Lyrische Visite: Gedichte von Heilenden und Kranken aus 500 Jahren

Jakob Leiners „Ah, ein Herz, verstehe“ ist eine Anthologie mit Gedichten von Heilenden und Kranken aus 500 Jahren

Von Jörn MünknerRSS-Newsfeed neuer Artikel von Jörn Münkner

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer möchte nicht im Leben bleiben! An dieses Glück erinnert sich, wer die Anthologie Ah, ein Herz, verstehe zur Hand nimmt. 101 Dichtende vom Beginn der Neuzeit bis zur Gegenwart, in deren lyrischem Œuvre sich medikale Texte finden, kommen zu Wort. Dabei geht es nicht exklusiv um Medizinisches im engen Sinn, also um Erkrankung, Heilung, Patientenumgang, Pathologie und Ätiologie. Das Stück des Dichterarztes Rainald Goetz ich bins beispielsweise, aus dem der Band seinen Titel entborgt haben dürfte, betreibt eher eine poetische Ich-Diagnose.

Die Reihe jedenfalls eröffnet der Satiriker Sebastian Brant (1457/58–1521). Strenggenommen beginnt sie schon davor, weil der Herausgeber der Sammlung, der schriftstellernde und musizierende Arzt Jakob Leiner (geboren 1992) im Vorwort eine eigene lyrische Probe präsentiert: chirurgisches triplett. Die nötige Inspiration empfing er im weißkalten OP-Saal, das fachjargonige, viszerale Stück unternimmt gleichsam Betriebsvisite – die Einstimmung in die Lektüre ist garantiert. Sebastian Brant dekliniert 500 Jahre früher die bösen Folgen, die ein „unfolgsame[r] Kranke[r]“ zu gewärtigen hat, der Gott vernachlässigt und ärztlichen Rat ignoriert. Die gereimten Verse, dietätisch mahnend und den göttlichen Chefarzt anrufend, sind so à la Brant, dass die zweifellos ernste Aussage blass wirkt. Es folgen weitere historische Stücke, deren drastische Beschreibungen von Siechtum, Krankheit und Auszehrung dagegen näher gehen. Andreas Gryphius (1616–64) inspiziert in An sich selbst einen Menschen, dem angesichts seines Zustands das Grausen überkommt. Von den Ärzten aufgegeben und sich und seinen Schmerzen überlassen, erkennt dieser Mensch den eigenen heillosen Körper nur mehr „als Adern, Fell und Bein“, „das Sitzen ist mein Tod, das Liegen meine Pein/ Die Schenkel haben selbst nun Träger wol vonnöthen!“. Man mag Gryphius, der die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges und Krisen seiner Zeit in vanitas-Oden und Sonetten zu sublimieren verstand, eine formularische Unheil-und-Klage-Rhetorik unterstellen. Zusammen mit den Zeitgenossen Paul Fleming (1609–40) und Angelus Silesius alias Johannes Scheffler (1624–77), von denen ähnlich gelagerte Gedichte abgedruckt sind, wirken diese Bilder indes eindringlich-authentisch. 

Wer die Visite von Kranken, Substanzabhängigen und Schizophrenen mit noch drastischeren Szenen erwartet, wird nicht enttäuscht. Nur sind Dauerbrenner wie Gottfried Benns Morgue oder Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke nicht abgedruckt. Allein die Auswahl an medikaler Literatur aus 250 Jahren zwischen Barock und Moderne hat so viel zu bieten. Es werden natürlich auch die üblichen Verdächtigen aufgerufen (Benn, Georg Heym, Georg Trakl, Alfred Lichtenstein et al.). Doch stehen sie eben auf den Schultern der vorgängigen Riesen (Goethe, Schiller, Hölderlin, Droste-Hülshoff und Emily Dickinson), deren medikale Verse vielleicht nicht so bekannt, jedenfalls nicht expressiv-drastisch sind. Den Lesern begegnet mit der Auswahl von Stücken ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart ferner eine abermals andere poetische Meisterschaft und aufschlussreiche Neuorientierung beim medikalen Thema: Tritt womöglich statt viszeraler Versehrtheit, körperlicher Defragmentierung und Herzschmerz die Sorge um Gemüt und Seele, um Invalidität und Selbstheilung sowie der Anspruch auf Lebenslänge und Lebensglück in den Vordergrund? 

Die Anthologie geht chronologisch vor, in der Mehrzahl diagnostizieren, mahnen, klagen, frohlocken, spotten und räsonieren deutschsprachige Autorinnen und Autoren. Es sind aber auch angelsächsische und französischsprachige Dichterinnen und Dichter vertreten, ihre Stücke in deutscher Übersetzung. Der Herausgeber hat neben den bereits genannten, bekannten Stimmen (von Ingeborg Bachmann über Friedrich Hölderlin bis William Shakespeare) und den üblichen Verdächtigen der deutschen/deutschsprachigen Arzt- und Medizinliteratur beziehungsweise ärztlichen Profession (von Paul Fleming und Albrecht von Haller (1798–1777) über Georg Trakl, Gottfried Benn und Anna Freud bis Rainald Goetz, Uwe Tellkamp und Tara Meister) auch vergessene und eher unbekannte Lyrikerinnen und Lyriker aufgenommen. Zu Letzteren zählen Louise Labé (um 1525–1566), Johann Giendder (um 1650–1709), Johanna Charlotte Unzer (1725–1782), Justinus Kerner (1786–1862), Emanuel Geibel (1815–1884), Francisca Stoecklin (1894–1931), Rutger Kopland (1934–2012), Sabine Schiffner (geb. 1965) oder Safiye Can (geb. 1977). Ganz gleich, ob die Vielzahl der weiblichen Stimmen intentional oder im lyriktrunkenen Zusammensammeln entstanden ist: Sie ist willkommen. Biogramme mit augenzwinkernden Selbstbeschreibungen in maximal zweieinhalb Zeilen Länge gibt es im Appendix. Zudem erläutern Anmerkungen die medizinischen Fachtermini, Archaismen und mythologischen Referenzen der Gedichte, ebenfalls kurz und knapp. Mit diesem abwechslungsreichen Querschnitt an lyrischen Visiten, Exegeseimpulsen und (Wieder)Vergegenwärtigung von Bekannten wie Unbekannten spricht der Band Lyrikkennerinnen und Liebhaber zugleich an. 

Wie sich die Gedichte ausnehmen, die prima vista nicht – und wenn doch mit größerem Umweg in den medizinischen Heil- und Krankendiskurs im engen Sinn passen – können Stücke von Sidonie Grünwald-Zerkowitz (1852–1907), Else Lasker-Schüler und Christine Lavant verdeutlichen. Grünwald-Zerkowitz inszeniert in Gestörtes Küssen eine aeriale Kollisionsgeschichte als erotisches, kusszentriertes, gar verschlingendes Begehren einer mit großer Wahrscheinlichkeit weiblichen Stimme:

Wenn mich die Sehnsucht zu Dir trägt,/ Dann fühl‘ ich nur: ich möch sie stillen!/ Ob’s auch erlaubt? mein Herz nicht frägt,/ Es läßt der Sehnsucht ihren Willen …// Und wie die Wolke, glutenschwer,/ In der es zuckt und dumpf gewittert,/ Zur zweiten in der Lüfte Meer/ In mächt’gem Drang hinüberzittert

Lasker-Schüler bilanziert in Gottfried Benn einen Herzschmerz: „Der hehre König Giselherr/ Stieß mit seinem Lanzenspeer/ Mitten in mein Herz.“ Wenn Giselherr gleich Benn gleich Arzt, dann erlaubt sich die – freilich bemühte – Deutung einer medikalen Injektion. Plausibler ist die Begegnungsbilanz einer Sprecherin mit Benn als Nibelung der Herzeroberung und Verwüstung. Christine Lavant setzt in ihrem titellosen Gedicht die Angst mit einer ruhelosen Frau gleich, die die sprechende Figur in den Zustand einer massiven Unwucht treibt: „Die Angst ist in mir aufgestanden./ Wie eine Frau, der etwas Furchtbares einfiel/ und die dann – wenn sie zwei Stuben hat –/ von der einen in die andere geht,/ so geht die Angst jetzt in mir hin und her./

Viele Texte adressieren also Können und Kompetenz körperlich-psychischer Heilung und Wohlseinsvorsorge ebenso wie das Missvergnügen von Erkrankungen in allen möglichen psychosomatischen Facetten. Die lyrische Kunst ist die Sonde in den Real- und Gefühlsraum von Wohlbefinden über Unwohlsein bis zur Krankheit zum Tod. Nicht wenige der Stücke scheinen aber wie angedeutet ‚artfremd‘, weil sie zwar über Befindlichkeiten sinnieren, das medizinische Themenfeld aber nicht dezidiert betreten. Diese Stücke gehören indes mit Fug und Recht in den Band – eben weil sie auch Heilsbedürfnisse adressieren, zwar nicht somatische oder psychische, dafür seelische, gläubige und rechtliche. Es geht in ihnen um religiös-theologische, rechtlich-juristische und ethisch-sittliche Vergewisserung. So umkreisen diese Verse den Menschen als vulnerables Sozial-, Rechts- und Glaubenswesen. 

Der Herausgeber bezeichnet seine Auslese als „Liebhaberprojekt“. Es unter die Leute zu bringen, sei ihm zu einer Art Verpflichtung geworden. Das leuchtet allen ein, die der Meinung sind, dass es einerseits zahllose Lyrikbegeisterte, also Leserinnen und Leser gibt; und dass anderseits wir Menschen „im Spannungsfeld zwischen Krankheit und Gesundheit existieren“. Wir haben Geschichten und Gedichte nötig, die „jenes aktuelle und deswegen stets aktuelle Spannungsfeld“ tangieren, „in dem medizinisches Verständnis in Subjektives bzw. das Subjektive in medizinisches Wirken vordringt und als lyrisches Ich Gehör findet.“ Nie ging es der historischen, und sicherlich auch nicht einer heutigen Breitbandmedizin nur um den schmerzenden und erkrankten Körper allein. Wenngleich Säftelehre, Heilpflanze und Skalpell Nummer eins spielen mochten, assistierte immer das Wort. Entsprechend versteht sich die Anthologie „als Plädoyer für eine sprechende psychosomatische Medizin der Zukunft.“ Gelungenes Vers-Sprechen als gültige Beschwörung, Angstabbau und Linderung zu begreifen, ist keineswegs abwegig.

Titelbild

Jakob Leiner (Hg.): Ah, ein Herz, verstehe. Gedichte von Heilenden und Kranken aus 500 Jahren.
Quintus-Verlag, Berlin 2024.
400 Seiten , 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783969821022

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