Köstlich kenntnisreiche Aufklärungen zu Musik und Literatur
Dieter Borchmeyers Aufsätze sind Höhepunkte im Nachdenken über Musik und ihre literarischen Bewunderer
Von Bernd Blaschke
Mit dem hier zu besprechenden, überwältigenden Band intendierte Dieter Borchmeyer eine „repräsentative Auswahl“ aus seinem wissenschaftlichen wie publizistischen Oeuvre zu ideen- wie werkgeschichtlichen Verflechtungen zwischen Tonkunst und Textkunst. Man kann den 1941 geborenen Heidelberger Germanistikemeritus und ehemaligen Präsidenten der Bayerischen Akademie der schönen Künste Dieter Borchmeyer – neben seinem Berliner Pendant Norbert Miller – als Doyen im weiten Feld des literarisch-musikalischen Crossover Denkens titulieren.
Seit dem 18. Jahrhundert rückte mit dem Abdanken der Regelpoetik – die lange orientiert war an Horaz Diktum ‚ut pictura poiesis / wie die Malerei, so die Poesie‘ – Musik anstelle der Malerei als Faszinationsmedium verstärkt in den Reflexionshorizont von Dichtern. Borchmeyer verfolgte diese Beziehungsgeschichte sein Philologenleben lang. Hier legt er nun gesammelt und neu überarbeitet kleinere Studien vor, die seine Bücher zu Mozart und Wagner sowie zu Tomas Mann, dem vielleicht am offensten musikalisch inspirierten Erzählkünstler, mehr als nur flankieren. Breit belesen, sich stupende in der Materie auskennend, bietet diese großformatige, 500 Seiten starke Auswahl eine wahre Schatzkiste. Sie versammelt so gelehrte wie originelle Anläufe, überraschende Aspekte der Musikdeutung oder Anverwandlung bei Klopstock, Goethe, Schiller und den Romantikern aufzuzeigen. Zudem leuchtet sie in umgekehrter Bezugsrichtung die Literaturdeutungen und Aneignungen der Lied- und Opernkomponisten aus. Stets geschieht dies bei Borchmeyer trotz all seiner Gelehrsamkeit im recht lockeren Parlando. Er vermeidet den akademischen Jargon weitest möglich, was den geübten Vortragsredner ausweist.
Dieses Buch ist als Summa von Borchmeyers musikästhetischem Forschen zu begreifen. Die etwa 40 Aufsätze sind aufgeteilt in sechs Abteilungen. Die erste erläutert grundlegend die Oper als eine hybride Gattung, die Literatur (Libretto) und Musik zusammenführt. Wobei es historisch diskursiv immer wieder zu Vorrangdisputen kam und die Hybridgattung von Komponisten und Theoretikern mit unterschiedlichen Nuancierungen beschrieben wurde. Diese Abteilung wird eröffnet mit zwei Großartikeln Borchmeyers aus dem maßgeblichen Handbuch ‚Musik in Geschichte und Gegenwart‘. Einer beschreibt das Libretto als spezifische musikalisch-theatralisch-literarische Gattung, deren Poetik sich im Hinblick auf Zeit- und Handlungslogiken von der Dramatik merklich unterscheidet und tendenziell der Epik zuneigt. Der zweite Artikel beantwortet schlüssig die Frage ‚Was ist ein Gesamtkunstwerk?‘. Eine Vorstufe davon wurde 1992 vor seinem Abdruck in MGG auch schon in Walther Killys ‚Literaturlexikon‘ publiziert. Diese Artikel bestechen in bester Handbuch-Manier durch breite Quellenkenntnis sowie durch die systematisch analytische Anlage ihrer aufschlussreichen Gattungsportraits. Die Abteilung zu Grundfragen der Kunstform Oper wird abgerundet mit zwei historisch motivischen Studien. Die eine weist nach, wie und warum gerade die Oper dem Mythos verpflichtet ist, der in der Moderne doch in den meisten Bereichen obsolet geworden ist. Zum anderen wird aufgezeigt, dass die Oper immer wieder um die Liebe und um den Tod kreist, weil diese Themen mit ihrer spezifischen Zeitlichkeit des Küssens und des Sterbens von den szenisch-musikalischen Darstellungsmitteln der Oper aufs Schönste verdichtet, das heißt: besungen und instrumental assoziiert werden können.
Die zweite Abteilung widmet sich mit sechs Aufsätzen Mozarts musikalischer Poetik. Borchmeyer verortet Mozarts politische Ambivalenz zwischen Verhaftung ans Ancien Regime und fortschrittlichem Beharren auf Menschenwürde und Selbstbestimmung umsichtig im Zeitalter der Aufklärung und der sich anbahnenden französischen Revolution (von der Mozart freilich kaum Kenntnis nahm). Mozarts Arien werden gedeutet als Kunst des musikalischen Augenblicks. Seine Liebesplots in ‚Figaros Hochzeit‘ wie auch dem ‚Don Giovanni‘ werden als Erotik der Empfindsamkeit gelesen und expliziert als Absage an die dynastische und höfische Erotik aus Heiratspolitik, Tändelei und Übergriffen.
Sieben Aufsätze umfasst das Kapitel ‚Musikästhetik im Umkreis Weimars und ihre Folgen‘. Den Auftakt macht eine eindringliche Studie zu Klopstocks genuin musikalisch orientierter, klanglich rhythmischer Dichtung. Vier Aufsätze widmen sich Goethes musikalischem Horizont, insbesondere seiner Kenntnis Johann Sebastian Bachs sowie zeitgenössischer Komponisten, zudem seiner Faust-Dichtung im Hinblick auf zahllose, überzeugend präsentierte opernhafte Elemente des goetheschen Großwerks. Wie Goethe auf Musiker wirkte, wird erörtert an den meist untergründig wirkenden Rezeptionsspuren im Werk des großen Goethe Verehrers Richard Strauss. Dessen Respekt vor dem Weimarer Meister ging so weit, dass er vor direkten Aneignungen oder Vertonungen zurückschreckte. Friedrich Schiller als musikalischen Dichter adressieren zwei Aufsätze, wobei der längere überzeugend nachzeichnet, wie und warum Schiller nicht nur in Verdis Opernschaffen zum bevorzugten Vorlagen-Lieferanten wurde, sondern auch wie Schiller selbst seine Dramen gewissermaßen aus dem Geist der Oper und unter Rückgriff auf zentrale Strukturen des Musiktheaters schuf.
Sieben thematisch recht breit gefächerte Aufsätze bilden die Abteilung ‚Musikalische Romantik – Pro und Contra‘. Ein konziser Aufsatz erläutert den Ort und Stellenwert der Musik in Hegels Kunsttheorie im Kontext romantischer Musikästhetiken. Clemens Brentanos Lyrik wird als Höhepunkt deutschsprachiger Klangmagie in der deutschen Literaturgeschichte mit feinen Beispielen gewürdigt. Der österreichische Dichter Grillparzer wird als großer Musikkenner portraitiert, seine diesbezüglichen Reflexionen vorgestellt und lebendig nachgezeichnet, wie er auf seinen musiktheoretisch führenden Landsmann Eduard Hanslick wirkte. Wie so oft dreht sich der Abgleich zwischen dem Poeten und dem Musikdenker um Verhältnisnuancierungen zwischen musikalischem und dramatisch-literarischem Prinzip in der Oper. Beim musikliebenden Dichter Grillparzers führt der von ihm konstatierte klare Vorrang des musikalischen Prinzips bis an die Grenze eines sacrificium intellectus des Sprachkünstlers. Auch der Aufsatz ‚Richard Wagner und Thomas Mann als Erben der romantischen Musikästhetik‘ kreist um die romantische Kardinalfrage: Wie unterscheiden sich Sprache und Musik? Und bei der Oper dann näherhin: Wie verhalten sich Textbuch und dramatische Handlung zur unendlichen, auf Gefühl und Innerlichkeit, auf metaphysische Tiefen oder vorsprachliche Wesenskerne zielenden Tonkunst? Thomas Mann erkannte überraschenderweise im vermeintlichen Klassizisten Schiller einen genuin romantischen Triebgrund, einen sentimentalischen Dichter, der hinter den Worten und Geschichte auf Ideen zielt und „seine Heimat in orphischen Tiefen hatte.“ Drei Aufsätze mit schönen und überraschenden Einsichten adressieren die romantische Liedkunst – respektive deren Überschreitung bei den Vertonungen der ironisch gebrochenen Gedichte des Nachromantikers Heinrich Heine. Schuberts Liederzyklus ‚Die Winterreise‘ wird mittels Liedtextanalysen als Reise in eine „poetisch musikalisch noch nie zuvor beschworene pessimistische Gefühlslandschaft“ erläutert. Der Protagonist der Winterreise wird als ein ‚neuer Ahasver‘ erkannt und abschließend erklärt, dass der Dichter des Absurden Samuel Beckett Schopenhauer las und verehrte, und Fischer- Dieskaus Einspielung der ‚Winterreise‘ mit Gerald Moore (von 1963) zu seinen meist gehörten Schallplatten zählte. Auch Schuberts Zyklus ‚Die schöne Müllerin‘ nach Gedichten Wilhelm Müllers gilt ein kleiner Aufsatz. Der weist schlüssig nach, wie Wilhelm Müllers parodistisch ironische Rahmung des Müller-Plots sich in Schuberts Vertonungen in Desillusionslieder verwandelt. Wilhelm Müllers artistisch literarisches Spiel wird bei Schubert ernst und findet sich transponiert in Stimmungen der Hoffnungs- und Trostlosigkeit. Das lyrische Ich von Schuberts Monodrama liegt am Ende tot im Wasser – und singt.
Ein Lieblingsaufsatz des Rezensenten widmet sich spannend vertrackten Fragen: Wie operieren musikalische und poetische Ironie? Wie unterscheiden sie sich? Wie und warum scheitern romantische Komponisten häufig an der literarischen Ironie romantischer Dichtung und zumal der des Post-Romantikers Heinrich Heine? Dieser Aufsatz portraitiert und würdigt zugleich den weithin vergessenen Diplomaten und Komponisten Vesque von Püttlingen. Der war nicht nur ein rechtshistorisch bedeutender Autor, einflussreicher Diplomat und Künstlerfreund. Vielmehr transponierte und bewahrte von Püttlingen in seinen zahlreichen Heine Vertonungen gekonnt wie kein anderer dessen Ironie und gebrochenes Pathos. Für Borchmeyer steht von Püttlingen für die raffiniertesten und verständnisvollsten musikalischen Umgangsweisen mit Heines Ironie, die er ästhetisch (aber leider kaum im Hinblick auf seinen Nachruhm) erfolgreich in passende musikalische Ausdrucksformen überführte.
Richard Wagner wird in der pointiert betitelten Abteilung ‚Wagner im Gegenlicht‘ kenntnisreich komparatistisch entdeutscht. Dies vollzieht sich im faszinierenden Verlauf von zehn ausgewählten Aufsätzen. Borchmeyer rekonstruiert Wagners emphatisch weltoffenen Bezüge auf den Buddhismus, auf die griechische Antike und auf die spanische Literatur des goldenen Zeitalters. Die überzeugend argumentierenden Aufsätze beruhen auf breiter und gründlicher Kenntnis von Wagners Opern, Schriften, Korrespondenzen und Gesprächen mit seiner Frau Cosima. Hier erfahren auch Wagnerkenner immer wieder Neues und Überraschendes. Wagner erweist sich als Verehrer des spanischen siglo d’oro (Cervantes, Lope de Vega und Calderón), als Tierfreund, als Kosmopolit, den es vor den deutschtümelnden Wagnerianern zu retten gilt – was im übrigen schon Nietzsches Leid und Anliegen war, später auch das des reiferen Thomas Mann. Wagner-Parodien werden in einem breiten Panorama oft wenig bekannter literarischer wie musikalischer Parodiewerke vorgestellt. Diese mal spielerischen mal bissig sarkastischen Parodien auf Richard Wagners Themen, Motive und Tonlagen verankert Borchmeyer kundig in seiner Ausgangsbeobachtung, dass sich schon Wagner selbst gerne auf die Schippe nahm. Zudem komponierte Wagner in seinen ‚Meistersingern‘ eine geistreiche, komische Satire auf Typen des eigenen Metiers. Die Rolle des ereignishaften Blicks bei Wagner erkundet Borchmeyer ebenso ertragreich und überzeugend wie dessen Schriftkritik: In Wagners Opernplots herrscht konsequenter Phonozentrismus. Seine Opern haben kaum je Briefe oder schriftliche Kommunikation zum Gegenstand – im Gegensatz zu vielen Dramen oder Opernlibretti, in denen der Brief oft ein zentrales Medium der Handlung oder Intrige darstellt. Über das allgemein bekannte, so enge wie dann schwierig zerworfene Verhältnis zwischen Wagner und Nietzsche las man kaum je auf 20 materialreichen Seiten Aufschlussreicheres. Ideologische, musik- und geschichtsphilosophische und nicht zuletzt psychologische, persönlich familiäre Motive dieser Gigantenbeziehung werden hier zusammengetragen und schlüssig nacherzählt.
Die letzte Abteilung firmiert unter der Überschrift ‚Musik als Medium der Kritik‘. Ein Aufsatz weist wie stets mit stupender Werk- und Quellenkenntnis nach, dass die Figur des Beckmessers (in Wagners Meistersingern) entgegen der landläufigen Meinung vom Wiener Musikdenker Eduard Hanslick nicht auf sich bezogen wurde; und dass diese Figur aufgrund ihrer sozialen Stellung im Plot des bürgerlichen Nürnbergs der Renaissancezeit kaum als Ausdruck von Wagners Antisemitismus aufgefasst werden kann, da sie keine jüdischen Züge trägt. Die frühe, hoch polemische, musikkritische Publizistik dies Liedkomponisten Hugo Wolfs wird akribisch portraitiert und plausibel aus seiner Lebenswelt und Karrierelage erklärt.
Minutiös rekonstruiert werden in einem Aufsatz die Beiträge Adornos zu Thomas Manns Musikerroman ‚Doktor Faustus‘. Wie immer schöpft Borchmeyer dabei aus der vorliegenden Forschung. Hier schreibt er insbesondere Carls Dahlhaus‘ wichtige Hinweise fort. So gelangt er zur pointierten These, dass Thomas Mann seiner Teufelsfigur Leverkühn zwar recht konsequent Adornos Forderungen und dessen Konzeption avanciert moderner Musik in den Mund legt, dass der Roman als solcher von Thomas Mann jedoch als heiteres Kunstwerk angelegt wurde. Womit das Werk als Ganzes im Widerspruch zu Adornos Verdikt gegen heitere Kunst stehe. Im Gegenstz zu Adornos Ästhetik sei der Roman zudem als geschlossenes Kunstwerk gestaltet und folge dabei immer noch (und ohne Adornos Hilfe) Manns lange bewährter, von Wagner entlehnten Leitmotivtechnik. Der ‚Doktor Faustus‘ widerlege als Romankunstwerk mithin die Musikphilosophie seiner Hauptfigur. Thomas Manns Roman im Ganzen opponiere ästhetisch gewissermaßen seinem Theorielieferanten, seinem „wirklichen geheimen Rat“ Adorno. Den fulminaten Aufsatzband beschließt vor einer finalen Würdigung der ‚Musik in Robert Walsers Prosa‘ Borchmeyers tief schürfende Darlegung der dialektischen Auffassungen über musikalische Schriftlichkeit, deren Interpretation und performative Aufführung, die an Adornos Aufzeichnungen über musikalische Notation, Improvisation und Interpretation angelehnt ist.
Von lehrreich kompakten, systematischen Handbuchartikeln, die mit Überblick und kraftvollem Zugriff das Wesentliche zu Gattungsbegriffen darlegen über faszinierende Neuausleuchtungen an Borchmeyers Leitgestirnen Mozart, Goethe, Wagner, Thomas Mann bis zu zahlreichen kleineren, thematisch ungemein originellen und oft systematisch weit ausgreifenden Fallstudien wie der zur Ironie-Auffassung in Heine Vertonungen – dieser Sammelband ist eine wahre Fundgrube an einleuchtenden Einsichten zu literarisch-philosophisch-musikalischen Konstellationen. Ein Leseglück für Musikliebhaber, die nicht nur mit den Ohren hören, vielmehr sich dem Gehörten auch gern lesend, reflektierend, nachdenkend nähern.
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