Die Sache mit dem Pferd und andere Geschichten
Raimund Schulz holt in „Odysseus. Mythos und Wahrheit“ dessen schillernde Gestalt in unsere Gegenwart
Von Michael Braun
Die Odyssee ist in aller Munde. IT-Wächter sprechen von „Trojanern“. Der „Zankapfel“, der den Kampf um Troja entfachte, geht ebenso wie der sprichwörtlich gewordene Titel (eine „Odyssee“) auf Homers Epos zurück, auch wenn viele mit TV-Serien sozialisierte Jugendliche den Namen des Verfassers wohl eher mit der Vaterfigur der Simpsons verbinden (wobei Homer Simpson die Odyssee in einer Folge nacherzählt und -spielt). In Christopher Nolans vieldiskutiertem Blockbuster Die Odyssee (2026) spielt Matt Damon die Rolle eines geschlagenen und verschlagenen Kriegsheimkehrers, und diese Ambivalenz der Figur bebildert Luc Ferrys Graphic Novel Die Odyssee (2025 in 5. Auflage erschienen) ebenso wie Stephen Frys pfiffige Nacherzählung (Odyssey, 2025), Emily Wilsons Übersetzung des ersten Homer-Verses mit „a complicated man“ (Wilsons Übersetzung der „Odyssee“ ist 2017 erschienen) und Werner Kamps Podcast über „Die Odyssee – eine Geschichte, die nicht endet“ (31.7.2026).
Woher kommt die Faszination dieser Geschichte, die 2800 Jahre zurückliegt? Wie strahlen die Abenteuer, Irrfahrten und Heimkehrerlebnisse von Odysseus von der Antike in unsere Zeit aus? Spannend und aufschlussreich ist das Porträt, das der Bielefelder Althistoriker Raimund Schulz vorlegt. Sein Buch Odysseus. Mythos und Wahrheit erzählt von den Legenden und historischen Hintergründen, die einen Mythos formen, an dem sich bis heute die Geister entzünden.
Ein komplizierter Held
Ist Odysseus Bestandssicherer (Adorno/Horkheimer) oder aufs Prinzip Hoffnung setzender Abenteurer (Ernst Bloch)? Geht es ihm um die Rückkehr in den Oikos, um die Wiederbestellung von Hof und Heim in Ithaka? Kann er jemals aus der Rolle eines Erzgauners und Meisters der Kriegslist fallen? Oder steckt hinter seinen Listen ein diplomatischer Polit-Profi? Viele Identitäten: ein Seeräuber, ein Städteeroberer, ein König ohne Thron, ein posttraumatisch belasteter Kriegsrückkehrer, ein Erzählgenie oder ein unverbesserlicher Lügenbold. Schulz knöpft sich einen Charakter vor, für den das Altgriechisch das vieldeutige Wort „polytropos“ bereithält. Das bedeutet „vielgewandert“, aber auch „wendig“ und „wandlungsreich“ mit der Nebenbedeutung „tückisch“.
So entsteht in 13 Kapiteln das Bild eines komplizierten Helden und heroischen Räubers, dessen wahrer Schatz die konstant gesuchte, zeitweilig vergessene, wiedererinnerte Heimat in Ithaka ist. Den Inselstaat an der nordwestlichen Küste Griechenlands beschreibt Schulz einlässlich als Knotenpunkt der mykenischen Handelswelt. Ithaka war oligarchisch aufgebaut und sicherte seine Viehwirtschaft durch Raubzüge. Die Großgrundbesitzer, die sich die „Besten“ (aristoi) hießen und damit vom Volk (demos) der Kleinbauern und Viehzüchter abgrenzten, inszenierten ihren Reichtum durch Wettkämpfe und ließen sich von professionellen Sängern Heldengeschichten erzählen, die ihr kulturelles Gedächtnis stabilisierten und nach außen für Renommee sorgten, vor allem gegenüber der damals dominierenden assyrischen Schriftkultur. In diesem kulturhistorischen Dunstkreis entstanden die Epen Ilias und Odyssee, die Homer zugeschrieben werden.
Gründe für den Nachruhm zu Lebzeiten
Odysseus selbst wird als „Trickster aus reichem Haus“ vorgestellt. Sein Großvater Autolykos war ein bekannter Meisterdieb, von ihm stammt auch Sinon ab. Der war – in den oft komplex nahverwandten Figurenkonstellationen der Antike – ein Sohn des Bruders der Mutter von Odysseus. Also dessen Vetter. Sinon trägt den Beinamen „Der Lügner“, weil er den Trojanern vormachte, das Trojanische Pferd sei ein ungefährliches Weihegeschenk der Götter, das die vermeintlich heimfahrenden Griechen am Strand hinterlassen hätten.
In seinen Jugendjahren hatte Odysseus genügend Gelegenheit, als Lieblingsenkel von Autolykos und auf Abenteuerfahrten jene Tricks zu erlernen, die sein Überleben und seinen Nachruhm zu Lebzeiten begründeten. Dazu gehört die von Schulz rapportierte, von Apollodoris tradierte und in Hederichs Gründlichem Mythologischen Lexikon (Nachdruck 1996) nachzulesende Story einer raffinierten Brautwerbung. Odysseus freite um die vielbegehrte Antikenschönheit Helena, wusste aber früh, dass er bei ihr nicht landen konnte. Daher gewann er Helenas Vater, der angesichts der vielen Freier einen Zornes-Krieg der Abgewiesenen befürchtete, für einen Deal. Alle Freier sollten einen Eid schwören, dass sie den auserwählten Bräutigam nicht vernichten, sondern schützen würden, Odysseus aber verzichte auf Helena und deren Vater würde sich für Odysseus bei Penelope einsetzen, die Helenas Kusine war. Eine solche Hintergrundgeschichte enthüllt, wie die „charismatische Macht“ des Fürsten (Peter Sloterdijk) Odysseus zu dem gemacht hat, was er in der Odyssee ist.
Selbstlernender Held und Story Arc
Homers Odyssee kann mit guten Gründen als erste Serienerzählung des Abendlandes gelesen werden. Der Spannungsbogen der Geschichte ist nicht linear, sondern analeptisch und proleptisch erzählt. Das Epos bündelt die Stationen der Irrfahrt des Odysseus in vier von 24 Gesängen, den Apologen, und erzählt von 40 Tagen der Irrfahrt innerhalb einer Lebensgeschichte von fast zwanzig Jahren. Anders aber als Jonas Grethlein (in dessen Buch über Homer und die Kunst des Erzählens, 2017) und Christopher Nolan, die sich am perplexen Emplotment orientieren, rekonstruiert Schulz die Storyline. Die Landepunkte der Odyssee von Insel zu Insel, bei Gefahr und Gefangenschaft, beim Raubzug und angesichts von Gastfreundschaft, werden so anschaulich wie möglich und so historisch fundiert wie nötig geschildert, weitgehend ohne philologische Graswurzelarbeit. Hier erkennt man Odysseus als Selbsthelfer aus Not, als mit Schrecken und Gewalt Lernender, der am meisten an sich selbst glaubt – Vorläufer einer dialektischen Aufklärung. Da ist etwa Kirke, pflanzenkundige Zauberin, Herrin der Tiere, Ritualexpertin, bei der Odysseus erfährt, wie die Grenze zwischen Menschlichem und Übernatürlichem überwunden werden kann und wie machtvoll der Sexus ist. Aus der Polyphem-Szene nimmt Odysseus die Bedrohung durch seine eigene Hybris mit. Aus der Liebesfalle mit der Nymphe Kalypso entwindet sich Odysseus dank seiner Sehnsucht nach der Ordnung des Oikos und nach deren „Rückgrat“, Penelope. Die Sirenen als „Supersensoren“ weihen ihn in die Geheimnisse der Welt ein. Nicht zu vergessen die Götter der antiken Welt, Athene voran, die dem Helden Rettung, Schutz und Sorge sind. Da informiert Schulze uns gründlich.
Und die Sache mit dem Pferd?
In dem „dichterischen Amalgam“, das Homer uns aus Schiffersagen, Wanderlegenden, Märchen und Geschichten von Händlern und Söldnern hinterlassen hat, spielt das Trojanische Pferd eine vergleichsweise kleine Rolle. In der Ilias, die vor dem Ende des Krieges abbricht, kommt es nicht vor. In der Odyssee wird es nur in einer kurzen Versfolge erwähnt (in der Übersetzung von Voß):
Fahre nun fort, und singe des hölzernen Rosses Erfindung,
Welches Epeios baute mit Hilfe der Pallas Athene,
Und zum Betrug in die Burg einführte der edle Odysseus […]
Odysseus ist beim Abendmahl bei den Phäaken, die ihn nach Jahren des Umherreisens gastfreundlich aufgenommen haben. Er hat sich nicht klarnamentlich vorgestellt und bittet den Sänger, von der Meister-List zu erzählen, die den langen Belagerungskrieg um Troja beendete. Schulz erkennt in der kurzen Erzählung einen „Hohlraum“, der mit Theorien und Chiffren, Vorbildern und Ritualen gefüllt werden könne. Die einen sehen in dem Holzross ein magisches Opferritual, andere die symbolische Überschreibung eines Erdbebens, dritte wiederum eine assyrische Belagerungsmaschine. Fest steht im Epos allerdings nur: Athene war die Erfinderin, Odysseus der Einsatzleiter des Spezialkommandos. Dass die Geschichte vom Trojanischen Pferd die Spitze der odysseischen Trickserie ist, macht Schulz angesichts ihres Nachruhms plausibel: „ein spektakuläres Prunkstück der langen Reihe von Tricks und Täuschungen, die man bei Raubzügen und Kriegen in einer Welt anzuwenden gewohnt war, die anders als die des Nahen Ostens nicht über gewaltige Armeen, teure Reiter- und hochgerüstete Spezialtruppen verfügte“.
Zusammengefasst: eine ansteckend zu lesende sozialgeschichtliche Galerie der berühmtesten Heldenreise unserer Kultur, ein einladender Eingang in Homers Welt, eine geschickt aus der antiken Welt ins Heute geholte Werbung für einen schwierigen Helden, einen „Frauenversteher“ und „mutigen Weltenwanderer“, der an seinen Stärken wächst und aus seinen Fehlern lernt.
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