Präzise, zeitlos, aktuell
„Gedankenstrahlen“ – Maria Lazars Erzählungen und Shortstories aus dem Exil erweisen sich als ungemein aktuell
Von Helmut Sturm
Musste neulich länger auf ein Kind warten. Schaute deshalb nach den Büchern, die die Schulbibliothek als ausgemustert zur freien Entnahme anbietet. Darunter das offensichtlich noch nie ausgeliehene Buch Atemschaukel („ein Meisterwerk“, FAZ) der Nobelpreisträgerin Herta Müller. Die Woche darauf entdeckte ich ein Buch des mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichneten Dimitré Dinev. Meine Fragen: Werden derartige Bücher aussortiert, weil sie zu wenige Leser:innen haben; weil sie geübte Leser:in voraussetzen; weil sie eine Realität aufzeigen, die uns unangenehm ist (in der Atemschaukel das Leben von Verschleppten in sowjetischen Arbeitslagern); weil das Allerneueste ungesehen als der Vergangenheit überlegen betrachtet wird; weil man Angst vor Traumata hat; weil der Zeitgeist anderes fordert?
Zu ihrer Zeit jedenfalls hat es der Zeitgeist, der in diesem Fall die politischen Machtverhältnisse meint, ganz schlecht mit Maria Lazar gemeint. Das präzise und informative Nachwort des Herausgebers des Bandes Gedankenstrahlen und Verlegers von „das vergessene buch“ fasst die wichtigsten Lebensdaten der 1895 in eine gut situierte jüdisch-assimilierte Wiener Familie geborenen Maria Lazar knapp zusammen. Sie besuchte eine reformpädagogische Schule und kam früh in Kontakt mit namhaften Vertretern der Moderne in Wien. Sie lernte unter anderem Jakob Wassermann, Egon Friedell, Robert Musil, Peter Altenberg, Hermann Broch und Elias Canetti kennen, arbeitete als Lehrerin und Journalistin und veröffentlichte 1921 den durchweg positiv besprochenen Debütroman Die Vergiftung. In der DDR erschien posthum der Roman Die Eingeborenen von Maria Blut, der wie Anna Seghers Der Kopflohn das Erstarken des Nationalsozialismus in der Provinz nachzeichnet. Bereits ab 1933 war Lazar im dänischen und später im schwedischen Exil. Nach ihrem Tod 1948 wurde sie – mit der erwähnten Ausnahme – praktisch nicht mehr rezipiert. Es dauert Jahrzehnte, bis der großartigen Schriftstellerin wieder Aufmerksamkeit geschenkt wurde. 2014 wurde Die Vergiftung und 2015 Die Eingeborenen von Maria Blut neu aufgelegt. Das Wiener Literaturhaus wie der ORF haben die Bücher vorgestellt. Nach weiteren Neuauflagen und Aufführungen ihrer Theaterstücke hat nun der Band Gedankenstrahlen 31 Geschichten und Short Stories versammelt, die alle unter dem Pseudonym Esther Grenen publiziert wurden und zwischen 1937 und 1942 entstanden sind.
Erzählbände sind für viele Menschen Bücher, die einen Platz auf dem Nachtkästchen bekommen, bieten sie doch portionierte Lesehappen vor dem Einschlafen an. Die Erzählungen und Short Stories von Maria Lazar tanzen da etwas aus der Reihe. Sie sind derart überzeugend und interessant, dass Frau/man kaum nach einer Portion Halt machen kann.
Der Band setzt mit der titelgebenden Erzählung „Gedankenstrahlen“ ein, in der ein Erpresserbrief einen Tod durch „intensive Gedankenstrahlen“ ankündigt. Die esoterische Drohung wird verschiedenen Personen zugestellt und schnell in der Kleinstadt bekannt. Die Begegnung von Irrationalität und Rationalität verkörpert sowohl in den Protagonisten der Handlung als auch in den sensationslüsternen Stadtbewohnern, ist gerade in den gegenwärtigen Zeiten erneut hochaktuell. Bemerkenswert ist dabei, wie es Lazar gelingt, die Verbreitung absurder Behauptungen und deren Einsickern in das Bewusstsein vieler Menschen darzustellen. Lazar zeichnet sich hier – wie in ihren Texten überhaupt – durch psychologisches Verständnis und die genaue Beobachtung gesellschaftlicher Zustände aus. Nicht überraschend, dass dabei das Groteske und Unvorhersehbare sozialer Beziehungen sichtbar wird.
Immer wieder wird das Verhältnis von Literatur und Wirklichkeit angesprochen. Teils indem Schreibende im Zentrum einer Erzählung stehen, oder auch indirekt, etwa in der Erzählung „Der Mitschuldige“, die deutlich macht, was es bedeutet, Zeuge einer Untat zu sein. Eine ungenaue, vage Auskunft führt darin dazu, dass der Zeuge zum Mitschuldigen wird.
Maria Lazars Literatur will Zeuge ihrer Zeit sein und verlangt daher Antworten auf Fragen wie: „Sollte ich mich in einen Mordprozess verwickeln lassen […]“ und „[ü]berhaupt, was ging die ganze Geschichte mich an?“ Dass Antworten darauf nicht nur am Anfang diverser Schreibprozesse gefordert sind, sondern ebenso zur Verteidigung der Demokratie, entspricht gewiss der Meinung der Autorin.
Köstlich zu lesen und durchaus nachdenklich machend ist der Text über den „Mann, der die Stimme Gottes hörte“. Zugrunde liegt ihm die zu Lazars Zeit landläufige Oxfordbewegung. An ihrem Beispiel wird gnadenlos Scheinheiligkeit, Opportunismus und Geldgier sichtbar, die manchen Televangelisten oder Vertretern jener Richtung, die ohne Rücksichten Religion für ihre eigenen Zwecke instrumentalisieren, auch heutzutage unterstellt werden können.
„Der Beste Mann der Welt“ ist gegenwärtig für manche derjenige, der sich als solcher ausgibt. Wie in der gleichnamigen Erzählung die Erzählerin können wir oft nur feststellen: „Unglaublich, was so eine[r] alles glauben kann, wenn sie noch einen letzten Zipfel Glück erwischen will.“ Immer wieder irritierend, wie Maria Lazars Zeitdiagnose in den vielen Jahrzehnten seither kaum Staub ansetzte.
Apropos Erzählerin. Die Texte werden aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Das kann eine Ich-Erzählerin, ein Erzähler oder eine Erzählerin sein, die die jeweilige Geschichte zur Kenntnis bringt. Charakteristisch ist, dass die/der Erzähler:in immer nahe am Erzählten bleibt, zumeist sogar in die Geschichte involviert ist. Dennoch entsteht jeweils der Eindruck, dass da jemand den Ereignissen mehr oder weniger objektiv gegenübersteht und beim Berichten ein ironisches Lächeln im Gesicht hat. Ein Mitgefühl mit den Schwachen und Marginalisierten, das sich kühl gibt, ist bei mancher Erzählung eine passende Beschreibung der Erzählhaltung.
„‘Alle Völker sind merkwürdig‘, sagte der Forschungsreisende.“ So sind die Handlungen in Wien, kleineren Städtchen und, ländlichen Gegenden verschiedener Länder angesiedelt. Oft werden Mentalitäten erkennbar, die dem autoritären Charakter, der den Faschismus befeuert, zugrunde liegen. Es gibt da Menschen, die als Amtsperson das Menschsein vergessen, Nachbarn, die es einem unmöglich machen, in Frieden zu leben. So ein Nachbar ist in einer Geschichte, die in England spielt, ein gewisser Brakley. Über diesen heißt es: „Hüten Sie sich vor ihren Brakleys. Noch sind es Wenige, noch ist es Zeit. Bekämpfen Sie sie, vernichten Sie sie. Warten Sie nicht, bis Tausende von anderen Brakleys in Ihren schönen septemberblauen Friedenshimmel hineingeflogen kommen“.
Die im Exil geschriebenen Texte haben nur wenige Menschen erreicht und danach wurde die Schriftstellerin irgendwie vergessen. Es ist ein Hoffnungsschimmer, dass sie nun doch noch einen Platz im Kanon findet. Und freilich wäre wünschenswert, dass Gedankenstrahlen endlich auch einen Platz in Schulbibliotheken findet und nicht so schnell wie andere große Literatur wieder ausgemustert wird.
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