Voll das pralle Leben
„Ein Schaf umarmen“ sammelt spritzige Erzählungen von Barbara Krohn
Von Klaus Hübner
Ein Elternabend kann auch ein Abend für gestresste Eltern sein, die endlich mal wieder allein zu zweit sein wollen.
Er zog sie an sich. Durch den dicken, weichen Fellmantel ließ ihr Körper sich nur in Umrissen erspüren. Er wollte nicht kleinlich sein, aber es fühlte sich ein bisschen so an, als würde er ein riesiges ungeschorenes Schaf umarmen.
Das lässt nichts Gutes erahnen, und wirklich, der lang geplante Elternabend verläuft nicht ganz so wie gedacht. Obwohl … Man liest, lacht, schmunzelt und fragt sich: Könnte ich das sein? Sind wir so? Und genau das passiert den Lesenden bei vielen der hier versammelten Erzählungen, nicht nur bei Ein Schaf umarmen, oder: Elternabend. Das ist einer der 16 Prosatexte aus den Jahren 1988 bis 2018, die die in Regensburg und an der Lübecker Bucht lebende Barbara Krohn für ihren „Best-of“-Band ausgewählt hat. Es ist eine sehr gelungene Sammlung geworden, das vorweg.
Erzählungen, Kurzgeschichten oder Novellen haben es heute schwer, sich gegen die Übermacht der Romane auf dem Buchmarkt zu behaupten. Obwohl gerade sie sich bestens eignen für Menschen, die im Prinzip gerne lesen, aber sich wenig Zeit dafür zugestehen; oder für Lesegruppen, die vor allzu dicken Schmökern zurückschrecken. Erzählungen, und das gilt auch für die in Ein Schaf umarmen versammelten, sind ja keine lediglich aufzählenden Berichte über beliebige Gegenstände oder Themen. Sie ordnen ein mehr oder minder kontingentes Geschehen in oft kunstvoll strukturierte Geschichten, in denen die Ereignisse auseinander und nicht nur aufeinander folgen. Die studierte Literaturwissenschaftlerin und auch von daher mit allen literarischen Wassern gewaschene Barbara Krohn beherrscht die Kunst des souveränen Erzählens, und vor allem: Sie hat etwas zu erzählen, und sie hat Humor. Man staunt und stutzt und amüsiert sich köstlich. Aber nicht nur.
Einer der Höhepunkte des Buches ist die längere Erzählung Ein Platz an der Sonne, oder: Pazienza!, mit Sicherheit basierend auf Erfahrungen, die die Autorin in ihrer Zeit als DAAD-Lektorin in Neapel gemacht hat. Mitzuerleben, wie die Erzählerin Klara dort um einen Telefonanschluss ringt und versucht, ihren vom Vormieter übernommenen Vertrag mit der kommunalen Wassergesellschaft zu ändern, ist derart absurd, kurios und wahnwitzig, dass man unmöglich aufhören kann mit dem Lesen. Ein weiterer unvergesslicher Höhepunkt ist die flotte Kriminalgeschichte Provinz ist eine Möglichkeit, in der die alten Kumpels Archie, Alex und Sigi in erhebliche Kalamitäten geraten und diese vermeintlich cool und clever managen, bis – ja, bis die höchst spannende Geschichte ein völlig unerwartetes Ende findet. Wunderbar!
Das lustvolle und gekonnte Spiel mit Krimi-Elementen findet man übrigens auch in einigen anderen Texten, zum Beispiel in Kein Wässerchen trüben, in dem ein von Friedensreich Hundertwasser gestaltetes Toilettenhäuschen an der Hauptstraße von Kawakawa auf der neuseeländischen Nordinsel die Hauptrolle spielt, oder in der in Wien spielenden Geschichte Auf den Hund gekommen, in der ein Dobermann namens Horváth einen ex-jugoslawischen Kriegsverbrecher zur Strecke bringt. Es gibt auch Erzählungen wie Inge drei, in der sich eine auf den ersten Blick unscheinbare, letztlich aber unerwartet starke Frau aus einengenden Bindungen löst und in eine selbstbestimmte Zukunft schreitet, oder Julinacht in Paris, in der das Motiv der selbstbewussten Frau ganz anders modelliert wird.
Es gibt ungewöhnliche Familiengeschichten wie die Ost-West-Story Bruderliebe oder die Erzählung O Tannenbaum, die immerwährende Familienrituale rund um den Heiligen Abend aufs Korn nimmt, und es gibt einen hochpoetischen, sich der nicht immer heiteren Stadtgeschichte sehr bewussten Jahreskalender Regensburg – hier nur ein kurzes Zitat aus dem Monat Juni, in dem die „Festsaison“ beginnt:
Da strömen wir Bürger … hinein in die Stadt, wie sie wirklich ist, sie zu erobern für einen Tag zwischen Bratwurst und Bier, Regensburger Knacker und Selbstgebackenem; wir eilen herbei, um endlich wieder einmal unangefochten Sieger zu sein auf dem Schlachtfeld der Imbissbuden und der kulinarischen Kakophonie, Hauptfigur im Mahlstrom der hohlen Gassen zeitgenössischer Eventkultur, die alles spielt, was die Kassen zum Klingeln bringt. Am lautesten aber sind wir selbst …
Was aber, wenn das Stadtfest vorbei ist? „Und in der nächtlichen Stille hört man die Rosen wachsen. Und vielleicht wächst sogar ein Gedicht.“
Sozialkritik, immer liebend und versöhnlich, kann Barbara Krohn also auch, und grundsympathische Ironie (meistens verschmitzte Selbstironie) kann sie ebenfalls. Poesie sowieso. Der Dezember in Regensburg? „Dieser unwirklichste aller Monate, wenn die Stadt sich in ihren eigenen Adventskalender verwandelt.“ So kann, so muss man das vielleicht betrachten, oder? Ein literarisch anspruchsvoller, kluger, abwechslungsreicher, melancholischer, humorvoller und unterhaltsamer Erzählband, dem man wünscht, dass er sich beim Publikum behaupten möge. Barbara Krohn bietet voll das pralle Leben. Was will man mehr? Etwa ein Schaf umarmen? Ja, bitte!
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