Der Rächer von Minneapolis
In seinem neuen Roman „Minnesota“ erzählt der norwegische Bestsellerautor Jo Nesbø eine politisch aufgeladene Rachegeschichte
Von Dietmar Jacobsen
Bob Oz hat seine dreijährige Tochter bei einem Unfall verloren, an dem er nicht ganz unschuldig war. Das Mädchen hatte die geladene und ungesicherte Waffe des Vaters gefunden – den Rest kann man sich denken. Seitdem ist Oz nicht mehr der taffe, nur gelegentlich über die Stränge schlagende Ermittler beim MPD, dem Minnesota Police Department. Auch seine Ehe hat das Unglück nicht überlebt. Oz‘ Ex-Frau Alice, eine Psychologin, lebt inzwischen mit einem ihrer Berufskollegen zusammen.
Oz‘ Leben hingegen prägen seit Neuestem wieder zahlreiche kurze Affären, weshalb man den knapp über Vierzigjährigen unter Kolleginnen und Kollegen (wie schon vor seiner Ehe) „One-Night-Bob“ nennt. Die Zeiten des „One-Woman-Bob“ scheinen erst einmal vorbei zu sein. Was den schwer Erschütterten freilich noch ein bisschen Halt gibt, ist seine Arbeit. Und da beschäftigt den Mann mit den norwegischen Wurzeln gerade – man schreibt im Großteil von Nesbøs Roman den Herbst des Jahres 2016, die erste Amtszeit von Donald Trump steht unmittelbar bevor und vor allem in der Mittelschicht verfangen dessen Reden von einem bevorstehenden Goldenen Zeitalter für alle Amerikanerinnen und Amerikaner – der Fall eines mehrfachen Mörders, der sich dem Arm des Gesetzes immer wieder erfolgreich zu entziehen versteht.
Mit seiner bisher dreizehnbändigen Harry-Hole-Reihe hat es der norwegische Schriftsteller, Musiker und Ökonom Jo Nesbø (Jahrgang 1960) zu internationaler Berühmtheit gebracht. Zwischen die einzelnen Bände um den schwer zu disziplinierenden, von Zeit zu Zeit dem Alkohol verfallenden und zu Alleingängen neigenden, andererseits aber auch genialen und vom FBI speziell für die Jagd auf Serienmörder geschulten Osloer Polizisten hat sein Erfinder immer wieder andere Romane und gelegentlich Kinderbücher geschoben. Zu diesen zählt nun auch Minnesota – ein Buch, das seinen Schauplatz im nördlichen Mittleren Westen der USA hat. Die Tatsache, dass viele Norweger Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in die USA auswanderten und in den beiden Bundesstaaten Minnesota und North Dakota eine neue Heimat fanden, verknüpft Nesbøs Kriminalroman auf interessante und den Blick seiner Leserinnen und Leser weitende Weise mit seinen anderen, mehrheitlich in der nordeuropäischen Heimat des Autors spielenden Romanen.
Auch den Sniper, bei dem es sich nach ersten Erkenntnissen wohl um den der Polizei bereits hinlänglich bekannten Tomas Gomez handeln muss, hat ein zurückliegendes Erlebnis schwer traumatisiert. Beim Besuch eines berüchtigten Fastfood-Restaurants gerieten er, seine Frau und seine beiden Kinder mitten in einen mit Schusswaffen ausgetragenen Revierkampf zweier Drogengangs, bei dem die jugendlichen Täter anschließend dafür sorgten, dass niemand überlebte, der später gegen sie aussagen konnte. Nur Gomez kam mit dem Leben davon.
Nun also scheint jener skrupellose Ex-Gang-Killer, den alle Lobo – also Wolf – nennen, wieder im Lande zu sein. Und er hat einen Rachefeldzug begonnen, der sich vor allem gegen die Hintermänner des in den Vereinigten Staaten grassierenden Waffenwahnsinns richtet. Weil gerade in Minnesota ein Kongress der einflussreichen National Rifle Association (NRA) bevorsteht, sind Oz und seine Mitstreiter schnell überzeugt: Der Gesuchte hat es wohl vor allem auf einen jener Politiker abgesehen, die den Waffenbesitz als eines der legitimsten Rechte jedes Amerikaners propagieren und sich dabei ganz nebenbei durch ihre Lobby-Arbeit die eigenen Taschen füllen.
Ein Polizist, den der fahrlässige Umgang mit der eigenen Waffe um alles gebracht hat, was ihm einst lieb und teuer war, und ein Serienmörder, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Hintermänner der Täter dafür zu bestrafen, dass Konflikte auf den Straßen immer häufiger mit kinderleicht zu beschaffenden automatischen Waffen ausgetragen werden: Nesbøs Helden in Minnesota stellen praktisch zwei Seiten ein und derselben Medaille dar. Was der eine nicht tut – als Polizist jagt er nur jene, die die Waffen benutzen, nicht die, die sie in Umlauf bringen –, erledigt der andere, indem er illegale Waffenhändler und namhafte Vertreter der einflussreichen und bis in höchste Regierungskreise vernetzten Waffenlobby ins Visier nimmt.
Mit Minnesota hat sich einer der wichtigsten Vertreter des Nordic Noir übrigens auf einen Schauplatz gewagt, der inzwischen stark politisiert ist – das zeigen nicht zuletzt die Fälle von George Floyd, der im Buch Erwähnung findet, und jüngst Renée Good und Alex Pretti, die sich allesamt in dem Bundesstaat ereignet haben, in dem Nesbøs Roman spielt. Jo Nesbø lässt nicht den geringsten Zweifel daran, auf welcher Seite er in dem Streit zwischen Waffengegnern und Waffenbefürwortern steht.
Dass Nesbøs zentrale Figur neben ihrer Nähe zu dem Mann, den sie jagt, auch an den Osloer Ermittler Harry Hole erinnert (Hole wie Oz sind einsame Wölfe, im Job brillant und unaufhaltsam, privat aufgrund der Verluste, die sie in der Vergangenheit erlitten, zu Alkohol und Aggressionen neigend), merkt man als Leser schnell. Allein Nesbø setzt diesmal weniger auf Gewaltszenarien, denn der Täter ist kein Psychopath, sondern ein Rächer mit einer Botschaft an die Welt, in der er lebt. Er lässt seinen Helden auch dann noch auf der Spur des Täters bleiben, wenn Oz aufgrund eines unbeherrschten Angriffs auf den neuen Partner seiner Ex von der Ermittlung abgezogen wird. Als ihn schließlich eine heiße Spur zu dem Taxidermisten Mike Lunde führt, der für jenen Tomas Gomez eine Katze präparieren soll, an der dessen Erinnerungen hängen, nimmt die Geschichte für Oz schließlich noch eine ganz neue Wende. Und auch in seinem Privatleben deuten sich gegen Ende Entwicklungen an, die ihn aus seiner Isolation herausführen könnten.
Dass die Geschichte in eine Rahmenhandlung eingebettet wurde, in der der norwegische Journalist und Schriftsteller Holger Rudi – ein Verwandter des Taxidermisten Lunde und eine Figur, in die sich Nesbø wohl ein wenig selbst eingeschrieben hat – im September 2022 in Minnesota für ein bereits fortgeschrittenes Buch über den „Rächer von Minneapolis“ nochmals an Originalschauplätzen recherchieren will, eröffnet Nesbø die Möglichkeit, das USA-Bild des Romans bis zum Ende der ersten Amtszeit von Donald Trump auszuweiten. Es dürfte niemanden erstaunen, wie kritisch er der Administration des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten und der von ihr betriebenen Innen- und Außenpolitik gegenübersteht. Dass auch Trump den amerikanischen Traum entgegen allen großmundigen Versprechungen nicht wieder zum Leben erwecken kann, steht übrigens für die meisten der Figuren, die Nesbø in Minnesota auftreten lässt, fest. Das Fatale ist freilich, dass auch die demokratischen Alternativen nicht zu überzeugen verstehen, sondern nur von der anderen Seite her zu einer gefährlichen Spaltung des Landes beitragen. Mit einem seiner letzten Sätze freilich will Jo Nesbø seinen Leserinnen und Lesern aber auch ein Stück Hoffnung für die Zukunft des Landes mit auf den Weg geben, in dem einst groß geträumt werden durfte. Er lautet: „Was die Stadt – und die Welt – brauchte, waren naive Optimisten und keine resignierten Realisten.“
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