Kohlrabi-Apostel im Salatorium

Andreas Schwab präsentiert in „Zeit der Aussteiger“ eine Reise zu den bekanntesten Künstlerkolonien der Jahrhundertwende

Von Stefanie LeibetsederRSS-Newsfeed neuer Artikel von Stefanie Leibetseder

Besprochene Bücher / Literaturhinweise

Nach einer Promotion über die Künstlerkolonie auf dem Monte Verità, die unter dem Titel Sinnsuche und Sonnenbad. Experimente in Kunst und Leben auf dem Monte Verità (2001) erschien und einer Ausstellung zum Thema La verità di una montagna (2017) legt Andreas Schwab nun eine gut recherchierte sowie unterhaltsam geschriebene literarische Rundreise durch die bekanntesten Künstlerkolonien der Jahrhundertwende anhand wichtiger Protagonistinnen und Protagonisten vor: Ausgehend von Barbizon bei Fontainebleau führt der Weg nach Pont Aven in der Bretagne und von dort nach Skagen an der Nordspitze Jütlands sowie gen Süden nach Altaussee und Capri, Tanger, Taormina, Korfu, ins nördliche Worpswede und abschließend auf den Monte Verità. Ausgewählte schwarz-weiße und farbige Abbildungen runden die Lektüre ab.

Eine notwendige Voraussetzung für die Gründung der zumeist in landschaftlich reizvollen Orten gelegenen Künstlerkolonien, wo man zudem preiswert leben konnte, bildete der stetige Ausbau des Eisenbahnnetzes seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in den meisten europäischen Ländern: So blieben die großen städtischen Zentren mit ihrer für die Künstler wichtigen Infrastruktur aus Ausstellungssalons, Händlern und finanziell potenten Kunden trotz der Entfernung stets erreichbar. Als wichtige Gründungsfigur kann der Bauernsohn Jaques-François Millet angesehen werden, dessen ungeschminkte Darstellungen der harten Arbeit auf dem Lande in Barbizon dem Leben der unteren sozialen Schichten Bedeutung und Würde verleihen sollten und noch in den Werken von Vincent van Gogh eine große Resonanz fanden.

Eine erste Unterkunft bot den Künstlern in der Regel der örtliche Gasthof, weswegen dieser des Öfteren zum Ausstellungszentrum mutierte und mit Bildern geschmückt wurde. Davon zeugt die Auberge Ganne in Barbizon ebenso wie Brøndums Hotel in Skagen. Das Zusammenleben mit den Einheimischen, die in den Augen der Künstler stets eine gewisse Primitivität verkörperten, aber als Gastwirte, Chauffeure und vor allem Modelle von deren Anwesenheit profitierten, verlief nicht ganz konfliktfrei. Darüber hinaus zog das bunte Völkchen der Künstlerinnen und Künstler im Laufe der Zeit zumeist eine zunehmende Schar von Kollegen, Bewunderern und Touristen nach sich, so dass die ersehnte Ruhe in der Regel bald ein Ende fand.

Es gab auch ein personales Netzwerk, so dass manche von der einen zur anderen Künstlerkolonie übersiedelten und somit als Verbindungsfiguren untereinander fungierten. Mit der realen Abgeschiedenheit verband sich darüber hinaus auch der Wunsch nach alternativen oder andernorts nicht tolerablen Lebensstilen und ebenso einer wie auch immer gearteten Rückkehr zum sogenannten ursprünglichen Leben: So wurden die Insel Capri und der sizilianische Ort Taormina ebenso wie die Stadt Tanger in Nordafrika ein Eldorado für Homosexuelle, die dort auch Beziehungen mit Einheimischen suchten. Namentlich erwähnt sei Wilhelm von Gloeden, der Begründer der künstlerischen Aktfotografie: Er inszenierte mit Knabenakten ein an der Antike orientiertes Bild von freizügiger Sexualität mit großer Anziehungskraft auf spätere Reisende. Der russische Dichter Maxim Gorki fand dagegen auf Capri einen Ort, wo er ungestört seine revolutionäre Prosa zu Papier bringen konnte. Deutlich wird aber auch die Ambivalenz der eigenen Erwartungshaltungen, wenn das Sehnsuchtsziel als banal entzaubert wird, wie dies besonders aus den Worten Truman Capotes über Tanger deutlich wird.

Um die Jahrhundertwende traten im Zuge der Lebensreformbewegung auch stärker gesundheitliche Aspekte von der Reformkleidung über die Nacktkörperkultur bis hin zu eurythmischem Tanz, vegetabiler Ernährung und ökologischem Landbau sowie revolutionärem Gedankengut aller Art hinzu; angestoßen unter anderem von Karl Wilhelm Diefenbach als Vordenker. Sein von Jesus inspiriertes Erscheinungsbild – langhaarig und vollbärtig im weißen, bodenlangen Gewand – muss den Zeitgenossen durchaus nicht ganz geheuer gewesen sein, weswegen sie ihn treffend „Kohlrabi-Apostel“ nannten, was auch die religiös aufgeladene Komponente der Reformbewegung treffend belegt. Diese wird im „Eliseon“ genannten Rundbau des selbst ernannten Religionsstifters Elisár von Kupffer bei Ascona auf einem erhaltenen Rundbild künstlerisch zur Darstellung gebracht.

Ein im Buch nicht erwähnter Jünger Diefenbachs war Gustav Nagel aus Ahrendsee in der Altmark, den sein Weg bzw. seine Pilgerreise folgerichtig auf den Monte Verità führte. Dort beklagte sich der anarchistische Dichter Erich Mühsam bitterlich über die ihm vorgesetzte Nahrung rein pflanzlichen Ursprungs: „Wir essen Salat jeden Tag, /und dazu Gemüse von früh bis spat.“ Das auf dem Berg vom Meister des Neuen Bauens, Emil Fahrenkamp, errichtete Hotelsanatorium bezeichnete er folglich als „Salatorium“.

Im Buch, das mit seinem zahlreichen Figurenpersonal manchmal auch etwas verwirrend wirkt, können die zahlreichen anderen Ableger der genannten Künstlerkolonien nicht erwähnt werden. Sie griffen jeweils bestimmte Charakteristika auf. Die noch heute existierende Kolonie Eden bei Oranienburg hat sich z. B. dem naturnahen Leben und der Obst- und Gemüsezucht verschrieben, in Ferch am Schwielowsee ebenso wie in Schwaan in Mecklenburg folgte man hingegen dem Vorbild der Maler von Barbizon und wählte eine naturalistische Darstellungsweise. Die von einem Ehepaar geschaffene Kunststätte Brossard in der Lüneburger Heide erinnert in ihrer künstlerischen Ausgestaltung wiederum an Werke des Jugendstilkünstlers Fidus, einer Leitfigur der Wandervogelbewegung; allerdings mit völkischem Einschlag, wie man erst jüngst herausgefunden hat. Als Ausläufer der Künstlerkolonien kann mit gutem Recht nicht zuletzt auch die Gartenstadtbewegung der 1920er Jahre betrachtet werden, wofür stellvertretend Hellerau bei Dresden stehen mag.

Kurzum, Andreas Schwabs Buch beschert eine anregende und kenntnisreiche Lektüre, die uns Einsichten in verschiedenste Bereiche der politisch-gesellschaftlichen Erneuerungsbewegungen seit der Jahrhundertwende zu geben vermag.

Titelbild

Andreas Schwab: Zeit der Aussteiger. Eine Reise zu den Künstlerkolonien von Barbizon bis Monte Verità.
Verlag C. H. Beck, München 2021.
333 Seiten, 16 Seiten Tafeln, 24,95 EUR.
ISBN-13: 9783406775246

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