Stätten des Glücks und der Zufriedenheit

Carla Kasparis Dystopie „Das Ende ist beruhigend“ ist zwar einigermaßen originell, aber dennoch nicht ganz überzeugend

Von Rolf LöchelRSS-Newsfeed neuer Artikel von Rolf Löchel

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nahzukunftdystopien haben Konjunktur. Nun hat Carla Kaspari zu der bereits ansehnlichen Reihe eine weitere beigesteuert. In allernächster Zukunft handelt sie allerdings nicht. Vielmehr spielen sich die größtenteils unerfreulichen Ereignisse in einer durch den Klimawandel so gut wie unbewohnbaren Welt in den Jahren 2125 bis 2131 ab. Kein Wunder also, dass die Menschen jeder Lebensmut verlassen hat und die „Suizidrate auf dem Höchststand“ ist. Doch auch diejenigen, die sich nicht töten, leiden an einer „apokalyptischen Grundhaltung“, die sie in einer „heftige[n] Lethargie“ verharren lässt. Kein Wunder also, dass Kinderkriegen „eine konservative Seltenheit“ ist.

Auch die wenigen Superreichen bleiben nicht ganz von der allgemeinen Depression verschont. Daran ändert auch nichts, dass sie sehr alt werden und körperlich dabei noch immer recht jung aussehen.

Doch naht Hilfe aus einer unerwarteten Richtung in Form einer Droge namens Pure Hope. Und das Beste an ihr ist, dass sie nicht einmal süchtig macht. Wie sie gewonnen und eingesetzt wird, bestimmt die Handlung des Buches, wobei sein subkutanes Thema die Frage ist, ob das ethisch zulässig ist. Die ‚technischen’ Einzelheiten ihrer Produktion, der sogenannten „Spes-Destilation[]“, bleiben bedauerlicherweise recht vage und sind unter wissenschaftlichen Aspekten alles andere als überzeugend. Vielleicht ist dieses für Science-Fiction-Storys typische Novum allerdings auch eher metaphorisch zu verstehen.

Die beiden Schauplätze der Handlung könnten jedenfalls unterschiedlicher kaum sein. Denn da wäre einmal die deutsche Hauptstadt Berlin, in der es gerade einmal von November bis März möglich ist, sich etwas länger im Freien aufzuhalten. Dean, der reichste Mann des Landes hat sie dennoch zu seiner Residenz erkoren. Dabei ist das „Konzept einer Großstadt“ eigentlich schon „lange gescheitert und überwunden“.

Der größte Teil der Handlung spielt denn auch an einem ganz anderen Ort, und zwar in einem unter einer schützenden Kuppel gelegenen Dorf im längst unbewohnbar gewordenen Norden Italiens. Es wurde als „Schutzraum für Kreativität und Talent“ geschaffen, in dem Residents genannte Menschen unter „perfekten Bedingungen“ leben. Denn ihr Refugium ist bestens temperiert sowie mit einem „Bewässerungssystem und Windmaschinen“ ausgestattet, so dass stets das beste, den Jahreszeiten entsprechende Klima herrscht. Überdies wird die Luft alle 14 Tage vollständig ausgetauscht. Da versteht es sich, dass die DorfbewohnerInnen stets glücklich und zufrieden sind. So sind nicht nur Wetter und Klima wohl austariert, auch die Residents sind stets ausgeglichen und begegnen einander „mit gleichbleibender Offenheit, ohne enttäuscht zu werden“. Das alles klingt zu schön, um wahr zu sein. Ist es aber. Allerdings hat die Sache doch einen Haken. Man kann dort nicht einfach nach Lust und Laune einziehen. Vielmehr werden nur Menschen „eingeladen“, „die überdurchschnittlich viel Hoffnung und Zuversicht in sich tragen“. Sind sie einmal dort, beginnen die Erinnerungen an die Außenwelt bei den Neuankömmlingen schon nach wenigen Stunden oder Tagen zu verblassen.

So ergeht es auch Esther, der Hauptfigur des Romans, aus deren Sicht das Leben in dem Dorf erzählt wird. Sie ist eine überaus erfolgreiche Künstlerin, deren Bilder in Berlin ausgestellt werden und sie dort geradezu zu einer „Hoffnungsträgerin“ machen. Dabei malt sie immer nur ein und dasselbe Motiv: Sonnen in den verschiedensten Variationen. Ihr Leben im Dorf ist – wie könnte es anders sein – denkbar unbeschwert, zumal sie es „angenehm“ findet, wenn Gespräche „inhaltsleer“ sind und ihre „Gedanken nicht zu sehr heraus[fordern]“.

Zu den weiteren ProtagonistInnen zählt etwa die Naturwissenschaftlerin Théa, die mit Esther zusammenwohnt. Hinzukommen bald auch die Neuankömmlinge Cleo und ihr Gatte Thomas. Er schreibt Romane und trägt nicht von ungefähr einen biblischen Namen, was allerdings auch auf die Ich-Erzählerin zutrifft.

Im Laufe der Lektüre stellt sich heraus, welche Beziehung zwischen den beiden Handlungsorten und -ebenen besteht, denn die Lesenden erfahren, dass kein anderer als Dean der Besitzer des Dorfes ist – und was er mit ihm im Schilde führt.

Die Handlung des Romans plätschert zunächst einmal eine ganze Weile recht gemächlich vor sich hin. Dafür aber werden die jeweiligen Stimmungen der Figuren recht ausführlich geschildert. Allerdings nimmt das Geschehen Fahrt auf, nachdem Esther gemeinsam mit ihren nächsten FreundInnen nach Berlin aufbricht, um dort eine Ausstellung ihrer Bilder zu eröffnen.

Angesichts einer imaginierten Gesellschaft des 22. Jahrhunderts wirkt es anachronistisch, dass sich die Figuren wiederholt heute gängiger Phrasen und Wendungen bedienen und etwa „Oh my God“ ausrufen, behaupten, etwas sei „durch die Decke gegangen“, jemanden als „verstrahlt“ bezeichnen oder auf eine Frage mit der achsenzuckenden Floskel „keine Ahnung“ antworten. Sehr heutig sind auch Geschlechterbezeichnungen wie „non-binäre Person“ und „weiblich gelesene Personen“. Dabei dürfte es ausgesprochen zweifelhaft sein, dass in hundert Jahren noch immer in diesen heute hippen Kategorien gedacht wird.

Andere Formulierungen sind hingegen erfreulich originell. So riechen Zypressen „etwas überheblich nach Thymian und Aprikose“ oder es herrscht irgendwo „eine andächtige Stimmung von tiefem Dunkelblau“. Gelegentlich nimmt die Autorin sogar augenzwinkernde Anleihen bei der Postmoderne und lässt jemanden „eine künstliche Pause ein[legen], als wäre er ein pathetisch angelegter Charakter in einer düsteren Science-Fiction-Erzählung“.

Gegen Ende wartet die Story sogar mit ein, zwei überraschenden Volten auf, die in einer Rezension selbstverständlich nicht ausgeplaudert werden dürfen. Da müssen Sie schon selber zu dem Buch greifen.

Titelbild

Carla Kaspari: Das Ende ist beruhigend. Roman.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025.
272 Seiten , 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783462006018

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