Keine Zeit für Abstand: Die Aufklärung, das Coming-Out und die Gegenwart
Unmittelbarkeit und die Verlockung des Authentischen – Manuel Clemens folgt in „Das Dilemma der Unmittelbarkeit “ fragilen Wahrheiten bis in die Bruchlinien unserer Gegenwart
Von Silvio Barta
Manchmal birgt ein Begriff wie „Unmittelbarkeit“ eine ungeahnte Tiefe – eine Komplexität, die sich erst offenbart, wenn wir bereit sind, tiefer zu graben und jene Schichten freizulegen, die sich aus Gewohnheit und sprachlicher Nachlässigkeit über ihn gelegt haben. Oft braucht es dafür einen Impuls, einen präzisen Gedanken, der nicht nur das Potenzial eines Begriffs aufscheinen lässt, sondern auch unsere eigene Bequemlichkeit im Umgang mit Sprache bloßstellt. Manchmal führt dieser Impuls durch die historische Dynamik und Etymologie und zeigt, wie sich unsere Gegenwart über krumme Pfade und tektonische Verschiebungen der Vergangenheit geformt hat. Und ab und zu fordert er uns schlicht dazu auf, Dinge neu zu sehen. Im Idealfall tut er alles zugleich.
Clemens aber beschränkt sich in Das Dilemma der Unmittelbarkeit nicht darauf, den Begriff der Unmittelbarkeit zu entfalten – er untersucht seine Beziehung zur Aufklärung. Mehr noch: Er analysiert die Figur der Autorität und Anti-Autorität und eröffnet damit ein hochaktuelles politisches Feld. Wenn dann noch Lessing, die Frankfurter Schule und Foucault ins Spiel kommen, könnte man erwarten, dass die Fäden auseinanderfliegen, die Fliehkräfte zu groß werden. Ich kann verraten: Das tun sie nicht. Im Gegenteil – am Ende wird plausibel, warum „Time Is on My Side“ von den Rolling Stones und ein Coming-Out zusammengehören, und weshalb das Verlangen nach Unmittelbarkeit Menschen aller politischen Lager erfasst.
Unmittelbarkeit als Verheißung – und als Falle
Clemens’ Rückgriff auf Lessing ist dabei mehr als ein intellektueller Reflex – er ist programmatisch. Nathan der Weise, 1779 im geistigen Klima der Spätaufklärung entstanden, untersucht in seinen Figuren selbst das Problem der Autorität. Ihre Handlungen entfalten ein Panorama der Aufklärung im Miniaturformat. Vertrauen entsteht nicht durch Befehl, sondern durch Gespräch, Wahrheit nicht durch Offenbarung, sondern durch Prüfung und Zweifel.
In diesem Gefüge spielt die Ringparabel eine Schlüsselrolle. Sie ist nicht nur ein poetischer Appell zur Toleranz, sondern – und das arbeitet Clemens präzise heraus – ein radikal antiautoritärer Moment. Der Richter verweigert jede letztgültige Entscheidung darüber, welche Religion „recht“ hat. Stattdessen delegiert er die Autorität zurück an die Handelnden selbst: Die Wahrheit des Rings zeigt sich erst im Verhalten, nicht im Besitz. Unmittelbarkeit erscheint hier nicht als Durchbruch zur Wahrheit, sondern als Gefahr der Selbstüberhöhung. Die Parabel fordert Vermittlung ein – zwischen Menschen, Überzeugungen und Wahrheitsansprüchen – und entzieht damit jeder autoritären Setzung den Boden. Indem Clemens diese Spannung sichtbar macht, rückt er Lessing überraschend nah an gegenwärtige Debatten über Authentizität, Moral und die politischen Versprechen der Unmittelbarkeit.
Auch die Frankfurter Schule erscheint bei Clemens nicht als Pflichtreferenz, sondern als analytisches Instrumentarium. Adorno und Horkheimer haben bereits in der Dialektik der Aufklärung gezeigt, wie leicht sich der Wunsch nach Befreiung ins Gegenteil verkehren kann. Ihre Kritik richtet sich gegen jene Formen von Unmittelbarkeit, die sich als Natur, Gefühl oder Authentizität ausgeben, in Wahrheit aber Ideologie stabilisieren. Für Clemens wird daran sichtbar: Unmittelbarkeit ist nie unschuldig. Sie ist stets auch ein Machtversprechen – oder ein Machtanspruch.
Bemerkenswert ist, wie Clemens diesen theoretischen Rahmen auf Lessings Figuren überträgt. Dajas Schicksal wird zu einem Beispiel, das er mit den Kategorien des Marxismus liest: als Produkt eines kleinbürgerlichen Standpunkts, der die Aufklärung eher hemmt als vorantreibt. Die Selbstverstrickungen und moralischen Kurzschlüsse dieser Figur erscheinen damit nicht bloß als dramaturgische Nebenlinien, sondern als frühe Diagnose jener „kleinbürgerlichen Mentalität“, die Adorno später als Motor gesellschaftlicher Unmündigkeit beschreibt.
Gleichzeitig erweitert Clemens die genealogische Perspektive: Von Homer über die antike Epik bis zu Horkheimer und Adorno zieht er eine Linie, die Kultur als etwas Faszinierendes und zugleich Autoritäres begreift. Die frühen Mythen – die Inkunabeln unserer kulturellen Selbstbeschreibung – zeigen bereits, wie sehr Erzählungen Ordnung stiften, Verhalten kanalisieren, Wahrheit behaupten. Die Kritische Theorie greift dieses Erbe auf und wendet es gegen sich selbst: Sie macht sichtbar, dass jede Kulturform – auch die der Aufklärung – autoritäre Züge tragen kann.
So liefert die Frankfurter Schule bei Clemens nicht nur Skepsis gegenüber romantischer Schwärmerei, sondern auch ein historisches Sensorium dafür, wie Tiefenschichten von Autorität und Mythos in unseren modernen Freiheitsvorstellungen weiterwirken.
Über Wahrheit, Macht und das Versprechen des Authentischen
Mit Foucault verschiebt Clemens die Perspektive ein weiteres Mal – weg von normativen Fragen der Aufklärung, hin zu den diskursiven und institutionellen Bedingungen, unter denen Wahrheit überhaupt entsteht. Unmittelbarkeit ist nie ein unschuldiger Ausdruck des Selbst, sondern Teil eines Machtgefüges, das Geständnisse, Bekenntnisse und Authentizitätsrituale hervorbringt. Welche faszinierenden Verschiebungen sich daraus ergeben, sollen jedoch die Lesenden selbst entdecken – Clemens löst seine Fäden mit jener stillen Eleganz, die man am besten nicht vorweg erklärt, sondern sich gönnt.
All das macht Vergnügen: den Argumentationsfäden zu folgen, sie weiterzuspinnen, beherzt zu verwerfen, ihnen überraschend doch zuzustimmen, oder schlicht die eigenen Gewissheiten ins Wanken zu bringen. Und doch wäre es eine Untertreibung, Manuel Clemens’ Buch bloß „interessant“ zu nennen. Es ist mehr. Spätestens in der Schlussbetrachtung wird spürbar, dass vieles von dem, was wir heute als gesellschaftliches Rutschen wahrnehmen – der Legitimationsanspruch des Erlebten, die Unfähigkeit, einander zuzuhören, Intoleranz im Allgemeinen und Antisemitismus im Spezifischen, die reckwitzsche Enttäuschungsspirale, oder die Art, wie linksliberale Selbstverwirklichung unversehens autoritäre Züge annehmen kann – (im doppelten Sinne) „unmittelbar“ mit den Fragen zusammenhängt, die Clemens freilegt. Seine Analyse ist damit nicht nur intellektuell anregend, sondern ein präziser Seismograf unserer Gegenwart.
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