Hannah Arendt und Nikolaus Lobkowicz

Ein zum ersten Mal veröffentlichter Brief von ihr an ihn

Von Willi WinklerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Willi Winkler

Am 28. Juli 1975 wandte sich Nikolaus Lobkowicz, Rektor an der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität, an Hannah Arendt und lud sie für den kommenden Mai zu einem Gastvortrag innerhalb einer geplanten Reihe aus Anlass des zweihundertsten Jahrestags der amerikanischen Revolution ein. Lobkowicz, 1931 in Prag geboren, hatte seine Doktorarbeit über Martin Heidegger geschrieben und galt als Fachmann für den Marxismus und den kommunistischen Ostblock. Ehe er 1967 auf einen Lehrstuhl für politische Theorie nach München berufen wurde, hatte er an der katholischen Universität Notre Dame in Indiana Philosophie gelehrt. Hannah Arendt lernte ihn kennen, als sie an der Universität Chicago unterrichtete. Nur wenige Wochen nach dem demütigenden Rückzug der USA aus Vietnam hielt Hannah Arendt am 20. Mai 1975 in Boston eine wenig festliche Ansprache, in der sie für das Land den Tiefpunkt des Machtzerfalls und des Selbstvertrauens konstatierte. „Während wir nun langsam unter den Trümmern hervorkommen, die von den Ereignissen der letzten paar Jahre herrühren, wollen wir doch die Jahre der Verirrung nicht vergessen, damit wir uns der glorreichen Anfänge vor zweihundert Jahren nicht völlig unwürdig erweisen.“[1] Es ist einer ihrer letzten Texte und ein Zeugnis ihrer tiefen Enttäuschung über das Land, dessen Bürgerin sie 1951 geworden war. Lobkowicz erhoffte sich von Arendts Auftritt „einen angesichts der traurigen Weltlage höchst notwendigen Schuß Optimismus“.

Hannah Arendt verbrachte wie seit Jahren schon die Sommermonate in Europa. Im Mai und Juni 1975 hatte sie im Deutschen Literaturarchiv in Marbach den Briefnachlass von Karl Jaspers geordnet. Jetzt macht sie Ferien im Tessin, von wo aus sie Lobkowicz am 6. August 1975 mit einem Brief absagt, der hier auf literaturkritik.de zum ersten Mal veröffentlicht wird:

Lieber Herr Lobkowicz,

ich habe mich sehr gefreut, von Ihnen zu hören und auch gefreut, dass Sie mich gern für den Einführungsvortrag haben wollen. Ihr Brief erreichte mich natürlich via New York mit einiger Verspätung; ich habe mir Ihren Vorschlag sehr ernstlich überlegt. Und es tut mir sehr leid, Ihnen nein sagen zu müssen. Ich habe eine Reihe von Gründen, von denen fast jeder ausschlaggebend ist. Seit einigen Jahren habe ich mich eigentlich aufs Altenteil gesetzt (noch nicht pensioniert) dh. mach eigentlich politische Theorie überhaupt nicht mehr. (Grund Nr. 1) Davon habe ich allerdings dieses Frühjahr wo der Zweihundertjahr-Rummel mit Macht bei uns ausbrach, eine Ausnahme gemacht, die sich für Deutschland überhaupt nicht eignen würde. (Grund Nr. 2) Auch könnte ich den sicher dringend benötigten Schuss Optimismus beim besten Willen auch sonst nicht aufbringen, möchte aber andererseits auch sehr ungern noch einmal und noch dazu in Deutschland als Cassandra auftreten – – unser Hausarzt pflegte zu sagen ‚Ich stamme zwar aus dem Volk der Propheten, trete aber nicht als solcher auf.‘ (Grund Nr. 3) Schliesslich muss ich gestehen, dass ich es nahezu unmöglich finde, über Politisches und noch dazu amer[i]kanischer Version auf deutsch mich verständlich zu machen. Es fehlen alle Voraussetzungen, nicht nur der Erfahrung sondern vor allem auch der Sprache. Auf deutsch ist ein Bürger, sofern er nicht ein bourgeois ist, ein Staatsbürger, also genau dasjenige was weder der citizen ist noch der citoyen. Soviel ich weiss, ist der Federalist bis auf den heutigen Tag nicht übersetzt, geschweige denn gelesen.[2] Man müsste also mit Dingen anfangen, die uns selbstverständliche Voraussetzungen sind und dazu bin ich nicht geeignet und habe auch keine Lust.

Schade, dass wir uns nicht sprechen können. Ich wüsste gerne wie es Ihnen geht und falls Sie noch dazu kommen zu schreiben, lassen Sie es mich bitte wissen. Es grüsst Sie herzlich – [Hannah Arendt][3]

Wenige Tage später reist sie nach Freiburg und besucht ein letztes Mal den greisen Heidegger, der bereits völlig „erloschen“ wirkte. Er ist überzeugt, dass in zehn Jahren die Russen da seien, die es auf ihn persönlich abgesehen haben. „Der russische Botschafter war bereits in Marbach, um einen Blick auf die Beute zu werfen.“[4] Zur Beute würde auch das Manuskript seines Hauptwerks Sein und Zeit gehören, das er mit Arendts Hilfe nach Marbach verkauft hat. Am 4. Dezember 1975 erliegt Hannah Arendt einem Herzinfarkt, ihr Lehrer wird sie um wenige Monate überleben. Nikolaus Lobkowicz wird 1976 nach Einführung der Präsidialverfassung der erste Präsident der Münchener Universität.

[1] Hannah Arendt, 200 Jahre amerikanische Revolution. In: Dies., Zur Zeit. Politische Essays. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Marie Luise Knott. Aus dem Amerikanischen von Eike Geisel. München 1989 [1986]. S. 177.

[2] Gemeint ist „The Federalist“, eine Sammlung von Kommentaren zur amerikanischen Verfassung, die bis heute maßgeblich sind. Die Autoren waren Alexander Hamilton, James Madison und John Jay. Die erste vollständige deutsche Ausgabe erschien, herausgegeben von Barbara Zehnpfennig, 1993 bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft.

[3] Hannah Arendt am 6. August 1976 an Nikolaus Lobkowicz (Durchschlag). Der Nachlass von Hannah Arendt befindet sich in der Library of Congress (LoC), ist inzwischen digitalisiert und allgemein zugänglich.

[4] Hannah Arendt am 16. August 1975 an Jesse Gray. LoC. Hier zitiert nach: Ulrich von Bülow, Hannah Arendt in Marbach. Marbach 2015, S. 16.