Ein Feuerwerk der Fantasie
In „Qwert“ besinnt sich Walter Moers auf seine früheren Erfolgsrezepte
Von Stefan Neuhaus
Befragt man die KI von Google nach dem titelgebenden Wort, dann bekommt man folgende Auskunft: „Als ‚QWERT‘ (bzw. QWERTY oder QWERTZ) bezeichnet man die am weitesten verbreiteten Tastaturlayouts. Der Name leitet sich von der Abfolge der ersten sechs Buchstaben in der oberen linken Buchstabenreihe ab.“ Schon der Titel verweist auf die (getippte) Schrift, auf den Status des Texts als Roman – genau so wie die unten auf dem Cover stehende Gattungsbezeichnung. Damit ist hier eine (um eine zum Roman passende Metapher zu wählen) bei Moers stets janusgesichtige, aber nun perfekt austarierte Zweigesichtigkeit des Texts vorgegeben: als Fantasyabenteuer einerseits und als hochgradig artifizielles, sich in intertextuellen Verweisen und postmodernen Volten immer weiter überbietendes fiktionales Konstrukt anderseits. Anders gesagt: Wer einen originellen und lustigen Abenteuerroman lesen will, wird hier genauso bedient wie jemand, die oder der Freude an einer ganzen Skala von Bezügen zur Literatur- und Kulturgeschichte hat, quer durch den kulturellen Gemüsegarten von Klassik bis Pop.
Mit seinem Roman Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär (1999) hat Walter Moers den fantastischen Kontinent Zamonien erfunden, so wie vor ihm bereits E. T. A. Hoffmann Atlantis, C. S. Lewis Narnia oder J. R. R. Tolkien Mittelerde erfanden, um Figuren darin auf Abenteuer zu entsenden. Nur geht Moers noch weiter als seine Vorgänger, selbst als der detailverliebte Tolkien. Allen Zamonienromanen sind von Moers selbst gezeichnete Karten und Abbildungen beigefügt, alle Romane verweisen aufeinander und alle erfinden eine ganz neue Welt innerhalb der Zamonienwelt.
Titelheld Qwert Zuiopü beispielsweise kommt bereits im Blaubär-Roman vor. Eigentlich ist er ein „Gallertprinz aus der 2364. Dimension“, stürzt aber – so der Beginn des Romans – in ein Dimensionsloch und findet sich nicht nur in der mit Zamonien auf verschiedene Weise verbundenen Dimension Orméa wieder, sondern auch im Körper von Prinz Kaltbluth, der den Leser*innen der Zamonien-Romane als von dem schreibenden Dinosaurier Hildegunst von Mythenmetz immer wieder erwähnter Held von Trivialromanen des Bestsellerautors Graf Zamoniak Klanthu zu Kainomaz bekannt ist. Rückwärts gelesen heißt dessen Nachname übrigens Zamoniak, was ähnlich klingt wie der Name des Kontinents, auf dem derselbe als Unterhaltungsschriftsteller so erfolgreich wurde. (Dass es sich um ein Pseudonym einer anderen Figur handelt, erfährt man, neben anderem Wissenswertem, aus dem Zamonien-Wiki.)
Der Untertitel von Moersʼ Roman spielt auf die mittelalterliche Heldenepik an mit ihren Aventüren (oder, so die ältere Schreibung, Âventiuren). Es ist daher keine Überraschung, dass im Roman auch Drachen und andere Fabelwesen vorkommen, die allerdings größtenteils von Moers neu erfunden oder, wie man in manchen Fällen auch sagen könnte, weiterentwickelt wurden in ihren Fähigkeiten, dem oder den Helden Schwierigkeiten zu bereiten. Moers bedient sich frei und quer durch die Jahrhunderte im Requisitenarchiv der Literatur, und er fügt diesem Archiv dabei zahlreiche neue Ideen hinzu. Die Janusmeduse Jadusa beispielsweise erinnert mit ihren beiden Gesichtern – einem schönen Frauengesicht und einer Fratze, die alle versteinern lässt, die sie erblicken – nicht nur an die antike Figur der Gorgone Medusa, die nach ihrer Verwandlung lediglich als einziges Gesicht ein Fratzengesicht hatte, sondern auch an die Figur des Professors für die Verteidigung gegen die dunklen Künste, Quirinus Quirrell, aus Harry Potter und der Stein der Weisen (1997), mit seinen zwei Gesichtern vorn und hinten – weil der böse Voldemort von ihm Besitz ergriffen hatte.
Qwert (in der Gestalt von Prinz Kaltbluth) befreit Jadusa, weil er sie für eine gefangene Jungfrau hält – doch ist sie die gefährlichste Gestalt Orméas und war deshalb vom Eisernen Ritter und seinen Helfern gefangen genommen worden. Fortan versuchen Qwert alias Prinz Kaltbluth und sein Knappe Oyo, der ebenfalls durch einen Dimensionslochsturz in den anderen Körper gekommene Küstengnom Queekwigg (der eigentlich von der Insel Eydernorn stammt – ein Anagramm für Norderney, auf der der Zamonienroman Die Insel der Tausend Leuchttürme spielt), die Janusmeduse zu finden und wieder unschädlich zu machen. Begleitet werden sie von Schneesturm, einem Reitwürmchen, das in seiner Größe eher einem kleineren Lindwurm (= Drachen) ähnelt und Fähigkeiten besitzt, die Ritter und Knappe immer wieder das Leben retten werden.
Ein zu lösendes Problem ist, dass sich Qwert in die positive Seite von Jadusa verliebt hat. Sie zeigt sich ihm gegenüber auch immer wieder von einer liebenswerten Seite, indem sie seine Nähe sucht und mehrfach sein Leben rettet. Dass diese Liebesgeschichte nicht so einfach in ein Happy End münden wird (auch wenn es ein Happy End gibt – nur anders als erwartet), werden erfahrene Moers-Leser*innen bereits vermuten. Eine zentrale und zu einem guten Ende führende Liebesgeschichte auf dem Kontinent Zamonien hat Moers nur einmal geschrieben, in Rumo & Die Wunder im Dunkeln (2003). Der neue Roman geht zwar andere Wege, doch ist sein Ende, so viel sei verraten, versöhnlich und keineswegs so apokalyptisch wie etwa der erwähnte jüngere Leuchttürme-Roman.
Eher im Gegenteil: Qwert ist ein Feuerwerk der Fantasie. Das beginnt bei den Figuren – so gibt es etwa Riesengletscherzwerge und nicht nur Qwert alias Prinz Kaltbluth dürfte sich fragen, wie Riesen und Zwerge in einer Figur vorkommen können. Die Lösung ist ganz einfach und variiert vielleicht die Eigenschaften von Herrn Tur Tur aus Michael Endes Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, der beim Näherkommen immer kleiner wird: Die in ihrer mangelnden Intelligenz an die Daltons aus den Lucky Luke-Comics erinnernde Truppe wird bei jeder Begegnung kleiner.
Jede der Aventiuren hält neue Überraschungen bereit und alle sind, wie im höfischen Epos, Stationen der Entwicklung der Figur und der Handlung. Gegen Ende kommt dann auch die im Zamonien-Kosmos wichtigste Figur vor, Hildegunst von Mythenmetz, und das moderne Märchenfantasykonstrukt wird endgültig metafiktional. Wer hat wen erfunden und wer hat durch sein Schreiben was bewirkt? (Als Anregung könnte etwa Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht gedient haben.) Diese Frage dürfte die Leser*innen beschäftigen, während Jadusa zu Jamusa wird und Qwert – aber es soll nicht zu viel verraten werden, denn ein Abenteuerroman (auch einer, der so viele Angebote an ein erfahrenes Lesepublikum macht) lebt nicht zuletzt von der Spannung der Handlung.
Ob es sich bei Qwert um eine „Parodie des Ritterromans“ handelt, wie Wikipedia und andere vermuten, sei dahingestellt. Qwert ist wohl auch eine Parodie – aber ganz sicher sehr viel mehr als das. Wenn der Verlag auf der Buchrückseite verspricht: „Wer Blaubär mag, wird Qwert lieben“, dann ist das, anders als bei anderen Verlagswerbesprüchen, kein leeres Versprechen. Allerdings wäre der Satz dahingehend zu korrigieren: Wer Blaubär liebt, wird Qwert auch lieben. Denn ganz wie im Blaubär-Roman gibt es eine Abfolge von Abenteuern, verbunden mit einer Kette von originellen Einfällen und einer humorvollen Grundstimmung, die passionierte wie neue Zamonienbesucher*innen wie stets ein wenig nachdenklich, aber auch beglückt zurücklassen wird.
Ob wir Qwert, so wie Hildegunst und anderen Figuren, noch einmal begegnen werden? Eins steht, gerade auch nach dieser Leseerfahrung, unumstößlich fest: Moers ist und bleibt für jede Überraschung gut.
|
||














