Das infernalische Echo der Urahninnen
Mit „Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis“ legt Irene Solà ein opulentes und mythopoetisches Erzählmosaik vor, das seinen Leser:innen einiges abverlangt
Von Nina Cullmann
In einem alten Bauernhaus liegt die Greisin Bernadeta im Sterben. Um ihren Übertritt in die Welt der Toten zu begleiten, versammelt sich an ihrem Bett eine Schar grotesk anmutender Frauenfiguren, deren Hintergrund sich den Lesenden erst peu à peu offenbart. Denn was sich da an Bernadetas Todestag in den katalanischen Pyrenäen ereignet, lässt sich wohl am ehesten als erzählerischer Limbus beschreiben, der sowohl das Geschehene selbst als auch dessen Darstellungsebene elementar prägt. Dabei spiegelt die Geschichte eindrucksvoll die Ambivalenzen und Begierden der Menschen, des patriarchal geprägten Aberglaubens und der vielgestaltigen katalanischen (Gewalt-)Geschichte.
Solàs Roman ist von sprechenden Toten bevölkert, die als kollektiver Hintergrund- und Geisterchor sein polyphones Grundgerüst bilden. Zusammengehalten werden diese mannigfaltigen Stimmen durch das transgenerationelle Erleben im Bauernhaus Mas Cavell und die Erfahrungen in einer archaischen Welt. In einer sich atmosphärisch und leitmotivisch entfaltenden Dunkelheit, die alles in diesem ausufernden Roman „violett und flirrend, opak, granatrot und blau zugleich, summend, gesprenkelt, blind, dicht, tief“ zu ummanteln scheint, überlagern sich an Bernadetas Sterbebett die Schemen verschiedener Zeiten und Epochen. Dabei webt Solà zahlreiche Sequenzen der katalanischen Geschichte und Folklore, Märchen, Legenden und Residuen der Vergangenheit (wie beispielsweise alte Kochrezepte) in ihre Handlung ein. Ihr Roman lässt sich als Erzählmosaik begreifen, das eindringlich an die Dechiffrierungslust der Lesenden appelliert. Derartige Versatzstücke aus der katalanischen Historie regen dazu an, Recherchen zu mythopoetischen Archetypen – hier verstanden als literarisch transformierte und feministisch unterminierte mythologische Figurationen – und der katalanischen Lebenswelt nachzugehen. Hierfür stellen die Anmerkungen der Verfasserin am Ende des Textes einen großen Fundus bereit.
Obwohl Bernadetas Sterben in der Gegenwart stattfindet und die Handlung einen einzigen Tag vom Morgen bis zur Nacht umfasst, streckt sich die erzählte Zeit über Jahrhunderte – von Folterungen und Gewaltexzessen in der Vormoderne, über Episoden aus dem Spanischen Bürgerkrieg und Faschismus, bis hinein ins 21. Jahrhundert, in dem Teenager mit Smartphones im Wohnzimmer des Bauernhauses sitzen. Um all diese komplexen Generations- und Familienzusammenhänge nachzuvollziehen, erfordert die Lektüre einige Geduld (und vielleicht eine ambitionierte Stammbaum-Zeichnung). Gleichwohl erweist sich diese Komplexität weniger als Überforderung denn als produktive Herausforderung: Solà gelingt es, die Lesenden trotz der zerklüfteten Verflechtungen bei der Stange zu halten und sie in die vielschichtigen Beziehungsgeflechte hineinzuziehen.
Initiiert wird die Geschichte von Bernadetas Vorfahrin Joana, die ein Bündnis mit dem Teufel schließt, um einen Ehemann zu finden. Empört darüber, dass dem Angetrauten ein Zeh fehlt, gedenkt sie, den Pakt zu widerrufen – und bringt so einen Fluch über ihre Familie und Folgegenerationen. Durch ihre unerschrockene Agitation mit dem Leibhaftigen scheint Joana eine weibliche Genealogie zu entfesseln, die den Frauen ihrer Familie einen Hang zum Subversiven, Triebhaften, ja Dämonischen einverleibt. Von einer Welt gezeichnet, deren Misogynie sich in allen Generationen fortschreibt und in der Plattitüden wie „Wenn der Teufel lernen will, macht er die Frau zur Lehrerin“ vorherrschend sind, Gewalt und Traumata zum Alltag gehören und Männer eher Ephemeren als Konstanten eines Frauenlebens sind, entwickeln Bernadeta und ihre Urahninnen eine Widerspenstigkeit, die eine der größten Lektürefreuden des Romans mit sich bringt: Sie gackern, furzen, gebären, lassen ihre (körperlichen und seelischen) Hüllen fallen, kopulieren mit schattenhaften und animalischen Gestalten und zelebrieren ein wollüstig-ambivalentes Dasein abseits der Norm. Sowohl derartig animalische Episoden als auch diverse Gewaltsequenzen werden dabei in einer drastischen, vulgären und expliziten Sprache geschildert, die nicht selten Bilder im Stil der grotesken Alptraumwelten Hieronymus Boschs evoziert. Selbst abgebrühte Leser:innen kann das stellenweise herausfordern.
Irene Solà, die 1990 in Malla geboren wurde und ihre literarische Karriere als Lyrikerin (Bèstia, 2012) begann, überzeugt in Ich gab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis mit einer für einen Gegenwartsroman ganz und gar üppigen und ausufernden Sprache voller beeindruckender Bilder und Metaphern, die von einer reizvollen Abtrünnigkeit und zugleich unkonventionellen Sinnlichkeit sind. Vor diesem Hintergrund ist die rundum überzeugende Leistung von Petra Zickmann hervorzuheben, die Solàs opulente, ausladende und sicherlich herausfordernde Prosa, die zwischen Brachialität und Sensibilität oszilliert, hervorragend aus dem Katalanischen ins Deutsche übertragen hat.
Mit seinem assoziativen Changieren zwischen Zeiten, Szenerien und Figuren innerhalb nur weniger Sätze verlangt das Buch nach ausdauernden Lesenden, die bereit sind, sich auf dieses Erzählexperiment einzulassen und sich langsam einen Weg durch die fragmentarische Struktur des Romans zu bahnen. Doch das lohnt sich. Wer die Konfrontation mit diesem formal herausfordernden Roman nicht scheut, wird mit einem einzigartigen und originellen Leseerlebnis belohnt – und von dieser ungewöhnlichen Stimme der katalanischen Literatur in eine ambivalente, sündhafte und originelle Anderswelt entführt, der man sich nur schwer entziehen kann.
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