Am Spielfeldrand des Diskurses
Mit „Balagan“ beendet Mirna Funk ihre zwischen Berlin und Tel Aviv angesiedelte Romantrilogie, verliert dabei jedoch leider ihre gewohnte erzählerische Schärfe
Von Mila Mantaj
Mirna Funk war nie eine Autorin der zurückhaltenden Zwischentöne. Das hat sich auch nicht mit ihrem dritten Roman Balagan (hebräisch für Chaos) geändert. Als chaotisch kann auch das Leben von Funks Protagonistin Amira Altman beschrieben werden: Nach dem Tod ihres geliebten Großvaters Max wird ihr die seit dem Nationalsozialismus verschollen geglaubte Kunstsammlung der Familie vermacht. Dabei entbrennt nicht nur ein innerfamiliärer Streit über die Gemälde – so hatten Onkel und Tante bereits verzweifelt durch einen israelischen Restitutionsexperten nach der Sammlung suchen lassen – sondern auch die gegenwärtigen Umstände erschweren Amira den Umgang mit ihrem Vermächtnis erheblich. „Keiner will die jüdische Sammlung einer jüdischen Erbin haben“, stellt sie fest, denn „der Nahostkonflikt war längst das Distinktionsmerkmal für die Art-Bubble des Landes.“ Und so steht Amira vor der großen Frage: Sollte sie ihre Sammlung einfach verkaufen, oder sie, allen widrigen Umständen zum Trotz, im „Post-October-7-Berlin“ ausstellen?
Die Autorin, geboren in Ostberlin als Tochter eines jüdischen Vaters und einer nicht-jüdischen Mutter, schreibt als freie Journalistin Kolumnen und Artikel unter anderem über Sex, finanzielle Unabhängigkeit für Frauen und jüdisches Leben in Deutschland. Zuletzt veröffentlichte Funk mit ihrem Essayband Von Juden lernen (2024) eine Sammlung von Texten, die unter Einbezug jüdischer Ideengeschichte neue Perspektiven auf kontroverse Fragen unserer Gegenwart liefern. Ihr literarisches Schreiben ist geprägt von wiederkehrenden Sujets wie der Israelreise, einer dezidiert unversöhnlichen Haltung gegenüber der postnationalsozialistischen deutschen Mehrheitsgesellschaft und der daraus erwachsenden Frage nach deutsch-jüdischer Identität in der heutigen Zeit. Auch in Balagan gelingt es Funk mit gewohnt spitzer Zunge über das gesellschaftliche Klima für Jüdinnen und Juden in Deutschland nach dem 7. Oktober 2023 zu schreiben und die damit verbundenen Diskussionen nicht nur zu beobachten, sondern auch literarisch zu verarbeiten. Funks neuester Roman hat zweifellos gelungene Momente, reicht jedoch nicht an die herausragenden politisch-gesellschaftlichen Beobachtungen heran, die bereits ihren ersten Roman Winternähe (2015) auszeichneten.
Auf den ersten Seiten des Romans kommt man in Versuchung zu denken, dass Funk, wie Sophia Coper in ihrer Rezension im Spiegel (4/2026) urteilt, „statt einer differenzierten Annäherung […] nur platte Karikaturen“ biete. Und tatsächlich lässt sich Funk wiederholt vielleicht etwas zu sehr von sogenannten „anti-woken“ Narrativen inspirieren, sodass ihre Darstellung stellenweise an Ulf Poschardts polemische Entgleisungen in seinem Essayband Shitbürgertum (2025) erinnert und ihre Figuren als stereotypische deutsche Linke ausstellt oder ihre Positionierungen gar verhöhnt. Ein eindrückliches Beispiel dafür stellt die folgende Szene zwischen Amira und ihrem Anwalt Benjamin dar:
„Heißt das jetzt nicht DJane?“, fragte er direkt.
„Und willst mir noch deine Pronomen durchgeben?“
„She/Her“, antwortete Benjamin und ließ den Motor an.
„Meine sind Cucumber/Cucumber-Self.“
Aber geht es Funk wirklich nur um einen plumpen Kommentar zur deutschen Linken und deren Identitätspolitik? Wahrscheinlich nicht. Vielmehr lässt sich an dieser kurzen Passage aufzeigen, dass es sich um eine Beobachtung des gesellschaftlichen Status quo handelt, der sich beschreiben lässt als Zustand der Post-Identitätspolitik. Hinter diesem für einige Leser*innen sicherlich peinlichen Witz über Pronomen verbirgt sich eigentlich ein Kommentar zur gescheiterten intersektionalen feministischen Bewegung der 2010er Jahre. Denn es geht an dieser Stelle um die zentralen Fragen sprachsensiblen Ausdrucks im Allgemeinen, des Genderns im Besonderen und um Fragen der Semantik. Der eigentliche Witz liegt nicht in der Verwendung von ‚unangemessenen‘ Pronomen, sondern im dahinterliegenden Metakommentar über den Zustand einer politisch korrekten Kommunikation, die sich im Überschwang ihrer eigenen Sprachreflexion erschöpft hat. Die Verwendung von Pronomen wird somit zum Abbild der Überreste jener gescheiterten Identitätspolitik, die für viele jüdische Frauen ohnehin nie ertragreich war, und nichtsdestoweniger im kulturellen wie medialen Mainstream noch hochgehalten wird.
Trotz der oft etwas eindimensionalen Nebenfiguren – Amiras Cousine Alice hat in Berkeley einen Masterstudiengang in „Critical White Theory mit Schwerpunkt Postcolonialism“ studiert – gelingt es Mirna Funk in Balagan durch ihre Protagonistin erneut eine unversöhnliche – man könnte sagen desintegrative – deutsch-jüdische Perspektive darzustellen. Diese unversöhnliche Haltung im Zusammenspiel mit den dezidiert zionistischen Positionen gilt im gegenwärtigen Diskurs als durchaus kontrovers und unbequem. Doch genau das macht sie so notwendig: Eine solche Positionierung fügt dem mehrheitsgesellschaftlichen Diskurs eine plurale jüdische Perspektive hinzu, die die Vielfalt jüdischer Erfahrung zum Ausdruck bringt und die Fronten nicht verhärtet, sondern zur kritischen und dialogischen Auseinandersetzung einlädt. Aus diesem Grund kann Funks neuer Roman aber auch nur als Fortsetzung ihrer beiden ersten Romane Winternähe (2015) und Zwischen Du und Ich (2021) gelesen werden (nicht umsonst treten Figuren wiederholt auf und interagieren über die Romane hinweg miteinander). Dabei fällt allerdings auch auf, dass Funks Romane nicht nur thematisch, sondern auch strukturell nach einem ähnlichen Muster funktionieren: Eine starke jüdische Protagonistin aus Berlin gerät in eine persönliche Krise, es kommt zu einer Israelreise, die für die Protagonistin die Möglichkeit zur Reflexion und zum Kraftschöpfen bietet und schließlich dafür sorgt, dass die persönliche Krise gelöst werden kann. Zwar verleiht dieses wiederkehrende erzählerische Verfahren dem Gesamtwerk eine gewisse Geschlossenheit, birgt aber zugleich auch die Gefahr der Redundanz – gerade, weil in Balagan wenig Neues über die bekannten Figuren- und Themenbestände hinaus erzählt wird. Trotzdem beherrscht die Autorin ihr erzählerisches Handwerk: Auf 360 Seiten wird in drei Teilen eine mit klassischem Wendepunkt ausgestattete Geschichte entfaltet, die weder philosophische Intertextualität (Walter Benjamin, Jean Améry) noch die Anlehnung an popliterarische Warenästhetik, vor allem in Form von Designerkleidung und -möbeln, vermissen lässt. Funks Werk zeichnet sich durch die unermüdliche Bearbeitung ihrer literarischen Sujets aus, in denen pointierte Beschreibungen von politischen Akteuren und Diskursen die Leser*innen erfreuen können. In Balagan allerdings verliert diese Form der literarischen Beobachtung ein wenig an der Durchschlagskraft, die die beiden vorangegangenen Romane ausgezeichnet hat.
Funk erfüllt den anhaltenden und durchaus ehrbaren Anspruch, einen politischen Gegenwartsroman zu schreiben, der (größtenteils) klug beobachtet und kommentiert. Aber die Rezensentin stellt sich die Frage, ob Funks gewohnt gute Beobachtungen nicht mehr so nahbar und pointiert sind, weil die Autorin eben nicht mehr Teil jener Diskurse ist, die sie einst so präzise und mit ganz eigenem Witz darstellen konnte. Manche Stellen in Balagan lesen sich nicht mehr wie die berechtigte und bewusst überzeichnete Kritik an (linken) deutschen Stereotypen, sondern sind zu mittelmäßigen Karikaturen verkommen, die von einer Beobachterin stammen, die das Geschehen nur noch vom Spielfeldrand betrachtet. Daran schließt sich die Frage an, ob Funk das diskursive Spiel eigentlich gerne (wieder) aktiv mitspielen wollen würde? Die Vermutung liegt nahe, denn anders ist kaum zu erklären, woher die unterschwellige Anbiederung und das Aufrufen „anti-woker“ Narrative rührt.
Mit Balagan erreicht Mirna Funk nicht die literarische Größe ihrer Vorgängerromane, was umso bedauerlicher ist, als die Sujets ihres Schreibens seit dem 7. Oktober 2023 noch viel relevanter geworden sind.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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