Der Humorist aus der Berggasse
Christfried Tögel und Hans-Jörg Kogel zeigen in „Freud erzählt einen Witz“ die humorvolle Seite Sigmund Freuds, und der Aufbau-Verlag beschädigt den Ruf der Anderen Bibliothek
Von Hermann Rotermund
Sigmund Freuds erzählerische Fähigkeiten sind oft herausgestellt worden. Er erhielt 1930 den Goethe-Preis für seine Sprachkunst und wurde auch für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen, den er allerdings nicht erhielt. Weniger beachtet wurde die humoristische Qualität seines Schreibens, die seine veröffentlichten und unveröffentlichten Schriften und Briefe auszeichnet. Ein leichter Ton, Ironie und Sarkasmus und gelegentliche witzige Wendungen finden sich auch in seinen theoretischen Schriften.
Christfried Tögel und Jörg-Dieter Kogel haben den Band Freud erzählt einen Witz zusammengestellt. Tögel ist der Herausgeber einer Freud-Gesamtausgabe, Kogel ehemaliger Programmleiter im Rundfunk, Autor eines Buchs über die Italienreisen Freuds sowie Ko-Autor (mit Tögel) einer Kompilation, die Freud in den Augen anderer präsentiert. Das aktuelle Buch enthält viele Zitate, die vor allem aus dem außerordentlich umfangreichen Briefwechsel Freuds stammen. Die Autoren haben Material zu sechs sich teilweise chronologisch überschneidenden biographischen Schwerpunkten zusammengestellt. In knappen Einführungen und Kommentaren ordnen sie das Geschehen und die jeweiligen Bezugspersonen kundig ein, sodass das Buch durchaus als unterhaltsame Biographie gelesen werden kann.
Unter anderem war Freud ein aufmerksamer und kritischer Reisender. Den Kölner Dom beschrieb er 1885 so:
Der Dom ist willkürlich unheimlich, er steht, eine Riesenmasse, fast klumpig bei Nacht, auf einem schräg aufsteigenden Terrain, und da auf dem großen Domhof ringsherum keine besonderen Häuser stehen, bekommt man den Eindruck eines Wüstenmonuments. Für die ganze Masse schienen mir die Türme viel zu niedrig.
Auch Paris gefiel ihm nicht – zu viel Gedränge und der Verkehr aufgrund des Asphalts zwar nicht laut, aber deshalb umso gefährlicher. Eine Schiffsreise mit dem Österreichischen Lloyd führte Freud und seinen Bruder nach Athen. Da die Fahrt in Brindisi mit vier Stunden Verspätung begonnen hatte, erfolgte prompt dieser grantelnde Kommentar:
Die Lloydwirtschaft muß man sich nicht allzu exakt vorstellen; in einem unzufriedenen Moment haben wir die Formel gefunden: Österreichische Schlamperei, gepaart mit italienischer Gewissenlosigkeit.
Sarkastische Bemerkungen macht Freud häufig über religiöse Bindungen, über den Klerus und über die Monarchie, Hochzeitsrituale sind für ihn Anlass zu Blödeleien, und die sexistischen Vergleiche eines Fremdenführers in einer Höhle bei Triest gibt er amüsiert wieder.
Die im Buch dokumentierten Sätze und Erzählpassagen Freuds zeigen, wie er alltägliche Wahrnehmungen sprachlich gestaltete und dass er sein erzählerisches Talent ständig an ihnen schärfte. Er las auch viel erzählende Literatur, fand in ihr Beispiele für das Unbewusste – aber auch Anregungen zur Strukturierung des Erzählens selbst, die er in seinen Fallgeschichten nutzte.
„Don’t judge a book by its cover“ lautet eine bekannte und berechtigte Warnung. Umgekehrt jedoch kann ein Buch, auch und gerade Freud erzählt einen Witz, nicht beurteilt werden, wenn nur sein Inhalt beachtet wird. So sehr dieser auch gefällt und weitere Erkundungen des Freud-Universums anregen kann, wertet die Gestaltung des Buchs den Inhalt ab.
Die ehemals als „schönste Buchreihe der Welt“ bezeichnete Andere Bibliothek ist nun unter der Ägide des Aufbau-Verlags kaum wiederzuerkennen. Das äußere Format ist noch identisch, aber ansonsten haben Gestalter und Typographin bei diesem Band viel dafür getan, den guten Ruf der 1985 von Hans Magnus Enzensberger und Franz Greno gegründeten Buchreihe zu beschädigen. Gutes Papier, sorgfältigster Satz und Druck und vor allem eine dem jeweiligen Inhalt angemessene Buchgestaltung waren die Kennzeichen der Reihe. Gegen das Papier des Freud-Bandes ist nichts einzuwenden, aber Typographie und Gesamtgestaltung laufen dem Inhalt zuwider und verdrängen ihn geradezu. Eine kontinuierliche Lektüre ist so sehr erschwert, dass Interessenten nur der Rat gegeben werden kann, sich dem Buch durch sprunghaftes Blättern anzunähern und den Zufall walten zu lassen.
Im Übrigen kann ich mir nicht vorstellen, dass die Autoren/Herausgeber Probleme damit gehabt hätten, 40 Buchseiten mehr mit Material zu füllen. Etwa 40 Seiten nämlich sind durch die obwaltende Layout-Willkür blockiert: Die Textseiten haben einen überproportional großen (mehr als 20 Prozent der Seitenhöhe) unteren Leerraum, in dem eine riesige blaue Seitenzahl prangt. Die erste und letzte Buchseite geben außerdem ein Foto des Behandlungszimmers in der Berggasse 19 wieder, mit Couch und Bildern an der tapezierten Wand. Die Tapete zeigt ein Pflanzenmuster, und dieses Muster, stark blau eingefärbt, ziert nun 22 ganzseitige Seiten des Bandes. Dann nehmen die Kapiteltitel jeweils eine ganze Seite ein, in 32 Punkt großer Schrift und in die Form eines grinsenden Gesichts gezogen. Ebenso riesig gesetzt sind fünf auf blau hinterlegten Doppelseiten ausgebreitete Sätze wie „Trauring, aber wahr.“ Die Gestalter wollten dem Eindruck eines immer „ernsten“ Freud entgegenarbeiten und finden, wie die Website des Aufbau-Verlags ausweist, ihre Lösung selbst angemessen und witzig.
Abgesehen von den Seiten, die schwarz auf weiß den Haupttext der Autoren und blau auf weiß Zitate von Freud enthalten, gibt es viele blau eingefärbte Seiten, auf denen dunkelblaue kleine, rundgeschnittene Bilder und dunkelblauer Text erscheinen. Verwendet wird hier die Saans Medium, eine relativ junge serifenlose, aber vor allem charakterlose Schrift. Diese als „Streiflichter“ bezeichneten Seiten zeigen immer ein Bild, auf dem aufgrund der Einfärbung (blau auf blau) und der Verkleinerung Personen und Buchtitel kaum zu erkennen sind. Umgeben sind diese Bilder in kreisförmiger Konturschrift vom Titel des betreffenden Streiflichts.
Es gibt 31 solcher Streiflichter, die oft ohne chronologischen und thematischen Bezug in die Kapitel einmontiert sind. Sie behandeln auf ein bis drei Seiten ganz spezielle Themen und geben Äußerungen Freuds wieder, die sich in Aufzeichnungen seiner Zeitgenossen, Schüler und Freunde finden. Ein Beispiel ist ein Gespräch mit Siegfried Bernfeld, in dem Freud die Positivisten um Rudolf Carnap spöttisch charakterisierte:
Das erinnert mich an jemanden, der es mit dem Putzen einer Brille derart genau nimmt, daß er nie dazu kommt, sie aufzusetzen und hindurchzuschauen. Ach, das sind die Leute, die vor lauter Brillenputzen nicht zum Schauen kommen.
Vor einen siebenteiligen Anhang mit Endnoten, einer Chronologie, Registern und Verzeichnissen haben die Autoren/Herausgeber einen „Theoriekurs“ gesetzt. Er beginnt mit einer Blütenlese aus dem Buch Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten von 1905, in dem Freud unter anderem eine eigene Sammlung jüdischer Witze auswertete und aus ihnen drei Witz-Mechanismen destillierte: Verschiebung, Widersinn und Denkfehler. Darauf folgt der Abdruck des Textes Der Humor, den Sigmund Freud 1927 für einen Vortrag und eine Zeitschrift verfasste. Er bezeichnet darin Humor als „psychischen Abwehrmechanismus, der Leid durch eine souveräne Ich-Haltung überwindet“. Das Wesen des Humors bestehe darin, dass sich der Sprecher „die Affekte erspart, zu denen die Situation Anlaß gäbe und sich mit einem Scherz über die Möglichkeit solcher Gefühlsäußerungen hinaussetzt“. Eine Person kann sich selbst zum Objekt einer humoristischen Äußerung machen oder jemand anderen. Der aus dem Humor gezogene Lustgewinn ist ein „Triumph des Narzissmus“. Anders aber als der Witz, der Lustgewinn pur verursacht, hat der Humor „Würde“, die dadurch gestützt wird, dass der Humorist die psychische Last, die eine humoristische Äußerung hervorruft, vom Ich auf das Über-Ich verschiebt.
In einem kurzen Epilog stellen die beiden Autoren/Herausgeber die Unterschiede der Freudschen Auffassungen von Witz und Humor einander gegenüber. Der Witz, so ihre Konsequenz, schafft eine lustvolle Affektentlastung, der Humor hingegen ist eine psychische Abwehrstrategie. In den im Buch zitierten Äußerungen Freuds steckt viel Witziges – auch wenn er tatsächlich keine Witze erzählt. Vor allem aber zeigt es Freud als Erzähler, der allen Lebenssituationen eine humoristische Note abzugewinnen versteht.
Inhaltlich ist der Band ein Gewinn für alle, die sich für Freud interessieren. Als ästhetisches Objekt ist er eine Zumutung.
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