In Schweigen gehüllt

In „Drei Kilometer“ erzählt Nadine Schneider die Geschichte von einer Frau, die sich zwischen Bleiben und Flucht aus einer unterdrückten Gesellschaft entscheiden muss

Von Annalena Sophie SacherRSS-Newsfeed neuer Artikel von Annalena Sophie Sacher

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Rumänien, Sommer 1989. In lebendigen Bildern schildert Anna, Protagonistin und Ich-Erzählerin des Romans, persönliche Eindrücke aus den letzten Monaten vor dem Umsturz des kommunistischen Regimes. Ihre Familie gehört der deutschsprachigen Minderheit im rumänischen Banat an. Für Anna und Hans, mit dem sie schon einige Jahre liiert ist und bei dem sie sich sicher fühlt, läuft die Jugend am Fließband ab, während sie in einer städtischen Fabrik arbeiten. Obwohl Hans eigentlich, wäre sein Bruder nicht nach Amerika geflohen, eine Universität hätte besuchen können. Gemeinsam mit Misch, der nichts anderes möchte als Freiheit und bis September abzuhauen, solange der Mais noch nicht geerntet wurde, erleben die drei einen letzten Sommer im Schatten der rumänischen Diktatur. Zu Beginn scheint es, als wollen die Freunde gemeinsam über die nur drei Kilometer entfernte Grenze nach Jugoslawien in Richtung Deutschland fliehen. Doch als sich herausstellt, dass Anna, die nur noch aus Gewohnheit mit Hans zusammen ist, und Misch, der wie Deutschland eine ungewisse, aber aufregende Zukunft für Anna bedeutet, sich ineinander verlieben, nimmt die Erzählung an Fahrt auf. Zwischen heimlichen Küssen und Berührungen im Feld entwickelt sich ein Gespinst aus Lügen und Verrat von stiller Intensität.

Die Belastungsprobe ihrer Freundschaft spielt sich vor dem Hintergrund der, beinahe apathisch und nüchtern dargestellten, gesamtgesellschaftlichen Repressionen ab. Während Nicolae Ceauşescu, der sich einen Palast erbauen und sich Condučator (dt. Führer) nennen lässt, mit seiner Familie im Luxus lebt, fehlt dem Volk das Geld für Strom, Wasser und Heizung. Die Leute hungern, vor allem auf den Dörfern, wo immer weniger Menschen leben. Jeder, der konnte, reiste Mitte der 1980er Jahre noch legal oder mithilfe von Schmiergeldern aus. Andere, denen das Geld fehlte und die es gar nicht mehr aushielten, wie Hans‘ Bruder, flohen illegal aus dem Land. Die Sehnsucht nach einem freieren Leben abseits der tyrannischen Herrschaft ist deutlich spürbar.

Doch unter diese Sehnsucht mischt sich auch die stets präsente Ungewissheit vor dem, was die Geflohenen in Deutschland zu erwarten haben und die Angst vor den Konsequenzen für die zurückbleibenden Familien. Obwohl beide Männer mit Anna flüchten möchten, schreckt die junge Frau doch immer wieder davor zurück, weiß sie doch von der ständigen Überwachung, den Hausdurchsuchungen und endlosen Verhören durch die Securitate, dem Geheimdienst der Regierung, die ihre Familie im Fall ihres Verschwindens zu befürchten hat. Der Wendepunkt, in den zunächst eher dahin plätschernden Geschehnissen, wird erreicht als Annas Vater die Ausreisegenehmigung erhält und seinen Plan unterbreitet, in Deutschland zu bleiben und die Familie sobald wie möglich nachzuholen. Von dort an vermischt sich ihre Furcht mit Verbitterung und Wut. Wut auf das Regime, dass sie zu solchen drastischen Entscheidungen zwingt und auf den eigenen Vater, weil er sie verlässt. Aber Anna ist auch zornig auf sich selbst, da sie zu unsicher war, um mit Misch das Land zu verlassen. Schließlich kehrt ihr Vater nach einigen Wochen in die Heimat zurück, es ginge einfach nicht, sagt er.

Schneider wurde für ihren Debütroman, der bei Jung und Jung erschien, beim Literaturpreis Prenzlauer Berg ausgezeichnet, erhielt den Literaturpreis der Stadt Fulda 2020 und den Bloggerpreis „Das Debüt 2019“. Ihre eigenen Eltern sind Auswanderer aus dem rumänischen Banat und im Nachwort bedankt sich die Autorin bei ihrem Vater dafür, dass er seine Erinnerungen an diese Zeit mit ihr geteilt hat.

Zwar scheint es dem Roman an prägnanten Metaphern zu mangeln und kommt er auch eher lakonisch, ja wenig detailreich daher, so liegt doch gerade darin der Charme. Schneider schafft es mit leisen Tönen die realhistorischen Ereignisse Rumäniens mit Annas Erinnerungen an Besuche auf dem Zigeunermarkt oder persönlichen Liebesverstrickungen zu verbinden. Ihre subtile und zugleich spannende Darstellung des Generationenkonflikts und des Leidens unter kommunistischer Unterdrückung spiegelt genau den Geist der Zeit wider. Das Schweigen, das dem Leser auf jeder Seite entgegenschlägt, ist Symptom einer kaputten Gesellschaft. Unter den Dorfbewohnern herrscht stetiges Misstrauen, Gedanken und Gefühle schlagen sich höchstens in stummen Blicken und Gesten nieder, denn jeder könnte ein Spion sein. Sogar Misch befürchtet, Hans sei ein Spitzel, als dieser ein gegebenes Verhör durch die Miliz verneint. Auch die Familie hüllt sich in Schweigen. Wagt Anna es tatsächlich einmal, die Flucht ins Ausland anzusprechen, schlägt ihr nur das anklagende Schweigen der Mutter entgegen.

Im Dezember 1989 kehrt die Kälte in die Häuser der Dorfbewohner zurück und mit ihr die wachsende Angst vor den häufiger werdenden Protesten in Timişoara. Auf einmal schließt Hans sich den Protesten an, die in einem Massaker aus Panzereinsätzen und auf Demonstranten schießende Soldaten enden. Als Anna kurz darauf von Inhaftierungen und Todesopfern erfährt, wird ihre eigene Angst, auch davor, dass ihr Freund getötet worden sein könnte, immer stärker und realer, ebenso wie die Sehnsucht und die Reue, nicht längst geflohen zu sein. Und was am Ende bleibt, ist die Furcht vor der Regierung, die Ungewissheit und der Wunsch nach einem freien, selbstbestimmten Leben. 

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension gehört zu den studentischen Beiträgen, die im Rahmen eines Lehrprojekts im Sommersemester 2020 entstanden sind und gesammelt in der Septemberausgabe 2020 erscheinen.

Titelbild

Nadine Schneider: Drei Kilometer. Roman.
Jung und Jung Verlag, Salzburg 2019.
155 Seiten, 20,00 EUR.
ISBN-13: 9783990272367

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