenüber willentlichen Veränderungen sperrt – ein Denkmuster, das sich auch in der Analyse des Fetisch-Charakters der Ware im Kapital findet. Das philosophische Denken von Marx lässt sich interpretieren als das Bestreben, die Mechanismen zu entlarven, die die freie Entfaltung der Individualität über das Notwendige hinaus behindern. Auch die ökonomischen Studien der späten Jahre dienten letztlich diesem Ziel, indem sie die sozialen Bedingungen bestimmten, die es dem Lohnarbeiter verwehrten, zu „freien, wirklichen Menschen“ zu werden.

Allerdings schätzte Marx bereits die freiheitlichen Errungenschaften seiner Zeit keineswegs gering. Marti-Brander schlägt ihn daher in den ideologischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts sogar „zur liberalen Seite“. Durch seine auf die Freiheitsfrage konzentrierte Lektüre zentraler Schriften arbeitet er heraus, dass Marx die politischen und privaten Freiheitsrechte der bürgerlichen Gesellschaft keineswegs nur als Chimäre, sondern als wichtigen Fortschritt begriff. Selbst der Egoismus sei beim frühen Marx kein negativ gemeinter Begriff gewesen, habe doch auch für ihn wie für die Liberalen das Zusammenspiel der privaten Interessen das allgemeine Interesse hervorgebracht. Wie Marti-Brander mehrfach betont, blieb Marx zeitlebens der „Anwalt der Freiheit“, nicht der Gleichheit oder der „Verteilungsgerechtigkeit“. Wenn Marx im Kapital schließlich doch die Aushöhlung der Menschenrechte in der Praxis des kapitalistischen Systems kritisierte, geschah auch dies im Namen der Freiheit. Seine Wendung zum Kommunismus zielte genau auf diese Freiheit für die Entfaltung des Individuums ab, die von den existierenden gesellschaftlichen Strukturen verhindert wurde; gerade deshalb sollte es sich beim Kommunismus „nicht um eine egalitäre, sondern um eine individualistische Ordnung“ handeln.

Marti-Branders pointierte Lektüre unterstreicht die Bedeutung der liberalen Tradition im Denken von Marx, die durch eine entsprechende Aufarbeitung des ideengeschichtlichen Kontexts anregend nachgezeichnet wird. Dennoch bleibt ein wichtiger Unterschied zwischen dem liberalen Mainstream des 19. Jahrhunderts und Marx: Während die Liberalen affirmativ die bürgerliche Gesellschaft als Verwirklichungsort der Freiheit begrüßten, strebte Marx deren Überwindung an. Anders als die Liberalen beanspruchte Marx grundlegender, ein zukünftiges „Reich der Freiheit“ mit dem „Reich der Notwendigkeit“ in Einklang zu bringen. Dies erforderte das Erreichen einer neuen Stufe der gesellschaftlichen Entwicklung. Begriffe wie Freiheit, Individuum und Aufklärung sind zwar Marksteine des liberalen Selbstverständnisses, aber zugleich so schillernd, dass sie auch gegen den Liberalismus verwendet werden konnten. Marx steht unbestreitbar in der Tradition der Aufklärung, war aber ebenso von aufklärungskritischen Denkströmungen, wie beispielsweise der Romantik, beeinflusst, die selbst wiederum in einem komplizierten Verhältnis von Anziehung und Ablehnung mit dem Sozialismus verschränkt waren. Die Vielgestaltigkeit des Marx’schen Denkens tritt im Versuch der ideengeschichtlichen Einordnung nur umso stärker hervor.

Alle Autoren weisen auf unaufgelöste Spannungen, Widersprüche und Unklarheiten im Werk von Marx hin. Vornehmlich geht es ihnen aber um die Rekonstruktion seines Denkens, nicht um dessen Kritik oder die Weiterführung im Zusammenhang postmoderner oder postkolonialer Lektüren rings um Fragekomplexe von Modernität, Ethnizität oder Eurozentrismus. Dennoch beinhaltet allein schon der Hinweis auf die „produktive Unruhe des Marx’schen Denkens“ (so Schmidt) Ansatzpunkte zur Diskussion der aktuellen Relevanz. Fragt man etwa danach, ob Marx ein Theoretiker der Gerechtigkeit war, ist es laut Quante nicht von zentraler Bedeutung, dass Marx in der Zirkulationssphäre der Waren die „angebornen Menschenrechte“ am Werk sieht, da er dem Kapitalismus insgesamt als „einer dem Menschen unangemessenen Lebensform“ grundlegend kritisch gegenüberstehe. Trotz ihrer ethischen Dimensionen ist die Marx’sche Kapitalismuskritik daher im Kern auch keine moralische Kritik, sondern wurzelt in der philosophischen Anthropologie, wie dies auch Bayertz – dem Quantes Bändchen übrigens zugeeignet ist – herausarbeitet.

Für die Aktualisierung von Marx’ Denken bedeutet dies eine Herausforderung: Zwar enthält auch seine anthropologische Argumentation implizit Grundzüge einer Ethik, die zur anhaltenden Relevanz seines Denkens beitragen; angesichts der historischen Erfahrungen mit Regimen, die (nicht zuletzt unter Berufung auf Marx) die Geltung der Menschenrechte leugneten (und leugnen), zwingt das Fehlen einer expliziten Gerechtigkeitstheorie aber auch zur Weiterentwicklung seiner Ansätze. Die Schwierigkeiten bei der Lösung dieser Aufgabe verweisen laut Quante über Fragen der Marx-Exegese hinaus darauf, dass wir die „Begrenztheit und Fragilität unserer Ethik und unserer ethischen Praxis aushalten müssen“.

Auch Marx’ ständiges Bestreben, die Wandlungen seiner Zeit denkerisch zu erfassen, stellt Angebote zur historisch vertieften Urteilsbildung in gegenwärtigen Problemlagen bereit – zum Beispiel erweist er sich laut Marti-Brander als „Theoretiker des Populismus avant la lettre“, wenn er in seiner Analyse der Herrschaft Napoleons III. im 18. Brumaire zeigt, wie „mit Lust und Absicht alle Regeln, die dem politischen Getriebe eine gewisse Rationalität, Berechenbarkeit und Legitimität verleihen, außer Kraft“ gesetzt werden, also letztlich „Anarchie im Namen der Ordnung“ propagiert wird.

Nicht alles, was sich zu einem viel beforschten Philosophen wie Marx sagen lässt, kann grundstürzend neu sein. Die vorliegenden Darstellungen bieten aber sowohl eigenständige Perspektiven als auch gute Einstiege in den Stand der gegenwärtigen Verständigung über den Charakter des philosophischen Werks eines universalen Gelehrten, dessen Arbeiten vielfach Harmonisierungen oder gar schablonenhafte Anwendungsrezepte ausschließen. Letzteres dürfte wohl schon Marx selbst so gesehen haben – wie etwa Schmidt markant formuliert, „verabscheute [er] den Schematismus bei der Darstellung historischer Ereignisse geradezu.“

Nicht zuletzt die Unabgeschlossenheit des Marx’schen Denkens trägt zu seiner anhaltenden Relevanz bei, erlaubt sie doch anregende Neu-Lektüren aus wechselnden Horizonten heraus. Quante bringt die Aktualität auf die Formel vom „unversöhnten Marx“ – unversöhnt mit einer Gegenwart, in der die freie individuelle Entfaltung des Menschen weiterhin nicht umfassend verwirklicht sei. Darin liegt denn auch ein wesentlicher Reiz der neueren Studien: Sie richten ihr Augenmerk in besonderem Maß auf die Frage, wie die Rechte und Bedürfnisse des Individuums im Rahmen der Reproduktions- und Umgestaltungsprozesse der sozialen Strukturen gewährleistet werden können. Auch wenn die Welt nicht entsprechend der Hoffnungen von Marx verändert wurde, tragen die ausgefeilten Deutungen seiner Interpreten so dazu bei, sie und sein Werk besser zu verstehen.

Titelbild

Kurt Bayertz: Interpretieren, um zu verändern. Karl Marx und seine Philosophie.
Verlag C. H. Beck, München 2018.
272 Seiten, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783406721304

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Titelbild

Michael Quante: Der unversöhnte Marx. Die Welt in Aufruhr.
Mentis Verlag, Münster 2018.
115 Seiten, 12,90 EUR.
ISBN-13: 9783957431202

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Titelbild

Urs Marti-Brander: Die Freiheit des Karl Marx. Ein Aufklärer im bürgerlichen Zeitalter.
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2018.
380 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783498045388

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Titelbild

Christian Schmidt: Karl Marx zur Einführung.
Junius Verlag, Hamburg 2018.
264 Seiten, 13,90 EUR.
ISBN-13: 9783885068068

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