Das Trauma bleibt

Die in „Nobody’s Girl“ aufgezeichneten Erinnerungen an den Missbrauch von Virginia Roberts Giuffre durch Jeffrey Epstein erschüttern

Von Mechthild HesseRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mechthild Hesse

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Das Buch Nobody’s Girl von Virginia Roberts Giuffre (Co-Autorin Amy Wallace) ist eine eindringliche Erzählung des Lebens von Virginia Roberts Giuffre, die in frühester Kindheit als Virginia Roberts in der eigenen Familie Opfer von Missbrauch wurde.  Als Teenager missbrauchten sie Jeffrey Epstein und andere mächtige Männer. Sie sagt:

Mit Monstern kenne ich mich aus. Als Kind war ich fast jeder Art von Missbrauch ausgesetzt: Inzest, elterliche Vernachlässigung, harte körperliche Strafen, sexuelle Belästigung, Vergewaltigung. Noch bevor ich Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell begegnete, wurde ich von einem anderen Pädophilen sexuell ausgebeutet. Doch diese beiden haben meine Leiden noch verdoppelt.

Giuffre beschreibt Maxwell und Epstein als Monster, die Mädchen mit Wunden aus ihrem vorigen Leben förmlich rochen und ihnen wie Ertrinkenden einen vermeintlichen Rettungsring zuwarfen. Sie selbst war froh, dass jemand wie Epstein sie nach dem ersten Mal „behalten wollte“, und sie später als Nummer 1 aller seiner Opfer bezeichnete. (Später aber bemerkt sie, dass sie naiv war, zu glauben, sie sei die besondere Nummer 1 und fügt hinzu, dass diese Zurücksetzung von Nr. 1 auf Nr. X/Y sie sogar verletzte).

Anfangs hoffte sie, Epstein würde ihr helfen, im Leben voranzukommen. In der Annahme, in seinem Anwesen eine Ausbildung als Masseurin zu bekommen, würde sie vielleicht Freiheit und Wohlstand erreichen. Offenbar erfüllte sie Epsteins Kriterien: Die Mädchen mussten aussehen wie kleine, meist 12-17 Jahre alte weiße Mädchen von nebenan; auf keinen Fall durften sie Callgirls sein; sie mussten so nah am Abgrund stehen, dass sie sich für Geld sexuell ausnutzen ließen.

An diesen Kriterien musste sich Virginia auch orientieren, wenn sie weitere hilflose Mädchen dem Vergewaltiger und seinen mächtigen Freunden zuführte. Viel später, als sie sich schon vom Epstein-Clan gelöst und eine Psychotherapie begonnen hatte, seien wie schon am Anfang Schuldgefühle aufgekommen, da sie Mädchen demselben Schicksal zugeführt hatte, das sie selbst hatte erleiden müssen.

Epstein versuchte, seine Vorliebe für Sex mit jungen Mädchen vor Virginia sogar „wissenschaftlich“ zu begründen und den Missbrauch als „Teil der natürlichen Ordnung“ darzustellen. Virginia musste nicht nur Mädchen rekrutieren und selbst stets Epstein sexuell zur Verfügung stehen, sondern wurde auch an andere Männer vermittelt. (Im Buch nennt sie zwar einige Namen, aber nicht alle – aus Angst, weitere Prozesse nicht durchstehen zu können.)

Sich von Epstein zu lösen, war ihr erst nach mehr als zwei Jahren – im Alter von 19 Jahren – möglich, nachdem er sie zu einer Massage-Ausbildung nach Thailand schickte. Dort lernte sie den Australier Robbie kennen, den sie kurze Zeit später heiratete. Mit ihm zog sie nach Australien und bekam drei Kinder. Erst mit der Geburt ihrer Tochter Ellie (2008) entschied sie sich, gegen ihre Vergewaltiger vorzugehen und das vorliegende Buch zu schreiben, denn sie wollte vor allem Mädchen schützen.

Mit Hilfe von beharrlichen Anwälten schaffte sie es, Klagen gegen Epstein (2009), Maxwell (2015) und Prinz Andrew (2021) einzureichen. Allerdings kostete Giuffre das unendlich viel Anstrengung. Danach hatten sie und ihre Familie unter vielfältigen Einschüchterungsversuchen wie verdeckten Überwachungen und Verfolgungen durch anonyme kriminelle Unterstützer zu leiden. Auch wurden sie durch Paparazzi in jeden Winkel der USA und Australiens verfolgt.

Vor Virginias Klage war gegen Epstein schon ein Verfahren vom FBI eingeleitet worden, wobei der Beklagte aber einen „Strafverfolgungsaussetzungsdeal“ erreicht hatte, in dem Virginia (und anderen Opfern, die sich zuvor gemeldet hatten) eine Entschädigung zugesprochen wurde. Dies entsprach nicht ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit, sodass sie danach, im Mai 2009, eine eigene Klage gegen Epstein einreichte. Nach 13 Monaten Gefängnis, in denen er wegen der laschen Haftbedingungen (mit Freigang) weiterhin junge Mädchen belästigen konnte, wurde Epstein allerdings vorzeitig entlassen. Erst am 6. Juli 2019 wurde Epstein wegen Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung festgenommen; am 10. August wurde er tot in seiner Zelle aufgefunden.

Virginia Giuffre zweifelt an der offiziellen These des Selbstmordes. Epstein habe genügend mächtige Leute gekannt, die er mit Enthüllungen hätte kompromittieren können. Auch glaubt sie, dass Epstein womöglich nicht begraben wurde, da er immer gesagt hatte, sein Leichnam solle in einer Kältekammer aufbewahrt werden.

Im November 2021 kam es endlich zu einer Gerichtsverhandlung gegen Epsteins Gehilfin Ghislaine Maxwell, der zwischen 1994 und 2004 begangene Missbrauchsverstöße zur Last gelegt wurden. Am Ende der Verhandlungen, an denen Giuffrey nicht teilnehmen durfte, stand eine Verurteilung von Maxwell für den Menschenhandel mit „Minderjährigen zur sexuellen Ausbeutung“. Für Giuffrey war das Urteil „ein weiterer Schritt zu Gerechtigkeit“.

Dieser Kampf um Gerechtigkeit führte 2021 auch zu einer Klage gegen Prinz Andrew, wonach der englische Prinz „ein Versteckspiel hinter Palastmauern“ betrieben habe, und die englische Boulevardpresse es Virginia weiter schwer machte. Unter anderem zweifelte die Presse öffentlich an Giuffreys Glaubwürdigkeit. Der Prinz wurde zwar nicht für schuldig befunden, aber er musste sich 2022 verpflichten, „sein Bedauern über seine Verbindung mit Epstein zum Ausdruck zu bringen, indem er den Kampf gegen das Übel des Menschenhandels zur sexuellen Ausbeutung sowie die davon betroffenen Opfer unterstützt.“

Das Buch beschreibt zwar offen und ohne zu beschönigen die harten Tatsachen der sexuellen Handlungen von Epstein, Maxwell und den Männern, denen sie zugeführt wurde, aber die Ausführungen sind nicht für eine sensationslüsterne Öffentlichkeit gedacht. Im Gegenteil: Man nimmt Giuffre als Leser/in ab, dass sie die Öffentlichkeit aufklären will, unbedingt Gerechtigkeit anstrebt und vor allem heranwachsende Mädchen schützen will, damit andere nicht dasselbe erleiden müssen wie sie. Sie verweist auf viele gedruckte und audiovisuelle Veröffentlichungen „ihres Falls“, aber mit dem Buch will sie „Lücken füllen, fehlenden Kontext liefern, und an entscheidenden Punkten die Fakten klarstellen.“

Am wichtigsten ist Giuffre aber, der Öffentlichkeit die immensen psychologischen Auswirkungen des Missbrauchs zu erklären, die nicht mit Gerichtsurteilen und Entschädigungen wettzumachen sind:

Ja, mir wurde sexuelle Gewalt angetan. Mein Körper wurde auf eine Weise benutzt, die mir enormen Schaden zugefügt hat. Aber das Schlimmste, was Epstein und Maxwell mir antaten, war nicht körperlicher, sondern seelischer Natur. Von Anfang an manipulierten sie mich, so dass ich Verhaltensweisen annahm, die mich innerlich auffraßen, die meinen Realitätssinn untergruben und die es mir unmöglich machten, mich zu wehren.

Dass all die sexuellen Handlungen, aber auch die wiederholte Darstellung derselben, die rabiaten Medien, die Hintergrundmachenschaften und die Klagen ihr schließlich das Genick brachen, ist nicht verwunderlich. Nach dem wörtlich zu verstehenden Genickbruch, den sie in Australien erlitt, lebte sie zwar noch zwei Jahre, aber letztlich muss sie doch zu stark unter seelischen Druck geraten sein. Im Jahr 2025 starb sie durch Suizid.

Neben den Darstellungen dessen, was Virginia als Missbrauchsopfer hat durchmachen müssen, sind die Einblendungen der Erzählungen ihres Ehe- und Familienlebens eindrucksvoll und entlastend zugleich. Erst der Klappentext des Buchs verweist auf den Tod der Aktivistin.

Titelbild

Virginia Roberts Giuffre: Nobody’s Girl. Meine Geschichte von Missbrauch und dem Kampf um Gerechtigkeit.
Yes Publishing, München 2025.
400 Seiten, 26,00 EUR.
ISBN-13: 9783969051672

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