Von der Notwendigkeit des Erzählens
Kerstin Hensel legt mit „Abendgruß“ zwei kunstvoll kontrastierende Erzählungen über beschädigte Lebensgeschichten vor
Von Werner Jung
Ein starker letzter Satz im neuen Buch von Kerstin Hensel: „Ich habe zu erzählen begonnen, und nun bin ich am Ende.“ Das sagt freilich die Protagonistin der zweiten Erzählung dieses Bandes, eine Tillandsia Grütz, zu ihrer Therapeutin, nachdem sie dieser ihre bisherige Lebensgeschichte zum Besten gegeben hat. Man könnte aber auch als Leser:in dieser beiden (unterschiedlicher nicht sein könnenden) Erzählungen von Kerstin Hensel, der heutigen Leiterin der Sektion Literatur der Akademie der Künste Berlin, die starke Vermutung äußern, dass sich mit diesem Satz die Autorin selbst ins Spiel gebracht hat – nämlich mit der durchaus poetologisch zu deutenden Ansicht, dass es grundsätzlich ums Erzählen geht, um ein Erzählen, das das gelebte Leben durchaus anders wahrnimmt und deutet als das kommode Alltagsbewusstsein.
In der ersten Erzählung, die dem Band auch den Titel gegeben hat, erzählt Hensel die Geschichte eines ungleichen Geschwisterpaares, wobei dessen Lebensgeschichte in den späten 60er Jahren in der DDR irgendwo in einem Winkel unweit eines Chemiekombinats einsetzt – mit einer Tristesse pur:
Der aus den Schloten der Industrieanlage steigende Rauch dunkelte die Gegend ab. Vergaß man, die Wäsche rechtzeitig von der Leine zu nehmen, sie ins Haus zu schaffen und die Fenster fest zu schließen, musste man ein zweites Mal waschen.
Der ganzen Umweltverschmutzung zum Trotz steht auf einer Wiese hinter dem Haus ein wehriger Boskoop-Apfelbaum:
Dem Ruß zum Trotz trug der Boskoop jeden Herbst große grüngelbe Früchte, deren Schale wie mit einem schorfigen Netz überzogen war. Es gab Hausbewohner, die die Äpfel unbekümmert aßen oder in aufwändigen Einkochaktionen haltbar für den Winter machten.
Die beiden Eltern der Geschwister Karin und des drei Jahre jüngeren Wolf arbeiten in der „berühmten Filmfabrik“, und offensichtlich prägt die Nähe zu dieser Fabrik, in der schließlich auch noch Karin beschäftigt wird, den jungen Wolf, der sich seit frühester Kindheit fürs Fotografieren und die Filmtechnik interessiert. Anders als seine Schwester, die ängstlich an ihrer Herkunft festklebt und sich nicht über den Tellerrand der vermeintlichen Heimat hinaustraut, ist der Bruder umtriebig. Es gelingt ihm auch noch zum Ende der DDR-Zeit hin – 1989 und die Wende selbst tauchen nur beiläufig einmal am Rande auf, ohne tatsächlich eine vermeintlich größere Rolle zu spielen – einen begehrten Studienplatz in Babelsberg zu bekommen, wo er in einem heruntergekommenen Haus mit befreundeten Kommilitonen sein Auskommen findet, natürlich argwöhnisch beobachtet von der ungenannten Stasi und stets angefeindet. Dann eben die Wende, ein Ankommen und Sich-Durchsetzen-Müssen in ‚odd jobs‘, u. a. als Fotograf auf einem Luxusliner, bis endlich ihm ein Mentor begegnet, der seine Arbeiten erfolgreich vermarktet und Wolf späte Auszeichnungen einbringt, während die Schwester, zu der er eine mehr oder minder intensive, aber problematische Verbindung unterhält, nie aus der inzwischen aufgegebenen und renovierten Industrieregion herausgekommen ist. Wolfs Ende als Herzkranker ist ebenso vorhersehbar wie banal:
Aufrecht sitzend blickte er geradeaus. Erst als Karin ihm die Eistüte reichte und er keine Anstalten machte, zuzugreifen, argwöhnte sie: Mein Bruder ist und bleibt ein Böskopp. Reglos sah er über sie hinweg.
Hineingesponnen in die Erzählung dieses ungleichen Geschwisterpaars hat Hensel noch mit spärlichen Andeutungen und Hinweisen Wolfs (offensichtlich die längste Zeit seines Lebens verdrängte) Homosexualität, ja, im Grunde genommen seine ‚Körperlosigkeit‘, an deren Stelle vielmehr der Fotoapparat und die Linse getreten sind, mit denen er überaus genau und sensibel seine Umwelt zu sehen in der Lage ist.
Möglicherweise mag das auch ein Verbindungspunkt zu Hensels zweiter Geschichte, Das Gähnen der Giraffen, sein, die in der unmittelbaren Gegenwart angesiedelt ist und in der Hensel die Biographie einer am 1. Januar 2000 geborenen jungen Frau, eines wahrhaftigen Nerds, als den sie sich auch selber verschiedentlich bezeichnet, präsentiert. Diese Frau, mit der alleinerziehenden Mutter und Blumenhändlerin in einer oft genug verschworenen Gemeinschaft zusammenlebend, ist hochbegabt, hat ein enormes Faible für Biologie und vor allem Chemie, deren Periodensystem sie irgendwann für sich entdeckt und die Elemente mit entsprechenden Menschen und Menschentypen in Verbindung zu setzen weiß:
Nickel war Nickel, weil Nickel die höchste Bindungsenergie aller Atomkerne besitzt. Das spürte ich am eigenen Leib. Auch zum Veredeln ist Nickel gut. Fusioniert man es mit Stahl, erhöht man dessen Härte und Zähigkeit. Beim Menschen löst es allerdings oft Kontaktallergien aus, doch seine Verbreitung in Schmuck, Zahnersatz oder Lebensmitteln stellt diesen Nachteil in den Schatten […].
Womit vielleicht das entscheidende Manko dieser – allerorten in der Schule wie später während des Studiums gehänselten – Figur angesprochen ist, denn sie ist – und das offenbart die im Berichtsstil und -ton an ihre Therapeutin (in einer vierstündigen Sitzung) gehaltene Erzählung – nicht in der Lage, Beziehungen und Kontakte auf gewöhnliche Art und Weise zu unterhalten. Daher führt sie schließlich eine mehrjährige Beziehung zu einem alten Unternehmer und Sicherheitsfanatiker, Nickel (s.o.!) Hornschuh, einen ebenso arrogant-unangenehmen Fiesling wie bekennenden Rassisten, bei dem sie so etwas wie eine Art Gesellschafterin ist, was sie andererseits aber nicht davon abhält, sich von einem sie begehrenden, völlig verhuschten Ex-Kommilitonen schwängern zu lassen und ein Kind auf die Welt zu bringen. Am Ende, obwohl sie ein glänzendes Master-Examen abgelegt hat und ihr alle Wege als Chemikerin offenstehen, zieht sich Tillandsia (vorläufig) in einen Blumenladen zurück. Flucht? Resignation? Man weiß es nicht; endlich erlangt sie doch so etwas wie eine Antwort auf ihre lebenslange Frage, warum Tiere nun gähnen müssen, ähnlich wie die Menschen. „Am eindrucksvollsten waren die Giraffen. Diese hochgewachsenen Tiere, mit denen ich meine Gähnimpotenz teilte, deren Ursache in der weiten Entfernung des Kopfes zum Herzen lag.“ Eine versteckte Selbsterkenntnis? Die Unfähigkeit zur Empathie?
Wieder einmal ist es Kerstin Hensel gelungen, in einem „Wechsel der Töne“ (Hölderlin) zum einen ganz lakonisch, vielleicht könnte man sogar sagen: traditionell realistisch eine kleine Lebensgeschichte, kunstvoll verwoben in die nur am Rande aufscheinende ‚große Geschichte‘, zu erzählen, um dann – mit größtmöglichem Abstand – ein grotesk-komisches Arrangement zu entwerfen, durchzogen von witzigen, mithin Distanz setzenden Passagen. So lässt sich etwa einmal Tillandsia folgendermaßen über ihre Mutter aus:
Zeigte sich Mutter über mein Verhalten besorgt, machte sie sich an den Tillandsien zu schaffen. Obwohl sie den ganzen Tag beruflich mit Pflanzen beschäftigt war, wurde sie nicht müde, nach Feierabend die Hausgewächse sorgfältig nach Läusen abzusuchen, sie zu düngen, die Blätter von abgestorbenen Saugschuppen zu befreien und greise Exemplare mit palliativer Hingabe beim Verblühen zu begleiten. Am Ende dieser Aktion hatte sie sich wieder im Griff.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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