Aber (wann) kommt die Befreiung?

Addie E. Citchens’ “Die Abkehr” erzählt von der freiwilligen Unterwerfung zweier Frauen aus zwei Generationen

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Der Roman Die Abkehr, der im Original Dominion heißt, spielt in einer gleichnamigen amerikanischen Südstaatengemeinde. Der Name meint offenbar Herrschaft im doppelten Sinn: die Herrschaft der Pastorengemeinde über die ganze Kleinstadt und die Macht von zwei Männern über zwei Frauen aus zwei Generationen. So herrscht der baptistische Pastor Sabre Winfrey über seine Ehefrau Priscilla und der Pastorensohn Emanuel Winfrey, genannt „Wonderboy“, über seine 17-jährige Freundin Diamond.

Der selbstgefällige Pastor steht nicht nur seiner Gemeinde vor und ist der Besitzer verschiedener Geschäfte, Radiostationen und Häuser in Dominion, sondern fungiert auch (äußerlich) als absoluter Herrscher über seine tablettenabhängige Frau Priscilla, die in der Gemeinde nur „First Lady“ genannt wird. Er lässt sie das Kirchengemeindeblättchen und seine Predigten tippen. Die Herrschaft über seine Frau hält er für gottgewollt und nutzt ihre vermeintliche sexuelle Hingabe zu seiner „Gewaltherrschaft“.

In den Passagen, in denen sie als Ich-Erzählerin auftritt, aber zeigt sie, dass sie durchaus kritisch ihm gegenüber ist. Offenbar haben die Beiden oft Oralsex, was sie anwidert, aber dies darf sie nicht vor ihm aussprechen. Wenn sie sich ihm hingibt, genießt er es zwar, aber fragt danach argwöhnisch: „Wo hast du das gelernt, und mit wem hast du dich rumgetrieben? 

Der bigotte Pastor ist außerdem Rassist, denn seine Frau meint, er würde ihre Fahrt als Beifahrerin in dem Auto eines Weißen als erniedrigend ansehen. Er ist es, der über das Leben der Familie bestimmt, denn nur er selbst hält sich allein auch für die Erziehung der Söhne zuständig. 

Priscilla ist zunächst ganz Mutter: Sie sehnt sich nach den Tagen, als die Söhne klein waren und sie ganz ihr gehörten. („Ich hatte Zellen, Blut, Leben und Karriere für diese Babys geopfert und konnte nicht umhin, stolz auf sie zu sein.“) Auf den jüngsten Sohn Emanuel ist sie besonders stolz, denn er ist ein mit künstlerischen und sportlichen Talenten gesegneter und allseits beliebter Sohn. Dieser Stolz aber bekommt Risse, als sie ihn zum ersten Mal mit seiner Freundin beim Sex erwischt. Sie vermutet einen Zusammenhang mit dem sexuell-dominanten Verhalten ihres Mannes:

Bestand da ein Zusammenhang mit Revs verdorbenem Verhalten? Mit Entsetzen dachte ich daran, was meine Jungs wohl so alles mit Frauen anstellten. Meine Gedanken wanderten wieder zu diesem dummen Mädchen – wie es seine Brüste umklammert hatte, während sein Handtäschchen weit offen stand? Gedemütigt, weil sie bei diesen Schmuddeleien erwischt worden war, nicht weil sie mitgemacht hatte.

Dies alles wird aus der Perspektive von Priscilla erzählt, die – wie man hier sieht – auch eine ironische Distanz zu ihrem Gatten verrät.

Die andere Perspektive ist die von Diamond, der 17-jährigen Mitschülerin und Freundin von „Wonderboy“. Die unscheinbare und an Desaster im Leben gewöhnte Diamond kann es gar nicht fassen, dass Emanuel sie als Freundin auserwählt und tut alles für ihn und die Beibehaltung dieses Verhältnisses. Sie und ihre drei Geschwister waren schon früh von der alleinerziehenden Mutter verlassen und dem Schicksal als Waisen überlassen worden. Dass „Wonderboy“, dem alle Mädchen nachlaufen, sich für sie interessiert, erstaunt sie. Trotzdem liebt sie aber das Gefühl der Verbundenheit zu ihm.

Emanuel entwickelt sich im Verlaufe der Handlung vom „Wonderboy“ zum Gewalttäter. Ein Geschehen, bei dem er sich einen kurzen Augenblick lang zu einem gleichstarken Athleten hingezogen fühlt, indem er dessen Kuss erwidert, wird Emanuel zum Verhängnis. Sofort macht er sich schreckliche Vorwürfe und tötet dann einen Zeugen. Von da an verstrickt er sich immer mehr in weitere Vergehen. Er will Diamond von dem Vorfall erzählen, aber schafft es nicht, sondern hält sich tagelang von ihr fern, bis er es nicht mehr aushält und sie zur Flucht aus Dominion animiert. Sie geht mit ihm, ohne zu wissen, wovor er flieht. Sex wird immer brutaler, wobei Emanuel auch andere Frauen vergewaltigt. Immer wieder beteuert Diamond ihm auf seine drängenden Fragen, dass sie ihn auf ewig liebe. 

Man kann sich vorstellen, wie der Roman endet, denn er heißt auf Deutsch Die Abkehr. Meines Erachtens hat der Roman große Schwächen: Die Struktur ist überkomplex und teilweise verwirrend, wohingegen die Sprache oft unterkomplex ist, ja oft sogar plump daherkommt.

Man hat den Eindruck, dass die Autorin sich mit der Struktur einfach übernommen hat. Wen soll die Geschichte der Seven-Seals-Gemeinde von 1930 bis 1994 ausgerechnet auf der ersten Seite des Buchs interessieren, an den sich ein allwissender Prolog anschließt, wenn dieser nicht witzig, auch nicht hintergründig witzig, sondern einfach plump ist?

Im Kopf der Müßigen hausen tausend Teufel – davon war Reverend Sabre Winfrey Junior fest überzeugt; die Hand des Müßigen hingegen bedarf lediglich eines passenden Hinterns. Sonntags widmete sich der tiefschwarze Prachtkerl von einem Mann seinen Schäfchen in der Seven Seals Missionary Baptist Church, der größten Glaubensgemeinde in Dominion, ob Schwarz oder nicht, und vermutlich im gesamten Mississippi-Delta.

Was sollen die immer wieder eingeflochtenen Botschaften des Pastors mit anschließenden „Quizpunkten“, gestaltet wie ein im Sprachunterricht auszufüllender Lückentext? „Quizpunkte: Was sagt uns die Unfähigkeit eines jeden, das Buch des Jüngsten Gerichts zu öffnen, über die Christen zur Zeit des Johannes?“

Weshalb wurden die obskursten Zitate aus der Bibel gewählt, um die Gläubigen davon zu überzeugen, dass sie sündig sind? Natürlich erkennen wir Leser gleich, dass die Verderbtheit sich nicht auf den Pastor bezieht, sondern nur auf seine „Schäfchen“!

Im Verlauf des an sich perspektivischen Romans folgen Einschübe des allwissenden Erzählers (oft mit zumindest für deutsche Leser unverständlichen Nummern versehen wie 4-980808). Ohne diese Einschübe würde man nichts von Emanuels Vergehen verstehen, von denen beide Ich-Erzählerinnen nichts wissen. Was soll der Epilog am Ende des Romans, der als Eintrag von Priscilla gekennzeichnet ist, aber eine typisch amerikanische Totenanzeige darstellt, in der die vorbildlichen Taten des Verstorbenen gewürdigt werden, inklusive seiner tiefen Vereinigung mit dem Leib Christi? Und wenn wir bis zum Ende den deutschen Titel des Romans noch nicht verstanden haben, dann spätestens auf der allerletzten Seite, wo Diamond als Geläuterte das letzte Wort hat.

Es mag sein, dass vor allem die Satire für einen englischsprachigen und religionskulturell bewanderten Leser tatsächlich zu Lesegenuss führt. So erklärt die Kritikerin Emma Loffhagen im Guardian

despite its often macabre subject matter, Dominion is gloriously, deliciously funny. Citchen’s prose crackles with southern-black humour and idiom: a poorly dressed woman is described as ‚ looking like the last slave freed‘; oppressive heat become a ‚boil-a-nigga-hot‘.

Kein Vorwurf an die Übersetzerin, denn wie soll man so etwas ins Deutsche übersetzen? Eher ein Vorwurf an den Verlag, sich an einen unübersetzbaren Roman zu wagen, nur weil er auf der Shortlist zum Women’s Prize 2026 steht!

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Addie E. Citchens: Die Abkehr. Roman.
Aus dem amerikanischen Englisch von Julia Wolf.
Suhrkamp Verlag, Berlin 2026.
240 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783518432679

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