Spuren von Sinn im Alltäglichen

Jürgen Beckers Gedicht „Dorfrand mit Tankstelle / 2“

Von Mario WiesmannRSS-Newsfeed neuer Artikel von Mario Wiesmann

 

Dorfrand mit Tankstelle / 2

Gestern. Der Benzinpreis. Alles war gestern,
sagt Moritz der Tankwart, Krieg und Antikrieg.
Er schaut auf die Straße und hebt den Arm, als
der Traktor vorbeikommt und der Fahrer
den Arm hebt. Wir leben vom Öl, oder
wir sterben. Der Mais hat noch Zeit.

Aber der Roggen steht kurz. Zu kurz
steht der Roggen. Der Traktorfahrer hält und holt
sich ein paar Pflaumen vom Baum. Die Wiese
läßt er liegen. Die Wiese liegt verdorrt.

Brüssel warnt. Die Eifel fängt den Seewind ab.
Der Osten baut keine Wolken mehr, und drüben
stehen alte Leute am Zaun. Der Schatten des Giebels
wandert, bis er stürzt in die offene Scheune.

Morgen ist Dienstag. Bis dahin bleiben die Ziffern
stabil. Moritz legt den Hörer auf und sieht
den Pickup in die Einfahrt biegen. Die Möhrensäcke
für den Reiterhof. Der Tankwart weiß Bescheid:
früher Kavallerie. Alles war früher, das Morgenrot
auf den Wiesen, Patrouillen unter den Pflaumen.

Jürgen Becker, © Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. Alle Rechte vorbehalten durch Suhrkamp Verlag Berlin.

Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung eines Wiederabdrucks.

 

Nicht zufällig erinnert der Titel von Jürgen Beckers Gedicht „Dorfrand mit Tankstelle / 2“ (2003) an den Namen eines Gemäldes. Der Dorfrand wird wie auf einem Bild oder in der Einstellung eines Films aus der Distanz des Beobachtenden festgehalten. Es gibt zwar durchaus Bewegung: Ein Traktor kommt vorbei, der Fahrer hebt den Arm, holt sich Pflaumen vom Baum, Moritz legt den Hörer auf, ein Pickup biegt in die Einfahrt. Aber bis auf den erwiderten Gruß hat die Welt draußen keine Bewandtnis für den Tankwart. Was zu sehen ist, wird scheinbar gleichgültig beschrieben und ist so unbedeutsam, dass auch Bewegung als Stagnation erscheint. Nirgends kann sich ein Mensch von der ländlichen Szenerie abheben. Vom Armheben des Traktorfahrers über das Pflaumenpflücken bis zu den alten Leuten, die wie Kühe am Zaun stehen, ist menschliches Handeln eher Naturschauspiel, das sich unscheinbar vor der Tankstelle abspielt.

Davon bleibt das Metrum nicht unbeeinträchtigt. Zwischen acht und 15 Silben lang, mit drei bis sechs Akzenten erwecken die ungereimten Zeilen den Eindruck, ein kaum mehr formbares Material zur Grundlage zu haben, das sich zudem in zahlreichen Enjambements über die Versgrenzen hinwegsetzt. Von Strophen kann nur noch im weitesten Sinne grafischer Gruppierungen gesprochen werden. Offensichtlich hat die Naturlyrik im 21. Jahrhundert, in dem zur Dorfidylle Tankstellen und Pickups gehören, ihren Glanz verloren. Zwischen ihre Reste montiert Becker Ausschnitte aus einem Telefongespräch des Tankwarts. Aus diesen beiden Bereichen, dem, was der Tankwart sieht, und dem, was er oder sein Gesprächspartner am Telefon sagt, setzt sich das Gedicht zusammen.[1]

Am Anfang steht dabei nicht die Szenerie am Dorfrand, sondern das Telefonat. Das Gespräch beginnt genauso unspektakulär, wie das Gesehene wirkt, beim Benzinpreis von gestern, nimmt dann aber sofort eine Wendung: „Alles war gestern“, räsoniert der Tankwart, „Krieg und Antikrieg“. Wie ist das zu verstehen? Erst mal gar nicht, denn jetzt kommt der Traktor vorbei und weckt die Aufmerksamkeit des Tankwarts. Unverhältnismäßig lang, über drei Verse, zieht sich der Satz, in dem das Grüßen und Zurückgrüßen beschrieben wird. Noch dazu erhält an seinem Ende, umgebrochen in die sechste Zeile, eine wörtliche Wiederholung vom Anfang des Satzes besonderes Gewicht. Darin wie auch im unpoetischen Verb ‚vorbeikommen‘ spiegelt sich die wahrgenommene Stumpfsinnigkeit der Außenwelt. Die Beschreibung des Armhebens wirkt beinahe überdrüssig. Gleichzeitig hebt die Wiederholung die Bewegung hervor, die ganz für sich steht, ohne dass der Zweck des Armhebens genannt würde. Die Beobachtung bleibt unbestimmt, weil der Tankwart mit den Gedanken beim Telefonat ist. Spielerisch wiederholt er die Wörter, so wie man beim Telefonieren mit dem Kabel des Telefonhörers spielt oder auf einen Zettel kritzelt. Auf die gewohnte Geste fällt dabei ein neues Licht.

Im fünften Vers tritt wieder Sprache an die Stelle der Betrachtung: „Wir leben vom Öl, oder / wir sterben.“ Das hat nichts mit dem Geschehen vor der Tankstelle zu tun. Deutlich ist der Bezug auf das Thema der ersten beiden Verse. Der veränderte Sprachstil lässt ahnen, dass hier nicht von Preiskriegen die Rede ist, sondern von echten Kriegen. Die Antithese hat ein geradezu biblisches Pathos (Röm 14,8: „Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“). Aber der Effekt verpufft gleich wieder – nicht erst wenn man sich ins Gedächtnis ruft, dass Kriege und Antikriege erklärtermaßen Vergangenheit sind, sondern schon beim Anblick der Ödnis draußen, die man sich als visuellen Reiz immer neben dem Gesprochenen denken muss. Eine so drastische Veränderung wie den Tod kann man sich in der Eintönigkeit am Dorfrand nicht vorstellen. Deshalb scheint sich auch das Gespräch wieder der Ausgangsfrage zuzuwenden, wie die Geschäfte laufen.

Nach dem Benzinpreis geht es jetzt um die Maisernte. Wie zur Antwort auf „wir sterben“ steht im selben Vers „hat noch Zeit“, worin sich die Unveränderlichkeit des Alltags bestätigt, denn die Maisernte findet jedes Jahr statt, wie auch der Benzinpreis am nächsten Wochenende wieder sein Niveau von gestern erreicht haben wird. Alltag und Tod grenzen im sechsten Vers unvermittelt aneinander. Sie gehören zu zwei Bereichen, die bei genauer Betrachtung schon im ersten Vers unterschieden sind: dem „Gestern“, das letztlich mit der ereignislosen Gegenwart zusammenfällt, und „gestern“ im Sinne einer unzugänglichen, historischen Vergangenheit, in der Krieg und Sterben möglich waren und deren Verbindung zur Gegenwart unvorstellbar geworden ist.

In den Versen 7 und 8 kommt es erneut zu einer sprachlichen Variation. Der Satz wird chiastisch gewendet wie aus Langeweile oder in der Erwartung, ihn erst aus der veränderten Perspektive richtig zu verstehen. Und tatsächlich wirkt er jetzt anders. Durch das Enjambement wird „steht“ besonders hervorgehoben, als wäre dem Stillstand doch etwas abzugewinnen. Neben der Aussage des Satzes formt sich das konkrete Bild stehender Halme, das noch eine andere Bedeutung zu haben scheint. Unverkennbar hat sich das Gespräch in der zweiten Strophe der Landschaft am Dorfrand angenähert. Indem Becker das am Telefon Gesprochene im Gedichttext nicht mehr markiert, wird die Unterscheidung von Sprechen, Denken, Wahrnehmung und Assoziation auch beim Lesen des Textes zunehmend schwer.

Klar ist, dass im achten Vers wieder die Vorgänge am Dorfrand in den Fokus rücken. Und wieder drückt sich die Trivialität des Geschehens auch stilistisch aus. Die ungenaue Mengenangabe „ein paar Pflaumen“ wirkt beiläufig, als wäre die ganze Schilderung nebensächlich. Doch diesmal verharrt der Blick des Tankwarts länger bei der Landschaft draußen. Auch dieses Schauen muss man sich intentionslos vorstellen. Träge ruhen die Augen noch auf der Stelle, wo der Traktorfahrer gehalten hatte, als dieser schon weitergefahren ist. Dort ist jetzt die Wiese zu sehen. Nur dieser Blick, der nicht über das Vertraute hinwegsieht und etwa dem Traktor folgt, sondern sich unbewusst in es vertieft, kann in der Wiese etwas Liegengelassenes entdecken. Der Parallelismus im zehnten Vers wirkt immer noch müßig und spielerisch, er führt aber erstmals zu einem veränderten Verständnis des Betrachteten: „Die Wiese liegt verdorrt.“ Der Anthropomorphismus hat seine Wahrheit darin, dass die Wiese wie ein Mensch im Sterben liegt.

Damit ist am Ende der zweiten Strophe die erste überholt. Zwischen den Mais- und Roggenfeldern, die jedes Jahr bestellt werden, ist es möglich, dass eine Wiese völlig verdorrt. Kein sprachliches Ausgreifen auf das Vergangene kann der alltäglichen Gegenwart diesen Sinn abgewinnen. Dafür musste das Bewusstsein innehalten, sich also zum Fortschreiten des Denkens querstellen. Und dieses Querstellen, das ja auch ein Querstellen zur Sprache ist, realisiert das Gedicht poetisch. Durch den Zeilensprung wird „läßt er liegen“ aus dem Wortverbund gehoben und kann für sich wirken. In der künstlich im Sprachfluss erzeugten Pause zeichnet sich die Geistesabwesenheit des Tankwarts ab, der für einen Moment nicht mehr auf den Zusammenhang seines Gedankens achtet, sondern auf einzelne sprachliche Elemente. Dieser Bewusstseinszustand und seine metrische Nachbildung im Gedicht bewirken, dass Liegen synekdochisch als Sterben oder Totsein gelesen werden kann. Im Wort „verdorrt“ überschneiden sich punktuell die landwirtschaftlich-sachliche Sprache und das Pathos aus der ersten Strophe. Hier, am Ende der zweiten Strophe, ist diese Ausdrucksweise als authentische Reaktion auf das Gesehene angemessen.

Am Anfang der dritten Strophe steht ähnlich wie im ersten Vers ein stark verkürzter Satz, der wie ein zufällig aufgegriffener oder willkürlich herausgegriffener Sprachfetzen im Bewusstseinsstrom wirkt: „Brüssel warnt.“ Das kann ebenfalls am Telefon gesagt worden sein oder von der Titelseite einer in der Tankstelle ausliegenden Zeitung stammen. Im Gegensatz zum ersten Vers kommt es im Anschluss jedoch nicht zu einer gedanklichen Abstraktion, sondern das Abstrakt-Politische wird zum Ausgangspunkt einer umgekehrten Bewegung hin zur Landschaft, die die Grenze zwischen Gedanklichem und Sinnlichem aufhebt. Statt Flugzeugen, die feindliche Flugzeuge abfangen, fängt die Eifel den Seewind ab. Im Osten, der keine Wolken mehr baut, ist unschwer eine Metapher des Kalten Krieges zu erkennen, genauso leicht im Zaun die Berliner Mauer. Aber diese Bilder beanspruchen höhere Aufmerksamkeit für sich selbst als für ihre Bedeutung. Der Blick des Tankwarts, der sich selbstvergessen von der Wiese zum Himmel gehoben haben muss, ist für Sprache nur noch empfänglich, sofern er sie im Gesehenen verorten und so wiedererkennen kann. Sein Blick bestimmt das Denken.

Für einen Moment wird Frieden in der Windstille und im blauen Himmel greifbar und weit entfernt lassen sich Seewind und Wolken vorstellen, die Krieg bringen können. In dieser Allegorie ist Krieg keiner kategorisch verschiedenen Vergangenheit mehr zugeordnet, sondern in ein räumliches Verhältnis zur sichtbaren Umgebung und damit zur Gegenwart gesetzt. Zumindest für Augenblicke kann man sich die Eifel in großer, aber nicht unendlich großer Entfernung hinter dem Horizont vorstellen. Und der Zaun „drüben“ ist erschreckend nah. Mit dem Bild alter Menschen, die im Vorgarten am Zaun stehen und dem ereignislosen Dorfleben zuschauen, erreicht die Stagnation ihren Höhepunkt. Dass die Alten herumstehen wie der Roggen im Feld oder wie Tiere auf der umzäunten Weide, steigert dabei die Stumpfsinnigkeit ins Groteske. Das unscheinbare Bild alter Leute am Zaun entpuppt sich jedoch als historisches, sobald sich in der Phantasie der Zaun in Stacheldrahtzaun zu verwandeln beginnt. Erst so, indem Becker die alten Menschen in die Natur versetzt, werden sie wirklich zu Zeitzeugen, wenn auch zu stummen.

Im dreizehnten Vers wandert der Blick des Tankwarts eigenständig weiter und fällt auf den Schatten eines Scheunengiebels. Wie die Schwankungen im Benzinpreis und die jährliche Getreideernte ist auch der Verlauf des Schattens über den Tag hinweg zyklisch und somit für die Vorstellung einer jähen Veränderung ungeeignet. Aber das Wandern des Schattens ist jetzt keine blasse Metapher mehr. Wer wandert, kann auch stürzen. So entfalten sich vor den Augen des uninteressiert aus dem Fenster schauenden Tankwarts ausgerechnet im Gras, dem man nur sprichwörtlich beim Wachsen zusehen kann, und im Schatten, dessen Bewegung ebenfalls zu langsam ist, um sie mit bloßem Auge zu sehen, Leben und Sterben in den Objekten am Dorfrand, fast so, als wäre die Natur beseelt. Die Fliegerbomben des Zweiten Weltkriegs sind nur eine mögliche Konnotation dieses Schattens, der die Möglichkeit des Unvorstellbaren im Alltäglichen andeutet.

Solche Visionen sind beunruhigend. Aus dem Tagtraum erwachend, versucht sich der Tankwart der Stabilität der vertrauten Welt zu versichern. „Morgen ist Dienstag. Bis dahin bleiben die Ziffern / stabil.“ Damit findet auch das Telefongespräch zum Alltäglichen zurück: zu den sich wiederholenden Wochentagen und den kaum schwankenden Zahlen auf der Preisanzeige der Tankstelle. Die Ziffer repräsentiert den logischen Zugriff auf die Welt, die Überzeugung, dass die Natur berechenbar ist und nichts Unvorhersehbares passieren kann. Als Ziffer auf dem Ziffernblatt einer Uhr symbolisiert sie ein entsprechendes Verständnis von Zeit, das sich wie eine Entgegnung auf das Bild des stürzenden Schattens ausnimmt. Doch die Beunruhigung über die so nahgerückte Vergangenheit bleibt. „Bis dahin“, aber nicht mehr bis in alle Ewigkeit kann auf die Stabilität vertraut werden.  

Statt mit „Gestern“ setzt die vierte Strophe mit „Morgen“ ein. Inhaltlich wie durch die symmetrische Gruppierung der Verszeilen wird dabei Bezug auf den Anfang des Gedichts genommen. Indem der Tankwart das Telefonat beendet, findet er wieder zu klarem Verstand. Anstelle des vorbeikommenden Traktors biegt unterdessen ein Pickup in die Einfahrt ein. Was der Tankwart sieht, kann jedoch nicht mehr für sich stehen und ästhetisch auf ihn wirken, sondern wird sofort gedanklich eingeordnet: „Der Tankwart weiß Bescheid: / früher Kavallerie.“ Das Wissen des Tankwarts, das so zu Protokoll gegeben wird, ist endgültig wie der apodiktische Satz in den ersten beiden Versen. Reiterhof, Möhrensäcke und Kavallerie passen zusammen wie Tankstelle, Öl und Krieg. Beides sind Gedankengänge, die von den sichtbaren Dingen wegdenken. Wo zuvor zur Beschreibung der Vorgänge am Rand des Dorfes Verben standen, die zuließen, dass die betrachteten Dinge in der Vorstellung animiert wurden („steht“, „liegt“, „wandert“), fehlt in dem, was der Tankwart jetzt über das Gesehene denkt, das Verb ganz. Der Versuch, die Welt zu verstehen, entpuppt sich als gedankliche Willkür. Obwohl die Aussage womöglich zutrifft, steht sie unverwandt neben dem, worüber sie etwas aussagen soll. Kein aktives Verb sichert die Fundierung der Wahrnehmung im Objekt.

Damit wäre der Tankwart in die anfängliche Situation zurückversetzt, in der ihm die Vergangenheit unerreichbar fern vorkam. Doch an die Stelle des klar abgegrenzten „gestern“ ist „früher“ getreten, das einen fließenden Zeitverlauf suggeriert. Und der Tankwart denkt nicht mehr bloß in Begriffen wie „Krieg und Antikrieg“, sondern noch unter dem Eindruck der fremd gewordenen Außenwelt. Die ästhetische Erfahrung klingt nach in der Vorstellung des Morgenrots beim Anblick der verdorrten, liegengelassenen Wiese und der Vorstellung von Kriegsgeschehen unter den Pflaumenbäumen am Dorfrand. Vergangenes und Abstraktes ist durch die Einbildungskraft in der Landschaft anschaulich geworden. Das Morgenrot ist eine Erinnerung daran, dass die verdorrte Wiese einmal grün und lebendig gewesen ist, und verdeutlicht so die Verwicklung von Leben und Tod: Sonnenlicht bedeutet Wachstum und Verdorren gleichermaßen. Damit ist die Antithese von Leben und Sterben aus der ersten Strophe aufgelöst.

Indem der Tankwart unter den Pflaumenbäumen Patrouillen sieht, enthüllt sich die Gegenwart als Schauplatz des Historischen. Aus dem Krieg mussten erst Soldaten werden, die man sich am Dorfrand vorstellen kann, damit begreiflich wird, was Krieg konkret bedeutet. Durch die Ambivalenz dieses Bildes wird die Grenze zwischen der vertrauten Welt und dem Unvorstellbaren überschritten. Nur als absurde Vorstellung lässt sich Krieg in der Lebensrealität verorten. Die Alliteration „Patrouillen […] Pflaumen“, die man wohl nur aufgrund der exponierten Position am Ende des Textes überhaupt wahrnimmt, muss schwach bleiben, weil sie einen Zusammenhang herstellt, der sich nur in der Phantasie für Augenblicke fassen lässt und dann wieder verflüchtigt. Weiter schafft es auch das Gedicht nicht über die Grenze der Sprache hinaus.

Worte sind in „Dorfrand mit Tankstelle / 2“ hohl, bis der poetische, entautomatisierte Blick auf die Welt sie mit Leben füllt und so eine Annäherung an die Vergangenheit ermöglicht. Sprachlich schlägt sich diese veränderte Wahrnehmung als Verfremdung der Naturmotive nieder, durch die diese über sich hinauszuweisen beginnen. Bild- und Sinnebene sind in ihnen gleichwertig. Dass der Roggen „steht“, hat einerseits Züge einer Metapher, die an Menschen denken lässt, womöglich sogar an Soldaten, die kurz vor den Toren des Dorfes stehen. Andererseits lässt sich über das Bild in seiner Befremdlichkeit nicht einfach hinweggehen. Durch den Anthropomorphismus beansprucht es Sinn für sich. Wenn wir uns unter den Pflaumen Patrouillen vorstellen, lernen wir auch, die Gegenwart als Zeit zu begreifen, in der wir als Menschen Geschichte fortschreiben. Insofern kann man Beckers Gedicht politisch nennen. Es gemahnt daran, dass die Patrouillen damals auch unter Pflaumenbäumen gingen, und warnt, dass der Schatten eines Tages stürzen könnte. Es verschafft einen Eindruck davon, wie das Unvorstellbare Einzug in die beschauliche, als unumstößlich empfundene Realität halten kann.

Vielleicht saß Becker wirklich mit Papier und Stift in einer Tankstelle, um „Dorfrand mit Tankstelle / 2“ zu schreiben. Auf jeden Fall will der Text so rezipiert werden. Eine Interpretation, die sich einseitig an die thematischen Bezüge des Gedichts hält, kann die Textstellen, die sich solcher Abstraktion entziehen, nicht verständlich machen. Diesem Zugang bleibt in Beckers Gedicht wirklich alles gestrig und die Gegenwart sinnentleert. So wächst beispielsweise die Diskrepanz zwischen Kriegsthema und Naturmotiven noch, wenn man den Namen „Moritz“ als Verweis auf den Soldatenheiligen Mauritius liest. Was dem Versuch der Deutung dagegen zuwiderzulaufen scheint, wie die Profanität des Vornamens „Moritz“, ist der Punkt, an dem der Verständnisprozess umschlägt und von dem aus das Gedicht seine Wirkung entfaltet. Dort wird der Verstand in seiner Suche nach dem Sinn des Textes auf das Gewöhnliche und dem Anschein nach Bedeutungslose zurückgeworfen. Um ihn zu verstehen, muss man sich einmal ganz diesen Bildern überlassen.

Das Gedicht lebt von dem Gefühl, das wir bei der stillen Betrachtung der Natur haben: Sie zieht uns an, ohne dass wir sie ganz ergründen könnten. Auch die Naturbilder in Beckers Gedicht verfügen noch über diese Anziehungskraft, die uns in der Erwartung innehalten lässt, dass sich in ihnen der Sinn und Zusammenhang des Ganzen offenbare. Auf diese Weise werden die Gedankengänge, die in ihrer Tendenz zur Verallgemeinerung zuvor ins Leere gelaufen sind, in die Wahrnehmung projiziert, durch sie korrigiert und in ein Verhältnis gesetzt zur Welt, wie wir sie kennen. Die unwillkürliche Erinnerung, das unverhoffte Aufscheinen von Sinn im Alltäglichen, hat ihren besonderen Effekt darin, dass Vergangenheit und Gegenwart, Bedeutung und ästhetisches Gefühl in ihr gleichwertig bleiben und sich gegenseitig durchdringen. Beckers Schreiben zeugt bei aller Skepsis, die sich in Motiven, Sprache und Form seiner Gedichte ausdrückt, von einem bewahrten Vertrauen in Kunst, darein, dass uns auch Gedichte über einen Dorfrand mit Tankstelle noch etwas sagen können.

[1] Denkbar ist aber auch, die subjektive Wahrnehmung einem lyrischen Ich als passivem Zuhörer und Beobachter in der Tankstelle zuzuschreiben.

Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag gehört zur Reihe „Lyrik aus aller Welt. Interpretationen, Kommentare, Übersetzungen“. Herausgegeben von Thomas Anz und Dieter Lamping.

Ein Beitrag aus der Komparatistik-Redaktion der Universität Mainz