„Genet wählt sich selbst durch Schreiben…“
„… Befreiung durch Arbeit und Genie.“ (Hans Mayer) Sartre und Mayer über Jean Genet
Von Heiner Wittmann
Hans Mayer verfasste 1944 eine erste Bilanz: „Die Weltdeutung des Jean-Paul Sartre“[1]. Mayer nennt das, was Sartres erste Arbeiten bei ihm hervorriefen und auch das, was Sartre seinem Land und seinen Landsleuten zufügte, einen „Schock“[2]. Das Theater komme in seinen Anmerkungen zu kurz, bedauerte Mayer, ebenso wie Saint Genet. Comédien et martyr, mit dem die Sartre-Forschung noch immer nicht so recht was anfangen könne – was sich mittlerweile geändert hat, so darf man jetzt hinzufügen. Immerhin, Mayer bezeichnet den Saint Genet als „ein Schlüsselwerk auch für die Entwicklung des Erzählers Sartre, der keinen Roman mehr schreibt, sondern stattdessen real-imaginierte Monographien.“ (ib.) „Real-imaginierte“ Porträts, so lautet Mayers Kurzbezeichnung der Studien Sartres über viele Künstler, Schriftsteller und Dichter, Maler und Bildhauer, in denen Sartre versuchte aufzudecken, wie sie sich zu Künstlern gemacht haben.[3]
Am Ende von Sartres Studie über Jean Genet (1910-1986) steht ein letztes Kapitel mit der Überschrift „Bitte um einen richtigen Umgang mit Genet“, dessen erster Satz bringt die gesamte Studie auf den Punkt:
Die Grenzen der psychoanalytischen Interpretation und der marxistischen Erklärung aufzuzeigen, darzulegen, daß allein die Freiheit über eine Person in ihrer Totalität Aufschluß geben kann, sichtbar zu machen, wie diese Freiheit, im Kampf mit dem Schicksal zunächst von ihren Verhängnissen erdrückt, sich dann auf sie zurückwendet, um sie nach und nach zu steuern, zu beweisen, daß Genie keine Begabung ist, sondern der Ausweg, auf den man in hoffnungslosen Fällen kommt, die Wahl herauszufinden, die ein Schriftsteller von sich selbst, seinem Leben und dem Sinn des Universums trifft bis hinein in die formalen Merkmale seines Stils und seiner Komposition, bis hinein in die Struktur seiner Bilder und in die Besonderheit seiner Neigungen, die Geschichte einer Befreiung im Detail nachzuzeichnen: das ist es, was ich gewollt habe. Der Leser wird entscheiden, ob es mir gelungen ist.[4]
Der hier vorgetragene Satz fasst vier grundsätzliche Aspekte der Methode Sartres zusammen, mit der er seine Studien über Künstler verfasst:
1. „Die Grenzen der psychoanalytischen Interpretation und der marxistischen Erklärung aufzeigen…” Wie auch in der Studie über Stéphane Mallarmé[5], die Fragment geblieben ist, geht es auch in der Studie über Genet um eine methodische Frage: kann man einen psychoanalytischen Ansatz mit einem marxistischen Ansatz vergleichen? In der Mallarmé-Studie, die nach dem Buch über Genet entstanden ist, wird deren Abbruch mit der Unvereinbarkeit der beiden Ansätze erläutert.
2. „Nur die Freiheit kann über die Totalität einer Person Aufschluss geben…“ diese Einsicht gehört zum Kern aller Künstlerstudien Sartres. Ihr gemeinsamer Nenner sind Probleme verschiedener Art, sei es in der Jugend, Krankheiten oder andere ungünstige Umstände, aus denen sich die Protagonisten seiner Studien aufgrund eines eigenen Antriebs in völliger Freiheit befreiten und sich, wie es in der Flaubert-Studie am differenziertesten beschrieben wird, aufgrund ihrer Imagination, zum Künstler machten. Das Kapitel Totalisation ist in der Flaubert-Studie der Schlüssel zum Verständnis dieses Prozesses. Dazu gehört auch das „universel singulier“, das einzelne Allgemeine, dessen Bedeutung für die gesamte Studie im Vorwort definiert wird und die den dialektischen Ansatz der Studie zusammenfasst:
Ein Mensch ist niemals ein Individuum, es wäre besser, ihn ein einzelnes Allgemeines zu nennen, er wird durch seine Epoche totalisiert und gleichzeitig universalisiert, das heißt er totalisiert sie in sich – ein Kind seiner Zeit – und reproduziert sich in ihr als Individuum, als ein Einzelnes. Er ist universal durch die einzigartige Universalität der menschlichen Geschichte, er ist einzigartig durch den Anspruch seiner Projekte, deshalb muss er von beiden Seiten, das Einzelne und das Allgemeine untersucht werden.[6]
Kommen wir nochmal zu Sartres Satz bezüglich von Jean Genet zurück: Sartre will die Grenzen zwischen dem psychoanalytischen und marxistischen Ansatz sichtbar machen, in dem er zunächst zeigt, wie die Freiheit, ich zitiere nochmal, „im Kampf mit dem Schicksal zunächst von ihren Verhängnissen erdrückt, sich dann auf sie zurückwendet, um sie nach und nach zu steuern…“
Man erkennt hier wieder die Bedeutung des universel singulier, das „einzelnen Allgemeinen“, wie es mehr schlecht als recht in der deutschen Übersetzung heißt, mit dem er die wachsende Autonomie, die Herausbildung des Künstlers aus schwierigen Umständen zu fassen versucht.
Damit wird auch gleich gesagt, dass alle Studien von Sartre über Künstler den Begriff der bloßen Biographie weit übersteigen. Diese Studien sind alle zusammengenommen methodische Untersuchungen, die die Frage beantworten sollen: Wie macht sich ein Individuum zum Künstler? Dass Sartre dabei auch immer wie in den „Wörtern“, die Hans Mayer übersetzt hat, auch über sich selbst schreibt, ist offenkundig.
3. Es ist ganz folgerichtig, dass Sartre nun die persönliche Wahl nennt. Er erinnert daran, „daß Genie keine Begabung ist, sondern der Ausweg, auf den man in hoffnungslosen Fällen kommt, die Wahl herauszufinden“.
4. Eine Begriffsbestimmung der Wahl, „die ein Schriftsteller von sich selbst, seinem Leben und dem Sinn des Universums trifft bis hinein in die formalen Merkmale seines Stils und seiner Komposition, bis hinein in die Struktur seiner Bilder und in die Besonderheit seiner Neigungen, die Geschichte einer Befreiung im Detail nachzuzeichnen: das ist es, was ich gewollt habe.“ Also darum geht es: den Stil, dessen Komposition, die Struktur seiner Bilder, die Besonderheit seiner Neigungen. Schließlich geht es um seine Befreiung. „Die Struktur seiner Bilder“ darf nicht überlesen werden, denn damit verweist Sartre auf seine Ursprünge: 1925 hatte er im Rahmen seiner Abschlussarbeit eine Analyse des Werks von Auguste Flach[7] verfasst, in der er das Denken in Bildern untersucht hat. Aus dieser Arbeit sind dann in der Folge L’imagination (1936), dt. Die Imagination[8] und L’imaginaire. Psychologie phénoménologique de l’imagination (1940)[9], dt. Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft entstanden. Danach werden in seiner existenzphilosophischen Studie Das Sein und Nichts. Der Versuch einer otologischen Phänomenologie die Grundgedanken zu Freiheit und Kunst aus den letzten Kapiteln von L’maginaire wieder aufgegriffen. Die Entstehung von Sartres Freiheitsbegriff ist eng mit der Kunst und seinen Bemerkungen über die Vorstellungskraft verbunden. Und weil bisher die Tragweite der Kunst in seinem Werk aufgrund der starken Konzentration auf sein philosophisches Werk unterschätzt wurde, ist vielen nicht deutlich geworden, dass die Kunst der zentrale Bezugspunkt im Gesamtwerk von Sartre ist.[10]
Der lange Eingangssatz Sartres im Schlusskapitel seiner Genet-Studie vermittelt einen ersten Eindruck, wie Sartre das Schicksal Genets verstanden hat. Aber in jeder seiner Porträtstudien verschwindet der Protagonist hinter dem viel wesentlicheren Ansatz, der danach fragt, wie es einem Typus wie Genet gelingen konnte, diesen Weg zu wählen? Hier wird eine Methode weiterentwickelt und am Beispiel von Jean Genet exemplifiziert. Somit lässt Sartre wie in allen anderen Porträtstudien das Biographische hinter sich. Er benutzt die Lebensgeschichten, um einige Informationen zu erhalten, die er aber nur nutzt, um mit ihnen seine Annahmen über die Wahl und das Engagement der Künstler zu überprüfen. Die genaue philologische Analyse, mit der Sartre so viele verschiedene Aspekte von Genets Werken untersucht, nimmt die Methode der Flaubert -Studie, die er die progressiv-regressive Methode nennen wird, vorweg. Er nutzt einige Informationen über den Autor, indem er verschiedene Bemerkungen seiner Biographie aufgreift, hier unter anderem die Hinweise auf Genet als Dieb, geht dann aber wieder zurück zu seinem Werk, um damit seine Behauptung und dann seine Entwicklung zu prüfen. Bei diesem Ansatz, den man als dialektisch deuten könnte, kommt es aber oft nicht zu einer Synthese, die mehr oder weniger zwingend aus dem Gesagten folgt, sondern Setzungen, mit denen Sartre dann doch wieder seine Methode und seine Grundsätze, wie er die Funktion von Literatur versteht, illustriert.
Saint Genet. Komödiant und Märtyrer bot Sartre eine günstige Gelegenheit, seine Methode, Werk und Leben von Künstlern zu untersuchen, weiterzuentwickeln. Genet bat um ein Vorwort zu seinem Werk, Sartre nahm an und verfasste mit 751 Seiten über den Autor gleich den ersten Band der Gesammelten Werke von Jean Genet, dieser zeigte sich erbost und wollte das Werk vernichten…
Sartres Studie über Genet ist auf den ersten Blick eine etwas zu lang geratene Gelegenheitsarbeit, mit der er seine Porträtmethode, wie er es so mit der Untersuchung der Werke vieler anderer Künstler gemacht hat, weiterentwickelt und auch über Jean Genet berichtet.
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Für Hans Mayer hingegen zählt Jean Genet zu den Außenseitern[11]: Jemand, der sich nicht in die Gesellschaft integrieren konnte, der schon mit zehn Jahren beim Stehlen ertappt wird und in eine Strafkolonie für Jugendliche gebracht wird. Er hat dort das Handwerk des Verbrechers erlernt und begibt sich auf seine Lern- und Wanderjahre und verfeinert sein Arsenal mit Einbrüchen, Diebstählen und Prostitution. Man muss nur Miracle de la Rose (1946) und sein Journal d’un voleur (1949) lesen, um eine genaue Dokumentation zu finden, wie er immer weiter abglitt.
Das Gedicht Der zum Tode Verurteilte erschien 1942 in einer Auflage von 100 Exemplaren und fiel Jean Cocteau in die Hände. Im Jahr zuvor hatte Genet schon mit der Niederschrift von Notre-Dame-de- Fleurs begonnen, der Band erschien erst 1944.
Erst im dreißigsten Lebensjahr hatte Genet begonnen zu schreiben, er wird wieder verhaftet, es beginnt ein Lebensabschnitt zwischen Literatur und Gefängnis. Es wird eng für Genet, nicht nur wegen seiner Diebstähle auch wegen seiner Bücher. Querelle de Brest (1947) führt zur Verurteilung des deutschen Verlegers. Die Kritik tritt für ihn ein und preist „das literarische Genie des Sträflings“, der sich, wie Mayer erklärt nun zur „Literaturgeschichte“[12] wird.
„Befreiung durch Arbeit und Genie“, eine Bewertung, die Mayer, ganz und gar nicht teilt. Er glaubt dieser „gutbürgerlichen Story“ nicht: Genets Schriften sprechen dagegen: „Sie wurden nicht als Texte der Auferstehung, sondern der Verdammung konzipiert.“[13] Es ist mithin keine Befreiung, wie Sartre sie im Sinn hat. Genets Bücher folgen vielmehr seinen Diebereien, die, wie er selbst sagte „ein ästhetisches Moment“ evozierten und Mayer bezeichnet sie als „Provokationsluxus“, keine Reue, der Diebstahl als Folge der unglücklichen Kindheit, seine Homosexualität als Ergebnis einer frühen Vergewaltigung, dann folgt der Verrat, den Genet, so Mayer, „praktiziert und preist“[14].
Mayer sucht also nach einem neuen Zugriff. Im folgenden Absatz fasst er präzise den Ansatz von Sartres Genet-Studie in einem Satz zusammen, der mit seinem Werk „den ersten Versuch vorlegt, die Rettung eines Menschen durch Schreiben, durch die schriftstellerische Existenz nach- und vorzuzeichnen.“ Mayer nennt auch Les Mots und die Flaubert-Studie, die beide die Identitätsfindung nachzuvollziehen suchen. Man könnte auch sagen, dass diese Studien Sartres eigene Philosophie exemplifizieren und weiterentwickeln, in diesem Sinne wären die darin genannten Personen und ihre Schicksale eher nur Statisten, so wie Sartre solche Wege mit den Studien über Charles Baudelaire, Stéphan Mallarmé, Sigmund Freud, wie auch in den kleineren Studien oder Alexander Calder, Wols, André Masson und auch zu Tintoretto gesucht und mit seiner Porträtmethode analysiert hat.
Der Absatz in Mayers Außenseiter hätte gut zu der Untersuchung über die Künstlerstudien von Sartre gepasst. Allerdings hätte Mayers Bemerkung, Genets Literatur habe keine Botschaft und wolle keine Kommunikation[15] doch Verwunderung ausgelöst. Sartre hat Ähnliches im Sinn gehabt und dafür gibt es eine Vielzahl von Belegen: „Er (i. e. Genet) haßt die Materie. Als Ausgeschlossener betrachtet er die Güter dieser Welt durch eine Glasscheibe, so wie arme Kinder den Kuchen durch das Schaufenster einer Konditorei ansehen.“[16]
Mayer versteht die Literatur Genets als „Autismus“ und als „Wertnegation“[17]: Er schreibe nur für sich selbst, und verfasse Literatur, die keine Botschaft und keine Kommunikation wolle.[18] Er hat auf den Lauf der Dinge keinen Einfluss und die Verbrechen werden immer größer und die Moral bleibt dabei auf der Strecke, zurück bleibt auch „häßliche (und moralische) Bürgerwelt“[19].
Die Isolation gelingt ihm aber nicht. Denn es kündig sich mit dem Interesse Cocteaus für den Fall Genet ein Wendepunkt an, den Mayer mit dem „Verhältnis des Homosexuellen Genet zur homoerotischen Literatur“[20] aufgedeckt haben will und er geht noch weiter, indem er die Balance „zwischen Außenseitertum und bürgerlicher Integration“[21] sucht. Er wolle keine Nachsicht, er wolle nichts bekennen, nichts rechtfertigen.[22] Er ist so, wie er ist, aber, so darf man anmerken, Schreiben leitet immer eine Veränderung ein. Werden Außenseiter so doch immer integriert? Und Mayer erinnert daran, dass Sartre eine Verbindung zwischen Genet und dem sowjetischen Stalinismus-Opfer Nikolai Iwanowitsch Bucharin herstellt: „Schreiben als Selbstbefreiung und Reden als Selbstbezichtigung in einen Stalinischen Prozeß.“[23] Trotzdem stehe der Genickschuss schon fest. Mit Sartre erinnert Mayer an die totale Einsamkeit der beiden, die immer den Einzelnen treffen könne, im Falle der Außenseiter, aber unabwendbar sei… Mayer sieht den Vergleich der beiden dennoch skeptisch, weil bei dem Vergleich von Bucharin mit Genet dem russischen Kommunisten Leo Trotzki fehle. Und er lässt die Tatsache, dass Bucharin Jude war, unerwähnt und damit ergibt sich ein wichtiger Bezug zu Sartres Überlegungen zu Judenfrage[24](1946).
Der Konflikt zwischen Trotzki und Bucharin bringt Mayer auf die Spur: Bucharin hatte während seines von Stalin veranlassten Schauprozesses in gewisser Weise aufgegeben, kein Appel an die Freunde: nur Leere und Scheitern.[25] Mayer hält sich an Sartre, der Genet als den „Bucharin der bürgerlichen Gesellschaft“[26] begreift: Er ist ein Verstoßener, der „den stolz und die Nichtgemeinschaft“ wählt. Weil er sich der Gesellschaft entziehe, legitimiere er ihre Moralnormen, meint Mayer, der Genets Verrat beschreibt, als wenn er nur innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft stattfinden könne, seine Weigerung, sich zu integrieren bedeutete eine Anerkennung der „unerreichbaren sozialen Hierarchie“, wie Mayer dies formuliert und er fügt hinzu: „Genet akzeptiert sich als Monstrum.“[27] So habe er Verrat in der bürgerlichen Gesellschaft begangen, in die er sich nicht integrieren konnte und wolle.
Bei der Lektüre von Sartres Erzählung über Jean Genet sind die romanhaften Züge dieser Darstellung nicht zu übersehen.[28] Andererseits ist die ganze Darstellung von einer Ernsthaftigkeit geprägt, den Dichter und Erzähler verstehen und auch unterstützen zu wollen, so wie Jean Cocteau und Sartre in ihrem Brief Staatspräsident Vincent Auriol am 15. Juli 1948 um die Begnadigung des Schriftstellers baten: „Das ganze Werk von Jean Genet reißt ihn von einer Vergangenheit flagranter Vergehen los, und eine endgültige Verurteilung stürzte ihn von neuem in das Übel, von dem ihn dieses Werk hat befreien können.“[29] 1949 wurde Genet begnadigt.
Die Studie Sartres über Genet folgt der Methode, die Sartre in seinen anderen Studien über Künstler angewendet hat. War es im Fall Flauberts ein epileptischer Anfall während einer Kutschfahrt bei Pont-à-Mousson, war es bei dem kleinen Genet ein genauso tiefgreifenderes Erlebnis, das er 1947 in dem Roman Querelle de Brest selbst untersucht hat. Eine Art Metamorphose, die sein noch junges Leben in zwei Teile schnitt. Es war ein Entsetzen und Grauen, das sich dem Kind bemächtigte, als man ihn einen Dieb nannte. Er kommt in die Obhut der öffentlichen Jugendhilfe, die ihn einem Bauern im Morvan übergibt. Das Drama nahm seinen Lauf, Genet rutschte immer tiefer in die Teufelsspirale des Verbrechens. Genet, der sich später durch die Literatur und sein eigenes Schreiben befreite, passte so ganz exzellent in die lange Reihe der Künstler, deren Werke Sartre mit der Leitfrage untersucht, wie macht ein Mensch – in einer schwierigen Situation – aus sich einen Schriftsteller oder einen Künstler?
In vier Kapiteln untersucht Sartre die „Metamorphose“, die Genet vom Dieb zum Schriftsteller führt: Sartre will herausfinden, welchen Anteil Genet selbst an dieser Entwicklung hatte, man könnte auch sagen, Sartre versucht seine Theesen aus Das Sein und das Nichts[30] hier anhand der Geschichte von Genet zu verifizieren. Das Böse steht im Mittelpunkt der ersten Verwandlung, die ihn zu einer zweiten Wandlung führt, die aus ihm einen Ästheten macht. Die „dritte Metamorphose“ zeigt seine Entwicklung zum Schriftsteller, die Sartre mit vielen Interpretationen von Schlüsselpassagen aus dem Werk Genets erläutert und begründet. In der Zusammenfassung erklärt Sartre, wieso wir Genet wieder lesen sollten.
Die philologische Akribie, mit der Sartre die Werke Genets gelesen hat und sich auf sie stützt, ist bemerkenswert. Diese genaue Kenntnis seiner Werke führt ihn zum Kapitel über die Sprache (S. 434-485), in der er auf feinfühlige Weise Genets Beziehungen zu seiner Sprache aufdeckt:
Weil dieses Kind für sich selbst ein anderes ist, löst sich die Sprache in ihm auf und alteriert sich, wird die Sprache der anderen. Sprechen heißt die Wörter stehlen, und diese bewahren bis an den Grund seiner Kehle die untilgbare Spur ihrer wahren Eigentümer: bis in seinen inneren Monolog gefälscht, ist Genet ein bestohlener Dieb; er entwendet die Sprache, dafür stiehlt man ihm sein Denken.[31]
Mit diesem Kapitel findet Sartre weitere Erkenntnisse darüber, wie Genet sich zum Dichter und Schriftsteller gewandelt hat. Das Verhältnis des angehenden Dichters zur Sprache beruht auf Sartres Überlegungen zu Mallarmé und diese Analyse wird später in Der Idiot der Familie verfeinert.
Sartre nimmt das „Urereignis“ in den Blick: Der kleine Genet wird beim Diebstahl erwischt und ihm wird gesagt, dass er ein Dieb sei. Für den kleinen Genet bricht seine Welt zusammen. Dieses Urerlebnis erlaubt es, „durch die Analyse der Mythen die Tatsachen in ihrer wahren Bedeutung ermitteln.“[32]
In seiner Unterbringung im Rahmen der Jugendfürsorge lernte „Unser künftiger Einbrecher … zuerst den absoluten Respekt vor dem Eigentum,“[33] notiert Sartre überzeugt davon, dass Genet sich für zwei Wege zugleich entscheide. Der erste ist die Heiligkeit, die er zu seinem Ziel erhebt, wie er im Tagebuch eines Diebs notiert, eine Heiligkeit, die seine Abstammung von Gott unterstreiche. „Da er eben kein Sohn ist, wird er zum Heiligen,“[34] erklärt Sartre, aber da Gott nicht alles sehe, nutze der junge Genet das aus und beginne seine Karriere als Dieb. Die Passage unterstreicht den romanhaften Charakter dieser Studie.
Macht sich Sartre zum Anwalt Genets, wenn er postuliert, Diebstähle, die das Eigentum bestreiten, bestätigten es? Genet wolle für sich die Realität dematerialisieren. Eine bewusste Entscheidung läge hier nicht vor; Genet wisse nicht, dass er sich ein Schicksal geschaffen habe. Die existenzialistische Handschrift Sartres ist hier eindeutig: Man entkommt seiner Wahl nicht. Jede Entscheidung ist immer eine Wahl.
Das Urteil sei ausgesprochen, eine Revision unmöglich. Die Anderen haben ihn dem Bösen überstellt. Um uns selber zu erkennen, erklärt Sartre, stehen uns zwei Arten der Information zur Verfügung: unser intimer Sinn und das, was uns die Leute um uns herum sagen. Künftig kennzeichnet ihn das Böse: „Das trifft auf den kleinen Genet zu. Die Gesellschaft hat ihn damit beauftragt, das Böse zu verkörpern, das heißt den Anderen.“[35]
Zwei Beispiele aus dieser Untersuchung sollen hier Sartres Methode verdeutlichen:[36] Das erste Kapitel „Erste Konversion: das Böse“ beginnt mit einer Erinnerung an die Wahl, die das Individuum für sich treffen muss. Allerdings gibt es eine Einschränkung der Freiheit, die Sartre immer postuliert hat, wenn er hier sagt, wir entschieden uns für das, was andere aus uns gemacht haben. Aber das ist kein Sinneswandel Sartres, sondern hier eher eine Diagnose, denn die ganze weitere Geschichte zeigt, dass der Dichter sehr wohl seine eigene Wahl treffen kann. Wie er das macht und wie er dabei erfolgreich ist, das ist das Thema dieses Buches, zu dem auch die Methode gehört, wie man solch eine Untersuchung anlegt und durchführt.
Handelt es sich um eine erzwungene Wahl? Die Indizien für eine Antwort reichen nicht aus. Es geht hier gar nicht um Genet, denn der Existenzialist Sartre sucht auch hier nach einem grundsätzlichen Ansatz, um die Wahl eines Individuums in Worte fassen zu können, man könnte auch sagen praktisch zu verifizieren, nachdem er die Theorie dazu in Das Sein und das Nichts entwickelt hat. Aber eine Antwort findet sich in den ersten Schriften Genets: „Wenn der Schuldige Mut hat, entschließt er sich, der zu sein, den das Verbrechen aus ihm gemacht hat,“ schreibt Genet in seinem Tagebuch eines Diebs und fügt hinzu, „Eine Rechtfertigung findet er leicht, denn wie könnte er sonst leben?“[37] Wenn Sartre die „Duplizität von Genets Entwurf“ aufgrund der „Doppeldeutigkeit unserer Bedingung […], denn wir sind Seiende, deren Sein ständig in Frage steht“[38] nennt, erinnert er an die enge Beziehung zwischen Saint Genet und Das Sein und das Nichts. Es folgt die Analyse zweier Intentionen, die eine nennt die Anstrengung, die immer mit einem Scheitern bezahlt werde,[39] und die andere zielt auf das „Wer-verliert-gewinnt-Spiel[40], das in der Flaubert-Studie so ausführlich untersucht werden wird. Genet wolle das Böse, aber Sartres Argumentation überzeugt nicht, wenn er behauptet, dass die Suche nach dem Sein Genet zu seiner Homosexualität geführt habe, um aus seiner „,Natur‘ seinen eigenen Gott zu machen.“[41]
Die Frage nach der Wahl erinnert an Das Sein und das Nichts… und inspirierte die Idee, eine Porträtmethode zu rekonstruieren, mit der Sartre die Entwicklung eines Individuums zu einem Künstler untersucht: Dazu gehört seine Theorie der Freiheit mit allen ihren Implikationen, seine Literaturtheorie, sein Konzept des Entwurfs und der Wahl, damit verbunden die Kritik an der Psychoanalyse – fundiert durch sein so umfangreiches Drehbuch zum Film von Jean Huston über Freud –, seine Kritik an der Dialektik und dem Marxismus, wie auch die Verifizierung dieser Methode bei der Analyse der Gemälde von Tintoretto.
Im Kapitel mit der Überschrift „Dieses ewige Paar des Verbrechers und der Heiligen“[42] – ein Zitat aus dem Theaterstück Die Zofen – untersucht Sartre Genets sexuelle Orientierung. Die Lektüre des Tagebuchs eines Diebs bestätigt die enge Verbindung zwischen Diebstahl und Homosexualität. Sartre findet noch andere Faktoren, die Genets Neigung zur Homosexualität beeinflussen. Er erscheine nicht als begehrenswert und suche das Nichts. Am Ende des Kapitels vermutet Sartre, Genet besser zu kennen, als dieser sich selbst kenne.
Es überrascht nicht, dass Sartre als Kapitelüberschrift die Devise Rimbauds „Ich ist ein Anderer“[43] aufgreift, um daran zu erinnern, dass Genet sich als „Heiliger und Märtyrer“ verstehe. Genet positioniere sich selbst als ein Anderer: „es ist der heilige Genet, der die Alltagsseele des profanen Genet heimsucht.“[44] Auf den romanhaften Charakter dieser Studie wurde bereits mehrfach hingewiesen.
Im Kapitel „Eine tägliche Arbeit, minuziös, langsam und enttäuschend“[45] wird das Böse untersucht. Das Ergebnis deutet Genets Niederlage und seine Absicht an, Böses zu tun. Im Kapitel „Willst Du dahin gelangen, alles zu sein, verlange in nichts etwas zu sein“ – eine Überschrift, die ein Zitat aus Johannes vom Kreuz (1542-1591) ist – wird die Heiligkeit Genets untersucht: Im Tagebuch eines Diebs heißt es „Heiligkeit nenne ich nicht einen Zustand, sondern die sittliche Haltung, die mich zu ihr hinführt. Es ist dies der mathematische Punkt einer Sittlichkeit, von der ich nicht reden kann, da ich sie nicht wahrnehme “[46] Das Böse wirkt wie ein Verrat und das Verbrechen erscheint wie der Versuch, das Sein auszulöschen, aber da seine Handlung wie eine „Realisierung“ wirke, verwandle sie das Nichts in Sein, woraus Sartre schließt „Die Suche nach der Heiligkeit ist zuerst Genets Abwehr gegen den Verrat des Bösen.[47]
Im Kapitel „Die Sprache“[48] entwickelt Sartre, wie Genet sich eine „Haltung“ geschaffen habe, mit der er begonnen habe zu schreiben. Überlegungen über „Das Argot ist die Aphasie der Landstreicher“[49] weisen die Richtung. Genet spiele mit den Wörtern und die Erinnerungen an Mallarmé in diesem Kapitel belegen, wie sehr Sartre von der Interpretation seiner Gedichte profitiert hat, um das Verhältnis Genets zur Sprache in Worte fassen zu können. Genet nutze die doppelte Bedeutung der Wörter, um einem Anderen, sei er auch imaginär, deren Entzifferung vorzuschlagen, woraus eine Kommunikation entstehe, die von Angesicht zu Angesicht nicht möglich sei. Indem sich Genet an diesen Anderen wende, schaffe er sich seine Stellung als Dichter. Passagen wie diese deuten darauf hin, dass die Etappen, die verschiedenen Stationen, an denen sich Genet der Literatur nähert, in ihrer Summe für ihn eine Wahl, sogar eine heilsame Wahl bedeuten. Eine dieser Etappen lautet so: Genet entdecke in der Poesie sein Heil, er „verwandelt die Bedeutung der Wörter in einen Sinn.“[50]
Im Kapitel „Die Verweigerung der Geschichte“[51] gibt es einen anderen Ansatz, die Wandlung Genets zum Schriftsteller zu deuten. Zuerst spricht er nicht darüber. Mit 18 Jahren reist er in ganz Europa herum, stiehlt, wird erwischt und kann wieder fliehen. Das Kapitel: „Die Kreisel“[52] beschreibt eine Person voller Widersprüche und der letzte Satz des 2. Kapitels ist keinesfalls einleuchtend: „Er wird Dichter sein, weil er böse ist.“[53] War der Diebstahl die Bedingung für seinen Eintritt in die Literatur? Eigentlich nicht, aber dennoch bleibt jetzt bei Sartres Leser die Bemerkung haften, dass die Literatur für Genet eine Befreiung gewesen ist.
Das dritte Kapitel, „Zweite Metamorphose. Der Ästhet“[54] enthält u.a. die Abschnitte „Das Bild“, „Die Geste“ und „Das Wort“. In „Das Bild“, wird die enge Beziehung zwischen der Vorstellungskraft und der Sexualität von Genet untersucht, dabei stützt Sartre sich auf zahlreiche Zitate aus Notre-Dame-des-Fleurs und aus Wunder der Rose.
Im Kapitel „Ich bin auf den Diebstahl zugegangen wie auf eine Befreiung, wie auf das Licht“[55] – ein Satz aus Wunder der Rose – stützt sich Sartre auf lange Zitate aus dem Tagebuch eines Diebs. Genets hat sich nicht an einem Tag entschieden, sich dem Schreiben zuzuwenden, sondern dieser Entschluss war das Ergebnis eines längeren Prozesses: „Und dann ist schreiben kommunizieren…“[56]. Schreiben modifiziert die Beziehung zu den Anderen. Schon in Was ist Literatur? (1947) hatte Sartre die Nennung von Personen oder Gegenständen als den ersten Schritt zu ihrer Veränderung erklärt.
Zuerst untersucht er das Verhältnis des Künstlers zu seinem Publikum: „Ein Mechanismus, der des Verses klare Strenge hat.“[57] Die Lesung seines ersten Gedichtes in der Öffentlichkeit war der Beginn dieses Prozesses. Bis dahin endete jeder Versuch der Wiedereingliederung in die Gesellschaft in einer Niederlage. Das laute Lesen eines Gedichts im Gefängnis verändert alles: „Lesen ist eine Wiederholung des schöpferischen Aktes,“[58] notiert Sartre in diesem Kapitel.
Die Interpretation von Der zum Tode Verurteilte [59] gehört zu den gelungensten Seiten der Analyse Sartres. Er untersucht die Beziehungen der Verse zueinander und unterstreicht hier die große Nähe seiner Verse zur Prosa. Das Gedicht Die Galeere, das er hier nennt, zerstöre die natürliche Architektur und verletze die Syntax.
Die erneute Lektüre des Romans Notre-Dame-des-Fleurs, der im Gefängnis entstand, wird im Kapitel „Und ich, sanfter als ein böser Engel, führe sie an der Hand“[60] analysiert. Sartre versteht Notre-Dame-des-Fleurs als einen Traum und gesteht, wie sehr er von der Erzählung Genets der ersten Nacht von Divine mit Gabriel berührt ist. Die Beobachtung der Bilder führt ihn zu zwei Ansätzen der modernen Poesie, eine, die er „expansiv“ nennt, berufe sich auf Rimbaud, sie „zwingt die natürliche Verschiedenheit mit Gewalt dazu, eine explosive Einheit zu symbolisieren“, die andere, die von Genet sei „retraktiv“, denn er will nicht „die Exteriorität als eine expansive Kraft dar[…]stellen, sondern ein Nichts, einen Schatten…“.[61]
Das vorletzte Kapitels „Über die schöne Literatur als Mord betrachtet“[62] beginnt mit einer Bemerkung über das Gesamtwerk Genets. Eigentlich habe er nur isolierte Werke verfasst, aber jedes Buch enthalte alle seine Themen. Sartre erklärt dazu, dass die Schönheit der freie Appell einer schöpferischen Freiheit sich an alle richte,[63] womit er wieder an die Argumente und die Beschreibung des Appels als eine der grundlegenden Funktion der Literatur in Was ist Literatur? erinnert.
Der letzte Abschnitt des dritten Buches mit der Überschrift „Mein Sieg ist verbal, und ich verdanke ihn der Pracht der Wörter“[64] schlägt eine Lösung vor: Genets Eingeständnis, uns mit dem Bösen zu infizieren, trage die Befreiung mittels der Literatur in sich. Das Publikum scheint ihm zu glauben und gesteht ihm eine Freiheit zu, die eigentlich nicht seine sei. Sartre kommt wieder zurück auf die Unterscheidung zwischen Dichter und Schriftsteller, dieser erklärt dem Leser eine Idee, der Dichter hingegen spreche durch die Vermittlung des Lesers zu sich.[65]
Die Schlussfolgerungen dieser Studie stehen unter der Überschrift „Bitte um einen richtigen Umgang mit Genet“[66]. Der erste Satz dieses Kapitels stand als Zitat am Anfang dieses Vortrags. Sartre habe die Grenzen der psychoanalytischen Interpretation und die der marxistischen Interpretation zeigen wollen und, „daß allein die Freiheit über eine Person in ihrer Totalität Aufschluss geben kann […] die Geschichte einer Befreiung im Detail nachzuzeichnen […].[67] Dieser erste Absatz der Schlussbemerkung ist auch das Programm jedes anderen Künstlerporträts Sartres einschließlich von Die Wörter. Die Grundfrage des französischen Existenzphilosophen lautet: Wie entwickelt sich jemand unter Ausnutzung aller Freiheiten zum Künstler oder Schriftsteller? Die hier aufgezeigten Grenzen der Ansätze, die die Psychoanalyse und der Marxismus in diesem Zusammenhang bieten, sind dieselben, die ihn auch dazu bewogen, die Mallarmé-Studie aufzugeben.
Sartre fragt sich, ob er Genet gerecht geworden sei. Der letzte Satz: „Genet hält uns den Spiegel vor. Wir müssen uns ansehen“[68] und sei es, um „Objekt und Subjekt“ zu versöhnen, man wird als Objekt so schnell schuldig oder einsam, zumindest in den Augen der Anderen. Um diesem Schicksal zu entgehen, heißt es, „Genet ist wir; deswegen müssen wir ihn lesen.“ [69]
In Sartres Sinn ist Genet wohl kein Außenseiter im Sinne Hans Mayers, denn nach ihm ist Genet unter uns. Und er hat noch eine weitere Qualität, weil er sich mit seinem Literaturansatz befreit hat, nahm Sartre ihn in seine lange Reihe der Porträtstudien auf, die fast ausnahmslos den Werken der Künstler analysieren, die für ihre Epoche etwas Neues geschaffen haben. Einige biographische Details kommen hinzu, aber im Wesentlichen konzentriert sich Sartre auf die präzise Lektüre seines Werkes und prüft sie mittels seiner Theorien über die Einbildungskraft, die Freiheit, die Existenz und auch die Kritik der Psychoanalyse, um Hypothesen zu entwickeln, mit denen er wieder in dem angedeuteten Rückschritt Hinweise auf die Biographie Genets prüft. Auf diese Weise ist Saint Genet in erster eine wichtige Etappe für die Entwicklung seiner Methode, die Entstehung von Literatur zu rekonstruieren und zugleich seine eigene Ästhetik zu vervollkommnen.
Zusammenfassung
Der Vergleich der beiden Ansätze, Jean Genet besser zu verstehen, geht von ungleichen Voraussetzungen aus, Mayer möchte zeigen, wie Genet in den Personenkreis der Außenseiter passt und Sartre konzentriert sich auf die ästhetischen Aspekte, mit denen Genet seine Selbstbefreiung vollziehen konnte. Aber Hans Mayer kommentiert auch in langen Passagen die Studie Sartres über Genet und liest sie naturgemäß vor allem als eine Biographie.
Die Genet-Studie als methodischer Meilenstein bestätigt die Tragweite der Ästhetik und somit der Kunst als Referenzpunkt des Sartreschen Gesamtwerkes. Es ging Sartre vor allem um die Entstehung, die Analyse und folglich die Wirkung der Kunst. Genet war für Sartre ein willkommener Anlass, sein ästhetisches Instrumentarium zu prüfen und zu vervollkommnen. Für Hans Mayer ist Genet eine personnage par excellence, ein würdiger Vertreter der „Außenseiter“, der durch mit seinem non-konformistisches Verhalten Erfolg hat: „Jean Genet etabliert die Maxime des Nichtintegrierung.“[70]
In seinem „Offenen Schluss“ stellt Hans Mayer Jean Genet in den Mittelpunkt seiner Überlegungen:
In einer verzweifelten Anstrengung der Lebens- und der Schreiberfahrung hatte Jean Genet sich damit abgemüht, eine Gegenmoral und Anti-Ästhetik der Außenseiter zu errichten. Man hat daraufhin die gängige Moral der Normalen nicht abgeändert, aber die Gegenästhetik literarisch konsumiert.[71]
Anmerkungen
[1] Wiederabgedruckt in Anmerkungen zu Sartre, Pfullingen 1972. Vgl. dazu: H. Wittmann, Hans Mayer über das Werk Jean-Paul Sartres, Website der Hans-Mayer-Gesellschaft. 2. November 2023: URL https://www.hans-mayer-gesellschaft.de/die-weltdeutung-des-jean-paul-sartre/ – aufgerufen am 18.9.2025.
[2] Hans Mayer, Anmerkungen zu den Anmerkungen, in: id. Anmerkungen zu Sartre, op. cit., S. 10.
[3] Vgl.: H. Wittmann, Sartre, Camus und die Kunst, Die Herausforderung der Freiheit, in der Reihe Dialoghi/Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs, hrsg. v. D. Hoeges, Berlin 2020.
[4] J.-P. Sartre, Saint Genet. Komödiant und Märtyrer, übers. v. U. Dörrenbacher, Reinbek bei Hamburg 1984, S. 905.
[5] J.-P. Sartre, Mallarmés Engagement. Mallarmés Engagement. Mallarmé (1842-1898), hg. U. übers. V. T. König, Reinbek bei Hamburg 1983.
[6] J.-P. Sartre, Der Idiot der Familie. Das Leben des Gustave Flaubert von 1821-1857, übers. v. T. König, Reinbek bei Hamburg 1986.
[7] Heiner Wittmann, Sartre et la liberté de la création : l’art entre la philosophie et la littérature, in: G. Farina, M. Russo, (Hg.), Sartre et l’arte contemporanea. Immagini e imaginari, dans: Gruppo Ricerca Sartre, Studi Sartriani, Anno XV / 2021, S. 83-102 : URL https://romatrepress.uniroma3.it/libro/studi-sartriani-xv-2021-sartre-e-larte-contemporanea-immagini-e-immaginari/ – aufgerufen am 24.9.2025. J.-P. Sartre, L’image dans la vie psychologique. Rôle et Nature. Mémoire présenté pour l’obtention du Diplôme d’Études Supérieures de Philosophie 1926-1927. Sous la direction du Professeur Henri Delacroix, in: Sartre inédit: le mémoire de fin d’études (1927), in: Études sartriennes, hg. G. Dassonneville, 22, 2018, S. 43-246. Vgl. A. Flach, Über symbolische Schemata in produktiven Denkprozessen, in: «Archiv für die gesamte Psychologie», Band LII, 1925, S. 369-440. Vgl. G. Dassonneville, Une contribution sartrienne au roman de la psychologie. Le Diplôme de l’image (1927), in: Sartre inédit, cit., S. 15-41. Vgl. R. Steinmetz, L’héritage phénoménologique, Sartre: la création de soi, dans Esthétique et philosophie de l’art, L’atelier d’esthétique, De Boeck, Bruxelles 2014, S. 158-164. Vgl. J. Mouzet, Psychologie de Sartre, dans «Revue Philosophique de la France et de l’Étranger», 205, 2, Les Philosophes et la psychologie, S. 169-186.
[8] J.-P. Sartre, Die Imagination, in: ders., Die Transzendenz des Ego. Philosophische Essays 1931–1939, übers. v. U. Aumüller, T. König, B. Schuppener, Hamburg 1982, S. 97-254.
[9] J.-P. Sartre, Das Imaginäre. Phänomenologische Psychologie der Einbildungskraft, übers. v. H. Schöneberg, Reinbek bei Hamburg 1971.
[10] Vgl. Heiner Wittmann, Sartre et la liberté de la création : l’art entre la philosophie et la littérature, a. a. O., S. 101 : „Es sind in der Tat die Kunst und die Ästhetik, die den zentralen Bezugspunkt seines gesamten Werks bilden, gestützt durch die Philosophie als Laboratorium für Reflexionen, beispielsweise über die Freiheit und die Stellung des Menschen in der Welt. Wenn wir über die Ästhetik in seinem Werk sprechen, diese Ästhetik, die er nicht geschrieben hat, die man aber leicht rekonstruieren kann, ist es dennoch nicht einfach, sie von seiner Philosophie und seiner Literatur zu trennen, was die zentrale Bedeutung der Ästhetik im Werk Sartres unterstreicht.“ Übers. H. W.
[11] H. Mayer, Außenseiter, Frankfurt/M. 2007.
[12] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 295.
[13] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 296.
[14] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 297.
[15] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 298.
[16] J.-P. Sartre, Saint Genet. Komödiant und Märtyrer, op. cit., S. 608.
[17] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 298.
[18] Vgl. H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. ib.
[19] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 299.
[20] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 300.
[21] H. Mayer Außenseiter, op. cit., S. 301.
[22] Vgl. H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 302.
[23] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 303. Vgl. im Folgenden, S. 304-307.
[24] Vgl. H. Wittmann, Lesebericht: Jean-Paul Sartre, Überlegungen zur Judenfrage, in: Frankreich-Blog, ULR: https://www.france-blog.info/lesebericht-jean-paul-sartre-ueberlegungen-zur-judenfrage – aufgerufen am 1.2.2026.
[25] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 301. Vgl. im Folgenden S. 308-309.
[26] H. Mayer, Außenseiter, op. cit., S. 307.
[27] H. Mayer, Außenseiter, op. cit. S. 309.
[28] : Im Folgenden greife ich einige Überlegungen auf, die aus einem Vortrag in der Sorbonne stammen und die als Kapitel in der Neuausgabe meiner Studien über Sartre du Camus eingefügt wurde: H. Wittmann, Sartre, Camus und die Kunst, op. cit., S. 79-87.
[29] J.-P. Sartre, Saint, Komödiant und Märtyrer, op. cit., S. 7.
[30] Vgl. Sartre, Jean-Paul: Das Sein und das Nichts. Versuch einer ontologischen Phänomenologie, übers. v. T. König, Reinbek bei Hamburg 1991, S 753-845: Teil IV, Kapitel I „Die Freiheit“.
[31] Sartre, Saint Genet. Komödiant und Märtyrer, a. a. O., S. 438.
[32] Sartre, Saint Genet. Komödiant und Märtyrer, a. a. O., S. 17, vgl. im Folgenden: ebd.
[33] Sartre, Saint Genet, a. a. O., S. 24.
[34] A. a. O., S. 23, vgl. im Folgenden: S. 23-31.
[35] A. a. O., S. 34 f., vgl. im Folgenden: S. 61.
[36] Vgl. die ausführlichere Darstellung: H. Wittmann, Sartre, Camus und die Kunst, Die Herausforderung der Freiheit, a. a. O., S. 79-87.
[37] J. Genet, Tagebuch eines Diebes. Autobiographischer Roman, übers. v. G. Hock, H. Voßkämpfer, Hamburg 1961, S. 253. ‑ Darauf spielt Sartres Überschrift an, vgl. Saint Genet, a. a. O. S.100: „Ich habe beschlossen, der zu sein, den das Verbrechen aus mir gemacht hat.“
[38] Vgl. Sartre, Saint Genet, a. a. O., S. 101.
[39] Vgl. a. a. O., S. 109.
[40] Vgl. a. a. O., S. 113.
[41] Vgl. a. a. O., S. 120.
[42] Vgl. a. a. O., S. 121-220.
[43] Vgl. a. a. O., S. 220-237.
[44] Vgl. a. a. O., S. 231.
[45] Vgl. a. a. O., S. 238-304.
[46] J. Genet, Tagebuch, a. a. O., S. 226.
[47] Sartre, Saint Genet, a. a. O., S. 370.
[48] A. a. O., S. 434-485.
[49] A. a. O., S. 448.
[50] A. a. O., S. 477.
[51] A. a. O., S. 485-515.
[52] A. a. O., S. 515-522.
[53] A. a. O., S. 551.
[54] A. a. O., S. 553-657.
[55] A. a. O., S. 553-657.
[56] A. a. O., S. 656.
[57] A. a. O., S. 661-698.
[58] A. a. O., S. 670.
[59] Vgl. a. a. O., S. 664-691.
[60] Vgl. a. a. O., S. 696-695.
[61] A. a. O., S. 721 f. Vgl. im Folgenden 721 ff.
[62] Vgl., a. a. O., S. 751.
[63] Vgl., a. a. O., S. 772 ff.
[64] Vgl., a. a. O., S. 844-904. Vgl. J. Genet, Tagebuch eines Diebes, a. a. O. S. 72: “Mein Sieg liegt nur in den Worten; ich verdanke ihn der Pracht meines Ausdrucks […].“
[65] Vgl. Sartre, Saint Genet, a. a. O., S. 855-857.
[66] Vgl. a. a. O., S. 905-946.
[67] Vgl. a. a. O., S. 905, vgl. im Folgenden: S. 905 ff.
[68] Vgl. a. a. O., S. 928.
[69] Vgl. a. a. O., S. 929.
[70] H. Mayer, Außenseiter, op.cit., S. 308.
[71] H. Mayer, Außenseiter, op.cit., S. 459.













