Und immer wieder: Thomas Mann
Anlässlich des 150. Geburtstags des Autors ermitteln Die drei ??? in „Das Geheimnis der sieben Palmen“ im Thomas-Mann-Haus in den Pacific Palisades und sind dem verschollenen Buddenbrooks-Manuskript auf der Spur
Von Marieluise Labry
Eigentlich ist es fast verwunderlich, dass die drei Fragezeichen Justus, Peter und Bob nicht schon früher in den Pacific Palisades und am berühmten Wohnhaus von Thomas Mann vorbeigekommen sind. Schließlich liegt der fiktive Ort Rocky Beach irgendwo zwischen Santa Monica und Malibu Beach. Von dort ist es nur ein Katzensprung zum ehemaligen Wohnhaus des Schriftstellers, in dem Thomas Mann und seine Familie von 1942 bis 1952 lebten. Der neue „Die drei ???“-Band Nr. 238 von Marco Sonnleitner enthält neben einem klassischen Fall der drei Detektive zahlreiche literaturhistorische Anspielungen. Der Autor, der seit 2003 regelmäßig für die Reihe schreibt, ist unter anderem bekannt für Fälle wie Gefährliches Quiz (Band 109) oder Zwillinge der Finsternis (Band 144). Er ist Gymnasiallehrer für Deutsch, Geschichte und Sozialkunde in Memmingen und verwebt in seinem neuesten Band auf anspielungsreiche Weise Rätsel und Geheimnisse um ein verschollenes Manuskript mit kanonischen Texten von Thomas Mann, wie Doktor Faustus und Die Buddenbrooks.
Doch der Reihe nach: Wie stoßen die drei Detektive überhaupt auf diesen Fall, der sie in das berühmte Haus von Thomas Mann führt? Justus beobachtet zufällig einen Einbruch bei seinem Nachbarn Mr. Lehmann, wird jedoch vom Täter k. o. geschlagen. Erst als er im Beisein der Polizei wieder zu sich kommt, stellt er fest, dass dem Nachbarn lediglich Bücher von Thomas Mann und einige alte Briefe gestohlen wurden. Der betagte Mr. Lehmann berichtet daraufhin von weiteren Diebstählen in seiner Familie – auch bei seinem Bruder und seiner Nichte wurden Briefe aus dem Nachlass seines Vaters entwendet. Alles wirkt äußerst mysteriös, also genau das Richtige für Justus, Peter und Bob. Schon bald zeigt sich: Der Einbrecher ist nicht bloß ein Thomas-Mann-Liebhaber, sondern gezielt auf die Briefe von Mr. Lehmanns Vater aus – der in den 1940er Jahren als Sekretär für den Nobelpreisträger gearbeitet hatte. In Mr. Lehmanns Briefen an seine Frau versteckte er kleine, verschlüsselte Botschaften, zumeist romantische Liebesbekundungen. Doch das ist nicht alles: Der Verdacht erhärtet sich, dass sich in den Briefen auch Hinweise auf das Versteck des Originalmanuskripts der Buddenbrooks finden lassen – jenes Manuskripts, das seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen gilt.
Bei ihren Recherchen holen sich die drei Jungs Unterstützung von echten Expertinnen und Experten: drei Thomas-Mann-Spezialist:innen, genauer gesagt Literaturwissenschaftler:innen mit Forschungsschwerpunkt auf dem Werk von Thomas Mann. Hayden, Larimer und Fox arbeiten und forschen dank eines Stipendiums im Thomas-Mann-Haus in den Pacific Palisades. Die drei werden als etwas verschroben und intrigant dargestellt. Neid und Konkurrenz unter ihnen spielen immer wieder eine Rolle. So beschreibt Auftraggeber Mr. Lehmann die Wissenschaftler:innen folgendermaßen:
Alles gute Wissenschaftler, soweit ich das beurteilen kann, und hervorragende Thomas-Mann-Kenner. Aber wenn ihr mich fragt, beißt jeder von denen vor Neid in die Tischkante, wenn der andere einen beruflichen Erfolg einheimst.
Tatsächlich sind Hayden, Larimer und Fox alle auf der Suche nach dem Buddenbrooks-Manuskript. Doch anstatt zusammenzuarbeiten, versuchen sie, sich gegenseitig auszuspielen und verschweigen ihre wahren Absichten. Justus, Peter und Bob durchschauen das schnell. Traurigerweise hat das Bild der konkurrierenden Literaturwissenschaftler:innen einen wahren Kern: Aufgrund prekärer Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft – etwa durch befristete Verträge von nur wenigen Jahren Dauer und kaum realistischen Perspektiven auf eine langfristige Anstellung – entsteht oft Konkurrenz statt Kooperation. Zumindest in der Literaturwissenschaft ist dieses Phänomen nicht neu und wird durch das gegenwärtige Wissenschaftssystem eher befördert als verhindert.
Doch zurück zu den drei Fragezeichen, die in ihrem neuesten Fall nicht nur mit zahlreichen Werken von Thomas Mann in Berührung kommen – wie Mario und der Zauberer, Tod in Venedig oder Doktor Faustus – sondern auch mit einem zentralen Motiv seines Schaffens wie dem immer wiederkehrenden Bild des Teufels.
Die Zielgruppe der Reihe sind in erster Linie zehnjährige Leser:innen, die in der Regel bislang wenig Kontakt mit Thomas Manns Werk hatten. Doch durch die drei Detektive können sie auf spielerische Weise einen ersten Zugang zum Literaturnobelpreisträger und seinem Werk finden. Besonders das tatsächlich verschollene Buddenbrooks-Manuskript und seine potenzielle Bedeutung wecken Neugier: „Das würde die Literaturwelt auf den Kopf stellen und ihn in den Thomas-Mann-Olymp katapultieren.“ Auch die Tatsache, dass Thomas Mann reale Personen aus seinem Umfeld in seinen Romanen verarbeitete – und diese dabei mal mehr, mal weniger gut wegkamen – wird durch Justus, Peter, Bob und Inspector Cotta thematisiert:
„Es ist wohl ein offenes Geheimnis, dass Thomas Mann in seinen Büchern gern Leute aufs Korn genommen hat, die er nicht sonderlich leiden konnte. Und da gab es offenbar einige.“
Ohne an dieser Stelle zu viel über die Auflösung des Falls zu verraten: Diese Erkenntnis führt die drei Detektive schließlich auf die Spur des Täters – und echte ???-Nerds werden am Ende dieses Falls unweigerlich an den wohl berühmtesten Gegenspieler der drei Fragezeichen erinnert: Victor Hugenay. Eine Frage, die sich vielen Fans stellt: Wird Hugenay je wieder auftauchen? Immerhin kehrte auch die berüchtigte Psychologin und Verbrecherin Clarissa Franklin, in den Hörspielen kongenial gesprochen von Judy Winter, kürzlich in Folge 226 – Die Spur der Toten zurück. Für alle drei ???-Fans gibt es gute Neuigkeiten: Nach seinem bislang letzten Auftritt in Fall 125 – Feuermond kehrt Victor Hugenay im direkten Vorgängerband von Das Geheimnis der sieben Palmen, also in Band 236 – Der rote Büffel, wieder zurück. Hörspielfans müssen sich allerdings noch bis Ende 2025 gedulden, bis dieser Fall vertont wird. Spannend bleibt, wer den Meisterdieb sprechen wird, denn der bisherige Hugenay-Sprecher Wolfgang Kubach ist 2022 verstorben.
Es bleibt also spannend mit den drei Detektiven. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch der Thomas-Mann-Fall mit seiner Hörspieladaption ein noch größeres (und vermutlich auch älteres) Publikum erreichen – wenn Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas Fröhlich, alias Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews, auch akustisch den sieben Palmen einen Besuch abstatten.
Bis dahin sei der neue Band von Marco Sonnleitner allen empfohlen – ob zur eigenen Lektüre oder als Geschenk für Kinder ab zehn Jahren im Familien- oder Freundeskreis.
|
||















