Lyrikdebüt ohne Allüren

In „Exit Pan“ beweist die Schauspielerin Dörte Lyssewski eine sensible Sprachkönnerschaft

Von Konstantin AmesRSS-Newsfeed neuer Artikel von Konstantin Ames

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Es löst gemischte Gefühle aus, wenn TV-Prominente literarische Publikationen (meistens sind es Romane) vorlegen. Ein Beispiel dafür ist der ehemalige Nachrichtensprecher Constantin Schreiber, und auch viele Schauspieler:innen tun sich als Auch-Autor:innen hervor. Deren Prominenz macht es für Verlage verführerisch, von einem strengen Blick abzusehen, der sonst womöglich zu einer Absage führen würde (an denen die Autorenexistenz im Durchschnitt nicht eben arm ist). Echte Doppelbegabungen mit einem Anteil genuin schriftstellerischen Talents sind selten. Ein oft und zurecht genanntes Positivbeispiel ist der Burgtheater-Schauspieler und Romanautor Joachim Meyerhoff. Zu ihm gesellt sich nun seine Ensemblekollegin Dörte Lyssewski, die im Frühjahr mit Exit Pan ihren ersten Gedichtband vorgelegt hat. Die eine oder andere Passage lässt einen Hang zur Outriertheit vermuten: Fotografien werden zu „photographien“ und manche Zeilen haben schon ab Niederschrift eine Rilke-Patina: „kiebitze taumeln mit keckem kopfschmuck/ kühn auf geduckte ackerkrumen“. Angenehm auffällig ist hingegen die Abwesenheit typischer Gedichtband-Insignien: Widmungen, hochtrabende Themen aus berühmten Gedichten (id est geliehene Weihen), abstrakte oder figurative Banalitäten oder halblustige Schnappschüsse. In Exit Pan fehlen jedoch ebenfalls (hierin einem typischen Lyrikband ähnlich) Links zu Audio- oder gar Videoclips. Dörte Lyssewskis Fähigkeit zu nuanciertem Gedichtsprechen hätte jedoch durchaus in Erscheinung treten dürfen. So heißt es im Gedicht „Kontakt“ doch treffend:

verlass dich auf geräusche
setz der stille letzte laute entgegen
ein spiel also
sprich doch
bleibt nur sprechen
sprechen sprechen

Die fünf Kapitel von Exit Pan bedienen in einer Antiklimax-Bewegung eine rousseauistische Entgegensetzung von Urbanität (dem die Institution Theater übrigens zugeordnet ist) und der Flucht in archaische, teils mystifizierte Landstriche; alles endet – dem derzeit trendenden Nature Writing folgend – erwartbar beim „Moloch“. Entsprechend tautologisch beginnt das den Band abschließende Langgedicht gleichen Titels: „miasmen vergiften die luft/ das lärmen eiliger koffer über wege/ neue märsche/ zerreißen den schlaf“.

Im Gegensatz zu solchen sattsam bekannten Anthropozän-Dichotomien können die als Masken gekennzeichneten Ich-Versionen Originalität beanspruchen. Im Gedicht „Barbarennacht“, mit dem das dritte Kapitel „Grenze und Zeit“ eröffnet, zeigt es sich so:

ich barbar falle in die stadt ein am morgen
verwüste sie mit einfallslosigkeit
die sich in stufen hängt die ich ersteige
mich zu erhängen eines tags im land der römer
echot falco schallt durch gassen (…)

Nicht immer gerät die Doppelbödigkeit so elegant wie im Titelgedicht „Exit Pan“, befindlich im vierten Kapitel. Die Worte können als Bühnenanweisung verstanden werden, sind aber auch als Allusion auf den Term „exit plan“ lesbar. Die Rückzugsstrategie gerät zum Horrorgedicht:

bestreut der feldrand mit kiefern von mais
kornwabenrot fuchsblutrot
mit kleinen losen milchzähnen
spuren eines gesprengten gelages
aufgeschreckter pane
rohrflöten zurückgelassen auf dem acker
in flucht verstreute maisstengel blass gebrochen
ein teppich haariger schöpfe von kolben
flocken hasenwolle abgerissener marderkopf
mürbes kronleuchterklirren trockener baumrinde

Geht es in den betitelten Gedichten letztlich um klar umrissene liminale Zustände (Traum/Wirklichkeit, Kulturzwang/Freiheitsdrang, Epiphanie und lähmende Skepsis) vertrauen sich die Poeme ohne Überschrift einer Plötzlichkeit an, wie man sie zuletzt von Elke Erb in Sonanz kredenzt bekam und nun von Lyssewski vorgelegt bekommt: „in der zuversicht des frühlings entschiedenheit/ jedwede pflanze gleichwelches tier/ sie treiben und trotzen dem stillstand/ am tag und in der nacht

Gedichte genau dieser Machart, die auf Selbstkommentierung komplett verzichten und den ökolyrischen Showroom verlassen, machen dieses Debüt besonders. Im poetischen Text, aus dem zuletzt zitiert wurde, zeigt Lyssewski in einer wahren Farborgie, was das Erlebnis eines Sonnenaufgangs („frühling im antlitz des alters“) in ihr auslöst – und man staunt mit ihr. Ihre gelegentliche Vernarrtheit in speckig-abgetragene Metaphern („wolkenglühstreif“, „momentschatten“, „blütenfrostschwere“, „tagnachttagnachttagnacht“) gehört zum Reiz eines Debüts einfach dazu – auch, wenn sie manchmal an einen Trödelmarkt in einem Expressionismus-Museum denken lässt. Die Schauspielerin Dörte Lyssewski ist keine Auch-Autorin, sondern zeigt in Exit Pan eine weitere Facette ihrer sensiblen und empathischen Sprachkönnerschaft – ganz ohne Main-Character-Syndrom, das bei vielen Nur-Lyrikern genauso zur Ausstattung gehört wie eine eigene Homepage. Lyssewski hat sympathischerweise keine.

Kein Bild

Dörte Lyssewski: Exit Pan. Gedichte.
Klever Verlag, Wien 2026.
104 Seiten, 22,00 EUR.
ISBN-13: 9783991560258

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch