Schweigend ins Gespräch vertieft
Judith Hermanns Roman „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ eröffnet Wege ins „Kommunikative Unbewusste“
Von Britta Caspers
Ich möchte zurückgehen in der Zeit bewegt sich zwischen Reisebericht, dokumentierter Erinnerungsarbeit und Familienroman – in jedem Fall ist es zweifellos ein sehr persönliches Buch. Mit diesem Genre-Mix, der für erinnerungsliterarische Texte insbesondere seit den 1980er Jahren durchaus nicht untypisch ist, versucht Judith Hermann das Schweigen zu ergründen, wenn nicht zu brechen, das sich in der Familie um die Figur des Großvaters legt, der aller Wahrscheinlichkeit nach ab 1941 als überzeugter Nationalsozialist und SS-Soldat im polnischen Radom an der Errichtung und Auflösung des jüdischen Ghettos beteiligt war. Im Verlauf des Textes, so gewinnt man den Eindruck, lernt die Autorin dieses Schweigen – oder jedenfalls das sehr selektive und bruchstückhafte Erinnern der Mutter an ihren Vater – zu akzeptieren.
Judith Hermann setzt sich mit ihrem Buch nicht die Aufarbeitung der konkreten Verantwortlichkeit des Großvaters als SS-Angehöriger zum Ziel; dafür mangelt es dem Text auch an belastbaren Informationen bzw. der Auswertung historischer Quellen. Man erfährt über diesen Großvater so wenig, dass sich die Frage stellt, ob es wirklich klug ist, einen ‚abwesenden Protagonisten‘ zu schaffen, der dennoch eine so große Rolle spielt und dessen Lebensgeschichte eine solche Hypothek für die Autorin darstellt. Der deutsche Überfall auf Polen im September 1939 und die Zeit der deutschen Besatzung in Radom sind für die historische Forschung durchaus kein blinder Fleck, auch wurden die damals in Radom verantwortlichen Offiziere vor Gericht gestellt und als Kriegsverbrecher verurteilt. Es ist also davon auszugehen, dass es für Hermann Möglichkeiten gegeben hätte, genauer nachzuforschen und hier auch mehr über ihren Großvater in Erfahrung zu bringen. Darüber hinaus kann man argumentieren, dass es vor allem wichtig wäre, die historischen Entstehungsbedingungen des deutschen Faschismus zu ergründen und nach den gesellschaftlichen Kräften zu fragen, die hier zusammengewirkt haben – und sich weniger auf den Bereich des Individuellen zu fokussieren. Kurzum: Aufarbeitung in diesem historischen Sinne leistet das Buch nicht. Dennoch bezeugt es, dass die Vergangenheit, mit der die Autorin sich befasst, nicht vergangen ist, sondern Teil einer Gegenwart, die es in ihrer historischen Bedingtheit zu verstehen gilt. Diese Vergangenheit setzt sich fort in familiären Konstellationen, in Ritualen und familiären Gewohnheiten, die dem Bereich des Unbewussten entrissen werden. Die Autorin reflektiert auf Kontexte und Medien des Erinnerns, fragt sich immer wieder, wie eigentlich beides zu verstehen sei: das Erinnern (in seiner Widersprüchlichkeit, Fragilität und Anfechtbarkeit) und das Verdrängen als einer ebenso fragilen Schutzhülle. Beides hinterlässt Spuren, denen Hermann auf sehr subtile Weise nachgeht. Dass sie sich selbst zu einem Resonanzraum macht, verleiht dem Text eine eigenartige Spannung.
Das Buch ist in drei Teile untergliedert; das erste Kapitel („Radom“) erzählt von der Reise der Autorin nach Radom, einer Kleinstadt im Südosten Polens. Während der deutschen Besatzung Polens wurde dort ein Außenlager des Konzentrations- und Vernichtungslagers Lublin-Majdanek sowie ein Ghetto mit ca. 33.000 Jüdinnen und Juden betrieben (genauer handelte es sich um ein großes Ghetto im Stadtzentrum und ein kleineres in einem Vorort). Dort stellt sich die Autorin der Gegenwart ihres Großvaters, die sie eher in sich selbst als in den Straßen, den Archiven, den Museen sucht und findet. Obwohl sie in der dort gemieteten Wohnung mehrere Wochen und in weitgehender Abgeschlossenheit verbringt, lebt sie aus dem Koffer, denn „ich hatte, all die Wochen über, das Gefühl, ich müsste eventuell überstürzt wieder abreisen.“ In Radom liest sie in den Büchern, die sie eigens für die Reise ausgewählt hat, eine „intuitive und überforderte Auswahl von Büchern“, darunter auch Die Unfähigkeit zu trauern (1967) von Alexander und Margarete Mitscherlich, in dem aus psychoanalytischer Sicht Verdrängungs- und Verleugnungsstrategien ehemaliger Anhänger des Nazi-Regimes untersucht werden. Gelegentlich sucht sie mit ihrer Lektüre ein Café auf, fühlt sich dort aber, den Stift in der Hand, wie eine „Schaustellerin, in gewisser Weise eine Darstellerin meiner selbst.“ Ihrer Rolle kann sie nicht entkommen, und die Darstellung erscheint ihr „klar bedenklich, wenn nicht schlicht komplett daneben“; es gibt keine unbefangene und ‚unbedenkliche‘ Art, als Deutsche achtzig Jahre nach Kriegsende in einem polnischen Café zu sitzen und über Schuld und Mitschuld an den politischen Verbrechen des Nationalsozialismus nachzusinnen. Aber es gibt auch keine Möglichkeit, die Verantwortung für die noch immer bitter notwendige Aufarbeitung der historischen Zusammenhänge, der historischen Schuld, abzuweisen – mit dem Ziel, das Erstarken faschistischer Systeme und das Führen von Kriegen in Zukunft verhindern zu können.
Aus diesem Zwiespalt, einerseits die moralische Verpflichtung zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht abweisen zu können, andererseits aber innerhalb der Familie häufig auf die Tabuisierung oder Verdrängung vergangener Geschehnisse zu stoßen, erklärt sich die Vielzahl erinnerungsliterarischer Texte seit den 1980er Jahren, die sich auf die Zeit der NS-Diktatur zurückbeziehen. Dabei steht das familiär tradierte Gedächtnis der nachfolgenden Generation(en) häufig in einem Gegensatz zu dem Wissen über die Vergangenheit, mit dem die später Geborenen durch kulturell vermittelte Erinnerungsprozesse aufgewachsen sind. Auch dies hat Hermanns Buch mit anderen Werken der Erinnerungsliteratur gemein: Sie kreisen um Ungesagtes, um offene Fragen, um tabuisierte Geschehnisse, um Verdrängtes, das gerade deshalb wirkmächtig ist, weil es sich bewusster Erinnerung entzieht, was – wie Aleida Assmann in einer Untersuchung über Erinnerungskultur und Geschichtspolitik (Der lange Schatten der Vergangenheit) formuliert – „Mechanismen der unbewussten Übertragung“ evoziert. Und diese Art der ‚Aufarbeitung von Geschichte‘ ist durchaus nicht nur in einem individualpsychologischen Sinne relevant, um die eigene Herkunft besser verstehen zu können, sondern ebenso in gesellschaftlich-politischer Perspektive, zumal sich auch Erinnerungskultur als konstitutiver Bestandteil einer Gesellschaft in kontinuierlichem Wandel befindet.
Im Falle Judith Hermanns ist der Großvater selbst nicht mehr zu befragen (er starb vor ihrer Geburt, und auch die Mutter war zu diesem Zeitpunkt erst 21 Jahre alt); er markiert damit eine Leerstelle, die der Text ins Produktive zu wenden sucht und die die Autorin nicht durch Literarisierung, also Fiktionalisierung, füllt; vielmehr umkreist Hermann die Erscheinungsweisen und Auswirkungen auf das familiäre Gefüge und ihre eigene Lebensgeschichte. Die Erinnerung, das Sammeln und Sichern von Bruchstücken, die das Leben des Großvaters bezeugen oder erklären, nehmen ihren Weg in Hermanns Fall über die noch lebende Mutter. Die schwierige Auseinandersetzung mit der Figur des Großvaters und dessen Rolle innerhalb der Familie ist daher zugleich fortwährende Reflexion der Beziehung zur Mutter und beeinflusst auch die Beziehung zu ihr:
[E]s ist etwas um ihn [den Großvater] herum, das mehr als dunkel ist, ich muss es so sagen. Mein Großvater ist keine literarische Figur. Er ist Leerstelle, zugleich ist er das Gegenteil, er ist ein schrecklich blinder Fleck, es will mir nicht gelingen, ihn zu stellen. […] Mein Großvater hält sich in der Zwischenwelt auf […] und ich frage mich durchaus, ob ich ihn erlöse, wenn ich an ihn denke.
Diese Leerstelle, die der Großvater darstellt, führt auf das Problem zurück, das eingangs dieser Rezension angesprochen wurde; sie bezeichnet ein Dilemma, das die Autorin nicht aufzulösen vermag. Die Leerstelle ist aber zugleich zentrales Thema des Textes, wenn nicht gar konstitutiver Bestandteil des Erzählkonzepts. Solche Leerstellen markieren eine Grenze des Erzählbaren, sie bieten erzählerisch nicht nur Raum für das Mögliche, sie evozieren auch vielerlei Fragen und können die Lektüre auf diese Weise bereichern. Sie können entstehen, nachdem Menschen eine für sie belastende Erfahrung gemacht haben, über die sie nicht sprechen können; in diesem Sinne stellt diese Erfahrung, dieses Trauma oder Ähnliches dann für die Angehörigen, aber auch für den Betreffenden selbst eine Leerstelle, ein Signum für etwas dar, das nicht weiter aufzulösen ist. Sie kann Schutz bieten und der Wahrung persönlicher Integrität dienen. In besonderer Weise ist auch das dritte Kapitel („Tidslomme“, dänisch für „Zeittäschchen“) – wie die beiden vorangehenden Teile – einer Leerstelle gewidmet; einer Erfahrung, die die Erinnerung besetzt hält, ohne jemals aufgelöst zu werden. All diese Leerstellen, von denen das Buch handelt, markieren die Grenzen dessen, worüber (innerhalb der Familie) gesprochen werden kann; sie sind aufs Engste mit Gefühlen der Angst und der Scham verknüpft; sie stehen für ein Unbewusstes, das weiterwirkt, in das familiäre Gefüge hinein.
Erinnerung – und dies erklärt die ambivalente, ja prekäre Situation der Autorin – bewahrt etwas, hält es am Leben, verleiht ihm Bedeutung; sie kann Gefahr laufen freizusprechen, sie kann das Vergangene verzerren, indem sie Deutungs- und Erklärungsmuster entwirft. Und wie die Erinnerung selbst bewegt sich auch die literarische Auseinandersetzung mit Erinnerung – wie Aleida Assmann formuliert – zwischen Fiktionen und Fakten, „zwischen Imagination und Recherche, zwischen Phantom und Reflexion, zwischen Erfindung und Authentizität.“ Erinnerungsliteratur stellt für die Literaturwissenschaft also insofern eine Herausforderung dar, als die Trennung zwischen Literatur und Leben aufgehoben wird. Diese Familiengeschichten von Autor:innen wie Uwe Timm, Monika Maron oder Marcel Beyer sind exemplarische Stellvertreter für viele andere kontingente, nicht aufgezeichnete Geschichten.
Nicht nur eine Auswahl von Büchern nimmt Hermann mit auf die Reise nach Polen, auch einige Fotografien, auf denen der Großvater zu sehen ist und die vielleicht eine Spur ins Vergangene legen, dessen Präsenz in Radom und seine Fortexistenz an diesem Ort belegen sollen. Unter diesen Bildern ist auch eines, das ihn in SS-Uniform auf einem Motorrad am Rande eines weiten Platzes zeigt und „auf dessen Rückseite jemand in unklarer Absicht und unbekanntem Bezug das Wort Radom geschrieben hatte und das Jahr 1941.“ Gerade dort, wo das kommunikative Gedächtnis Lücken reißt und Informationen fehlen, können Fotografien für die nachfolgende Generation zu einer wichtigen Quelle, zu bedeutungsvollen Bezugsobjekten werden. Nun haben Fotografien jedoch die mediale Eigenschaft, dem Betrachter losgelöst von einem Kontext entgegenzutreten. Roland Barthes zufolge bezeugen analoge Fotografien nichts als reine Präsenz: Der abgebildete Mensch mag lange verstorben sein, das Foto bezeugt jedoch den Umstand, dass er zu einem nicht näher bestimmbaren Zeitpunkt und unter ebenso wenig bestimmbaren Bedingungen (Ort, Urheber, Absicht) vor der Kamera gestanden hat. Fotografien sagen nichts über sich selbst aus, bezeugen aber ein ‚Es-war‘, das stets ‚wahr‘ bleibt. Die nicht näher aufzuschlüsselnde Angabe auf der Rückseite der Fotografie, von der Hermann spricht, verdoppelt das Bild gewissermaßen; auch sie ist bloße Referenz, ohne jeden Kontext. Fotografien verweisen den Betrachter daher auf sich selbst zurück; ebendiese Erfahrung beschreibt auch Judith Hermann:
Ich sah mir dieses Foto immer wieder an. Ich kam nicht darüber hinweg. Seine mattgelbe Oberfläche war hypnotisch, ich beugte mich mit der Lupe darüber. Das Gesicht meines Großvaters war so sorgfältig glattrasiert, sein Ausdruck schwindelerregend gelassen und stolz. Ich musste wegsehen. Ich pinnte das Foto an die Wand […]; es ergab sich ein Triptychon [mit anderen Bildern], dessen Bedeutung sich aber nicht erweiterte, sondern vor meinen Augen verschloss.
Die Betrachtung fotografischer Details durch die Lupe, von der hier berichtet wird, verschiebt den Kontext des Abgebildeten in immer weitere Ferne; anstatt dass die Fotografie Informationen preisgibt, treten einzelne Details in der Vergrößerung zwar deutlicher hervor, überlagern aber auch wieder andere Bestandteile des Bildes, das Bildganze gerät aus dem Blick. Als die Autorin den Platz in Radom, den das Foto des Großvaters zeigt, schließlich findet und sogar die Perspektive der Aufnahme nachvollziehen kann, verfährt sie in umgekehrter Logik und beglaubigt die Fotografie von ihren real-räumlichen Gegebenheiten her:
Ich schob das Foto Zentimeter für Zentimeter über das, was ich sah, bis ich stand, wo mein Großvater mit dem SS-Motorrad gestanden hatte, exakt an dieser Stelle, in full duty in seinen Koordinaten.
Man kann es so deuten, dass auch das Foto, das die Autorin an diesem Platz macht und das sie sogleich an ihre Mutter weitersendet, zwar zu keiner neuen Erkenntnis führt, aber die Vergangenheit in die Gegenwart holt und damit im Bewusstsein der Familienangehörigen verankert, es also in die Aktualität des familiären Gedächtnisses überführt. Damit ist aus Sicht der Rezensentin das wichtigste Thema des Buches benannt, nämlich die Frage, nach welchen Mechanismen sich das familiäre Gedächtnis in seinem kontinuierlichen Wandel konstituiert.
Der zweite Teil des Buches („Napoli“) erzählt von der Weiterreise der Autorin über Krakau nach Wien und schließlich weiter nach Neapel, wo sie die Familie der Schwester besucht, die dort als Archäologin arbeitet. Sie taucht ein in das Leben und den Alltag der Schwester und lotet die Grenzen der Verständigung über die Figur des Großvaters und die Geschichte der Familie aus, sucht nach Verbindungen und vermisst dabei jedoch zugleich die Entfernungen zwischen den Schwestern. Die Suche nach einer Übereinkunft, vielleicht nach einer gemeinsamen Betroffenheit angesichts der Rolle des Großvaters gestaltet sich schwierig. In der Begegnung der Schwestern zeigt sich, dass auch Hermanns Erlebnisse in Radom nicht Gegenstand von Erinnerungsgesprächen zwischen den beiden werden können – ebenso wenig wie die Erlebnisse des Großvaters in Polen während des Zweiten Weltkriegs zum Gegenstand von Gesprächen und geteilter Erinnerung werden konnten. In den Schilderungen der Begegnung der beiden Schwestern liegt eine Traurigkeit, obwohl, oder vielleicht gerade weil beide Frauen auf ihre Weise versuchen, Nähe zueinander herzustellen.
Ich möchte zurückgehen in der Zeit als den Versuch einer Aufarbeitung historischer Ereignisse, gar als Versuch der Rekonstruktion einer konkreten Schuld oder Schuldverstrickung des Großvaters in Verbrechen des deutschen Faschismus aufzufassen, missversteht den Text, nimmt ihm seine Bedeutung und seine innere Kraft. Die eigentliche Bedeutung erinnerungsliterarischer Texte liegt im beständigen Reflektieren der eigenen Position gegenüber der Geschichte, als teilnehmender Beobachter, kritischer Zeuge und Erbe. Erinnerungsliteratur ermöglicht die Bewahrung, nicht die Bewältigung von Vergangenheit. Ich möchte zurückgehen in der Zeit setzt sich auf sehr berührende und subtile Weise mit dem auseinander, was der Sozialpsychologe Harald Welzer das „Kommunikative Unbewusste“ nennt; das eigene Erleben, aber auch die allgemeine Geschichte in ihren Auswirkungen auf das individuelle Leben sind immer etwas, das mit anderen Menschen verbindet, wie es uns von ihnen trennt. Auch das Nicht-Gesagte, das Schweigen oder das unbewusste Verhalten sind Teil der familiären Erinnerungskultur, über die Erfahrungen und Erinnerungen weitergegeben werden:
Mein Winter in Radom hatte meine Vorstellung von meiner Mutter verändert. Wir hatten uns voneinander entfernt, zugleich hatte ich etwas über sie erfahren, aber was ich über sie erfahren hatte, konnte ich nicht benennen, meine Mutter und ich waren, so kam es mir vor, ein Oxymoron, wir waren schweigend ins Gespräch vertieft.
Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen
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