Die Eloquenz unseres Essens zu Beginn des neuen Jahrtausends
Markus Kügle möchte in „Audio-Visuelle Tropen“ mittels Bezug auf sprachliche Figuren die Rhetorik von Dokumentarfilmen über Ernährung offenlegen, scheitert dabei jedoch an eigenen rhetorischen Schwächen
Von Martin Janda
Laut Markus Kügle habe der der zeitgenössischen Lebensmittelindustrie kritisch gegenüberstehende Dokumentarfilm ab Mitte der 2000er Jahre sowohl künstlerisch als auch kommerziell einen Höhepunkt erreicht. Zwar seien diese Filme auch ob ihres Anklangs in verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen bedeutsam. Doch für Kügle äußert sich deren zentrale Relevanz in ihrem audiovisuellen Gestus: Er folgt der Binsenweisheit, dass Dokumentarfilme nicht allein Wirklichkeit abbildende, sondern vor allem Wirklichkeit bildende und als Argumentation zu verstehende Werke seien und möchte herausarbeiten, mit welchen aus der Linguistik abgeleiteten und ins Audiovisuelle übertragenen rhetorischen Figuren (Tropen) ausgewählte Dokumentarfilme der 2000er Jahre Ernährung (und besonders deren Teilgebiet der Nahrung herstellenden Industrie) darstellen, Kritik argumentieren und das Publikum vom Film gemachten Standpunkt zu überzeugen versuchen. Ziel der Arbeit, mit der Kügle 2017 an der Philipps-Universität Marburg promovierte, ist es schließlich, ein Modell zur Analyse der dokumentarischen, titelgebenden ‚Nahrungs-Aufnahmen‘ anhand der fünf audiovisuellen Tropen Metonymie, Synekdoche, Metapher, Katachrese und Ironie zu entwickeln.
Zunächst führt Kügle mit einer ermüdenden Abhandlung über die Problematik der verbalen Geschmacksbeschreibung und der fehlenden filmischen Ansprachemöglichkeit des Geschmackssinns an sein Thema heran. In einem späteren Kapitel wird er noch den filmwissenschaftlich längst in Abrede gestellten Wahrheitsanspruch von Dokumentarfilmen aufwärmen. Beides – audiovisuelle Ansprache des Geschmackssinns und Anspruch an Wahrheit(svermittlung) – mag zwar im Allgemeinen zum Themenkomplex des Dokumentarischen von Ernährung gehören, im Speziellen des von Kügles Arbeit gesteckten Feldes der (audiovisuellen) Rhetorik sind sie jedoch irrelevant, weil Rhetorik keine inhaltliche, sondern eine formale Kategorie ist.
Bei der theoretischen Fundierung seiner Arbeit beweist Kügle ebenfalls kein glückliches Händchen. Nicht nur sind die Theorien und Denkansätze, auf denen seine weiteren Ausführungen fußen, alles andere als aktuell: Der Theorie-‚Aufguss‘ reicht vom antiken Griechenland und dem römischen Reich bis zum Frankreich der beginnenden 1990er Jahre in Form von Aristoteles, Quintilian oder Christian Metz. Diese theoretische Aufstellung ist jedoch nicht nur wissenschaftshistorisch zu kritisieren, sondern auch inhaltlich. So fährt Kügle unter anderem neben Roland Barthes‘ nicht plausibel argumentierter semiologischer Analyse von Ernährung als Kommunikationssystem mit der Psychoanalyse – und ihr angeschlossen: der psychoanalytischen Filmtheorie – ganz schweres Geschütz fehlender Wissenschaftlichkeit und damit einhergehend mangelnder argumentativer Stärke auf. Darauf, dass ausgiebige Abschweifungen und mangelndes Geschick bei der theoretischen Fundierung kein stilistisches beziehungsweise inhaltliches Missgeschick, sondern Kügles modus operandi sind, weisen bereits zwei andere Rezensionen (über Serienfragmente und über Kopf/Kino: Psychische Erkrankung und Film) von Sammelbandbeiträgen Kügles hin.
Am schwerwiegendsten ist jedoch, dass es Kügle nicht gelingt, die linguistischen Tropen auf Film zu übertragen und diesen entsprechende filmische Gestaltungsmittel plausibel herzuleiten. Zwar lässt sich dies nicht zuletzt mit den nicht vollständig präzisen Definitionen der einzelnen Tropen in der Linguistik begründen, doch selbst die durch diese definitorischen Unschärfen gebotenen Freiheitsgrade kann Kügle nicht nutzen, um deren audiovisuelle Übertragung hinreichend glaubhaft zu argumentieren. So lässt sich dies symptomatisch an Kügles Kampf mit dem Tropus Metapher veranschaulichen, während dem er so sehr ins Schlingern gerät, dass er von der Sprachtheorie und dem Sprechen/Denken von/über Metaphern zum durchaus interessanten, für die Arbeit jedoch ebenfalls irrelevanten Thema der Medienmetapher – also dem Sprechen/Denken über Medien mittels Metaphern – übergeht, um schließlich die audiovisuelle Metapher nicht nachvollziehbar dergestalt zu definieren: „grundlegend [als] der Schnitt auf fremdes audiovisuelles Material begriffen (footage), was mindestens Irritation, wenn nicht gleich eine emotionale Reaktion, einen (Erkenntnis-)Schock auslösen soll. Ferner hat dies als (Bild-)Beweis und zur Veranschaulichung zu dienen“. Solche Schlüsse können ob des inhaltlichen Mäanderns und ziellosen Schwadronierens nicht anders als an den Haaren herbeigezogen wirken.
Beim Einweben jedes noch so winzigen Textfragments, das das Thema Ernährung auch nur touchiert, scheint Kügle den Blick auf eine klare rote Linie in seiner Textgestaltung verloren zu haben. Dass hier nicht das Lektorat des Verlags eingegriffen und den literarischen Schlangenlinien einen geraden Kurs verpasst hat, ist dabei ähnlich unverständlich wie Kügles Unwillen, auf irrelevante Quellen zu verzichten. Zwar bietet dem Autor das Verzetteln im kunst- und kulturwissenschaftlichem Kleinklein und die Überfrachtung mit unwichtigen als auch unglaubwürdigen Textquellen die Gelegenheit, prosaisch und mit erkennbarer Freude am Wortspiel zu flanieren – was bereits erkennbar ist an den im Untertitel der Arbeit stehenden „Nahrungs-Aufnahmen“, die doppeldeutig sowohl als ‚Nahrung zu sich nehmen‘, aber auch als ‚Nahrung/Ernährung technisch-medial festhaltend‘ verstanden werden können. Allerdings schält sich mit der Dauer der Lektüre die Erkenntnis heraus, dass es nicht die argumentative Plausibilität, sondern der prosaische Wohlklang ist, der im Vordergrund der Arbeit steht. Daher wäre es weitaus sinnvoller gewesen, wenn Kügle sich bei der vorgeführten Ausgiebigkeit der Quellenforschung lieber auf eine Diskursanalyse beschränkt hätte. So ist es schließlich tragische Ironie, dass neben Kügles argumentativem vor allem sein rhetorisches Unvermögen die Lektüre eines Werks verleidet, dass ausgerechnet der Rhetorik von Dokumentarfilmen gewidmet ist.
|
||















