Tödliche Spiele im Kinderzauberland

In Monika Geiers neuem Roman „Ein schönes Kind“ wird aus der harmlosen Suche nach einer Filmlocation ein spannender Horrortrip in die Kindheit einer jungen Frau

Von Dietmar JacobsenRSS-Newsfeed neuer Artikel von Dietmar Jacobsen

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Die junge Architektin Marlie Eichhorn hat einen Traumjob ergattert. Als Szenenbildnerin und bauliche Leiterin einer neuen Vorabendserie soll sie die richtige Location für das Langzeitprojekt suchen. In einem abgelegenen Pfälzer Tal findet sie schließlich die leerstehende Villa Raquet und weiß sofort: Hier soll sie spielen, die auf einem SPIEGEL-Bestseller beruhende Fernsehproduktion „Villa Rosa“. Zwar entspricht nicht alles Marlies‘ Vorstellungen, aber bis zum Drehbeginn in einem halben Jahr lässt sich das Fehlende sicher noch organisieren. Von dem erwünschten Licht sind die Räume jedenfalls jetzt schon erfüllt. Doch als Marlie das erste Mal an dem zukünftigen Drehort der Serie übernachtet, wird sie von Visionen und Erinnerungen heimgesucht, die nahelegen, dass dieser Ort vor vielen Jahren schon einmal eine wichtige Rolle in ihrem Leben gespielt haben könnte.

Dass es auch im zehnten Roman der Pfälzer Autorin Monika Geier nicht ganz ohne Bettina Boll, die Ludwigshafener Kriminaloberkommissarin mit der eigenwilligen Vita, dem losen Mundwerk und der Abneigung gegen alles Kollektive gehen würde, ahnte man bereits vor Lektürebeginn. Und natürlich ist sie auch in dieser Geschichte wieder dabei. Getarnt hinter dem Kurznamen „Tina“ darf die allein in acht Romanen im Zentrum stehende Boll bereits auf der ersten Seite des neuen Buches die Szene betreten, wenn auch ausnahmsweise einmal nur als Nebenfigur. Doch das Haus, welches sie von ihrer ungeliebten Tante geerbt hat und in dessen Keller sich im Roman Alles so hell da vorn (2017) bereits ein von Geheimnissen umwittertes Skelett fand, ist der nach einer passenden Location suchenden Marlie Eichhorn zu dunkel und will deshalb nicht zu dem eher heiteren Plot der Fernsehserie passen. Also zieht Marlie weiter, behält allerdings die taffe Kommissarin, die ihr ein wenig imponiert hat, im Hinterkopf.

Fortan wird Bettina Boll zur gelegentlichen Ansprechpartnerin der sich von ihrer Vergangenheit immer bedrängter fühlenden Protagonistin. Das ist insofern beruhigend, als es, wo auch immer die Kriminalistin auftaucht, zwar manchmal chaotisch zugeht, auf Bolls Intuition und ihre von Empathie getragene Menschenkenntnis aber stets Verlass ist. Und auch wenn Monika Geier diesmal mit den Augen einer anderen Figur auf die sich ereignenden Dinge blickt – als intelligenter Sidekick mit im Laufe des Romans immer wertvoller werdenden Beziehungen zum örtlichen Polizeiapparat trägt Bettina Boll nicht wenig dazu bei, die Geheimnisse rund um die Villa Raquet zu lösen.

Bolls gelegentliches Eingreifen ist auch nötig, denn kriminell geht es schon zu auf den rund dreihundertfünftzig Seiten von Ein schönes Kind. Just in der Villa, die den Schauplatz einer für alle Altersklassen geeigneten Vorabendserie abgeben soll, sind nämlich vor fünfzehn Jahren zwei Kinder umgekommen: die dreijährige Enkelin der Besitzerin und der sechsjährige Sohn einer Nachbarsfamilie. Und obwohl die polizeilichen Ermittlungen damals zu dem Ergebnis kamen, dass es sich bei beiden Todesfällen um tragische Unglücke handelte, halten sich weiterhin hartnäckig Gerüchte um den fast zeitgleichen Tod der beiden Kinder. Dass damals etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen ist, vermuten viele. Aber was? Haben Aufsichtspersonen ihre Aufgaben vernachlässigt? Gab es wirklich „böse Kinder“ in der Nachbarschaft, denen alles zuzutrauen war? Zumindest die Großmutter des in einem Speiseaufzug zu Tode gekommenen sechsjährigen Frederic Abel wirft der Polizei immer noch vor, bei ihren damaligen Ermittlungen zu schnell die Unfall-These präferiert zu haben. Sie sucht weiterhin nach dem Mörder ihres Enkels.

Eine angespannte Lage also, in die Marlie Eichhorn da plötzlich gerät. Und sie wird nicht leichter dadurch, dass sich bei Geiers Heldin plötzlich Flashbacks einstellen. Je mehr sie in dem Haus und seiner unmittelbaren Umgebung wiederzuerkennen vermeint, scheinen diese darauf hinzudeuten, dass sie selbst in ihrer Kindheit eine Zeitlang in der Villa Raquet lebte – und vielleicht sogar zu jenen Kindern zählte, mit denen die beiden Todesopfer bis zu dem tragischen Tag spielten.

Es ist ein durchaus schmerzhafter Prozess – in der ersten Hälfte des Romans findet sich die junge Frau nach einem Treppensturz mit heftigen Verletzungen gar im Krankenhaus wieder –, den Marlie Eichhorn durchmachen muss, ehe sich ihr die ganze Wahrheit dessen, was damals geschah, offenbart. Eine Wahrheit, die von jenen, die vor anderthalb Jahrzehnten dabei waren und zu denen sie selbst und ihre inzwischen demente Mutter ebenfalls gehörten, anschließend so gut verborgen wurde wie der Pool, in dem die kleine Lili ertrank. 

Monika Geier hat ihren Roman Lewis Carroll – ein weißes Kaninchen spielt auch bei ihr eine nicht unwichtige Rolle –, Louise Fitzhugh, der 1974 verstorbenen Autorin des Kinderbuchklassikers Harriet The Spy, und Josephine Tey, der heute als Theaterautorin weitgehend vergessenen Schöpferin vielgelesener Kriminalromane, gewidmet. Vor allem aber betrachtet sie ihn als eine liebevolle Hommage an Agatha Christie und deren 1976 postum erschienenen Roman Sleeping Murder. Darin steckt ebenfalls ein altes Gebäude, das eine junge Frau bei ihrer Wohnungssuche entdeckt, voller dunkler Geheimnisse, die auf ein ehedem hier geschehenes Verbrechen hindeuten, das bis in die Gegenwart ungesühnt blieb.

Auch in Ein schönes Kind füllt sich der zunächst harmlos erscheinende Schauplatz einer alten, auf dem Land gelegenen Villa nicht nur mit den unangenehmen und bedrängenden Erinnerungen der Hauptfigur: Nach und nach tauchen auch Gestalten auf, denen genau bewusst ist, was damals geschah. Und dass einer der heute noch Lebenden ganz und gar kein Interesse daran hat, dass der beinahe 20 Jahre zurückliegende alte Fall noch einmal aufgemacht wird, sorgt plötzlich dafür, dass man sich auch in der Gegenwart seines Lebens nicht mehr ganz sicher sein kann. Denn Mord verjährt bekanntermaßen nicht.  

Monika Geier hat auch in ihren zweiten, nach Müllers Morde (2011) nicht aus der Perspektive ihrer Serienheldin geschriebenen Roman wieder all das hineingepackt, wofür ihre Leserinnen und Leser sie mittlerweile lieben: eine Sprache, die die Dinge, über die sie schreibt, lebendig werden lässt, der Humor und Ironie alles andere als fremd sind und deren Dialogpassagen – gelegentlich im Dialekt ihrer Heimat geschrieben – ihre bezaubernde Wirkung erst dann so richtig entfalten, wenn man sie laut vor sich hin liest. Figuren wie aus dem Leben gegriffen und ein Plot, der gut ersonnen und folgerichtig – manchmal etwas mäandernd, was aber alles andere als störend ist – entwickelt wird. Dass es diesmal als Surplus noch etwas spooky in der wie ein verwunschenes Märchenschloss wirkenden alten Villa zugeht, sich aus der Gegenwart immer wieder Türen in die Vergangenheit öffnen und Ein schönes Kind nicht zuletzt einlädt zur (im besten Fall erneuten) Lektüre klassischer, von Frauen, in deren Tradition Monika Geier offensichtlich ihr eigenes Schreiben verankert sieht, verfasster Kriminalromane – was kann man sich als Leserin oder Leser mehr wünschen? Und Bettina Boll einmal nicht als Hauptfigur, sondern in einer Nebenrolle? Auch die steht ihr gut – aber wer hätte bei dieser Autorin schon etwas anderes erwartet? 

Titelbild

Monika Geier: Ein schönes Kind.
Argument Verlag, Hamburg 2026.
400 Seiten, 19,00 EUR.
ISBN-13: 9783867542852

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