Die Angst der Mutter, das Trauma der Tochter
Warum die Kindheit nie aufhört: Die Norwegerin Vigdis Hjorth ringt in ihrem Roman „Wiederholung“ mit den Schatten der Vergangenheit
Von Oliver Pfohlmann
Eine Mutter, die sich um das Wohlergehen ihrer Tochter sorgt: Das ist an sich natürlich nicht ungewöhnlich. Zumal, wenn Letztere das Teenageralter erreicht hat. Aber die Angst, mit der in Vigdis Hjorths neuem Roman die Mutter ihre Tochter terrorisiert, ist anders. Angetrieben von einem permanenten Argwohn, weist sie der 16-Jährigen die Rolle einer Dauerangeklagten zu.
Der hysterische Überwachungsfuror erinnert eher an die Inquisition als an ein gesundes Mutter-Tochter-Verhältnis:
Gab es etwas, das ich ihr nicht erzählte? Was war es? Was war es? Sie trat dicht an mich heran, um festzustellen, ob sie Zigaretten roch, ob sie andere Dinge roch, während ich ihre Angst roch, diesen ganz eigenen Geruch der Angst, sie fürchtete sich vor dem in mir, das ihr solche verzweifelte Angst machte, ihre flackernden Augen.
Erst Jahrzehnte später glaubt die erwachsene Ich-Erzählerin eine unfassbare Wahrheit zu verstehen: Ihre Mutter habe sich damals weniger davor gefürchtet, was ihrer Tochter hätte zustoßen können. Sondern vor dem, was in ihr stecken könnte. Sie selbst konnte seinerzeit als Teenagerin die mütterliche Angst nur unfreiwillig und unbewusst übernehmen. Diese diffuse Furcht sei im Hintergrund als Gift immer präsent gewesen, bei ersten heimlichen Partybesuchen ebenso wie bei ersten sexuellen Erfahrungen. Das „erste Mal“ der Erzählerin entwickelt sich denn auch zu einem zum Fremdschämen bizarren Erlebnis.
Doch was war es, was ihre Mutter tatsächlich fürchtete, wovor hatte sie solche Angst? Davor, dass sich ihre Tochter eines Tages an eine schreckliche Wahrheit erinnern könnte, glaubt die erwachsene Ich-Erzählerin, das Alter Ego der berühmten norwegischen Autorin. Ironischerweise sei es jedoch gerade die mütterliche Hysterie gewesen, die sie damals auf die Spur des Geheimnisses gebracht habe: „ihr Terror bahnte den Weg der Erkenntnis, vor der sie sich später so heftig fürchten würde. Danke, Mutter.“
Vigdis Hjorths neuer Roman heißt Wiederholung, Gabriele Haefs hat das nur 160 Seiten starke Werk einfühlsam ins Deutsche übersetzt. Der Titel lässt an Søren Kierkegaards gleichnamiges Werk denken; der Existenzphilosoph zählt zu Hjorths Vorbildern. Nach der Lektüre von Hjorths Roman ist aber klar, dass sich Wiederholung ebenso auf die Rückkehr des Verdrängten bezieht, von der die Psychoanalyse spricht. Psychische Traumata nötigen Betroffene geradezu, das Erlebte wieder und wieder zu erinnern, auf die eine oder andere Weise.
In gewissem Sinne ist das literarische Werk dieser hierzulande noch viel zu unbekannten Autorin nichts anderes als ein verzweifelter Versuch, sich von dem erlittenen eigenen Schrecken zu befreien:
Wirst du nie fertig? Nein, man wird nicht fertig. Wiederholen und erinnern und wieder erleben und wieder erzählen und wieder aufführen, denn die Kindheit hört nicht auf, (…) ja, ich schreibe und reproduziere, so, wie der Maler mehrere Versionen des Schreis gemacht hat, ich wiederhole und variiere die Wiederholung.
Ein solcher Versuch ist zwangsläufig unangenehm, gerade wenn es um Kindesmissbrauch geht. Vigdis Hjorth, Jahrgang 1959, war in ihrem Heimatland deshalb schon Gegenstand eines Literaturskandals. Nach Erscheinen ihres Romans Ein falsches Wort 2016 entzündete sich in Norwegen eine Debatte über autofiktionale Literatur und die Verwendung lebender Personen als Modelle für Romanfiguren. Die Schwester der Autorin schrieb sogar einen Gegenroman, um die Deutungshoheit über die Familiengeschichte zurückzugewinnen. Vier Jahre später setzte Vigdis Hjorth mit Die Wahrheiten meiner Mutter noch eins drauf, der schonungslosen Abrechnung einer Tochter mit ihrer Erzeugerin.
Die Suche nach Antworten auf die Frage, warum in Familien Kindesmissbrauch so häufig beschwiegen wird, warum viele Mütter weiterhin an der Seite des Täters, also des Vaters, bleiben, beherrscht auch Hjorths neuen Roman. Wiederholung ist ein beklemmend-klaustrophobisches Familienporträt, das nach der Lektüre noch lange nachhallt. In der zentralen Szene bricht der Vater vor den Augen seiner Familie regelrecht zusammen; sein gestammelter Satz „Es ist nicht leicht, Mensch zu sein“ ist wohl das, was einem Geständnis am nächsten kommt. Es ist bemerkenswert, dass Vigdis Hjorths Ich-Erzählerin so ausgerechnet dem Vater ein empathischeres Denkmal setzt als ihrer sich bis zuletzt unwissend stellenden Mutter.
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