Mord macht immer gute Laune

In „Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code“ setzt Richard Osman seine erfolgreiche und unterhaltsame Romanreihe mit dem fünften Abenteuer seiner vier Pensionisten fort

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Da sind sie wieder. Nicht mehr ganz vollzählig, weil Elisabeths Gatte im letzten Band – Der Donnerstagsmordclub oder Ein Teufel stirbt immer zuletzt (2023) – das Zeitliche segnete. Aber der vierköpfige Kern der rüstigen Rentnerinnen- und Rentnercrew, die sich von ihrem noblen Alterssitz Coopers Chase aus um Recht und Ordnung im südöstlichen England kümmert, ist weiterhin intakt. Und so kann Bestsellerautor Richard Osman auch beim neuen Abenteuer des „Donnerstagsmordclubs“ auf die Ex-Spionin Elisabeth, Joyce, die so gerne Schriftstellerin wäre und deshalb penibel notiert, was der Club so erlebt, Ibrahim, den ehemaligen Psychiater, und Ron, dessen Eintreten als Gewerkschaftsboss für die Rechte der Arbeiter ihm vorzeiten zu dem Ehrennamen „Roter Ron“ verholfen hat, zurückgreifen.

Aber sind die Damen und Herren leicht jenseits des besten Alters, aber immer noch weit diesseits der Senilität auch Codeknacker? Denn um einen Code geht es diesmal. Der scheint nicht nur für das Quartett aus der Seniorenresidenz eine ziemliche Herausforderung darzustellen, sondern auch andere bemühen sich fieberhaft darum, in seinen Besitz zu gelangen – darunter ein verarmter Adliger und ein Gangsterboss. Und dass die in der Wahl ihrer Mittel weitaus weniger rücksichtsvoll sind als die vier sympathischen Pensionäre, dürfte keine Frage sein, über die man lange nachdenken muss. Als Elisabeth, Joyce, Ron und Ibrahim deshalb auch schon bald vor der ersten Leiche in diesem Fall stehen, ist Eile geboten. Denn wenn es um eine Viertelmilliarde britische Pfund geht, machen durchtriebene Spitzbuben nun mal ungern Gefangene.

Zunächst aber wird im neuesten Band um die Damen und Herren, die es inzwischen dank Netflix auch schon auf Millionen von Bildschirmen in aller Welt geschafft haben – und das in schauspielerischer Bestbesetzung mit unter anderem Helen Mirren und Pierce Brosnan –, erst einmal geheiratet. Und weil es Joyces Tochter Joanna ist, die unter die Haube kommt, sind inmitten von knapp zweihundert Gästen auch Elisabeth, Ron und Ibrahim vor Ort. Das bietet dem offensichtlich gewaltig unter Stress stehendem Trauzeugen des Bräutigams die Gelegenheit, mit Elisabeth, deren Kompetenz und Führungsstärke in Kriminalitätsfragen sich inzwischen scheinbar herumgesprochen haben, ins Gespräch zu kommen und sie um ihre Hilfe zu bitten. Und schon ist der Donnerstagsmordclub wieder mittendrin in einem neuen, aufregenden Fall.

Denn irgendjemand trachtet dem Mann nach dem Leben, weil er einer von zwei Menschen ist, die einen Code besitzen, der zu einer Schatzkammer führt. Im 21. Jahrhundert werden in einem solchen geheimen Versteck freilich nicht mehr Gold und Diamanten gebunkert, sondern Bitcoins, deren anfänglich geringer Wert über die letzten zwei Jahrzehnte um das Millionenfache gestiegen ist. Und weil man inzwischen auch weiß, dass online verwaltetes Vermögen nicht unbedingt sicher ist, haben die beiden Besitzer von je einer Codehälfte (Nick Silver, der erwähnte Trauzeuge, und seine Geschäftspartnerin Holly Lewis) die äußerst erfolgreiche Idee gehabt, alles, was von Wert ist, auf die gute alte Art ihrer Vorfahren vor der Öffentlichkeit zu verbergen: in einem geheim gehaltenen und gut gesicherten Depot tief unter der Erde nämlich, zu dem keine Internet-Adresse, sondern ein wackeliger Förderkorb führt. In dem fuhren früher die Bergleute von Sussex zu ihrem Arbeitsplatz hinunter. Inzwischen vertrauen sich die Vermögenden der Gegend dem dubiosen Beförderungsmittel an, um zu kontrollieren, ob ihre Reichtümer noch vor Ort sind.

So richtig wohl fühlen sich die Mitglieder des „Donnerstagsmordclubs“ erst, wenn sie einem Verbrechen auf die Spur kommen können. Mord macht ihnen immer gute Laune. Und reißt auch sofort die sich in ihrem Witwendasein immer unwohler fühlende Elisabeth aus einer Stimmung heraus, in der sie die anderen gar nicht gerne gesehen haben. Nun aber, da sowohl ihr Führungsstil als auch ihre Intelligenz wieder einmal dringend gebraucht werden, ist sie da.

Und weil auch die während ihres Gefängnisaufenthalts von Ibrahim seelisch betreute schwerkriminelle Connie Johnson wieder draußen und dank der Gespräche mit dem ehemaligen Psychologen auch auf einem guten Wege ist – zumindest glaubt Ibrahim das fest, während Ron in Gegenwart der Frau, die einst geschworen hat, ihn zu töten, nicht ganz so ruhige Stunden verbringt –, sowie andere den Osman-Leserinnen und -Lesern aus vorausgegangenen Abenteuern vertraute Personen erneut den Weg des skurrilen Quartetts kreuzen, macht auch Fall Nummer 5 wieder großen Spaß.

Nur die beiden örtlichen Polizisten, die in den ersten Bänden immer mit von der Partie waren, Donna de Freitas und Chris Hudson, agieren diesmal eher etwas im Hintergrund. Aber auf deren aktive Unterstützung kann eine schlagfertige Truppe wie der Donnerstagsmordclub letzten Endes auch einmal verzichten.    

Mehr als eine Woche braucht es jedenfalls erneut nicht, bis die Damen und Herren aus Coopers Chase ihren fünften Fall gelöst haben. Wo die Viertelmilliarde Pfund abgeblieben ist und ob es sich tatsächlich lohnte, um des schnöden Mammons willen zu morden? Man kann die Antworten, die der Roman auf diese Fragen gibt, natürlich ahnen – verraten wollen wir sie dennoch nicht. Stattdessen sei an dieser Stelle eine dringende Leseempfehlung ausgesprochen. Denn den Damen und Herren des Donnerstagsmordclubs auf ihren Spuren zu folgen, ist immer hochvergnüglich.

Dass im Übrigen mit dem vorliegenden fünften Band die Serie endet, die den 1970 geborenen Fernsehmoderator und Autor Richard Osman aus dem Stand zu einem der aktuell erfolgreichsten Kriminalschriftsteller in seiner Heimat gemacht hat, wurde von dem gebürtigen Briten bereits ausgeschlossen. Nachdem er in seinem nächsten Buch zum zweiten Mal die Ex-Personenschützerin Amy Wheeler, ihren Schwiegervater Steve und die schwerreiche Bestsellerautorin Rosie D’Antonio auf Mörderjagd geschickt haben wird – Band 1 erschien unter dem Titel Wir jagen Mörder 2024 –, sollen Elizabeth, Joyce, Ron und Ibrahim mit einem neuen Abenteuer zurückkehren. Und das ganz im Sinne ihrer gemeinsamen Erkenntnis: „Morde sind schön und gut, aber alles reißen sie auch nicht heraus.“

Titelbild

Richard Osman: Der Donnerstagsmordclub und der unlösbare Code. Kriminalroman.
List Verlag, Berlin 2025.
444 Seiten, 17,99 EUR.
ISBN-13: 9783471360651

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