Wie literarische Blicke die Kunst reflektieren
David Fuchs schaut dem Autoren in „Kafkas Kunstreflexion“ auf die Finger
Von Virginia Wild
Endlich befasst sich mal einer mit Kafka und seinen Gedanken zur Kunst! Besonders die erst kürzlich erschienenen Zeichnungen von Franz Kafka im Jahr 2021 geben Anlass dazu, sich mit der Kunst in dessen Oeuvre zu beschäftigen. David Fuchs untersucht ausgehend vom Modell des Kaiserpanoramas in seiner ambitionierten Dissertation Kafkas Kunstreflexion dessen ästhetische Schauanordnungen in Bezug zur Kunst. Daraus ergibt sich der Aufbau der Arbeit, welcher dreigeteilt ist in die Großkapitel Theater, Bild und Schrift. Dabei werden in den späteren Kapiteln Überlegungen aus den vorigen übernommen und wieder an das jeweilige Medium neu angepasst. Auch wenn beim Lesen des Titels „Kafkas Kunstreflexion“ zunächst die Erwartung einer generellen Reflexion von Kunst durch Kafka evoziert, geht es hier ausschließlich um die Schauanordnungen in den drei genannten Medien.
Im Jahr 1911 besucht Kafka in Friedland ein Kaiserpanorama, in welchem er räumlich wirkende Fotographien betrachtet, welche nur an dafür festgelegten Sitzplätzen, die dem Körper des Besuchers eine bestimmte Sitz- und Blickposition vorgeben, einsehbar sind. In Anlehnung an Kafkas Überlegungen zum Kaiserpanorama analysiert Fuchs die sich ergebenden Schauanordnungen und die durch den Körper erlebten Bilder in Übersetzung der Schrift in den drei in den jeweiligen Großkapiteln benannten Medien.
Im ersten Kapitel beginnt Fuchs mit der Beobachtung, Kafka fasziniere im Theater und im Varieté vor allem die theatrale Körperlichkeit, die durch Mienenspiel und Muskelbewegungen der Schauspieler*innen so unmittelbar und ausdrucksstark wirke, dass sie ihm als Theaterbesucher mehr ins Auge beziehungsweise in die Schauanordnung falle als das eigentliche inhaltliche Geschehen. Nachdem Fuchs sehr ausführlich in die damalige Theaterwelt und die Stellung der Photographie zu der Zeit einführt, weist er die theatralen Schauanordnungen in kurzen Beispielanalysen zu Ein Bericht für eine Akademie, Ein Hungerkünstler und Auf der Galerie nach, die, wie er selbst darlegt, sich von dem zu der Zeit populären Medium der Photographie kaum beirren lassen. Das spannende Wechselspiel, welches sich in den analysierten Texten ergibt, vom Betrachtetwerden der Schauspieler*innen und dem Betrachten des Publikums bis hin zur gelenkten Schauanordnung der Leserschaft durch die Erzählinstanz und vice versa, ist in seiner Mehrschichtigkeit besonders überzeugend.
Im zweiten Kapitel zum Bild untersucht Fuchs – ausgehend vom Theater – nun die „Sprachbildlichkeit als Form ästhetischer Intermedialität“. Fuchs zeigt, dass auch der Museumsbesucher Kafka erneut im Literarischen die imaginative Perspektive und Schauanordnungen reflektiert und die Bildende Kunst im Text zu einer Dynamisierung des Blickes führe. So legt seine Analyse zu Die Sorge des Hausvaters dar, dass rezeptive Wahrnehmung und beschreibende Begrifflichkeiten bewusst in der Überlagerung untergraben werden. Vielmehr befinde sich für Kafka das auktorial imaginierte Bild und der Schreibprozess in gegenseitig wichtiger Beeinflussung. So werde bei Kafka die Darstellung von Bildern zum eigentlichen Schreibmotiv: Fuchs setzt dafür den Terminus „Sprachbildlichkeit“.
Dazu gesellt sich im zweiten Kapitel die produktionsästhetische Untersuchung von Kafkas selbst angefertigten Zeichnungen, deren Wahrnehmungsstruktur beim räumlichen Einsatz der Linie und deren Überzeichnung als eigenästhetischer Akt, so Fuchs, wieder den bereits bekannten theatralen, fast karikaturhaft überdrehten Körper einführe. Fuchs stellt bei den Zeichnungen eine Eindeutigkeit fest, die die imaginierte Bildlichkeit als Wahrnehmungsmodell in Kafkas Texten nicht bieten könne, die Schrift dafür aber umso mehr. So evozieren das Theater und die Bildende Kunst laut Fuchs ganz unterschiedliche Wahrnehmungsmodelle, die sich einmal mehr auf das bewegte Körperliche und eine feste Perspektive fokussieren. Was die Sprache wieder in Teile zerlege, attestiert Fuchs, könne im Gegensatz die Zeichnung bei Kafka linear und auch analog zur Schrift fortsetzen und einen anderen Wahrnehmungsmodus generieren. Insbesondere Kafkas Zeichnungen böten darüber hinaus noch Material für weitere, vor allem auch dezidiert kunstwissenschaftliche Untersuchungen an, die sich auch auf – um bei Fuchs zu bleiben – abseits der Schauanordnungen existierende Eigenästhetik konzentrieren.
Im Kapitel zur Schrift wiederum schafft Fuchs es, durch Zeilen und Buchstaben neue Betrachtungsräume zu eröffnen. Kafkas Schrift enthalte sowohl theatrale wie intermediale Eigenschaften, die nicht nur den Körper eines Schauspielers oder ein Kunstwerk beschreiben, sondern innerhalb der Schrift werde der Prozess der Wahrnehmung selbst einsehbar. So habe Schrift bei Kafka laut Fuchs eine Doppelrolle: Zum einen sei sie ein semantisches Medium, und zum anderen böte sie darüber hinaus auch eine visuelle Eigenästhetik. Im Hinblick auf die Sprachkunst generiere die Schrift eben nicht nur die Darstellung von Kunst und deren Rezeptionsprozessen, sondern sie werde selbst zum eigenästhetischen Objekt, indem sie sich zwischen dem Flächigen des Bildlichen und der sprachlichen Sukzession ausbreite. Besonders anschaulich wird dies in seiner Analyse zu In der Strafkolonie, die seine These in der Verknüpfung von Zeichnung, Schrift und Körper gelungen zusammenführt. Zudem zeigt Fuchs, wie Kafka über die Ästhetik seiner geschriebenen Buchstaben in seinen handschriftlichen Briefen und Tagebüchern reflektiert.
Fuchs’ Ansatz der Intermedialität zeigt in der triadischen Bündelung seiner Dissertation, dass Intermedialität bei Kafka nicht als Übersetzungsleistung von dem einen Medium zum nächsten zu verstehen ist, sondern als Resultat einer konstant wechselseitigen Beeinflussung. Dabei bleibt die Sprache selbst in ständiger Beweglichkeit und nutzt die Annäherung ans Bildliche, um die daran geknüpften und benannten Wahrnehmungsprozesse (die aus Theater und Bild entstammen) in der Imagination der Beschreibung fortzuführen. Er legt überzeugend dar, dass diese Perspektiven bewusst sowohl in der Beschreibung als auch im Betrachten theatral pervertiert und vorgeführt werden. Diese Dissertation eignet sich hervorragend für Studierende, die einen Einstieg zur Kunst bei Kafka suchen und sich mit imaginierten Wahrnehmungsprozessen näher beschäftigen möchten.
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