Ein Buch für Computernerds?

Bill Gates Autobiographie „Source Code“ ist eine Empfehlung für alle, die Interesse an der Jugend des Mannes haben, der einmal der reichste Mensch der Welt war

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für alle, die sich im Computerwesen nicht so genau auskennen: der Begriff „source code“ ist ein für Menschen lesbarer, in einer Programmiersprache geschriebener Text eines Computerprogrammes, der dem Computer Anweisungen gibt, bestimmte Aktionen auszuführen. Zusammen mit anderen Computerfreunden hatte Bill Gates es Ende 1975 geschafft, nach jahrelangen Versuchen sein BASIC Programm auf jedem Computer der damals vorherrschenden drei Computerfirmen (Commodore PET, Apple II und RadioShack TRS-80) zu installieren. Damit hielt er Einzug in Schulen, Haushalten und Büros von hunderttausenden Erstnutzern.

Doch das Buch ist keine Anleitung zum Benutzen dieser Computerbefehle; dann wäre es nur für Insider und Computerfreaks geschrieben. Vielmehr geht es um Bill Gates‘ Leben als Kind und als Jugendlicher, bis er schließlich im Alter von 19 Jahren gemeinsam mit Paul Allen Microsoft gründete. Die Autobiografie zeigt, welche vielfältigen Anlagen Gates hatte, wie er sich schon als intelligentes Kind in alle möglichen interessanten Wissensgebiete vertiefen konnte und wie ihm seine Wissbegier (nicht nur in Bezug auf Computer) immer Feuer gab.

Gates wurde 1955 in Seattle in eine zu dem Zeitpunkt zwar wohlsituierte, aber noch nicht reiche Familie geboren. Seine Eltern hatten beide an der University of Washington in Seattle studiert. Sein Vater wurde nach dem Studium über das GI Bill, ein Gesetz, dass ehemaligen Soldaten ein Universitätsstudium ermöglichen sollte, Anwalt in einer Kanzlei. Die Mutter verzichtete zunächst auf eine eigene Karriere, um sich um die Familie zu kümmern und diverse soziale Aufgaben zu übernehmen. Von Anfang an hegte sie eine Vision für ihre Familie: ihr Ehemann sollte erfolgreich sein, die Kinder in Schule und Sport Bestleistungen hervorbringen. Gates vermutet, dass die Mutter ihre eigene Familie den Kennedys nachbilden wollte.

Bei den Familien wie der unseren herrschte ein Gefühl von Zuversicht. Unsere Eltern und alle Eltern die wir kannten, hatten die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Und jetzt, das konnte jeder sehen, boomte Amerika.

Die technikoptimistische Vision der Weltausstellung – die noch heute von der Space Needle, dem Wahrzeichen von Seattle, symbolisiert wird – beeinflusste den jungen Bill: Er las viel und brachte sich vieles selbst bei. Wie seine Geschwister musste er auf Reisen Tagebücher führen, die sich mit Geografie und Geschichte der Region beschäftigten. Schon in der Grundschule im Alter von etwa sechs Jahren sei ihm bewusst geworden, dass ihm Mathematik zufliege. Gates gefielen die absoluten Gewissheiten. Seine Lieblingsbeschäftigung schon damals war Fakten und Informationen zu sammeln. Mit all dem weitläufigen Wissen habe  er den Eindruck bekommen, dass sich alle Rätsel der Welt lösen ließen, wenn man nur seinen Verstand einsetzte.

Ich gewann damals zunehmend den Eindruck, dass ein Großteil der Welt rational war…, dass es für viele komplexe Probleme… Antworten gab, auf die ich durch Nachdenken selbst kommen konnte… Damit einher ging auch das Gefühl, dass die intellektuelle Kluft zwischen den Erwachsen und mir verschwand.

Mit der Erkenntnis, dass er über herausragende Fähigkeiten verfügte, setzte seine Pubertät schon im Alter von circa neun Jahren ein, denn er akzeptierte die Vorschriften von Eltern und Lehrern nicht mehr. Der Schulstoff passte ihm nicht, so dass er sich durch unangemessenes Verhalten in der Schule zum Klassenclown entwickelte und von seinen Mitschülern als Nerd angesehen wurde. Eine lange Therapie bei einem vom jungen Gates akzeptierten, intelligenten und einfühlsamen Psychotherapeuten führte offenbar zu einem gewissen Erfolg.

Der richtige Erfolg aber setzte erst in der privaten Lakeside School in Seattle ein, die von Anfang an ein außergewöhnliches, liberales Curriculum hatte, auf Qualität von Schülern sowie Lehrkräften setzte und als erste Schule im Staat Washington einen Fernschreiber hatte, mit dem man sich – gegen Geld – mit einem Computer in Kalifornien verbinden konnte. Dort lernte der 13jährige Bill andere Jungen kennen, die ähnlich wissbegierig waren wie er und ebenso fasziniert von den Anfängen des Programmierens. Der zwei Jahre ältere Paul Allen wusste auch schon mit 13, dass Computer eine glänzende Zukunft hatten. Benutzt hatte er dieselben bis dahin noch nicht. Vor allem stachelte er Bills Ehrgeiz an. Beide freundeten sich mit zwei ähnlich begabten Jungen an, die die „Lakeside Programming Group“ bildeten, eine Gruppe, die gleichzeitig Konkurrenten waren. Schon im High School-Alter hatten die vier ein gewisses Geschäfts- und Profitdenken. Froh, die noch teuren Computer umsonst benutzen zu können, schlossen sie schon als Teenager Verträge mit großen Firmen. Sie recherchierten die Höhe der Gehälter von Angestellten und entwickelten das Gehaltsabrechnungssystem PAYROL. Der Gewinn, der dabei abfiel, wurde je nach der investierten Arbeitszeit verteilt, so dass Kent und Bill je den größten Anteil bekamen.

Nach dem High School-Abschluss bekam Bill Zusagen von allen großen, prestigeträchtigen Universitäten. Er entschied sich für Harvard und wählte auch dort von vornherein die anspruchsvollsten Kurse.

Während der Rest des Wohnheims mit Mülltonnen voller ZaRex- Fruchtpunsch und Wodka feierte, knobelten wir an Mathe-Aufgaben, hingen einfach ab und zogen uns gegenseitig in Debatten und Fragen hinein, die unser kognitives Potenzial oder unser Allgemeinwissen auf die Probe stellten… Die Schlagzeilen [Abtreibung, Vietnamkrieg, Wehrpflicht] bildeten den Hintergrund des Jahres 1973, aber meine Freunde und ich verfolgten überwiegend enger gefasste Interessen. Wir redeten über Mathematik, Physik, Geschichte, Essen und gelegentlich auch über Mädchen, allerdings hatte keiner von uns viel mit ihnen zu tun, abgesehen von den wenigen Kommilitoninnen in [dem anspruchsvollsten Kurs] Math 55.

Auch in diesen Kursen herrschte ein starkes Konkurrenzverhalten. Obwohl Bill einer der ehrgeizigsten und besten Studenten war, war ihm die Mathematik nicht realitätsnah und innovativ genug.

Ich erkannte, dass ich über ein hervorragendes mathematisches Gehirn verfügte, aber nicht über die Gabe der Einsicht, die die allerbesten Mathematiker auszeichnet. Ich besaß Talent, aber nicht die Fähigkeit, grundlegende Entdeckungen zu machen.  Ich sah mich in zehn Jahren: als Dozent an einer Universität, aber nicht gut genug, um bahnbrechende Arbeit zu leisten.

Mit dieser Einsicht verfolgte er weiter seine geniale Computerlaufbahn. Aufgrund des überwältigenden Erfolges, brach er 1975 das Studium in Harvard ab und gründete mit Paul Allen in ihrer Heimatstadt Seattle Microsoft. Als der Erfolg 1975 zu groß wurde, gründete er zusammen mit Paul Allen Microsoft in Seattle – nicht im Silicone Valley, das damals schon herausragend war.

Die Autobiografie scheint ehrlich geschrieben und glaubhaft zu sein, vor allem da Gates auch die Darstellung seiner Schwächen nicht auslässt. Zum Beispiel berichtet er von harten Wanderungen in den Wäldern des unwegsamen amerikanischen Pacific Northwest, wo er nicht Anführer war, sondern sich eher mit seinen körperlichen Schwächen auseinandersetzen musste.

Im Epilog am Ende verweist er auf das Privileg, in einer wohlhabenden und seiner Entwicklung förderlichen Umgebung aufgewachsen zu sein:

 … es gibt Tage , an denen ich gerne wieder dreizehn wäre und mit dem Gedanken spielen würde, das man etwas wirklich Nützliches und Neues schaffen kann, wenn man nur weitermacht, mehr lernt und besser versteht… In meinem Fall bin ich beeindruckt von einer Reihe einzigartiger Umstände – auf die ich größtenteils keinen Einfluss hatte-, die sowohl meinen Charakter als auch meine Karriere geprägt haben. Man kann das unverdiente Privileg, das ich genossen habe, nicht genug betonen: In den reichen Vereinigten Staaten geboren zu sein, ist ein großer Teil des Geburtslottos, ebenso wie weiß und männlich in einer Gesellschaft geboren zu sein, die weiße Männer bevorzugt.

Titelbild

Bill Gates: Source Code. Meine Anfänge.
Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind u.a.
Piper Verlag, München 2025.
383 Seiten , 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783492073110

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch