Eine banale Sache
José-Louis Bocquet und Christian Cailleaux erzählen Georges Simenons „Passagier der Polarlys“ neu
Von Walter Delabar
Die Adaptation von Literatur in der Graphic Novel ist immer ein Wagnis, eben nicht nur, weil die Lektüre des Textes, wenn sie der der Zeichnung vorangeht, deren Wahrnehmung und Wertschätzung beeinflusst. Das ist wie mit Büchern, die Vorlage für Filme sind und in denen konkrete Gesichter die imaginierten und Bilder mit Dialogen die Erzählung ersetzen sollen. Das kann funktionieren, muss aber nicht – wie auch in umgekehrter Richtung die Filmgesichter oft die literarische Imagination dominieren und Erzählung selber die Bilder und Dialoge nicht einholen können. Das mag dann irritierend sein, kann aber gelingen. Das größere Risiko besteht aber darin, die literarische Erzählung in zahlreiche Einzelbilder und Sprechblasen aufzulösen, wie das in der Graphic Novel notwendig ist. Die hat nämlich im Vergleich zum Film den Nachteil, deutlich statischer zu sein, Einzelbilder müssen hier auf Einzelbilder verweisen statt Bildsequenzen auf Bildsequenzen, die ihre eigene Dynamik entfalten können. Wo das nicht funktioniert und auch die Dialoge nicht tragen, kommen dann Erzählerstimmen zum Einsatz, die – was einzuräumen ist – das Verhältnis von Bild zu Text phasenweise umkehren.
Das Erstaunliche ist – so gesehen – dass eine solche mediale Übertragung trotzdem gelingen kann, was zu beweisen wäre. Etwa an der Adaptation eines Georges Simenon-Klassikers aus den frühen 1930er Jahren, an die sich José-Louis Bocquet als Szenarist und Christian Cailleaux als Zeichner gewagt haben.
Simenons Roman Der Passagier der Polarlys, 1932 erschienen, hat im Grunde genommen zwei Helden, den Kapitän der Polarlys, die von Hamburg ausgehend die Passage nach Kirkenes jenseits des Nordkaps zu bedienen hat, und die unwirtliche See, mit der Schiff und Passagiere zu kämpfen haben, zumal im Winter, in dem die Geschichte angesiedelt ist.
In Hamburg gehen einige, wenige Passagier an Bord, darunter eine mondäne junge Deutsche, die vorgibt auf einer Reise nach Lappland zu sein, aber – wie man sich denken kann – einiges zu verbergen hat. In Cuxhaven kommt noch ein deutscher Kriminalrat an Bord, der wenig später ermordet aufgefunden wird. Was insofern besonders rätselhaft ist, als in Hamburg ein Passagier an Bord der Polarlys gekommen ist, der aber unauffindbar bleibt, sobald das Schiff ablegt. Ein Ingenieur, der Chef einer Bergbaufirma und ein merkwürdiger Heizer komplettieren das Personal neben einem neu angeheuerten Dritten Offizier, der frisch von der Marineschule weg direkt an Bord gekommen ist. Der Mord auf See ist rätselhaft, weil der verschwundene Passagier zwar als Hauptverdächtiger gilt, aber nicht aufzufinden und damit nicht in Haft zu nehmen ist, ja sogar über Bord gesprungen sein soll. Irgendeine Verbindung mit der jungen Frau, eine Fräulein Storm, die die kleine Männerwelt des Schiffs aufmischt, ist zwar anzunehmen, bleibt aber lange Zeit verborgen.
Die erkenntnisleitende Figur hier ist schließlich der Kapitän, ein biederer Norweger, der mit der mondänen Welt, die über die Dame an Bord gekommen ist, keine Berührungspunkte hat. Aber er beobachtet, er schätzt ein, und er findet Hinweise darauf, dass die Vorfälle an Bord mit dem Drogentod einer jungen Verkäuferin am Montparnass in Paris zu tun haben können.
Simenons Roman lebt von dem engen Raum, auf dem sich alles abspielt, dem Schiff, und den Unbillen der Natur, denen das Schiff ausgesetzt ist. Die Passagen, in denen die Polarlys im dichten Nebel knapp an anderen Schiffen vorbei gelotst wird, erzeugen eine unabweisbare bedrohliche Stimmung, mehr als der geheimnisvolle Mord, der an Bord geschehen ist, und mehr als das exaltierte Verhalten der jungen Frau oder die merkwürdigen Geschichten um unauffindbare Passagier und zweifelhafte Heizer an Bord.
Simenon, der als Autor ungemein produktiv war, erzählt seine Geschichte recht unprätentiös entlang der Schiffsroute der Polarlys. Sie beginnt in Hamburg und endet in Kirkenes, wo die femme fatale das Schiff verlässt und verschwindet. Bis auf wenige Hinweise ist die Zeit, in der der Roman spielt, kaum eingrenzbar. Er könnte ebenso in den 1950ern spielen wie in den 1930ern, in denen er zum ersten Mal erschien.
Das ist in der Fassung, die Bocquet und Cailleaux vorlegen, anders. Hier ist die Erzählung offensichtlich in den späten zwanziger, frühen dreißiger Jahren angesiedelt. Interieur, Haltung, Kleidung, Verhalten und Sprache verweisen in ihrem Zusammenspiel auf die roaring twenties, die noch in die dreißiger Jahre hineinspielen.
Das wird vor allem in jener Passage erkennbar, die Bocquet und Cailleaux aus Simenons Erzählung herauslösen und an den Anfang der Graphic Novel stellen: Die Geschehnisse in Paris, die einen vorerst noch nicht aufgedeckten Zusammenhang mit den Ereignissen an Bord haben. Und schwelgen dabei in der Feier der Boheme der späteren Zwischenkriegszeit in Paris. Allein die Auftaktzeichnung der jungen Marie Baron auf Erkundungstour ist den Band wert.
In dieser Passage hat die Graphic Novel ihre stärksten Momente: Die Geschichte von der jungen Verkäuferin aus der Provinz, die nach Paris geht, um ein selbständiges und selbstbestimmtes Leben zu führen, die sich ins verruchte Montparnass wagt, um auch das kennenzulernen, dabei an die Falschen gerät, die sie mehr und mehr in ihre orgiastischen Umtriebe hineinziehen, in denen Alkohol, Sex und härtere Drogen selbstverständliche Ausstattungen sind, ist grandios vorgeführt und gezeichnet. Die junge Frau ist am Ende dieses Vorspanns tot, an einer Überdosis eines unbenannten Rauschgifts gestorben, die ihr einer ihrer neuen Freunde gespritzt hat. Eine atemberaubende, und gerade durch ihre Prägnanz und zeichnerische Umsetzung beeindruckende Geschichte.
Davon bleibt im zweiten Teil, auf der Polarlys, leider nicht viel, bis auf die Passagen, in denen sich die Zeichnung in die Rundungen des Fräulein Storm ergeht – was freilich als Projizierung der Faszination gelten darf, die das Fräulein auf den Kapitän ausübt, der eben wissen will, was auf seinem Schiff geschieht.
Ansonsten aber flacht die grafische Erzählung ab. Die Atmosphäre, die Simenon im Text immer wieder zu erzeugen weiß, geht verloren. Was dazu führt, dass gelegentlich Beitexte eingefügt werden, um den Schwund aufzuhalten, die Stimmung zu halten und die Erzählung halbwegs konsistent voranzutreiben.
Das Personal, das eh klein genug ist, verschwindet halbwegs in der Kulisse, die Handlung entwickelt sich nicht, die Bildsequenzen entwickeln nicht jenen Sog, den eine gute Graphic Novel auf den Leser haben soll. Bleibt der Griff nach der Vorlage. Wer nach der gezeichneten Fassung den Roman zu lesen bekommt, wird sich glücklich schätzen – bis auf jene Anfangspassagen, die aber bei Simenon kaum verankert sind.
Man wird mithin die Adaptation eben als nicht gelungen einschätzen, während der Text weiterhin funktioniert. Und das ist angesichts seines Alters, des Genres und der geringen Aufmerksamkeit, die sein Autor auf ihn gewandt hat, eben doch erstaunlich.
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