Achtsam sterben

Nao-Cola Yamazaki stellt in „Die Schönheit der Distanz“ Überlegungen zu einer japanischen Ars moriendi an

Von Lisette GebhardtRSS-Newsfeed neuer Artikel von Lisette Gebhardt

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nao-Cola Yamazaki (geboren 1978; jap.: Yamazaki Nao-Côra 山崎 ナオコーラ) betrat die japanische Literaturszene im Jahr 2004 mit der Erzählung Hito no sekkusu o warau na (Lach nicht über den Sex anderer Leute), wurde etliche Male für den renommierten Akutagawa-Preis vorgeschlagen und macht zur Frage der eigenen Geschlechterzuordnung keine Angaben. Der ursprüngliche Name Naoko erscheint als Künstlername „Nao-Côra“, was, wie es die Kritik sieht, auf eine ironische Selbstverortung im Diskursfeld spätkapitalistischer Zusammenhänge schließen lässt. Im August erscheint zum ersten Mal ein Buch von ihr in deutscher Übersetzung.

Die japanische Ars moriendi in künstlerischer Repräsentation

Yamazakis Schönheit der Distanz ist eine fiktive Sterbebegleitungsaufzeichnung und reiht sich damit in eine bemerkenswerte Landestradition ein: In der japanischen Kultur gibt es etliche künstlerische Formen, die eigens dazu angelegt sind, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Beispiele aus der Kunst der Kamakura-Ära (1185–1392) sind die kusôzu, Bildrollen, auf denen der Verfall einer Leiche (meist der einer schönen Dame) in neun Stadien abgebildet ist. Ihnen gingen im 10. Jahrhundert poetisch-philosophische Gedichte über Vergänglichkeit und Tod voraus, die sogenannten kusôkan-shi. Jisei no ku waren Abschiedsverse aus dem Milieu von Adligen und Kriegern des 15. und 16. Jahrhunderts; in der bei Tuttle publizierten Anthologie Japanese Death Poems (1986) sammelt Yoel Hoffmann eine Reihe solcher tanka und haiku.

Das Genre tôbyôki (Bericht über den Kampf mit einer schweren Krankheit) wird der Moderne, das heißt der Meiji- und Taishô-Ära, zugeordnet. Es zeichnet sich spätestens in den 1920er Jahren deutlich ab, wobei die Krankentagebücher des buddhistischen Reformators Manshi Kiyozawa (1863–1903), betitelt Rôsenki (Notizen des Dezember-Fächers; 1898–1899), sowie die Niederschrift des Religionsphilosophen Tsunashima Ryôsen (1873–1907) mit dem Titel Byôkanroku (1905; Notizen aus dem Krankenzimmer) und die objektiven, ungeschönten Kommentare Gyôga manroku (1901) und Byôshô rokushaku (1902) des Dichters Masaoka Shiki (1867–1902), der wie die beiden anderen Denker an Lungentuberkulose litt, als frühere Texte zu erwähnen sind. Noch früher, nämlich im Juni 1801 (Kyôwa-Ära), entstanden Issa Kobayashis (1763–1827) Notizen Chichi no shûen nikki (Die letzten Tage meines Vaters) zum vierwöchigen Sterbeprozess seines Vaters.

Ein eindrucksvolles visuelles Dokument vom Sterben einer Angehörigen aus dem späten 20. Jahrhundert stellt Nobuyoshi Arakis Photoalbum Fuyu no tabi (1991; Eine Winterreise) dar, in dem er die letzten Lebensmonate seiner Frau, die im Januar 1990 im Alter von nur 42 Jahren an Krebs starb, festhält. Tôbyôki sind jedoch auch in der Gegenwartsliteratur als fiktionalisierte, semi-fiktionale sowie als authentische Tagebücher oder Essays vorzufinden, in denen Betroffene oder Angehörige den „Kampf gegen eine schwere Erkrankung“ festhalten. Bekannt sind zudem die 1778 Geschichten für meine Frau (2004), die der Science-Fiction-Autor Taku Mayumura (1934–2019) verfasste, um seine Frau Etsuko, die die Diagnose einer unheilbaren Krebserkrankung erhalten hatte, jeden Tag mit einer humorvollen, unterhaltsamen Erzählung aufzumuntern – ohne Belastendes zu erwähnen.

Der Versicherungsangestellte und die Sandwichladen-Frau

Die Schönheit der Distanz handelt von einem Paar, dem es offensichtlich ein Anliegen ist, eine gleichberechtigte Ehe zweier Individuen zu führen. Während der Mann mit seinem geisteswissenschaftlichen Universitätsabschluss (in französischer Literatur) als Versicherungsvertreter für eine der großen Firmen tätig ist und deshalb im Umfeld des Großkapitals arbeitet, verwirklicht sich die Frau (zunächst war sie im Büro eines Lebensmittelkonzerns beschäftigt) in einem kleinen, selbst gegründeten Brötchenladen.

Der Ehemann, aus dessen Perspektive die Geschehnisse betrachtet werden, kommentiert die beiden familiären Hintergründe – seine Frau ist die Tochter des ehemaligen Chefs und trifft ihre Mutter und auch den Vater regelmäßig. Für ihn bedeutet nur noch sie „Familie“, er pflegt kaum Kontakt zu den eigenen Angehörigen. Kinder hat das Paar keine, aber trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – erscheinen ihm die bisher gemeinsam verbrachten fünfzehn Jahre glücklich und erfüllt. Was bei den Überlegungen des namenlosen Protagonisten ins Auge fällt, ist, dass er oft einräumt, über die Gedanken und Wünsche seiner Partnerin ungenügend Bescheid zu wissen. Hier kommt das titelgebende Moment der Distanz zum Tragen, das den Text leitmotivisch durchzieht. Obwohl er seine Frau offensichtlich sehr liebt, gesteht er ihr individuellen Lebensraum zu, den er respektiert und nicht unüberlegt vereinnahmt.

Krankenbetreuung: Verlauf, Etikette und System

Als die Frau plötzlich die Diagnose einer chronisch fortschreitenden Krebserkrankung erhält, macht der Angestellte einen mutigen Schritt und nimmt bei der Firma schließlich den rechtlich garantierten Anspruch auf Familienpflegezeit wahr. Dies weicht vom allgemeinen Usus in Konzernen ab und belegt die Tiefe seiner Gefühle:

Er würde sich einfach drei Monate beurlauben lassen, und wenn das nicht ginge, dann eben kündigen. Er wollte seiner Frau zur Seite stehen, sie pflegen, jede Minute mit ihr verbringen.

Aufgrund der Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen sowie durch die Freiheiten, die das Homeoffice bietet, kann er das Problem der beruflichen Verpflichtungen gut bewältigen. Generell hat sich nun, wie man erfährt, eine neue japanische Firmenkultur etabliert, die nicht mehr auf den Kollektivzwang setzt – etwa beim obligaten abendlichen Gruppentrinken. Schwierigkeiten anderer Art verursachen der Besuch einer unsensiblen, in Schubladen denkenden Pflegegutachterin, Arztgespräche über die Prognose und die von den verantwortlichen Schwestern getragene Routine des Krankenhauses. Dieser Routine möchte er sich einerseits der Konvention folgend anpassen, andererseits versucht er, eigene Vorstellungen umzusetzen. Ab und an ist er unsicher: Was ist in einer solchen Situation angemessen? Wie verhält man sich als Ehepartner? Yamazaki reichert manche Episode mit Humor an und schildert den Balanceakt, den der Protagonist vollziehen muss, während er sich bemüht, den Bedürfnissen der Umgebung – die Schwiegermutter eingeschlossen – zu entsprechen. Das Thema Nähe und Distanz wird besonders klar, wenn der Mann körperliche Nähe zu der von der Krankheit schwer Gezeichneten sucht:

Sich selbst die Ohren zu putzen fühlt sich schon gut an, doch jemandem, den man liebt die Ohren zu säubern ist noch tausendmal besser. Warum hat er das bloß noch nie gemacht?

Im System Krankenhaus den persönlichen Standpunkt beizubehalten oder diesen den Ärzten zu vermitteln – jenseits institutioneller Gepflogenheiten –, ist schwierig:

Kein Patient und seine Familie wollen nach einem Muster leben, das ein Arzt anbietet. Sie haben ihre eigene Geschichte.

Jibun-Diskurse

Yamazaki wirft mit Die Schönheit der Distanz wichtige medizinethische Fragen auf, die auch im 21. Jahrhundert noch erstaunlich wenig geklärt sind. Eine zentrale Argumentation betrifft darüber hinaus den Aspekt der Autonomie. Das 2016 in der Originalsprache erschienene Werk betont den großen Wunsch nach einer viel stärker personalisierten Sterbe- und Trauererfahrung ohne den Ballast von obsoleten, einengenden oder fragwürdigen Gebräuchen – anschaulich erörtert anhand der Frage, ob das Sichtfensterchen im Sarg, das einen Blick auf das Antlitz der Toten gewährt (das zugerichtete Konterfei seiner Frau befremdet die Hauptfigur), noch geöffnet werden soll. Gewünscht wird mehr Einfühlungsvermögen im professionellen Umfeld. Zur Diskussion gestellt finden sich aber auch Erwartungen, Rücksichtnahmen und der sozialen Norm geschuldete Verpflichtungen, die innerhalb der Familie oder im Bekanntenkreis verbreitet sind und einen freieren Umgang mit den letzten Dingen erschweren.

Von der Warte einer Zeitgeschichte der Ideen her gesehen bietet der Text eine neuere literarisierte Interpretation der jibun-sagashi-Thematik, die in den Medien der 1980er Jahre aufgegriffen worden war: Selbstfindung und Individualität (jibun-rashisa) prägen japanische Debatten um gesellschaftliche Werte und die Verwirklichung des Selbst (jibun) dergestalt seit über vier Dekaden. Die Ehefrau vertritt das bereits in den 1970er Jahren entstandene individualistische datsusara-Lebensmodell, was bedeutet, den festen Bürojob aufzugeben: Man möchte der Angestelltenexistenz entkommen, um frei und kreativ tätig sein zu können. Insofern treffen in der Ehe auch zwei Arbeitskulturen aufeinander: die des Finanzdienstleisters und die der Ladenbesitzerin mit Idealen, deren kleiner Betrieb meist in der „Unterstadt“ (shitamachi) oder in Wohngebieten angesiedelt ist, in denen sich das alltägliche Leben abspielt – ein Thema, das Yamazakis literarischer Agenda entspricht.

Eine Liebesgeschichte? Eine Degrowth-Erzählung? Eine Ethik des Abschieds?

Am Ende der Lektüre gewinnt man den Eindruck, dass es bei Schönheit der Distanz eigentlich um eine Liebesgeschichte geht – man denke an die Vision des Protagonisten von der Frau im Kleid mit den Rapsblüten. Der Mann entscheidet sich jedoch bewusst dagegen, nur sein bevorzugtes Bild gelten zu lassen. Er beleuchtet bei seinen Reflexionen möglichst viele Aspekte, um ihrer Persönlichkeit gerecht zu werden. Es ist also die ideale altruistische Haltung eines Liebenden, die hier adressiert wird – eine Bemerkung über die erotische Implikation der Ohrenschmalzentfernung durchbricht die Idealisierung.

Mindestens ebenso nachdrücklich treten beide Partner für eine klare Distanzierung von der japanischen Leistungsgesellschaft ein. Der Versicherungsangestellte lehnt das der Branche inhärente Konkurrenzdenken ab und wechselt in seiner Firma vom Vertreter, der in Rivalität zu den Kollegen Policen verkauft, zum Ausbilder des Nachwuchses – nimmt also die weniger prestigeträchtige Position eines Lehrers ein. Die Frau entsagt ihrerseits dem Schönheitskult und will nicht durch Aussehen bestechen. Durch die Wahl ihres sensiblen Partners entzieht sie sich der vom Vater repräsentierten Welt des Ökonomischen und gibt auch den Bürojob bei einem Lebensmittelkonzern auf, um als Selbständige Essen herzustellen und zu verkaufen. Die Eheleute ähneln einander in ihren Auffassungen sehr; beide lehnen das Primat des Wettbewerbs ab und wenden sich lieber den Menschen zu. Nicht Superlative sind erstrebenswert, sondern Sinnfindung.

Betrachtet man den Roman als Teil einer buddhistisch geprägten Ethik des Abschieds, als zeitgemäße Einlassung zur japanischen Sicht auf Sterben und Tod, sind tatsächlich Gemeinsamkeiten mit der Tradition zu erkennen. Auch in dieser Hinsicht ist die Frau eine idealisierte Gestalt. Sie verhält sich als vorbildliche Sterbende, nimmt ihr Schicksal gefasst an, zeigt Nachsicht bei weniger angenehmen Personen, empfindet Freude über Besuche und bringt stets ihre Dankbarkeit zum Ausdruck. Über Ängste, die sie möglicherweise hat, bleibt der Leser uninformiert. Mit dieser Haltung der ruhigen Akzeptanz und Gelassenheit aufseiten der Protagonistin bestätigt Yamazaki das Bild einer reifen Persönlichkeit und die überlieferte japanische Ars moriendi: Man begegnet dem Tod ohne Panik und akzeptiert die Transformation in einem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. An dieser Stelle sei doch ein leiser Einwand gegen eine gewisse Klischeehaftigkeit der Frauenfigur sowie gegen die didaktischen Gesten im Text vorgebracht. Erfreulicherweise ist der Charakter des Geisteswissenschaftlers komplexer angelegt: Schon in den ersten Zeilen des Romans trägt er originelle philosophische Gedanken vor und erweist sich auch im weiteren Verlauf als achtsamer Kritiker der Umstände.

Nachtrag: Ungewöhnliche Künstlernamen, bei denen die Autoren und Autorinnen von ihnen geschätzte Dinge (z. B. Früchte) in ihrem Namen nennen, sind in Japan (seit der Vormoderne) keine Seltenheit. Man denke an Banana Yoshimoto oder Durian Sukegawa. Yamazakis Verschmelzungsform ist natürlich besonders originell.

Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

Titelbild

Nao-Cola Yamazaki: Die Schönheit der Distanz. Roman.
Aus dem Japanischen von Katja Busson.
DuMont Buchverlag, Köln 2026.
160 Seiten, 23,00 EUR.
ISBN-13: 9783755812173

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