Überleben in der Hölle Haitis

Mit seinem Kriminalroman „Erschütterungen“ wirft der haitianische Autor Gary Victor einen unbarmherzigen Blick auf den desolaten Zustand seines Heimatlandes

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Inspektor Dieuswalwe Azémar von der Police Nationale d’Haïti steht vor der Leiche der 15-jährigen Mikayida Sandro, der Tochter seiner Freundin Mirlène. Das Mädchen, das ihm Vertrauen entgegenbrachte wie einem Vater – Azémar hat mit seiner verstorbenen Frau noch eine leibliche, in den USA studierende Tochter –, wurde von seinen Mördern wie Abfall auf einer müllübersäten öffentlichen Straße entsorgt. Halbnackt, mehrmals vergewaltigt und mit zahlreichen Folterspuren versehen, wurde sie offensichtlich das Opfer eines satanistischen Rituals. Azémar schwört Rache – denn längst hat er aufgehört, an Recht und Gerechtigkeit in einem Land zu glauben, in dem jeder, der es sich leisten kann, mithilfe blutiger Rituale an Macht und Geld zu kommen versucht.    

Gary Victor wurde 1958 in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince geboren. Heute gehört er, der mit Erschütterungen seinen ersten auf Kreolisch geschriebenen Kriminalroman vorlegt, zu den bekanntesten Autoren seines Landes. Eines Landes, das zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt gehört. In dem eine korrupte Elite sich die Macht mit paramilitärisch organisierten Banden teilt, Gewalt an der Tagesordnung ist und Blutrache die Stelle einer funktionierenden unabhängigen Justiz eingenommen hat. Und in dem sich nicht wenige der einfachen Menschen nach den Zeiten der Diktatur zurücksehnen, weil es so aussieht, als hätte die lauthals gepriesene Demokratie für Haiti nichts als Anarchie im Gepäck gehabt. Eine (Un-)Ordnung, in der nur noch den Gangsterbossen Respekt gezollt wird.

Mit der zentralen Figur seiner Dieuswalwe-Azémar-Kriminalromane – die bisher vorliegenden fünf Bände wurden allesamt von Peter Trier ins Deutsche übertragen und erschienen ab dem zweiten Band, Soro (2011, deutsch 2015), im kleinen und auf karibische Literatur spezialisierten Trierer Litradukt-Verlag – ist Gary Victor eine Figur gelungen, die, obwohl sie in einem Land ausufernder Bandenkriminalität selbst nur allzu häufig zum Mittel der Gewalt greift, angesichts der herrschenden Korruption und des politischen Chaos anständig zu bleiben versucht.

Als „ein zu ehrlicher Polizist“ ist Azémar deshalb bei etlichen seiner Vorgesetzten nicht gut angesehen und bei zahlreichen Gangmitgliedern, die auf Rache für die zahlreich von ihm getöteten Banditen aus sind, verhasst. Weil er die Welt, in der er für Ordnung sorgen soll, nur im Rausch aushalten kann, ist der Soro, ein haitianischer Zuckerrohrschnaps, sein ständiger Begleiter. Und sein unerfüllbarer Traum: ein anderes Leben, eines „ohne skrupellose Politiker, die in den Ghettos Waffen verteilten“, denn „das Land hatte sich in einen Dschungel verwandelt, in dem alle Lumpen Komplotte schmiedeten, um Geld zu raffen.“

Die nach einer Geburtstagsparty im Haus eines Freundes verschwundene und am nächsten Morgen tot aufgefundene Mikayida bleibt jedenfalls nicht das einzige Opfer, dessen Mörder zu finden und zu bestrafen Azémar versprochen hat. Denn noch am gleichen Tag werden zwei weitere Leichen mit ähnlichen Verstümmelungen, wie der Körper von Mikayida sie aufweist, gefunden. Beide waren Gäste auf derselben Geburtstagsfeier, von der Mikayida verschwand. Und es geht das Gerücht um, dass mächtige Männer unter der Regie eines Voodoo-Priesters gerade ein Ritual feiern, das innerhalb von drei Tagen das Blut von vier Menschen erfordert. Für Victors Protagonisten wirft das die Frage auf, wer als viertes und letztes Opfer sein Leben lassen soll und wie dieser weitere brutale Mord verhindert werden kann.

Dass es ein junger Arzt ist, von dem die toten Jugendlichen sich Bescheinigungen ihrer Unberührtheit hatten ausstellen lassen müssen, weil ihnen von ihren Mördern Jobs versprochen worden waren, für die das notwendig sei – in keinem Krankenhaus weit und breit wurden jemals derartige Jungfräulichkeitsbescheinigungen ausgestellt, muss Azémar sich von einem anderen Arzt sagen lassen –, führt den Inspektor schließlich auf eine heiße Spur. Und beinahe in seinen Tod, denn er bekommt es am Ende mit machtgierigen Psychopathen zu tun, die ihre krankhafte Mordlust ausleben, indem sie ihre Taten mit seit Jahrhunderten tradierten satanistischen Praktiken zu rechtfertigen versuchen. Grausamkeit als Instrument, um sich an der Macht und alle anderen in Abhängigkeit zu halten – das funktioniert in Haiti ungebrochen bis zum heutigen Tag.

Erschütterungen ist ein gnadenloser Roman, in dessen Mittelpunkt sein Autor einen Menschen gestellt hat, der lernen musste, genauso gnadenlos zu sein wie diejenigen, die er jagt und für immer zur Strecke bringt. In der Regel durch einen gut gezielten Kopfschuss aus seiner Beretta, denn schließlich soll das Böse, einmal erkannt, ganz verschwinden und keine zweite Chance bekommen, sein Werk fortzusetzen.

Dieuswalwe Azémar war einmal ein Anderer. Und er möchte nur zu gerne wieder dieser Andere sein. Aber die Hoffnung, dass aus dem verrotteten Haiti – zumal nach dem verheerenden Erdbeben von 2019, auf das Gary Victor auch in diesem Roman immer wieder zu sprechen kommt, als den Zeitpunkt, in dem die Hölle in dem kleinen Karibikstaat erst richtig losbrach – eines Tages wieder ein Land werden könnte, in dem man seines Lebens jederzeit sicher ist, Rechte besitzt, die von einer nicht korrupten Justiz garantiert und verteidigt werden, und auf die Solidarität seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger vertrauen kann, hat ihn längst verlassen.

Und weil Victors Held auch auf Gott nicht mehr vertraut – „Wenn es ihn gab, dann kümmerten ihn die Angelegenheiten der Menschen, vor allem die der Haitianer, offensichtlich nicht im Geringsten.“ –, sieht er vor sich nur noch den radikalsten aller Wege. Er „würde […] sich mit Dynamit behängen und sich an einem Ort, wo die wichtigsten Politiker versammelt waren, mit der ganzen nichtsnutzigen Bagage in die Luft jagen.“ Es ist dies ein Traum, den er in den Momenten träumt, in denen er sich seinem Tod nahe sieht. Zweifellos ein Weg, mit den verschiedenen Erschütterungen, denen sich Azémars Land ausgesetzt sieht, fertig zu werden. Aber eben auch nicht mehr und wohl kaum praktikabel.

Titelbild

Gary Victor: Erschütterungen. Kriminalroman.
Aus dem haitianischen Kreolisch von Peter Trier.
Litradukt, Trier 2026.
94 Seiten, 13,00 EUR.
ISBN-13: 9783940435538

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