Nur Leichen schwimmen mit dem Strom
Sonja M. Schultz erzählt in ihrem zweiten Roman „Mauerpogo“ eine Adoleszenzgeschichte aus den letzten Jahren der DDR
Von Dietmar Jacobsen
Josefine Färber, kurz Jo genannt, ist 14 Jahre alt, lebt in dem fiktiven Industriestädtchen Eisenwerda und bereitet sich auf ihre Jugendweihe – sie nennt das Ritual, durch das in der DDR alle nicht kirchlich Gebundenen durchmüssen, „das große Geweihe“ – vor, als ihr der Zufall das Zeitungsbild einer englischen Punkerin in die Hände spielt: „Sitzt auf der Straße, trägt Risse und Löcher, Ketten um die Stiefel gewickelt, geheime Abzeichen. Ihr steckt eine Sicherheitsnadel in der Wange, am Mundwinkel durchgezogen. […] Ihr Blick bohrt sich in meinen, ihr Haar steht in alle Richtungen.“ Jo ist sofort klar: So will sie auch aussehen – und am besten gleich bei der bevorstehenden feierlichen Zeremonie, bei der sie und ihre Klassenkameradinnen und -kameraden in „die Welt der Erwachsenen“ aufgenommen werden sollen, in einem ähnliches Aufsehen erregenden Outfit erscheinen.
Mauerpogo ist nach dem 2019 erschienenen Hundesohn, in dem Sonja M. Schultz Thriller-Elemente mit einer Coming-of-Age-Geschichte verband, ihr zweiter Roman. Die in Schleswig-Holstein aufgewachsene Autorin, Jahrgang 1975, fand im Laufe des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts mit Spoken-Word-Texten und Kurzgeschichten zur Literatur – nach einer kurzen, aber sehr erfolgreichen wissenschaftlichen Karriere, als deren Höhepunkt ein 2012 erschienenes, aus ihrer Promotionsschrift hervorgegangenes Buch über die Darstellung von Nationalsozialismus und Holocaust im Film gelten kann, und Stationen als Drehbuchautorin, Dokumentarfilmerin und freie Journalistin.
Ihr zweiter Roman ähnelt dem literarischen Debüt darin, dass in ihm ebenfalls eine gesellschaftlich relevante Geschichte aus der Perspektive und mit der Sprache einer jugendlichen Figur an der Grenze zum Erwachsensein erzählt wird, Der Roman spielt in einem Staat und zu einer Zeit, in der das Gegen-den-Strom-Schwimmen, wie es Jo ab ihrem 14. Lebensjahr konsequent praktiziert, gefährlich werden konnte. Mit den frühen 1980er Jahren hat das letzte Jahrzehnt der DDR begonnen. Und es knirscht bedrohlich im Getriebe des selbst ernannten Arbeiter-und-Bauern-Staats. Versorgungsprobleme und wachsender Widerstand gegen die politische Bevormundung durch die Einheitspartei – die immer deutlicher wahrnehmbare Kluft zwischen denen, die im Land das Sagen haben, und jenen, die sich nicht mehr widerspruchslos alles bieten lassen wollen, wächst unaufhaltsam.
Schultz‘ Heldin jedenfalls ist wild entschlossen, vom Tag ihrer Jugendweihe an (dem Tag, den der Staat, in dem sie lebt, ja ihr und allen anderen Jugendlichen mittels einer feierlichen Zeremonie als den Beginn ihres Erwachsenenlebens verkauft), nur noch das zu tun, was sie selbst für richtig hält. Niemand soll ihr mehr sagen dürfen, wo es langgeht, wie man sich benimmt und was man tunlichst unterlassen muss, um nicht aufzufallen. Denn gerade Letzteres, das Herausstechen aus der grauen Masse, hat Jo im Sinn. Mit grün gefärbten Haaren, zerlöcherten Hosen und in einem seit Jahren im Keller vor sich hin staubenden schwarzen Ledermantel, der bei jedem Schritt knirschende Geräusche von sich gibt, macht sie sich auf in ein Leben, welches fortan vom Punk bestimmt sein soll. Und gefragt von ihrem Vater, was es denn auf sich habe mit diesem „Pank“, was man sich darunter vorstellen müsse, fällt Jo die Antwort nicht schwer. „Alles, was dieses Land nicht ist“, sei Punk: „Nicht weggeduckt. Nicht arschlos. Nicht grau.“
Aus der Ich-Perspektive und in – nicht immer ganz gelingendem – jugendlichem Ton nimmt Sonja M. Schultz ihre Leserinnen und Leser mit in die Welt ihrer Heldin. Lässt Jo die Musik und die Liebe entdecken, widersprechen und anecken, Gleichgesinnte finden und enttäuscht werden von Menschen, auf die sie sich bisher verlassen hatte. Man gründet eine Punkband und bekommt die Chance, in scheinbar geschützten, von der Kirche angebotenen öffentlichen Räumen aufzutreten. Und muss zur selben Zeit erleben, dass man mehr und mehr in den Fokus der Staatssicherheit gerät, die letzten Endes auch vor brutaler Gewalt nicht haltmacht, wenn es gilt, den Jugendlichen die Grenzen aufzuzeigen, die der Staat ihnen gesetzt hat.
In den Erinnerungen von Jos Vater an den Prager Frühling – „Jetzt brennt der Funke, haben wir gedacht, jetzt können sie ihn nicht mehr austreten. Die Masse hat solche Kraft. Wir machen ein neues Land, diesmal richtig, wir alle zusammen“ – stecken Resignation und die Überzeugung, gegen Panzer letzten Endes nicht anzukommen. Und doch baut der Mann, ein Künstler mit Auftrittsverbot, der sich von seiner Familie – Jo lebt mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern, einem älteren Bruder und einer jüngeren Schwester, zusammen in einer typischen DDR-Neubauwohnung – in eine alte Gartenlaube zurückgezogen hat und hier seinen Weltschmerz pflegt, für die Band seiner Tochter aus kaputten Radioteilen und Vogelhaushölzern einen Gitarrenverstärker. Auf dass sie, die die rebellischen Texte ihrer kleinen Band geschrieben hat und mit kräftiger Stimme hinausschreit, fortsetzen kann, wozu ihm inzwischen die Kraft fehlt: „kein Staub, kein Dreck/ kein Riss, kein Fleck/ wer nicht passt/ - fünf! sechs! sieben! acht! -/ wird weggemacht“, heißt es in einem ihrer Lieder, das den Titel „Karnickelheld“ trägt
Mit vielen kleinen Details hat Sonja M. Schultz das Bild der späten DDR und der in ihr lebenden Menschen ausgestaltet. Da ist Jos großer Bruder Hanne, der den anderen Weg eingeschlagen hat: Verpflichtung zu drei Jahren Armee, keine Zweifel darüber, dass er im richtigen Land lebt, und blanke Verachtung für die Subkultur, von der sich die Schwester angezogen fühlt. Da ist ihre Mutter, „Mutsch“ genannt, die versucht, nirgendwo anzuecken und Haushalt und Beruf, so gut es geht, unter eine Decke zu bekommen. Da ist Jos bester Kumpel Frankie, der schwankt zwischen einem Elternhaus, das Anpassung um der späteren Karriere willen verlangt, und Freunden, die alles andere als gleichgeschaltet leben. Ein Konflikt, an dem er schließlich zerbricht. Und da ist Ratte, das unangepasste Mädchen, mit dem Josefine ihre erste Liebe erlebt.
Da sind Lehrer und Berufsberater, Polizisten und Stasi-Offiziere, mal Verständnis heuchelnd, mal drohend, mal gewalttätig. Klassenfahrten nach Buchenwald – „Die Nazis sind tot oder im Westen“, ist kein Trost angesichts der Bilder, die man dort ertragen muss – werden kontrastiert durch Bemerkungen wie „Ab ins Gas!“, die Jos Aussehen bei alten Männern provoziert, die ihr auf der Straße hasserfüllt hinterhersehen. Da ist der Unterschied zwischen „Drinnensprache“ und „Draußensprache“, der der kleinen Schwester von den Größeren beigebracht wird, damit sie sich nicht in der Öffentlichkeit verplappert. Westfernsehen und Ostseeurlaub, Atomalarmübungen in der Schule und Neptunfeste im Pionierferienlager, „Schwerter zu Pflugscharen“ und Altpapiersammeln für Vietnam – die Autorin hat viel hineingepackt in ihren Roman über ein Land, das es nicht mehr gibt, an das sich freilich noch viele auf höchst unterschiedliche Weise erinnern. Dass sie selbst im anderen Teil Deutschlands groß geworden ist und damit nicht durchmachen musste, was ihre Heldin erlebt, merkt man ihrem Text aufgrund der ihm zugrunde liegenden genauen Recherche und der von Schultz geführten Gespräche mit Zeugen jener Jahre nur an ganz wenigen, für heutige Leserinnen und Leser im Grunde unerheblichen Stellen an.
Inspiriert zu diesem Roman hat die Autorin die Begegnung mit einer Frau, die in der DDR Punk war, die zahlreichen Gespräche mit ihr über die staatliche Verfolgung dieser Jugendkultur, über Stasiverhöre und unmenschliche Haftbedingungen. Entstanden ist ein Buch, das zeigt, dass ein totalitärer Staat, der das Leben seiner Bürgerinnen und Bürger bis ins Kleinste hinein überwacht und reglementiert, auf Dauer keine Chance hat gegen den unbändigen Freiheitswillen Einzelner. Wenn die sich erst ihrer Kraft und der Tatsache, dass sich Gleichgesinnte über das ganze Land verstreut finden lassen, bewusst werden und beginnen, gemeinsam für ihre Ideale einzutreten, vermag auch Gewalt sie nicht mehr abzuschrecken.
In diesem Sinne hat Sonja M. Schultz für ihr Buch einen wunderbaren Schluss gefunden. „Mit unserer Angst gegen die Angst, anders geht es nicht“, ist Jos Erkenntnis nach dem Freitod ihres besten Freundes. Dessen Begräbnis wird schließlich zu einer Demonstration des Widerstands. Alte und Junge, Punks und Normalbürger, Einheimische und Fremde strömen auf dem Friedhof der Stadt zusammen. Solidarisch miteinander sein, der Polizeigewalt trotzen und zeigen, dass alle Einschüchterungsversuche der Staatsgewalt an dem festen Willen, endlich für sich selbst und ein lebenswertes Leben einzustehen, abprallen – es ist, was hier passiert, ein Vorschein auf jene machtvollen Demonstrationen, die Ende des Jahrzehnts einen Staat, der über die Köpfe der meisten seiner Bürgerinnen und Bürger hinwegregierte, endgültig zum Verschwinden brachten.
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