Judith Lange, Eva Rothenberger und Martin Schubert geben den Sammelband „Die Kolmarer Liederhandschrift und ihr Umfeld“ heraus

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Bei der Kolmarer Liederhandschrift (München, Bayerische Staatsbibliothek, Cgm 4997) handelt es sich um eine der bedeutendsten Meisterliederhandschriften des 15. Jahrhunderts, die zudem heute als vollständiges, farbiges Digitalisat frei zugänglich ist.

Der 2021 bei Peter Lang als Open-Access-Publikation erschienene Sammelband Die Kolmarer Liederhandschrift und ihr Umfeld umfasst neben einer Einleitung der Herausgeber*innen elf Beiträge, die sich weitestgehend drei großen Themenbereichen zuordnen: 1. den Kunstformen in der Kolmarer Liederhandschrift, 2. der Überlieferung und Textualität sowie 3. dem geistlichen Liedgut. Am Schluss des Bandes folgt ein Beitrag Johannes Rettelbachs, der versucht, das metapoetische Liedgut der Meistersinger zu analysieren und zu klassifizieren.

Der erste Teil ist den textuellen bzw. melodischen Kunstformen der Kolmarer Liederhandschrift gewidmet. Dabei bleibt Horst Brunner auf die artifiziellen Lieder in der zweiten Lage der Handschrift fokussiert. Lorenz Welker und Stefan Rosmer beziehen in ihren Beiträgen die Parallelüberlieferung der analysierten Töne sowie zeitnahe form- und/oder namensgleiche Lieder und Melodien aus Frankreich und Großbritannien mit ein.

Im zweiten Teil wird die Überlieferung einzelner Texte und Korpora sowie der produktive Umgang mit bereits vorhandenem Liedmaterial in den Blick genommen. Michael Baldzuhn befasst sich auf Grundlage der umfangreichen Materialsammlung mit Strophenkonglomeraten und geht der Frage nach, welche Überlieferungsreflexe hinter der Kombination alter Strophen mit anonymen Strophen von Fremdtonverwendern stehen. Anhand des Frauenlob-Korpus (Sophie Knapp/Holger Runow) und anhand des Konrad von Würzburg-Korpus (Nils Hansen) wird zum einen der generellen Qualität überlieferter Lieder und zum anderen den vorhandenen Formen und Ausprägungen redaktioneller Eingriffe nachgespürt. Anabel Recker beleuchtet die Überlieferungszusammenhänge der Gruppe der sog. rheinisch-schwäbischen Liederhandschriften.

Der dritte Teil enthält drei Aufsätze mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten zum geistlichen Liedgut. Felix Prautzsch untersucht geistliche Lieder der Kolmarer Liederhandschrift auf inhärente Ausformungen einer Laientheologie hin. Johannes Janota entwickelt ein Klassifikationsmodell für vorreformatorische Bibelversifikationen. Simone Loleit analysiert Regenbogens „Der juden krieg“ auf die Frage hin, wie sich der starke Antijudaismus in diesem Lied textimmanent manifestiert.

Den Abschluss des Sammelbandes bildet Johannes Rettelbachs umfangreiche Sichtung der metapoetischen Meisterlieder zwischen 1430 und 1520 und ihrer poetologisch-selbstreflexiven Elemente.

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Ein Beitrag aus der Redaktion Gegenwartskulturen der Universität Duisburg-Essen

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Eva Rothenberger / Martin Schubert (Hg.) / Judith Lange: Die Kolmarer Liederhandschrift und ihr Umfeld. Forschungsimpulse.
Peter Lang Verlag, Berlin 2021.
430 Seiten,
ISBN-13: 9783631856130

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