Der Mensch und die Masken
Zurecht gefeiert: Adam Shatz‘ Biografie „Arzt, Rebell, Vordenker. Die vielen Leben des Franz Fanon“ ist große biografische Kunst
Von Gerrit Althüser
Wie wurde aus dem am 20. Juli 1925 auf Martinique in eine privilegierte Mittelstandsfamilie geborenen Frantz Fanon, dem Vordenker der Entkolonisierung und Barden der algerischen Revolution, jene linksintellektuelle Symbolfigur, als die er heute noch bekannt ist? Knapp ein Jahrhundert nach Fanons Geburt hat sich Adam Shatz in einer empfehlenswerten Biografie dieser Frage angenommen.
Auf über 600 Seiten versucht er in dem im englischen Original bereits 2024 erschienenen Buch, den Menschen unter der Symbolfigur wieder wahrnehmbar zu machen. Wiederkehrende Motive sind dabei Fanons eigene Suche nach Identität und Zugehörigkeit sowie die Frage nach Einheit und Vielheit von Person und Werk. Interessanterweise fokussiert der englische Originaltitel The Rebel’s Clinic: The Revolutionary Life of Frantz Fanon Einheit und Zusammenhang, während der Titel der deutschen Übersetzung von Marlene Fleißig und Franka Reinhard die Verschiedenheit der vielen Aspekte betont, aus denen Fanons Leben besteht. Shatz versucht, beides auszutarieren, betont aber den Zusammenhang. Er folgt dabei Fanons Sekretärin und Weggefährtin Marie-Jeanne Manuellan, die ihm gegenüber erklärte: „Ich möchte nicht, dass Fanon in kleine Teile zerlegt wird.“ Man dürfe das zusammenhörige Gesamtbild nicht übersehen.
Und dennoch muss er feststellen, es sei „bemerkenswert, wie viele Masken Fanon in seinem kurzen Leben getragen hat: als Franzose, Antillaner, Schwarzer, Algerier, Libyer, Afrikaner, ganz zu schweigen von der Maske des Soldaten und Arztes, des Dichters und Ideologen sowie des Zerstörers und Schöpfers von Mythen.“ Die Maskenmetapher spielt mit dem Titel von Fanons erstem Buch Schwarze Haut, weiße Masken und zieht sich leitmotivisch durch die Biografie. Immer stehen Masken dabei dem Menschen an sich gegenüber. „Einige dieser Masken wurden [Fanon] durch äußere Umstände aufgelegt, während andere seiner eigenen Fantasie entsprangen, seiner leidenschaftlichen Suche nach Zugehörigkeit“, erklärt Shatz.
Als 17-Jähriger hatte Fanon sich dem französischen Widerstand angeschlossen und gegen die Nationalsozialisten und das Vichy-Regime gekämpft. Dabei hat er sich nicht nur schwere Verletzungen zugezogen, sondern auch einen Prozess der Desillusionierung durchgemacht. Dachte er, für die Ideale der Französischen Revolution gegen die Nazis zu kämpfen, begegnete ihm auch von französischer Seite heftiger Rassismus. Dennoch studierte er ab 1946 in Lyon Philosophie und Medizin und wurde 1951 promoviert. Zu dieser Zeit entstand auch sein erstes Buch, das er anfangs als Dissertation einreichen wollte. 1953 ging Fanon als Psychiater nach Algerien, wurde dort Chefarzt einer psychiatrischen Klinik, politisierte sich dort zunehmend und engagierte sich für die FLN (Front de Libération National). Im Verlauf des Algerienkriegs musste Fanon nach Tunis fliehen, wo er für El Moudjahid, das publizistische Zentralorgan der FLN, tätig war. Später fungierte Fanon auch als Botschafter der provisorischen algerischen Regierung in Accra und besuchte zahlreiche Konferenzen im subsaharischen Afrika. Als er mit nur 36 Jahren an Leukämie starb, hinterließ er eine Frau und zwei Kinder (eines davon aus einer vorherigen Beziehung), vor allem aber ein gewaltiges intellektuelles Erbe. Sein letztes, einflussreiches Buch Die Verdammten dieser Erde war gerade fertig geworden.
Shatz nähert sich diesem Leben über eine Vielzahl von Quellen an, neben Erinnerungsbüchern von Weggefährt:innen und weiteren Texten über Fanon greift er dabei auf eigene Interviews zurück, die er mit Fanon nahestehenden Menschen geführt hat. Auch stellt er Fanon durch Querbezüge zu anderen Denker:innen, Schriftsteller:innen und Psycholog:innen in einen umfassenderen kulturgeschichtlichen Kontext. Vor allem aber lässt er ihn immer wieder selbst sprechen, setzt Leben und Werk in Bezug, erläutert und erklärt dessen Denken. Dabei ist ihm daran gelegen, auch den Psychologen und Mediziner nicht zu kurz kommen zu lassen. Er überlegt gar, wie Fanon zentrale Thesen der Antipsychiatrie von Ronald D. Laing und Thomas Szasz sowie das Denken Michel Foucaults antizipiert. Bei der Beschreibung der frühen Jahre Fanons greift Shatz selbst gelegentlich auf psychoanalytische Diktion zurück, spricht von Fanons Suche nach Vätern.
Diese findet Fanon zunächst in der Négritude-Bewegung, dann im französischen Existentialismus der Nachkriegszeit. Neben der Nähe zu Jean-Paul Sartre, die durch dessen Vorwort zu Die Verdammten dieser Erde bekannt sein dürfte, erläutert Shatz den Einfluss Maurice Merleau-Pontys, vor allem aber den von Simone de Beauvoir. Shatz folgt der Argumentation, dass ein falsch zugeordnetes Zitat eine direkte Einflussnahme nahelegt – obwohl Fanon sie nicht namentlich nennt. Heutigen intersektional eingestellten Leser:innen wird Ähnlichkeit und Zusammenhang beider Anliegen ohnehin unmittelbar ersichtlich sein, für Fanons Zeitgenoss:innen galt das nicht unbedingt. Überhaupt ist Fanons Einstellung Frauen gegenüber bekanntlich schwierig. Shatz verwahrt sich gegen manche Angriffe auf den angeblichen Macho, betont aber: „Eins muss man klar sagen: Fanon war kein Feminist.“ Auch auf solche und andere blinde Flecken und Probleme im Werk geht Shatz ein. Bereits zu Anfang reflektiert er darüber, was er an Fanon bewundert, warnt aber, dass seine Bewunderung nicht grenzenlos ist. Vor allem bei seinen Ausführungen über die Legitimität von antikolonialer Gewalt zeigt er sich kritisch. Da Sartres berühmtes Vorwort diese fokussiert, wird Fanon häufig darauf reduziert. Shatz urteilt lakonisch, Sartre hätte wohl nur das Kapitel „Von der Gewalt“ gelesen und das noch nicht einmal gründlich.
Wo die Quellenbasis Leerstellen lässt, greift Shatz auch auf Spekulation und Fantasie zurück, wie er offen zugibt. So schreibt er, dass nicht bekannt ist, warum Fanon sich auf Psychiatrie spezialisiert hat, mutmaßt dann aber wenige Seiten später, seine Begegnungen mit in Paris lebenden Algeriern und ihren durch rassistische Herabsetzung hervorgerufenen Leiden könne ihn dazu bewogen haben. Das ist möglich, passt aber fast zu gut in Fanons Lebensgeschichte.
Oft wird Fanons Werk in zwei Teile geteilt: den frühen, der schwarze Identität vor dem Hintergrund des kolonialen Rassismus analysiert, und den späten antikolonial aktivistischen Teil. Philipp Dorstal spricht in seinem Buch Denker der Kolonisation (2025) von der Frage nach einem „epistemologischen Bruch“, wie ihn Louis Althusser im Werk Karl Marx ausmacht, spricht sich aber gegen die Annahme eines solchen Bruchs im Werk Fanons aus. Und auch Shatz betont trotz aller durch die Zeitumstände hervorgerufenen Richtungswechsel der Denkbewegungen die biografische und philosophische Kontinuität.
Am Ende bietet das Buch ein langes Kapitel über die Nachwirkung und Aktualität Fanons. Hier wird das Verfahren des imaginativen Füllens von Leerstellen allerdings überspannt, wenn Shatz Überlegungen anstellt, was Fanon wohl zum Krieg in der Ukraine gesagt hätte oder zu den Ereignissen des 7. Oktober 2023 sowie Israels anschließender Militäroffensive im Gazastreifen. Zuvor hatte er selbst geschrieben, dass Israel im Werk Fanons nur zweimal erwähnt wird und beide Male ohne Bezug zu den Palästinensern. Dass versucht worden ist, den Hamas-Terror auch mit Rekurs auf Fanon zu rechtfertigen, sei unbestritten, aber Shatz selbst hatte zuvor darauf hingewiesen, dass sich mittlerweile Akteure fast aller politischer Couleur auf Fanon berufen. Zudem war er ja selbst kritisch mit Fanons Gewaltverständnis umgegangen. Nun wird bereits die stilistische Nonchalance nicht der Ernsthaftigkeit und Komplexität der Gewalttaten des 7. Oktober gerecht. Dafür räumt er der produktiven Rezeption Fanons bei postkolonialen Denker:innen nur wenig Raum ein. Edward Said wird zwar lange besprochen, Homi Bhabha aber wird nur eine Fußnote gewidmet und Achille Mbembe taucht nur einmal weiter vorne im Text auf. Manch andere zentrale Figur wird trotz ihrer expliziten Berufung auf Fanon gar nicht erwähnt.
Da Shatz 2004 eine Anthologie mit „dissidentem“ jüdischen Schreiben über Zionismus und Israel herausgegeben hat, scheint die Spekulation seinen Interessenschwerpunkten geschuldet. Daneben hat Shatz, der als US-Redakteur der London Review of Books arbeitet und zudem unter anderem für The New York Times Magazine, The New York Review of Books und The New Yorker schreibt, eine lesenswerte Sammlung eigener Essays in Buchform veröffentlicht (Writers and Missionaries. Essays on the Radical Imagination; 2023). Mit Arzt, Rebell, Vordenker hat er eine exzellente und zurecht vielfach gelobte Biografie einer bedeutenden Figur des 20. Jahrhunderts vorgelegt.
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