Die letzten Memoiren von Patti Smith

Patti Smiths „Bread of Angels“ ist eine merkwürdig bebilderte Darstellung eines wilden Lebens mit Höhen und Tiefen

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die 79-jährige Sängerin, Dichterin und Fotografin blickt noch einmal zurück auf ihr Leben als Kind, Heranwachsende und Erwachsene und wendet sich am Ende noch einmal ganz der Gegenwart zu. In vielen Details beschreibt sie ihre durch viele Umzüge und Krankheiten unstete Jugend, ihren Werdegang vor allem als Punk- und Rocksängerin, die Auftritte und die vielen Begegnungen mit Musikern, Dichtern und Schriftstellern der wilden 60er und 70er Jahre. Sie nennt einige bekannte, befreundete Künstler beim Namen – und das auf eine Weise, die eben nicht an „name dropping“ erinnert. Smith ist Teil dieser amerikanischen „Gegenkultur“, die sich der kapitalistischen Vermarktung ihrer Werke und ihrer selbst widersetzt. All die bekannten Gestalten der „beat generation“, der sich neu formenden Künstlerszene in New York und der Rockgeschichte zeugen von der Aufbruchstimmung, von der sie selbst ein Teil ist. Sie war Freundin und Geliebte des Fotografen Mapplethorpe, des Schriftstellers William Burroughs, des Dramatikers Sam Shepard und anderer Gleichgesinnter. Es ist bewundernswert, wie sie als jemand, die keine formale Musikausbildung hatte, ja noch nicht einmal Noten kannte, verschiedene Instrumente spielen lernte und ihre Stimme kraftvoll einsetzte. Und das auch noch heute tut! Smiths Anteilnahme am Tod vieler Freunde scheint echt. Sie erlebt die letzten Stunden am Bett ihres Freundes Mapplethorpe, der wie viele andere Künstler in den 90er-Jahren HIV-Opfer wurde. Sie beschreibt die tiefe Liebe zu ihrem früh verstorbenen Mann Fred Smith, mit dem sie alles teilte.

Diese Beziehung bedeutet für Patti Smith zunächst ein Ende der Auftritte auf der großen Bühne, trotz der Erfolge der 70er Jahre. Allein der erste Anblick von Fred überzeugt sie so, dass sie spontan weiß, dass er der richtige Mann für sie ist. Der Werdegang von Fred ist sogar Teil ihrer eigenen Autobiografie. Er ist ebenso unkonventionell wie sie selbst. Erst 1980 heiraten sie und ziehen weg von der New Yorker Szene in das abgelegene Detroit und sind sich selbst genug. Dies alles ist interessant zu lesen, wahrscheinlich besonders für Gleichgesinnte, die sich auch der „counter culture“ der 60er-70er Jahre verbunden fühlten.

Leider ist das Buch aber vor allem literarisch nicht überzeugend. Zu oft stoßen Bilder und Begriffe auf, die sich wie Stilblüten lesen. (Leider lag mir das in Englisch geschriebene Original nicht vor, so dass ich nicht überprüfen konnte, ob es an der Übersetzung oder der oft spirituellen Ausdrucksweise der Autorin lag.) Doch es ist zu vermuten, dass Patti Smiths Hang zum Spirituellen die von ihr verwendeten Bilder immer wieder verzerrt. In Bezug auf ihr bekanntes Lied Because the Night schreibt sie:

Als Jimmy und Shelley Yakus das Album abmischten, war ich von einer seltsamen Wolke umhüllt. Ich spürte noch immer das rasende Adrenalin, das mich als Performerin antrieb, doch jetzt zog mich eine Sehnsucht fort, an einen anderen Ort, wo Natur mit der glänzenden Kraft eines Märchens alles erneuerte. Ein Ort, an dem man vielleicht Fionn dem Dichterkrieger begegnete, oder der wahren Liebe. Ein Zustand wie Wiedergeburt …

Oder ein paar Seiten später: „Der Song war eine Hymne an die Gitarre, sie verlieh mir immer eine starke Körperlichkeit. Ihre schweren Saiten waren wie Stacheldraht, den ich mit einem Ruck ausreißen konnte.“ Dann später: „Die Gefühle waren vorübergehend beiseitegelegt, gefaltet wie Flaggen.“ Was erklärt hier die Metapher für die Natur? Oder das Bild der Gitarrensaiten als Stacheldraht? Was erklärt das Bild der beiseitegelegten Gefühle wie „gefaltete Flaggen“? Wer faltet überhaupt Flaggen und warum?

Immer wieder stößt man auf Stilblüten und auf pathetische Ausdrücke, die an Kitsch grenzen:„Der Ruf des Saxophons ergoss sich ins Meer“ zum Beispiel, oder: „Wir bewegten uns gemeinsam nahtlos von Welt zu Welt“. „In diesem Augenblick wusste ich mit meinem ganzen Wesen, dass ich nur Schriftstellerin werden wollte.“

Das Wort „heilig“ findet sich an mehreren Stellen, hier in Bezug auf ihren Vater:

Ich konnte die Zuneigung der Vögel zu ihm spüren, nicht nur, weil er sie fütterte, sondern weil sie auf seine angeborene Güte reagierten. In diesem Moment zweifelte ich nicht daran, dass er einem geheiligten Stamm angehörte… er besaß die Einfachheit eines Heiligen.

Abgesehen von den stilistischen Eigenheiten ist der gesamte Text recht uneinheitlich: Die letzten Kapitel unterscheiden sich in Stil und Sujet von den vorangegangenen. Während Smith im ersten Teil in Form einer chronologischen Autobiographie (sehr verschiedene) Stationen ihres Lebens, auch ihres spirituellen, wiedergibt, ist das ganze letzte mit „Vagabondia“ überschriebene Kapitel eher eine Auflistung von Erlebnissen, Gefühlen, Gedanken und Visionen, die wahrscheinlich in der letzten Zeit entstanden sind. Nachdem sie eine Zeitlang nicht schreiben konnte, fließt es im letzten Kapitel im Anblick der Promenade des Anglais in Nizza nur so aus ihr heraus: Sie imaginiert die Welt wie in der biblischen Offenbarung und spricht zum Schluss vom Loslassen:

Was bleibt, im Loslassen, ist Integrität. Wir entfalten uns, straucheln, lernen von unseren Vergehen und dann tun wir alles noch einmal. Stürzen wir uns in den Abgrund, aus dem wir so mühsam herausgeklettert sind, um uns zu finden. Und wenn wir doch die innere Kraft dafür aufgebracht haben, beginnt der beschwerliche und bezaubernde Prozess des Loslassens. Eine Reihe, die ausstrahlt wie natürliches Licht.“  

Das Thema „Loslassen“ ist sicherlich wichtig am Ende eines abwechslungsreichen Lebens, aber was erklären uns die Bilder?

Titelbild

Patti Smith: Bread of Angels. Die Geschichte meines Lebens.
Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2025.
320 Seiten , 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783462010909

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