Welt ohne Geld

Im Comic "Starship Eden" beklauen die Staatschefs die Erde

Von Timo KozlowskiRSS-Newsfeed neuer Artikel von Timo Kozlowski

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Wer wollte nicht schon immer mal alle Politiker auf den Mond schießen? In "Starship Eden", dem neuen Comic von Gerhard Seyfried & Ziska Riemann wird dieser Wunsch wahr. Fast! Denn in diesem Comic machen sich alle Staatsoberhäupter der Erde aus dem Staub. In drei Millionen Lichtjahren Entfernung wird ein Planet entdeckt: "Dreimal so groß wie die Erde! Ein Schlaraffenland! Es gibt dort alles in Hülle und Fülle! Und die Luft ist so gut, daß man da dreihundert Jahre alt wird!" Unter strengster Geheimhaltung und mit erhöhten Steuersätzen wird ein Raumschiff gebaut, das zur Einweihung mit den Staatschefs aus dem Orbit startet. Neben der Umweltverschmutzung, den Kriegen und der Arbeitslosigkeit bleibt der Weltbevölkerung nur noch der Film "Abschied vom Planet der Affen" - die restlichen Filme sind im Gepäck der Staatschefs.

Das ist die Situation, von der Gerhard Seyfried und Franziska Riemann ausgehen und ihre Geschichte weiterspinnen. Nach anfänglichem Entsetzen rangeln verschiedene Naziführer um die Macht, doch am Ende haben die Zurückgelassenen doch noch auf anarchistische Art und Weise die Probleme gelöst, vor denen die Politiker geflohen sind.

Wie schon in "Future Subjunkies" von 1990 nehmen die beiden Autoren verschiedene Gruppen aufs Korn. Da sind zum einen die Politiker, angeführt von US-Präsident Pumpkin, die durchs All rasen, und zum anderen die Personen auf der Erde in Berlin: Das brave Ehepaar Meier, deren Tochter wegläuft und bei den beiden "Harmonian Anarchists" unterkommt, taucht auf. Daneben gilt der Blick der Autoren vor allem Nazis, wie Hitolf Adler und Görmann Hering.

Mit satirischer Feder erzählt das Autorenduo die Story und nutzt dabei genußvoll das Stilmittel der Übertreibung, die bis zum Nonsens gehen kann. Ob nun alle Kalauer ins Schwarze treffen oder blöde sind, darüber kann man streiten, aber die Charakterisierung der Figuren ist bissig geraten. Hitolf Adler wird beispielsweise dadurch in die Geschichte eingeführt, daß er noch ohne Uniform in der Tür seines Appartments steht, in der einen Hand einen Teller, in der anderen die Spülbürste. Als er dann erfährt, daß die Regierung abgehauen sei, setzt er zuerst zu einer seiner Schimpftiraden an, bis ihm die in Comic und Cartoon berühmte Glühbirne aufgeht: "Schweinzkopf! Wissen sie, was das bedeuted[sic]?" - "Nein, mein Führer!" - "Es bedeuted, daß wir jetzt die Macht übernehmen! Vorwärts marsch!" - "Geil, mein Führer!" Die Bevölkerung, die verdrängen möchte, daß es nun weder Regierung noch Geld gibt (das haben die Politiker ebenfalls mitgenommen), versucht, möglichst wenig am normalen Leben zu ändern.

Der erzählerische Diskurs in "Starship Eden" hat sich seit "Future Subjunkies" stark verändert. Zwar verwenden Seyfried und Ziska noch immer die ligne claire, wie schon Hergé in seinen "Tim und Struppi"-Comics, aber zwei Aspekte haben sich geändert. Da ist zum einen die Farbgebung - in "Starship Eden" kommen nicht nur mehr Farben zum Einsatz, sie sind auch heller und strahlender; "Future Subjunkies" ist hauptsächlich in Grau und kalten Farben gehalten. Zum anderen hat sich das Verhältnis zwischen Text und Bild verschoben. "Future Subjunkies" zeichnet sich dadurch aus, daß weite Teile durch zeichnerische Mittel geschildert werden und somit ohne Text auskommen, während "Starship Eden" dem Text einen höheren Stellenwert einräumt und auf diese Weise mehr den üblichen Erwartungen an einen Comic entspricht.

Daß sich Seyfried und Ziska dem breiten Publikum damit annähern (aber nicht anbiedern), zeigt sich daran, daß die Geschichte verhältnismäßig konventionell erzählt ist und die einzelnen Erzählstränge so verzahnt sind, daß ihre gemeinsame Struktur leicht erkennbar wird. Dennoch hat man nicht den Eindruck, daß Seyfried und Ziska durch ihren Wechsel zu Carlsen Comics, einem der großen Comicverlage in Deutschland, gezwungen waren, Kompromisse einzugehen. Dazu ist der Witz zu subversiv und die anarchische Gesellschaft zu antibürgerlich dargestellt.

Kein Bild

Gerhard Seyfried / Ziska Riemann: Starship Eden. Oder: Wie der Schneider Samuel Rosenbaum durch 100.000 Nazis steinreich wurde.
Carlsen Verlag, Hamburg 1999.
64 Seiten, 10,20 EUR.
ISBN-10: 3551737819

Weitere Rezensionen und Informationen zum Buch