Alles fließt… und manchmal fließt es über

Eckhard Lobsien geht in seiner aufschlussreichen Arbeit „Prosa im Überfluss. Zur Epistemologie literarischer Aufmerksamkeit“ der Frage nach, wie sich aus literaturwissenschaftlicher Sicht der Eindruck überflüssiger Prosa erklären lässt

Von Manfred RothRSS-Newsfeed neuer Artikel von Manfred Roth

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Für die meisten Lesenden steht außer Frage, dass vieles in Romanen überflüssig ist – sei es, weil die Handlung an Spannung verliert oder die Lieblingsfigur zu lange nicht vorkommt, während man im Lektorat mit Blick auf einen möglichen Verkaufserfolg eines Romans gerne so manche Textpassage gestrichen oder gerafft sähe. Und welcher Kritiker hätte sich nicht dabei ertappt, zu monieren, das Erzählen sei zu ausschweifend, wo man sich eine Konzentration gewünscht hätte, um die Lektüre etwas einfacher zu machen und die Aufmerksamkeit weniger zu strapazieren? Subjektiv gibt es also genügend Überflüssiges in Prosatexten. Doch, so fragt der emeritierte Anglistikprofessor Eckhard Lobsien in seinem Buch Prosa im Überfluss, kann es abseits von Lektürevorlieben, Marktchancen und Befindlichkeiten handfeste wissenschaftliche Kriterien dafür geben, warum Prosatexte, zumal längere – oder zumindest manche Passagen innerhalb längerer Werke – als überflüssig empfunden werden? 

Schnell werden Lobsiens Vorbehalte gegen die Literaturkritik deutlich, deren Verdikt „überflüssig“ er als „geschmäcklerische, irrelevante, flüchtige Impression“ abtut. Er wendet sich gegen eine subjektive Kritik, die nur auf den Publikumsgeschmack schielt und sich, so ließe sich vielleicht ergänzen, anstatt für eine fundierte Auseinandersetzung mit Texten eher für eine Autoren-Homestory interessiert.

Für alle, die Eckhard Lobsien noch aus seiner aktiven Zeit als Professor an der Frankfurter Goethe-Universität kennen, kommen diese Vorbehalte nicht überraschend, zog er immer schon akribische Textarbeit bloßem Meinungsverkünden vor. Seine Vorlesungen näherten sich Themen, wie es auch in Prosa im Überfluss der Fall ist, von einer historischen Perspektive aus an, und auch dass dem Konzept der Aufmerksamkeit im vorliegenden Buch ein solch hoher Stellenwert zukommt, wundert nicht: Seine als zwei Semesterwochenstunden ausgeschriebenen Vorlesungen hielt er oft deutlich kürzer, weil sich ein hohes Maß an Aufmerksamkeit nicht beliebig aufrecht erhalten lässt.

Lobsiens Vorgehensweise in Prosa im Überfluss lässt sich grob in akribische Textarbeit, allgemeinere Einordnung eines Werks anhand längerer Textauszüge und theoretische Betrachtungen unterteilen. In den ersten beiden Kapiteln tut er dies anhand des Romans Christian Wahnschaffe des heute in Vergessenheit geratenen Romanciers Jakob Wassermann. Dieser empfand die erste Version seines Romans von 1919 selbst als so voller überflüssiger Textpassagen, dass er 1932 eine gekürzte Fassung publizieren ließ. Es folgt eine Analyse zweier Romane von Albert Vigoleis Thelen, Insel des zweiten Gesichts und Der schwarze Herr Bahßetup, um sich in einem anschließenden Kapitel mit Prosatheorien selbst auseinanderzusetzen. Dasselbe Muster wiederholt sich in den Kapiteln drei und vier mit einem Close Reading der Eumaeus-Episode aus James Joyces Ulysses, einer allgemeineren Einordnung von John Barths The Sot-Weed Factor und einem historischen Abriss über Konzepte von Aufmerksamkeit. Hier schließt sich Lobsien vor allem den Befunden der Phänomenologen Edmund Husserl und Maurice Merleau-Ponty an, um sie für die Literaturwissenschaft fruchtbar zu machen. Und um sich so gerüstet im abschließenden Kapitel Arno Schmidts Zettel‘s Traum zuzuwenden. 

Konsequent und aus literaturwissenschaftlicher Perspektive geradezu notwendig weigert sich Lobsien, Zettel‘s Traum autobiografisch zu lesen. Für ihn steht die Arbeit am Text selbst im Vordergrund, subjektive Wertungen wie sie die Literaturkritik oft hervorbrächte, versucht er zu vermeiden ab, was auch deshalb wichtig ist, weil er Zettel‘s Traum zunächst durchaus skeptisch gegenüberzustehen scheint. Er wendet allerdings seine Kritik nicht gegen den Autor (das stünde ihm in seinem Selbstverständnis als Wissenschaftler ja sowieso nicht zu) und auch nicht so sehr gegen den Text selbst. Sehr wohl aber gegen die Rezipienten, Akolythen wie Wissenschaftler gleichermaßen, die einen aus allen Nähten platzenden, vor Verweisen und Assoziationen nur so strotzenden Text zu ihrer Bibel erheben – obwohl, so Lobsien, vieles in Zettel’s Traum inhaltlich weitaus weniger gehaltvoll sei, als es dessen Verehrer suggerierten. Gerade der allwissende Gestus der Hauptfigur Pagenstecher beim Verbreiten einer an Freud angelehnten, für Lobsien dann aber doch arg trivialen und wenig stimmigen Literaturtheorie, die er außerhalb des Mediums der Fiktion kaum ernst nehmen kann, scheint ihm da besonders bitter aufzustoßen. Der Clou an Zettel‘s Traum bei Lobsien ist, dass der Roman als Text mit seinen schier endlosen Redundanzen, Wiederholungen und Aberrationen eine eigene Funktionsweise hat. Er manipuliert die Aufmerksamkeitslenkung der Lesenden sowohl auf inhaltlicher Ebene wie bei der Gestaltung der Seiten so, dass er fast eine Art Aufmerksamkeits-Kurzschluss herbeiführt, indem er als ein sich sukzessive in der Zeit ausbreitender Text Gleichzeitigkeit fordert. Damit weigert sich Zettel‘s Traum, wie Lobsien nach eingehender Analyse aufzeigt, eine Lektürerichtung vorzugeben.

Das, was die Rezeption von Zettel’s Traum hauptsächlich umzutreiben scheint, nämlich das darin unermüdlich wiederholte Sprach- und Lesekonzept sowie die sich überlagernden Textschichten, räumt Lobsien als eher trivial ab und kommt dann zu der Feststellung: „Sind solche Fragen jedenfalls einmal im Grundriss geklärt, rutschen große Teile der bis dato vorliegenden Arno Schmidt-Sekundärliteratur wohl in marginale Position.“ Hatte er sich an anderer Stelle über den Gestus etwa von Ralf Simon, der in Grundlagen einer Theorie der Prosa nicht weniger anstrebte, als die Literaturwissenschaft neu zu erfinden, ja, man kann schon sagen: geärgert, meint Lobsien nun selbst, quasi im Handstreich einen Großteil der Sekundärliteratur zu Zettel’s Traum überflüssig gemacht zu haben, abgesehen von wenigen Arbeiten, die in eine halbseitige Fußnote passen. Seinen eigenen Befund, in der Literaturwissenschaft gäbe es nichts von Grund auf Neues, „keinen ‚Fortschritt‘ im Sinne einer Überbietung und Tilgung einmal erarbeiteter Positionen, sondern nur langsame Verschiebungen, Akzentverlagerungen, Kumulierungen, Transformationen“ scheint er dabei außer Acht zu lassen. Andererseits war Lobsiens Vorwurf an große Teile der Zettel’s Traum-Forschung ja gerade der, dass auch die Fachliteratur zu Arno Schmidts Roman oft eine Art Geniekult um Autor und Buch zelebriert, Zettel‘s Traum zu einer Ausnahmeerscheinung stilisiert hatte und in ihrer Vorgehensweise zumeist unwissenschaftlich war, weil sie zu wenig am Text selbst arbeitete und zu viel spekulierte. Lobsien möchte ihn nun mit seiner Verfahrensweise wieder an eine historisch gewachsene literaturwissenschaftliche Tradition anschließen. 

Prosa im Überfluss macht keine Konzessionen an kurze Aufmerksamkeitsspannen oder überspitzte öffentliche Diskurse. Wobei Lobsien selbst durchaus gekonnt Spitzen zu verteilen weiß. Sätze wie: „Der Text ist das, woran man sich erinnert“, hingegen muten fast schon aphoristisch an. Dass lange Textanalysen und begriffsgeschichtliche Exkurse unerlässlich sind, weil sie Argumentationsstränge und Denktraditionen aufzeigen und damit auch ein Fundament der eigenen Arbeit bilden, betont Lobsien immer wieder.

Und für alle, die die Frage nach der Überflüssigkeit der Literaturwissenschaft selbst umtreibt, finden sich auch dort, wo Lobsien vermeintlich reine Textarbeit leistet, immer wieder Sätze wie dieser:

Um den Hut-Satz [im Ulysses] herum breitet sich ein Sprachmilieu aus, das Historie als puren Sprachstoff zeigt, der sich gelöst hat von jedem Wahrheitsanspruch, der Namen und Schlagworte nur verwendet, um sich auszubreiten als schierer Überfluss.

Und plötzlich ist man ganz in der Gegenwart und fühlt sich zu Vergleichen genötigt, zum Geschichts- und Sprachverständnis autoritärer Politiker und Populisten, zu Influencern und Social Media, sodass zwischen den Zeilen immer wieder klar wird, wozu Literaturwissenschaft dann doch gut sein kann: Nämlich dazu, die außerfiktionale Wirklichkeit besser einordnen und verstehen zu können. 

So klar strukturiert in der Vorgehensweise Prosa im Überfluss ist, kann man sich doch fragen, wieso denn neben James Joyce gerade die Prosatexte von Autoren wie Albert Vigoleis Thelen, John Barth oder Jakob Wassermann herangezogen werden, um sich Arno Schmidt Zettel’s Traum anzunehmen? Eine eher prosaische Antwort, wenn auch sicherlich nicht die einzige, könnte lauten, dass manche Passagen des Buches, wie Lobsien selbst ausweist, aus anderen eigenen Arbeiten übernommen sind. Und obwohl Lobsien im Literaturverzeichnis mit Verweis darauf, es nicht unnötig ausufern lassen zu wollen, nur ein einziges eigenes Werk angibt, fällt auf, dass er selbst im Stichwortregister am häufigsten vorkommt. Ins Positive gewandt liegt so mit diesem Buch auch die Arbeit eines Literaturwissenschaftlers vor, der aus einem langen eigenen Forschungsfundus schöpfen kann; die erste im Buch genannte wissenschaftliche Arbeit erschien 1975, also genau 50 Jahre vor der Publikation des vorliegenden Buchs. Prosa im Überfluss wirkt so auch, vielleicht nicht wie die Summe, aber immerhin wie ein Abriss eines Lebens als Literaturwissenschaftler und wie ein Versuch, Aspekte der eigenen Arbeit zu einem Ganzen zusammenzuführen. So gilt für Lobsiens Prosa im Überfluss, was man im Anschluss an ihn vielleicht auch Arno Schmidts Zettel‘s Traum am Ende attestieren könnte: eine manchmal überfließende, aber durchaus nicht überflüssige Arbeit.

Titelbild

Eckhard Lobsien: Prosa im Überfluss. Zur Epistemologie literarischer Aufmerksamkeit.
Königshausen & Neumann, Würzburg 2025.
425 Seiten ,
ISBN-13: 9783826091438

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