Schwule Liebe – die übliche Beziehungskiste?

Pier Vittorio Tondellis Roman „Getrennte Räume“ bringt uns zurück in die späten 1980er Jahre, in der die Liebe keinen Unterschied macht, wer wen liebt – denn sie bleibt so kompliziert wie sie schon immer war

Von Nora EckertRSS-Newsfeed neuer Artikel von Nora Eckert

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Den italienischen Schriftsteller Pier Vittorio Tondelli (1955 bis 1991) nennt Wikipedia einen Kultautor seiner Generation. Als junger Mann erlebt er in den 1970er Jahren den schwulen Hedonismus, der schließlich einige Jahre später von der Katastrophe mit Namen Aids überrannt wird. Sein letzter, 1989 in Italien erschienene Roman „Camere separate“ macht die Katastrophe zum Elefanten im Raum. Denn auch im Roman tritt der Tod auf, wird dort jedoch als Krebs diagnostiziert. Aber es war ja längst die Zeit, in der die „Schwulenseuche“, wie sie zuerst hieß, wütete und Paare und Freunde für immer auseinanderriss. Tondelli zog es damals oft nach West-Berlin. Vor allem die Punk- und Hausbesetzer-Szene interessierte ihn, und wahrscheinlich überhaupt der Charme dieser heruntergekommenen Halb- und Frontstadt, die nie aufgehört hatte, ein Schwulenparadies zu sein. West-Berlin hat jedenfalls Spuren im Roman hinterlassen.

Um getrennte Räume ging es auch in einem anderen berühmten schwulen Roman – obschon der Titel etwas anderes anspricht, nämlich ein einziges Zimmer. Aber auch da stellte sich die Frage von Nähe und Distanz. Die Rede ist von James Baldwins Roman Giovannis Zimmer von 1956. Ungefähr in der zeitlichen Mitte zwischen diesem und Tondellis Roman von 1989 liegt der Aufbruch der Gay Liberation durch den New Yorker Stonewall-Aufstand von 1969. Mit der Emanzipation sind wir zwar nicht die Homofeindlichkeit losgeworden – im Gegenteil, gemessen an Hass und Gewalt wächst sie aktuell – aber die gesellschaftliche Sichtbarkeit unter dem kämpferischen Slogan „Raus aus dem Schrank und rein in die Straßen“ hat schließlich Positives bewirkt.

Die Emanzipation bleibt vorerst ein Verteidigungsfall. Dennoch, die Lebenssituationen unterscheiden sich in den Romanen von Baldwin und Tondelli grundlegend. Als eine Art Bindeglied und zugleich politische Transmission des Privaten wäre in diese literarische Gegenüberstellung  Pier Paolo Pasolinis Fragment gebliebenes, radikales Gesellschaftsporträt „Petrolio“ hineinzunehmen, das, obwohl posthum 1992 erschienen, in den frühen 1970er Jahren vor Pasolinis gewaltsamen Tod entstanden ist. Der Mentalitätswandel ist über die drei Jahrzehnte hin offenkundig. So offenkundig übrigens wie das Fortbestehen gesellschaftlicher Ressentiments wie auch das Fortbestehen krisenhafter schwuler Liebesbeziehungen. Wie könnte es anders sein! Als gäbe es einen Preis für die Intimität. Offen bleibt indes, ob die Krisenhaftigkeit im Schwulsein begründet ist oder vielmehr oder zumindest auch in den gesellschaftlichen Verhältnissen. Tondellis literarische Antwort bleibt da ambivalent.

Im Zentrum seiner Erzählung stehen Leo und Thomas und ihre Liebesbeziehung. Leo, wenige Jahre älter, ist viel unterwegs, arbeitet künstlerisch. Ihre Begegnung ist jene berühmte Liebe auf den ersten Blick, unausweichlich und heftig. „Niemand kann zwei Menschen voneinander fernhalten, die zueinander gehören und einander suchen […].“ Die Begegnung findet bei einem Konzert statt, inmitten eines emotional aufgeladenen, ausgelassen feiernden Konzertpublikums. Während ihre Körper in der Umarmung zu verschmelzen scheinen, spielt die Band absolut hollywood-like den Song „I Feel Love“ – dazu wirkt ihr erster Kuss wie eine fetzige Liebesschnulze.

Die daraus entstehende Liebesbeziehung fühlt sich zunächst wie ein Wunder an und erweist sich schließlich als wahnsinnig kompliziert. Drei Jahre immerhin dauert sie. Was die Beziehung zwischen beiden kompliziert macht, das ist Leos unerfüllbares Verlangen, Nähe und Distanz gleichzeitig erleben zu wollen. Schon dass sie ein Paar geworden sind, erscheint ihm rückblickend paradox. Als Thomas einmal meint, er wolle immer bei Leo bleiben, antwortet in Leo das Gefühl, in einer Falle zu sitzen. Später heißt es im Roman:

Würden nicht auch sie am Ende ein Abziehbild dieser grotesken homosexuellen Paare abgeben, in denen der eine immer kocht und der andere immer auf den Markt einkaufen geht?

Oder anders gesagt, würden sie am Ende „zwei rührselige Ausgaben desselben unerträglichen, entmännlichten, verweiblichten Männertyps abgeben“, fragt sich Leo. Das klingt nun wahrlich nicht nach einem Plädoyer für die ‚Ehe für alle‘, die es ohnehin erst viel, viel später geben wird, die die schwule Subversion in gesellschaftliche Anpassung verwandelt. In Leos Sehnsucht und Begehren mischen sich einerseits die keineswegs nur schwule Körperfixiertheit (Heteros waren natürlich auch schon immer sexistisch) und andererseits diese diffuse Romantik: „Er wollte weiterhin als getrennter Liebender leben, er wollte weiterhin seine Liebe träumen und ihr nicht erlauben, im Alltäglichen zu versumpfen.“ Woraus die Idee der getrennten Räume wurde, nämlich als eine Liebesbeziehung „der Zugehörigkeit, aber nicht des Besitzes“. Edel gedacht, aber in der Wirklichkeit spielt das Besitzen doch eine Rolle. Wie sollte das im Körperlichen anders möglich sein?

Ihre Geschichte, ihr Voneinander-angezogen-Sein ist natürlich auch physisch, hat mit der Schönheit der Körper zu tun, der Verführungskraft der Blicke, der Tönung einer Wange oder dem geschmeidigen Gang.

Dasselbe in der Beschreibung der Person Thomas‘: „Die Liebe ist jetzt ein hochgewachsener, hagerer Körper mit noch jugendlichen, weichen, geschmeidigen und wohlgeformten Gliedmaßen“, worauf die Beschreibung des Gesichts folgt, die intensiv blickenden schwarzen Augen, und vergessen wird nicht die honigfarbene Haarsträhne. Hier wird ein Wesen beschrieben, „das mit seinen Händen musiziert, mit tiefroten Lippen küsst, mit gespanntem Rückgrat liebt“.

Weil sich aber genau dieses Sowohl-als-auch der getrennten Räume nicht in Leos und Thomas‘ Beziehung realisieren lässt, kommt es zum Bruch und zur Flucht. Und auf eine andere Art romantisch, bekennt sich Leo am Ende zur solipsistischen Künstlerexistenz: „Dann […] denkt Leo so intensiv wie vielleicht nie zuvor darüber nach, wie untrennbar sein Leben jetzt mit dem Schreiben verknüpft ist.“

Der Roman ist in drei Abschnitte gegliedert, in einen ersten, zweiten und dritten Satz – als wären die Zwischentitel die Tempobezeichnungen eines Solokonzerts (das klassischerweise dreisätzig daherkommt). Leos Welt steht dabei im Mittelpunkt, mit seinem Blick, seinem Denken nehmen wir die Geschichte wahr. Am liebsten ist er unterwegs, gleich ob diesseits oder jenseits des Atlantiks. Dazu passt der erzählerische Duktus mit all den Schnitten und Sprüngen darin, diesen erinnernden Rückblenden, und dem jähen Wechsel zurück ins Jetzt. Übrig bleibt im Roman ein Künstler in der Einsamkeit mit sich selbst, der vorgibt, Anerkennung nicht nötig zu haben und dabei sein Selbstmitleid genießt. Das ist keineswegs als Einspruch gegen den Roman zu verstehen, im Gegenteil – eine Empfehlung. Die jetzt erschienene Neuausgabe ist praktisch ein Nachdruck der deutschen Erstausgabe von 1993 in der Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel.

Titelbild

Pier Vittorio Tondelli: Getrennte Räume.
Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel.
Gutkind Verlag, Berlin 2025.

ISBN-13: 9783989410350

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