Wer jagt wen?

Gaea Schoeters demonstriert in ihrem fabelhaft unangenehmen Roman „Trophäe“ die Macht von Narrativen

Von Anne StollenwerkRSS-Newsfeed neuer Artikel von Anne Stollenwerk

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Unsympathisch, arrogant und ein bisschen zu schlau, als dass seine Bosheit mit Ignoranz verwechselt werden könnte. Das ist Hunter White. Der Protagonist des phänomenalen Romans Trophäe von Gaea Schoeters ist ein disziplinierter Selbstoptimierer, von Beruf aus tauscht er „Werte gegen Geld“ (irgendwas mit Immobilien) und ist damit reich geworden. Hunter ist ein Mensch, der sich selbst als „Löwe“ bezeichnet. Ein Alpha-Männchen, das sich nicht nur als Jäger von Frauen, Gefahr und Geld sieht, sondern auch ganz wortwörtlich auf die Pirsch geht. Hunter White ist Großwildjäger. 

Nach einem kurzen Prolog beginnt Schoeters' Roman dann auch thematisch passend mit einem Schuss. Hunter White („Das ist kein Name, das ist ein schlechter Witz“) ist zu Besuch auf einer Farm irgendwo in Afrika. Über van Heeren, den Besitzer der Lodge, hat er die Lizenz erhalten, ein Nashorn zu schießen – und will mit dem Abschuss seine Big Five vollmachen. Als den beiden jedoch Wilderer zuvorkommen, schlägt Van Heeren seinem Kunden und Freund eine grausame Alternative vor: Ob er schon einmal von den Big Six gehört habe. Hunter soll einen Menschen töten, einen „Bushman“. 

Hunter, dem dieser Gedanke tatsächlich auch schon durch den Kopf geschossen ist, sträubt sich zunächst dagegen, ihn auch tatsächlich in die Tat umzusetzen. Doch van Heeren versteht es, seinen Vorschlag rhetorisch geschickt zu argumentieren. In persönliche Anekdoten verpackt und praktisch generalisiert schafft er es, seinem Kunden den geplanten Mord eines Menschen als bloßes Mitspielen zu verkaufen: „Ich kann die Welt nicht ändern, Hunter, nicht allein. Das Einzige, was uns bleibt, ist, das System gegen sich auszuspielen; das Spiel zu unseren Gunsten mitzuspielen. Und so das Beste daraus zu machen“, so van Heeren, oder: „Deine westliche Moral ist ein Luxusprodukt, das man sich leisten können muss. Der Rest der Welt muss mit Pragmatismus auskommen“. 

Dabei ordnet van Heeren – und auch Hunter – die „Bushmen“ immer eindeutiger einer als utilitaristisch verstandenen Natur zu. Als der Jäger den Menschen kennenlernt, den er später jagen soll, beruhigt van Heeren seine Zweifel mit den Worten: „Denk an die Kudus. Wenn der Tod eines Tieres dafür sorgen kann, dass die Herde überlebt, lassen die anderen es zurück. Das ist das Gesetz der Natur, mehr nicht.“ Hunter selbst drückt einige Seiten später aus, dass er sich, beziehungsweise Menschen seiner eigenen Hautfarbe, nicht zu dieser Natur zählt: 

Vielleicht, möglicherweise, ist er aber der erste Weiße, der hier je einen Fuß hingesetzt hat. […] Hier steht er, Hunter White, am Rande einer Welt, durch die noch nie zuvor ein Weißer gelaufen ist. Und trotzdem fühlt er sich nicht wie ein Eindringling, sosehr die Landschaft ihn auch beeindruckt, sie macht ihn nicht demütig. Ganz im Gegenteil, das Gefühl, der Erste zu sein, begeistert ihn ungemein. Was ihn da überfällt, ist die Euphorie eines Entdeckers oder eines Pioniers: die Erkenntnis, sich dieses Land anzueignen, schlicht und einfach, indem man es betritt. […] Dass er jetzt, völlig unerwartet, doch noch auf einen Teil der Welt trifft, den er zu seinem machen kann, weil er noch niemandem gehört, versetzt ihn in einen fast religiösen Glückszustand. […] Dieser vollkommene Teil der Schöpfung wartete seit Anbeginn der Zeit darauf, entdeckt zu werden. Auf den Menschen. 

Wer zufälligerweise Hunters Hautfarbe nicht teilt, gilt offenbar nicht als Mensch. Und seine Heimat als unentdeckte, unbewohnte Erde. 

Die Protagonisten in Trophäe sind unsympathisch. Aber gerade das macht die Lektüre so spannend, dass man Schoeters' Roman am liebsten jedem aufzwingen will, dem das Wort ‚Afrika‘ von der Zunge rollt. Denn so grauenvoll Hunters Entscheidungen und so abstoßend seine Gedanken auch sein mögen – bei all dem bleiben er wie auch van Heeren erschreckend logisch. Letzterer rechtfertigt die Trophäenjagd zum Beispiel damit, dass „ein paar Lizenzen im Jahr“ mehr Geld ins Land brächten als die Wilderer – und mehr zum Tierschutz beitrügen. Denn fielen die Einkünfte aus der Trophäenjagd weg, drücke die bestechliche Nationalparkbehörde „für ein paar Dollar gerne mal ein Auge zu“. 

Und auch menschlich scheint Hunters Weltsicht, wie er sie darstellt, erst einmal gar nicht so schlimm: Auf der Jagd predigt er Ehre und Fairness, hält selbst das Benutzen eines Zielfernrohrs für unmoralisch. Er kauft nicht nur Jagdlizenzen um die Tiere vor Wilderern zu schützen, sondern auch Land, um es vor der Zerstörung durch große Industrien zu retten. Er bezahlt van Heeren für eine Jagd so viel Geld, dass dieser damit Schulen baut. Und eigentlich lasse er die toten Tiere auch nur aus Liebe zu seiner Frau, einer Kunsthändlerin, ausstopfen. 

Diese scheint im Roman genau die Rolle zu spielen, die das weibliche Geschlecht auch im Ideal realer Alpha-Männlein annehmen soll: Gewissermaßen aus dem Off gibt sie Liebe, Sorge und Halt, ohne je zu fordern, körperlich anwesend zu sein oder einen Namen zu tragen. So bleibt sie immer nur Hunters Frau, die zwar einen eigenen Beruf (Kunsthändlerin) und sogar eine gewisse sexuelle Freiheit („Eifersucht ist ein Zeichen von Schwäche. Das würde implizieren, dass ich mich bedroht fühle“, sagt Hunter) ausleben darf, dabei jedoch auf ein seltsam hohes Podest gestellt wird.

Wie üblich könnte Hunter auch bei der Jagd auf den letzten der Big Six eine Trophäe mit nach Hause nehmen: den Full Mount, also einen ausgestopften Körper. Seine Ehefrau besitzt eine private Schrumpfkopfsammlung und hält sowohl bei artifiziellen wie organischen Kunstwerken Wert über Würde. Dass dieses einzigartige Mitbringsel also das perfekte Geschenk wäre, ist schließlich der Gedanke, der Hunter in seiner Entscheidung zur Jagd bestärkt – und der seine Frau gewissermaßen ebenfalls als eine Art zu erobernde Trophäe erscheinen lässt. „Ein unversehrter balsamierter Körper wäre ein einzigartiges Sammlerobjekt – der Gedanke, ihr mit dieser Jagd sowas bescheren zu können, erfüllt ihn mit unverhoffter Glückseligkeit.“ Der Jäger will der Sammlerin den Körper eines ermordeten Menschen als Objekt zum Geschenk machen und ihr damit (das geht aus einem Abschnitt eine Seite vorher hervor), die Angst vor dem Tod zu nehmen. Mutiger Mann tröstet mit Geschenk verängstigte Frau – Gedankenbilder aus der Steinzeit, die es leider bis ins Heute geschafft haben.

Dass das Narrativ in Trophäe von den imperialistischen Westlern Hunter und van Heeren bestimmt wird, hat weitere unangenehme Folgen. So bleibt zum Beispiel der Ort des Geschehens seltsam unkonkret – gesprochen wird immer nur ganzheitlich von ‚Afrika‘, als handle es sich nicht um einen Kontinent mit zahllosen Ländern, Sprachen und Kulturen. 

Für ihn [Hunter] ist Afrika ein großes Naturreservat, von Gott geschaffen, um ihm Freude zu bereiten; dass dort auch Menschen leben, richtig leben, hat er nie wirklich bewusst realisiert, geschweige denn, dass er sich für sie oder ihre Lebensumstände interessiert hätte. Afrika ist sein Vergnügungspark, sein Jagdgebiet. Mehr nicht. 

Das stößt sauer auf. Hunters krasse Verallgemeinerung und die koloniale und eurozentristische Romantisierung des Lebens auf dem zweitgrößten Kontinent der Erde erinnert an Karen Blixens Jenseits von Afrika, das mit dem Satz beginnt: „Ich hatte eine Farm in Afrika, am Fuße der Ngong-Berge“.

Dass auch für die indigene Bevölkerung – Hunters Beute – anstatt der Eigenbezeichnung „San“ nur der englische Begriff „Bushmen“ benutzt wird, drückt ebenfalls aus, wie die Erzählweise von den rassistischen und kolonialistischen Einstellungen ihrer Protagonisten beeinflusst wird. 

Trophäe bietet eine imposante Leseerfahrung – fasziniert von einem angenehmen Sprachstil, ausgearbeiteten Charakteren und einer spannenden Handlung wird man hineingerissen in eine Geschichte, deren Bitterkeit jeden Eskapismus unterbindet. Die Lektüre lullt nicht ein, sie weckt auf, und lässt einen die eigene Empathie immer wieder hinterfragen und bereuen. 

Gaea Schoeters hat mit dieser eindrücklichen Geschichte vor allem eines geschafft: vielleicht so eindrücklich wie noch nie die Macht von Narrativen zu demonstrieren. Hier wird ausbuchstabiert, wie sehr Ethik Ansichtssache und Moral eine Frage der Auslegung sein kann.

Selten wurde der Imperialismus des Westens so deutlich in einer einzigen Figur realisiert wie in Schoeters' Roman. Angenehm ist das nicht, ganz im Gegenteil. Aber ist nicht genau das ein Zeichen großer Literatur – dass sie stört? Ohne hier zu viel verraten zu wollen: Mutmaßlich bleibt es in Trophäe nicht bei einem einzigen Tötungsdelikt. Was heißt es über einen selbst, wenn man plötzlich Mord mit zweierlei Maß misst?

Titelbild

Gaea Schoeters: Trophäe. Roman.
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing.
Paul Zsolnay Verlag, Wien 2025.
252 Seiten, 24,00 EUR.
ISBN-13: 9783552073883

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch