Inszenierte Unnahbarkeit anstatt radikaler Selbstdarstellung
Katharina Sykora präsentiert „Niki de Saint Phalle A – Z“
Von Klaus Hammer
Sie war eine sensible, verletzliche Persönlichkeit, zog sich am liebsten in ihre eigene, innere Welt zurück. Und doch wirkt ihr künstlerisches Werk – ihre „Schießbilder“, ihre Aktionskunst, ihre überlebensgroßen Skulpturen aus hartem Polyester und anderen dauerhaften Materialien, ihre Frauenfiguren in bunten, leuchtenden Farben, „Hon“, die „Ur-Nana“, in die man durch die Vulva eintreten konnte, spektakulär und inszenatorisch. Die französisch-schweizerische Malerin und Bildhauerin Niki de Saint Phalle, die sich auch mit Literatur, Theater, Film, Architektur und Kunsthandwerk beschäftigte, kannte keine Grenzen. Sie provozierte Skandale, schreckte vor sensationsträchtigen Schaueffekten nicht zurück und schuf unbeeindruckt Kunstwerke aus alltäglichen Ingredienzen. „Ich zeige alles“ – sie wollte radikale Selbstdarstellung, schien ihr Innerstes bloßzulegen. Und doch war das, was sie schuf, von einer inszenierten Unnahbarkeit. De Saint Phalle ließ nichts an sich herankommen, schützte ihre Persönlichkeit vor zudringlichen Blicken. Ihre Kunst sollte wahrgenommen, respektiert, gefürchtet und geliebt werden, ihre Formensprache sich dem Publikum als originär einprägen, aber ihr innerstes Wesen hielt sie im Verborgenen. Ihr großes Verdienst: Sie bezog das Publikum in einer bisher noch nicht gekannten Weise in ihr Werk ein. Wenn sie den Besucher zum Beispiel durch das Genital einer liegenden schwangeren Frau in das Innere des Körpers schickte, um ihn dort durch weitere Kunstüberraschungen noch einmal provozieren zu lassen, riskierte sie einen unerhörten Tabubruch. Es ging de Saint Phalle um eine Entsexualisierung des nackten Körpers, das war ihre Strategie einer künstlerischen Selbstermächtigung. Ihre unzähligen Nanas (dralle, bunte Frauengestalten, erst aus Wolle, Garn, Pappmaché und Drahtgerüsten, später aus Polyester, dann aber auch unendlich vervielfältigt, auch aufblasbar) wollte sie als Symbol einer fröhlichen, befreiten Frau und Vorbotin eines neuen matriarchalischen Zeitalters verstanden wissen. Sie brachte nicht nur Kunst und Alltag wieder näher zusammen, sondern fügte auch das spielerische Element wieder in die Kunst ein.
Im Jahr 2002, vor 24 Jahren, ist Niki de Saint Phalle, die seit 1994 in San Diego, Kalifornien lebte, im Alter von 71 Jahren verstorben. In der Künstler-Reihe A – Z des Hatje Cantz-Verlages hat jetzt die Kunsthistorikerin Katharina Sykora einen Band Niki de Saint Phalle herausgebracht, der in 26 reich illustrierten Artikeln eindrucksvoll vermittelt, wie die faszinierende Werk- und Lebensgeschichte der Künstlerin das befreiende Potential von Phantasie und Inspiration spiegelt und wie Niki de Saint Phalle schweres Leiden zu integrieren und zu verwandeln wusste. Dieses Taschenbuch kann ebenso als Nachschlagewerk dienen, lässt sich aber auch wie eine auf den Punkt gebrachte Monographie lesen. Es ist die kaleidoskopische Vielfalt, die dieses Buch so lesenswert macht.
1951, mit 21 Jahren, war die künstlerische Autodidaktin Niki de Saint Phalle aus den USA, wo sie weitgehend aufgewachsen war, in ihre Geburtsstadt Paris zurückgekehrt und hatte begonnen, leuchtend farbige Gemälde in einem naiven Stil zu malen. Ihre traumatischen Erfahrungen und psychischen Krisen (vor allem der sexuelle Missbrauch durch den Vater, den sie erst spät öffentlich machte) suchte sie durch ihre künstlerische Arbeit zu überwinden. Aber es kamen dann auch physische Erkrankungen hinzu; zudem führte das Einatmen giftiger Dämpfe bei der Arbeit mit Kunststoffen zu schweren Gesundheitsschädigungen. Anfang der 1960er Jahre schloss sie sich dem Kreis der Nouveaux Réalistes an (Yves Klein, Daniel Spoerri, Christo, Mimmo Rotello, Jean Tinguely), die sich wieder auf die tatsächliche Realität orientierten und die Formen und Objekte dieser Alltagswelt einbezogen. Die Nähe zu Tinguely, den de Saint Phalle im Jahr 1971 heiratete, veränderte ihr Schaffen grundlegend. Tinguely hatte das Moment der Bewegung – und mit ihm Geräusche und Lärm – in seine Maschinen-Skulpturen miteinbezogen, den Betrachter zum unmittelbar Beteiligten erhoben, aber auch die Selbstzerstörung ingeniös in die auf diesen Zweck hin konstruierten Maschinen vorgenommen (Artikel „Jean Tinguely“, „Impasse Ronsin“).
1961 hatte auch Niki de Saint Phalle ihre ersten „Schieß-Bilder“ produziert: Relief-Assemblagen aus gefundenen Materialien, die ihre Farbgebung erhielten, indem auf ihrer Oberfläche angebrachte Farbbeutel mit einem Gewehr beschossen wurden. Effektvoll inszenierte sie ein Happening, das einen Ereignisablauf in Zeit und Raum verselbständigte, indem die Künstlerin andere den Entstehungsprozess ihrer Bilder miterleben ließ. Auch Freunde und auch das Publikum wurden eingeladen, auf ihre Assemblagen zu schießen. Die Farbe sollte wie eine offene Wunde auf die Oberfläche des Bildes rinnen. Das konnte als Auseinandersetzung mit der männerdominierten Gesellschaft verstanden werden, aber auch als bewusster Ausdruck eigener Gewaltausübung, als Freisetzung eigener Aggressionen. de Saint Phalle wollte nicht nur ihrer problematischen Beziehung zu ihrem dominanten Vater Ausdruck gebenIhr Werk nahm auch politische Dimensionen an, indem sie Anfang der 1960er Jahre gegen den Algerienkrieg protestierte oder sich mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzte. Aus Kleidungsstücken entstanden zusammengesetzte Assemblagen menschlicher Figuren mit Zielscheiben als Köpfe. Eine Reihe von Skulpturen – wie die Gebärende, verschlingende Mutter, Hexen, Huren und Bräute – setzten sich mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinander. Und dies wurde schließlich zu de Saint Phalles zentralen Thema
Nachdem sie so bereits provozierende weibliche Figuren aus Abfallmaterialien geschaffen hatte, entstanden 1964 die ersten ihrer „Nana“-Figuren, für die sie Drahtgeflecht mit Pappmaché oder Gips verkleidete und die sie anschließend bunt bemalte. Die spektakulärste und öffentlichkeitswirksamste dieser Figuren war jene Gemeinschaftsarbeit mit Tinguely und Per-Olof Ultvedt: „Hon: Sie, eine Kathedrale“, eine 29 m lange, liegende „Nana“, die 1966 im Moderna Museet Stockholm ausgestellt wurde. Die Besucher konnten die Figur durch einen Eingang zwischen den Beinen betreten, darin herumlaufen und Maschinen, Filmvorführungen und andere Installationen betrachten. Nach dieser Ausstellung wurde die Figur demontiert.
Niki de Saint Phalle träumte von einer geheimnisvollen Märchenwelt, von riesigen bunten Nanas, die in Parks und in der Landschaft stehen und die Macht über die Welt übernehmen sollten. Ihre Nanas wurden bald darauf auch auf Plakaten, Schmuckstücken oder Parfümflakons als Symbol für das weibliche Selbstbewusstsein angesehen. Seither formte de Saint Phalle leuchtend bunt bemalte Plastiken, von denen einige menschliche Figuren, andere amorphe organische Formen darstellen. Bei vielen handelte es sich um große Skulpturen für den Außenraum oder architektonische Projekte wie der „Strawinsky-Brunnen“, den sie 1982-83 zusammen mit Tinguely für den Vorplatz des Centre Georges Pompidou in Paris konzipierte. Ihre surrealen, phantastischen Skulpturen korrespondieren hier wunderbar mit den kinetischen Objekten Tinguelys.
Niki de Saint Phalles Frauengestalten – drei Nana-Figuren wurden 1974 in Hannover installiert – sind dick und ungelenk, sie haben kleine Köpfe, riesige Brüste und machen ungeschickte Tanzbewegungen. Sie sind alles andere als erotisch anziehende Wesen. Doch in ihrer Einzigartigkeit und Schwerelosigkeit wirken sie höchst befreiend. Die Künstlerin zeigt die Frauenkörper voneinander isoliert oder in Gruppen, aber nie in Interaktion mit Männern.
Ihr größtes Projekt war der Tarotgarten, ein Skulpturenpark in Garavicchio in der Toskana. Inspiriert von Antoni Gaudis Park Güell in Barcelona arbeitete de Saint Phall ab 1972 zwei Jahrzehnte lang mit einem Team von Mitarbeitern an dem Projekt. Die aufwändigen Großprojekte finanzierte sie ab den 1980er Jahren fast immer selbst– durch kommerzielle Grafikeditionen, aufblasbare Nanas und auch durch eine Parfümkreation. Ihre 22 überdimensionalen Figurationen, Konstruktionen aus Metall, Beton und Kunststoff, mit farbigen Keramiken und Spiegeln bedeckt und bemalt – teilweise sind sie begehbar und bewohnbar – verkörpern das Tarot-Spiel. Sie stehen in symbolischen Bezügen zu Mythologie, Religion und fremden Kulturen: so der Magier, das Rad des Schicksalsder Wagen, die Mäßigkeit, der Turm (von Babel), oder die Welt. Hinzu kommen die Skinnys, skelettartige Tarot-Plastiken wie der Narr oder der Mond. Durch diese linienförmigen Gebilde kann man hindurch auf die umliegende Natur sehen. Die körperhaften Skulpturen bespiegeln sich selbst und ihr Ambiente, die in ihnen neben Glas und Keramik eingefügten Spiegelelemente lösen deren Form auf, und zusätzlich zu diesem visuellen Effekt werden auch Geräusche und Düfte erzeugt. Wasserplätschern, Vogelgezwitscher, Blätterrauschen, aber auch Blumendüfte machen den Tarotgarten dann auch zu einem synoptischen Erlebnis. De Saint Phalle hat ihn als „Ort zum Träumen“, „Garten der Freude und Phantasie“, „Begegnung zwischen Mensch und Natur“ bezeichnet.Einen weiteren farbenfrohen Skulpturengarten hat sie, von den mythischen und kulturhistorischen Wurzeln des Landes ausgehend, in Escondido, Kalifornien, angelegt. Inmitten farbenfroher Mosaikskulpturen thront dort stolz die schwarze Königin Califia, Verkörperung Kaliforniens, auf einem fünfbeinigen Adler („Queen Califia“).
Vielleicht hätte auch die letzte große Werkserie, die Niki de Saint Phalle ihrem 1991 verstorbenen Ehemann Jean Tinguely widmete, einen eigenen Artikel verdient. Ihre „Tableaux éclatés“ sind reliefartige Tafeln, deren Motive durch elektronische Einsätze in Bewegung gesetzt werden; das Tinguelysche Prinzip der Bewegung war neu für sie. Diese Motive zerfallen in einzelne Teile und setzen sich dann wieder zusammen – Leben und Tod im Wechselspiel. Aber Autorin Sykora hat sie in einem übergreifenden Artikel zur Thematisierung vergehender Zeit mit einfließen lassen.
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