Weltpanorama

Thomas Pynchons neuer Roman „Schattennummer“

Von Tilman UrbachRSS-Newsfeed neuer Artikel von Tilman Urbach

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Mit Schattennummer ist nach zwölf Jahren ein neues Thomas Pynchon-Buch erschienen. Ein Lebenszeichen des inzwischen 88jährigen Autors, der sich seit den 1960er Jahren aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, abgetaucht ist. Und dessen Romane gerade deshalb Kultstatus genießen.

Wer, wenn nicht er, schreibt solche Romane? 400 Seiten vollgespickt mit Nerds und NerdInnen, allesamt verschroben und darauf aus, in einer unübersichtlichen Welt der Verbrecher und Syndikate ihr eigenes, oft bescheidenes Leben auf die Reihe zu bringen. Mittendrin Hicks MacTaggart, Privatdetektiv (Ex-Schlägertyp, jetzt geläutert), ein Bursche mit Ecken und Kanten, aber mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Er stolpert geradewegs in einen Auftrag hinein, der ihn – nicht wie sonst – lokal beschäftigen wird, sondern gleich nach Übersee ins vom aufkommenden Faschismus gebeutelte Europa der 1930er Jahre verschlägt. Denn Hicks wird auf Daphne Airmont, Erbin eines Wisconsiner Käseimperiums angesetzt, die mit einem Klezmer spielenden Klarinettisten durchgebrannt ist. Schmerzlich vermisst von ihrer Familie, deren Oberhaupt – des Käseimperiums Al Capone – gerade im Knast sitzt. Besonders pikant: Der junge Hicks hatte schon mal was mit Daphne, als die vor Jahren mit ihm im Schnellboot direkt aus der Psychiatrie über den Lake Michigan in ein autonomes Indianerreservat geflohen war.

Natürlich steckt Thomas Pynchons neuer Roman wieder voller weitsichtig gezogener historischer Parallelen, gesellschaftlicher Panoramen und Psychogramme, die sich getrost auf unsere Gegenwart übertragen lassen. Aber genauso voller Rätselhaftigkeiten und Absonderlichkeiten. Denn dieser Autor – treue Pynchon-Leser wissen das – schreibt weder motivisch noch szenisch bis ins Letzte nachvollziehbar, nicht von A nach B, eher sprunghaft und schon gar nicht lösungsorientiert. Die Detektivstory ist ihm im Allgemeinen völlig wurscht, fungiert allenfalls als Erzählfolie oder Genre, das es zu desavouieren gilt. Detektivgeschichten-Fans kommen hier also kaum auf ihre Kosten, dafür aber alle eifrigen Leserinnen und Leser, die sich an allerlei Anspielungen freuen, denen die Beschreibungswut Pynchons literarische Delikatesse ist, auch seine Menschenkenntnis, sein Instinkt für Absurdität und unfreiwillige Komik unseres Daseins, die der Autor pirouettenhaft zu steigern weiß.

Gerade ist Pynchon durch „One Battle After Another“ im Gespräch. Eine recht freie Verfilmung seines 1993 erschienen Romans Vineland mit dem hinreißenden Leonardo DiCaprio als ehemaligem Linksterroristen, der aus seiner bekifften Dauerschleife aufgeschreckt wird, weil er und seine Tochter urplötzlich von regierungstreuen rassistischen Paramilitärs gejagt werden. Vineland hatte Pynchon damals zwar als Reaktion auf die Restriktionen der Reagan-Ära in den 1980ern geschrieben – aber auch hier ließen sich leicht Parallelen zu den aktuellen, trumpistischen Greifertruppen ziehen. Auch Schattennummer liest sich als Blaupause unserer Welt im Umbruch am rechten Abgrund. Hier wimmelt es von Nazis – nicht nur im von deutschen Einwanderern dominierten Milwaukee –, von schwärmerischen Rechtsrückern, Gewinnlern und korrupten Wirtschaftsbossen.

Der gleichwohl immer coole Hicks ist übrigens kein Handelnder, sondern eher ein Getriebener, den die Ereignisse stets überholen und der sich dem Strom der Geschichte hingeben muss, um nicht unterzugehen. So stolpert er durch Europa Daphne hinterher von Wien über Budapest, nach Transsilvanien und an die kroatische Adriaküste.  Für seine Tour de Force ist der technikaffine Pynchon um keine Sonderlichkeit verlegen, phantasiert neben kurslos manövrierenden U-Booten, schwebenden Zeppelinen schließlich eine „Trans Trianon 2000“-Tour zusammen, auf der Hunderte von Motorradfahrern durch Osteuropa heizen. Mafiosi und Geheimdienst im Schlepptau. Motivisch scheint überall der Faschismus auf, in einer Horde saufender SA-Lümmel ebenso wie im immer aggressiver werdenden Antisemitismus.

Wo und wie, mag sich mancher Leser, manche Leserin, während dieser schwindelnden, überbordend comicstripartigen Lektüre fragen, soll das enden? Pynchontypisch im Offenen. Natürlich!

Titelbild

Thomas Pynchon: Schattennummer.
Roman.
Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025.
400 Seiten , 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783498008222

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